ParmaParmas Parfumrezensionen

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Parma vor 2 Tagen 12 18
8
Flakon
5
Sillage
6
Haltbarkeit
7
Duft
Saubere Baumwollwäsche
Dieser Duft ist ein sanftes, zartes Nichts. Kaum zu fassen. Wie ein frischer Lufthauch, der durchs offene Fenster hinein und zur Tür wieder hinausweht. Ein liebliches Moschus-Maiglöckchen. Synthetisch sympathisch. Sauber bis zum geht nicht mehr. Wäscheassoziationen auf Autopilot. Hier steckt der gesamte Produktionsvorgang drin. Waschpulver (zart lieblichblumig aromatisiert), trockene Luft, ein Hauch grüner Wiese, feuchter Bügeldampf. Und weiße Baumwoll-Kleidung, die all diese Gerüche in sich aufnimmt. Ein Themenduft, der unheimlich gut getroffen ist. Mir nur etwas zu artifiziell in der ozonischen Ausrichtung. Aber mit einnehmender Aura. Freundlich, unkompliziert, gepflegt. Mehr gibt es dazu eigentlich nicht zu sagen. Ach doch: Es ist eventuell ein ideales Parfum für Leute, die kein Parfum mögen. Und bitte lest den ersten und letzten Abschnitt von Rutils Rezension. Die sind so wunderschön und treffend. Und auch die anderen so passenden Rezensionen. Sie sind alle lesenswert.

Anmerkung:
‚Cotton‘ stammt aus der sogenannten Splash-Collection (wegen der 300ml Splash-Flakons - mit aufschraubbarer Spray-Vorrichtung, neben den 100 ml-Sprayflakons), einer Themenreihe, die sich überwiegend einzelnen Duftnoten bzw. spezifischen Dufteindrücken, v.a. sommerlich-frischen, widmet. Dazu gehören so illustre wie z.B. ‚Rain‘, ‚Grass‘, ‚Pear‘ oder ‚Cucumber‘. Leider sind sie schon seit Jahren eingestellt. Zwar waren sie von vornherein limitierte Versionen, von denen die vier erfolgreichsten – darunter Cotton – 2016 nochmal kurzeitig wieder aufgelegt wurden, aber dass so etwas nochmal passiert oder womöglich gar eine ähnlich gelagerte, interessante Reihe entsteht, kann ich mir vor dem Hintergrund der aktuellen Markenpolitik von LVMH nicht vorstellen. Denn mittlerweile gibt es keinen Herrenduft mehr im Portfolio und die Damenkollektion ist ausschließlich auf die ‚Daisy‘- und ‚Perfect‘-Reihe reduziert.
18 Antworten
Parma vor 9 Tagen 22 24
7
Flakon
7
Sillage
9
Haltbarkeit
8
Duft
Marketing und Interpretationsmöglichkeiten
Dieser Duft soll eine olfaktorische 24/7-Wardrobe sein für das harmonische Leben im Einklang mit der Großstadt. Die Marke will ihn als die Essenz vieler Mega-Citys (aber vor allem New Yorks) verstanden wissen, in denen das Leben 24 Stunden, 7 Tage die Woche pulsiert. Sie wollen über einzelne Duftbestandteile dazu passende, charakteristische Stimmungen beschreiben. Da ist v.a. die saubere, metallene, leicht seifig-prickelnde Klarheit der Aldehyde (null altbacken oder stechend!), die an den Geruch New Yorker Waschsalons und Reinigungen erinnern soll. Da sind die lieblichen, leicht süßen Blumennoten mit Jasmin im Zentrum, die die unbeschwerte Leichtigkeit und das anregende Gefühl beim Bewegen durch solch eine Großstadt vermitteln sollen. Und da ist ein Moschusakkord, der alles in eine beschützende Wohlfühlathmosphäre taucht. Mal abgesehen davon, dass diese Bilder natürlich nur einen begrenzten Ausschnitt zeigen (können) und zudem ausnahmslos positiv besetzt sind, verbinde ich solche Eindrücke (sauber, unbeschwert, beschützt) nicht unbedingt mit einer Großstadt. Beim ersten Kennenlernen hatte ich auch keine diesbezüglichen Assoziation und beim späteren Tragen ebenfalls nie das Gefühl, dass der Duft diese Werbebilder ausfüllen kann – auch wenn die olfaktorischen Beschreibungen der Marke sehr zutreffend sind. Dafür ist er viel zu sanft, zurückhaltend und eindimensional. Lediglich das erste Bild kann ich mit etwas Phantasie nachvollziehen, denn für mich ist es ein lieblichblumiger, leicht seifiger, frische Wäsche-Duft, in dem noch der metallische Nachhall des Bügelns hängt. Einer mit dem man immer und überall angenehm beduftet ist. Insofern hat er tatsächlich etwas sehr „Universelles“ an sich (der Geruch von frischer Wäsche ist wahrscheinlich überall recht ähnlich und überwiegend positiv besetzt – denke ich mal) und die 7/24-Beduftung erscheint mir damit als einziges der Marketingversprechen treffend und erfüllbar.

Das klingt ja nun nicht besonders und findet in vielen Meinungen und Einschätzungen so auch seinen Widerhall. Was ihn für mich allerdings interessant macht und absetzt von anderen frische Wäsche-Düften, ist dieser kühle (nicht glatte!) metallische Akkord. Er ist der Kniff, der ihn zumindest leicht besonders und - um im Marketingbild zu bleiben - „urban“ macht. Dabei wirkt er keinesfalls steril oder leblos in seiner leicht diffusen Textur. Dafür sorgen v.a. die liebreizenden, leicht süßlichen Blumen, die bis zum Ende gut wahrnehmbar sind. Er erhält durch die kühle, metallene Facette nur eine gesunde Distanz zu allem. Er ist unschuldig, aber nicht naiv. Er ist charmant, aber biedert sich nicht an. Er ist lieblich, ohne süß zu sein. Und er ist verspielt, ohne die Verantwortung beiseite zu schieben. Er ist in meinen Augen eine wunderbar optimistisch entspannte, erwachsene, auskomponierte Balance, die vieles andeutet, ohne es schlussendlich auszusprechen. Die metallene Note ist dabei so gut getroffen, dass ich mich an den - in meinen Augen - überzeugendsten kühl-"urbanen" und ebenfalls gleichzeitig sehr anziehenden Duft, nämlich Donna Karans ‚DKNY Men‘ von 2009, erinnert fühle. Ihn durchzieht eine ähnlich silberne, aber nie abweisende Cleanness.

Aufgrund des beschriebenen Dufteindrucks sehe ich die Blumentöne, den Moschus und die Aldehyde als duftbestimmend und einander gleichwertig an (eine Zitrik ist nur kurz zu Beginn vernehmbar und sehr schön eingebunden, einen irgendwie gearteten Holzton nehme ich nicht wahr). Dabei neigt er nach traditionellen Maßstäben deutlich ins Feminine, streift aber durch die metallene Note durchaus den Unisex-Bereich. Insofern könnte man ihn vielleicht als Kurkdjian‘s Antwort auf Hèrmes‘ Herrenduft ‚H24‘ sehen. Beide sind understated, auf (elegante!) Massengefälligkeit getrimmt, bedienen bekannte und beliebte Genres (Fougère bzw. floral-musk), sind unmittelbar verständlich und haben als Besonderheit diese leicht kühle, metallene Aura. Wobei mir der 724 etwas wertiger, nicht so aggressiv-aromachemisch und klarer komponiert erscheint.

Von der Haltbarkeit her gibt es wie fast immer bei Kurkdjian nicht viel zu meckern und auch Abstrahlung und Sillage sind über eine angemessene Zeit da, ohne die Nase zu überfordern. Ich fühle mich z.B. den ganzen Tag über auf die gleiche tiefsaubere, leicht prickelnde Weise frisch, was ich in der Form bisher nur sehr selten kennengelernt habe. Normalerweise gibt es im Verlauf immer einen Abfall oder Störfaktoren. Das spricht für eine sehr ausgereifte Komposition und gute Inhaltsstoffe.

Alles in allem überzeugt mich der Duft und ich sehe in seiner ganzen zurückhaltenden und risikolosen Anlage deutliche Parallelen zu Creeds ebenfalls in diesem Jahr veröffentlichten ‚Wind Flowers‘ (auch ein lieblich-sauberer Moschus-Weißblüherduft). Man erwartet von solchen Marken aufgrund ihrer Referenzen immer den nächsten großen Wurf, sicherlich auch zurecht, aber gerade deshalb empfinde ich diese überraschend wenig fordernde und gezügelte Herangehensweise als mutig, denn er wird viele Erwartungen enttäuschen (nicht nur, aber zum Teil auch aufgrund der Werbekampagne, die andere Erwartungen weckt). Vielleicht ist es in dieser Hinsicht wieder ein Besinnen auf das unaufdringliche und angenehme Beduftetsein, was ja die Hauptaufgabe von funktionellem Parfum ist (wenigstens aus meiner Sicht). Sozusagen gegen den Trend der gefühlt immer lauter werdenden Düfte gesetzt (und in sofern auch ein Gegenentwurf zu z.B. ‚Baccarat Rouge 540‘). Auf der anderen Seite kann man es aber genauso gut als Gegenteil eines mutigen Releases sehen, denn man könnte die These aufstellen – die sich mit Blick auf andere Marken, welche ebenfalls unter den Schirm eines Megakonzerns gekommen sind, sicher erhärten ließe – , dass durch eine solche Übernahme (Creed – Black Rock, Maison Francis Kurkdjian - LVMH) nun extrem auf Nummer sicher gegangen wird. Sozusagen der kleinste gemeinsame Nenner gesucht wird. Nur noch die Verkaufszahlen zählen. Streamlined das neue Credo ist. Das wäre für mich genauso nachvollziehbar. Zu meinem Glück mag ich diese Art des unaufdringlichen, unaufgeregten, unspektakulären, angenehm riechenden, cleanen Dufts, kann aber auch verstehen, wenn sie als sehr belanglos und uninspiriert empfunden wird. In dem Zusammenhang wird bei ihm z.B. bemängelt, dass er einigen der frischen Kurkdjian-Düften sehr ähnelt (v.a. dem 754, den ich leider nicht kenne) und nichts wirklich Neues in das Portfolio bringt. Das ist ebenfalls absolut nachvollziehbar. Ich würde dem dennoch entgegenhalten, dass er für mich einer der bislang besten und angenehmsten (und dabei auch elegantesten) frische Wäsche-Düfte ist, der durch die metallische Note genügend Eigenständigkeit aufweist. Ich habe mich nach den letzten eher enttäuschenden Veröffentlichungen aus dem Haus (den Forte-Versionen und L‘Homme À la Rose) jedenfalls über diese sehr gefreut und genieße ihn beim Tragen. Für mich atmet er in besonderer Weise das Gefühl des durchgängig angenehm-unaufdringlichen Beduftet-Seins ohne sich wirklich beduftet zu fühlen. Einen, den ich jeden Tag tragen kann, ohne dass er mir auf den Geist geht. Das hinzubekommen ist auch eine Kunst.
24 Antworten
Parma vor 1 Monat 15 13
8
Flakon
4
Sillage
5
Haltbarkeit
10
Duft
Zartheit
Weißgrün. Sanft. Rein. Leise. Naturalistisch. Ein pures Maiglöckchen.

Lieblichblumig, moschusseidigcremeseifig, grasigmoosigpudrig (mit einem Hauch Rauchigkeit). So zerbrechlich, dass ich eine natürliche Achtung davor habe. Unglaublich feinfühlig und ausgeglichen komponiert. Dabei wie vieles wirklich Schöne nur eine Andeutung. Wie sanft vom Wind aufgeblähte Vorhänge. Wie die zarte Berührung einer Hand. Faszination vom ersten Augenblick an.

In der Lieblichkeit und Moschuscremeseifigkeit vergleichbar mit Floris' Maiglöckchen. Im seidigen Ton mit Comme de Garçons ‚Lily‘. Diese Charakteristiken vereinigen sich auch in Diors ‚Diorissimo EdT‘ aus dem Jahr 2009, dort jedoch robuster, lauter, eindimensionaler. Die grasigmoosige Note erinnert entfernt an Penhaligon's 'Lily of the valley', ist aber weicher, heller, leiser. Eine Mischung aus frischem Gras und etwas dunklerer, ganz dezent rauchigpudriger Moosigkeit. Dabei kein Chypregefühl wie beim Briten. Diese spezielle grünherbe Einfärbung setzt ihn ab von den genannten und verleiht ihm eine wunderbare Natürlichkeit (Wasserlilie spricht unten von ihrem bislang „naturalistischte{n} Maiglöckchenduft“ - womit es ihr wie mir geht), die einen reizvollen Gegenpart zur seidigen Cremeseifigkeit bildet. Durch letztere Charakteristik modern gehalten, durch das Grüne zeitlos. Dazu ohne Künstlichkeit, die unterschwellig vielen Maiglöckchen-Düften zu eigen ist.

Er gehört für mich deshalb neben den Guerlain-Jahresausgaben und dem Comme de Garçon-Duft zu den schönsten reinen Maiglöckchen (wobei man 'Lily' aufgrund seines deutlich rosigen Einschlags auch als nicht ganz reinen klassifizieren kann). Aber im Gegensatz zum CdG-Duft ist mir dieser, wie der Guerlain - und das ist meine einzige Kritik -, deutlich zu teuer (270 € für 75 ml, Guerlains Muguet liegt bei 600 € für 145 ml). Zumal es für die Gewinnung von Maiglöckchenessenz bekanntermaßen keine natürliche Quelle gibt. Und selbst wenn er sich im persönlichen Eindruck qualitativ abhebt vom zum Beispiel Penhaligon's-Duft oder auch Hermés' 'Muguet Porcelaine' (Plastikton), wird die Exklusivitätskarte hier für meinen Geschmack zu sehr ausgereizt. In diesem Zusammenhang wird einige sicher auch die extreme Flüchtigkeit stören (fast unmittelbar hautnah und mit überschaubarem Durchhaltevermögen - fast vergleichbar mit einer Eau de Cologne-Charakteristik), die sicherlich der Orientierung der Les Épures-Reihe am asiatischen Markt geschuldet ist (épuré = rein, schlicht, skizzenhaft). Die Sprühvorrichtung arbeitet ebenfalls grazil, denn sie verteilt in einem langgezogenen Sprühstoß einen weichen Nebel, wodurch man das Gefühl hat, man benutzt einen Luftbefeuchter. Die Bewertung ist aber trotzdem so hoch, weil ich Maiglöckchen-Düfte sehr mag und dies in meinen Augen ein herausragender Vertreter ist. Wen dieser Preis allerdings ebenfalls nur mit einem Kopfschütteln zurücklässt, findet vom Dufteindruck her mit dem 2009er ‚Diorissimo EdT‘ aus meiner Sicht eine gute Alternative. An das besonders Transparente, Grazile des Cartier - und da kann ich Intersports Eindruck bestätigen - kommt er jedoch nicht heran.

Musik:
Eine musikalische Passung ist für mich das optimistische, natürliche, zarte, bodenständige, gelassen-ausgeglichene und gleichzeitig leicht melancholische Timbre von Nadia Reeds „Oh Canada“ (https://www.youtube.com/watch?v=AEezVTnGuZE).

Anmerkung:
Seit März 2022 ist das für die Kreierung eines Maiglöckchengeruchs maßgeblich verwendete synthetische Aldehyd Lilial von der EU für die Duftherstellung verboten. Es wird damit begründet, dass die Möglichkeit einer negativen Beeinflussung der Fruchtbarkeit besteht, was in Tierversuchen nachgewiesen wurde. Zudem kann es allergene Reaktionen (Hautdermatitis) hervorrufen. Ob es auch in diesem Duft Verwendung fand, kann ich nicht sagen. Eine Alternative ist z.B. das unbedenkliche Aldehyd Bourgeonal. Da der dieser Rezension zugrunde liegende Duft vor März 2022 produziert wurde, ist eine Verwendung von Lilial möglich. Wenn dem so ist, könnte er sich evtl. von Versionen, die nach diesem Datum hergestellt wurden, geruchlich unterscheiden. Von daher wäre bei folgenden Rezensionen die Angabe des Herstellungsdatums interessant.
13 Antworten
Parma vor 2 Monaten 25 16
7
Flakon
8
Sillage
8
Haltbarkeit
8.5
Duft
Grasland
Ich schreibe über diesen Duft - obwohl es schon so viele Meinungen hier gibt - weil er mich sehr beeindruckt hat, aber v.a. deshalb, weil ich ihn anders gewichtet wahrnehme als die überwiegenden Charakterisierungen hier. Ich möchte sozusagen eine weitere Facette hinzufügen bzw. einen Minderheiteneindruck stärken (v.a. den von Kovex, Rebirth2014, Yatagan {Minze!} und Mausebeer).

Denn dieser Duft ist für mich eine Graslandschaft. Weit und vielfältig. Zuerst wie direkt nach dem Schnitt im Sommer. Eine leicht schwüle, süßliche, würzige Aromatik ausdampfend. Ultrarealistisch. Im Grundton eher dunkelgrün. Kein Vergleich zu z.B. deutlich helleren und cleaneren Bel Respiro- oder Philosykos-Gräsern. Im Verlauf geschieht dann eine fast unmerkliche Transformation in eine wilde Sommerwiese. Weiter dunkelgrün-grasig, aber mit einer zunehmenden ätherisch-krautigen Minzeinflechtung, die leicht bitter ist (es wird der Thymian aus der Pyramide sein, der dem Graston später ebenbürtig ist), die ein Gefühl der Weite vermittelt und dem Duft eine wunderbar prägnante frische Facette verleiht und für mich der besondere Kniff an ihm ist. Dazu angedeutete blumige und erdige Nuancen und eine ganz dezente Rauchigkeit, die einer Vetiverrauchigkeit ähnelt. Zusammen entsteht so eine wunderschöne, komplexe, elegante Aromatik – wie die Melange, die im Sommer über einer Wiese liegt – und mich an das Tragegefühl (nicht den Geruch!) eines klassischen Vetiverdufts erinnert. Es gibt zwar auch olfaktorische Ähnlichkeiten, allerdings fehlt dem Fathom V hauptsächlich diese spezielle, oft etwas dumpfe Erdigkeit. Er wirkt durch den Thymian frischer, aber genauso erdverbunden. Mit dem Charakter wilden Grases, welches gerade soweit gezähmt wurde, dass es tragbar wird. Man spürt noch die urwüchsige Kraft dahinter. Dabei bleibt er trotz eines fast linearen Verlaufs in sich sehr beweglich. Zum Nachspüren gemacht. Am besten erhält er dafür Raum. Draußen merklich besser zur Geltung kommend als von Wänden begrenzt. Ernst. Ein bisschen melancholisch. Oder besser: den Menschen ab- und der Natur zugewandt. Kompromisslos in dieser Anlage. Es ist einer dieser Charakterdüfte, die unheimlich selbstverständlich erscheinen. Eine natürliche Autorität ausstrahlen. Es fehlt nichts und es ist nichts zu viel. Isolani beschreibt ihn so schön als „notwendigen Duft“. In verschiedenen Statements und Rezensionen kann man von Blumenläden, frisch angeschnittenen Stängeln, abgestandenem, brackigem Blumenwasser, unergründlichen Wassertiefen, Sumpf, feuchter Erde, Garten, Gewächshaus, welken, sterbenden oder im Gegensatz frisch aufgeblühten, „überreifen“ Weißblühern, Badezusatz, Schweiß, Sperma usw. lesen. Die Eindrücke demonstrieren die Komplexität des Dufts und ich kann sie fast alle – bis auf die letzten drei Assoziationen – irgendwie nachvollziehen, v.a. in den ersten Sekunden der Duftentwicklung, wenn er sich sammelt, aber bei mir steht sehr schnell der Graseindruck deutlich im Vordergrund. Wenn man den Duft hingegen in einen geschlossenen Raum sprüht oder auf einen Papierstreifen, kommen die salzigen, buchsbaumähnlichen, feuchtwürzigen Aspekte viel deutlicher heraus als auf meiner Haut. Dann ist er dem, was er laut der Marke – 2015 gegründet von The Prodigy-Schlagzeuger Leo Crabtree – sein soll, nämlich die Idee eines aquatischen Dufts, viel näher. Beaufort schreibt dazu auf ihrer Homepage (sinnhaft übersetzt):

„Ein Duft für die Unerschrockenen: Eine herausfordernde Sichtweise auf das, was „aquatisch“ wirklich bedeutet. Im Ausloten des Kontrasts zwischen dem Oben und Unten, Licht und Schatten, entwerfen wir den Zustand des ewigen Wechsels des Meeres – im konstanten Fluss zwischen ruhig und wild. Salz trifft Erde, funkelnde Kräuter mischen sich mit dunklen Moosen, strahlende blumige Noten treffen auf intensiv dunkle Gewürze und Pfeffer.“

Fathom ist übrigens ein alte britisch-nordamerikanische Maßeinheit für die Ermittlung der Wassertiefe. Der Bereich V (5) ist der, in dem ein menschlicher Körper den Wasserdruck gerade noch überleben kann. Was dieser Duft thematisch damit zu tun haben soll, erschließt sich mir aus seinem Geruchsprofil auf meiner Haut nicht. Er hat zwar etwas sehr urwüchsiges, wuchtiges (dazu passt, dass Beaufort selbst von einer „Überdosierung“ der Bestandteile spricht), ein Gefühl von etwas, das schon immer da gewesen ist, aber der Bezug zum Wasser fehlt mir. Die Eindrücke im geschlossenen Raum und auf dem Teststreifen kann ich gut mit einer Meeresnähe, der dort oft vorherrschenden salzig-feuchten-moosigen Luft, verbinden. Aber kein tiefes Unterwasserszenario, als dass ihn die Marke verstanden wissen will und die ihre Hauptinspiration dafür aus Shakespears „The Tempest“ (Der Sturm) bezieht.

Es ist ein etwas fordernder Duft, aber aus meiner Sicht sehr gut tragbar. Meine bevorzugte Richtung sind üblicherweise cleane, frische, grünzitrische Parfums. Dass ich diesen als sehr tragbar empfinde, hat vor dem Hintergrund sicherlich eine gewisse Aussagekraft. Ich mag aber auch – außerhalb dieser Vorliebe – z.B. Naomi Goodsirs „Nuit de Bakélite“. Er geht ein bisschen in diese dunkle, dichte, pflanzlich-grüne Richtung, ist aber merkbar heller und etwa dreiviertel intensiv. Der prominente Thymian ist sicher der Bestandteil, der ihn für mich so tragbar macht. Damit steht er auch in der typisch britischen Dufttradition grüner Düfte, die eine herbfrische Krautigkeit ausstrahlen.

Insgesamt mein bisher liebster von Gras dominierter Duft. Extrem spannend und faszinierend. Ungemein überzeugend entworfen. Und vielleicht eine Vetiveralternative für Leute, die die naturverbundene Vornehmheit dieses Bestandteils mögen, aber mit dem Geruchsprofil nicht so zurecht kommen (wie ich).
16 Antworten
Parma vor 3 Monaten 13 10
7
Flakon
7
Sillage
8
Haltbarkeit
8.5
Duft
Kurkdjian‘s Russisch Leder
Dieser Duft ist eine echte Entdeckung. Und in mehrerer Hinsicht eine Überraschung.

Ein klassisches Russisch Leder ganz in der Tradition von Chanels Cuir de Russie. Deutlich mehr dem weichem Veloursleder zugeneigt als dem dunkel-teerigen Schwarzleder. Durch eine leicht dominante Gewürznelke wunderbar aromatisch und zart der Vergangenheit verhaftet. Im Verlauf fein austariert zwischen einem würzigen Lederton - erst nelkig und zu Beginn minimal animalisch, später zimtig-weich -, dezenter Pudrigkeit und einer zurückhaltenden Süße, die sicher vom rosa Pfeffer herrührt, für mich aber auch einen blumigen Aspekt beinhaltet und somit die Verbindung zum Chanel hält. Im Gewürzton etwas markanter als jener, in der Blumennote ohne das leicht aldehydig-wächserne und insgesamt ein bisschen voller sowie tendenziell eine Nuance dunkler wirkend. Der Chanel (die EdP-Version) zeigt sich im Vergleich leicht sauberer und heller. Im Geruchsbild ähnlich, gleichen sie sich sehr in der ausgewogenen Abstimmung und Wertigkeit der Zutaten. Durch den prominenten Nelkenton werde ich auch an die spezielle, elegant-klassische Stimmung in Patricia de Nicolai‘s ‚New York‘ erinnert, der als Chypre-Fougère-Kreuzung natürlich eine andere Geruchscharakteristik aufweist, aber dieselbe vornehm-gepflegte, leicht retroeske Aura ausstrahlt. Am Ende ist Rêve en Cuir ein wunderbar warmes, aromatisches, eingetragenes Wildleder.

Neben der Überraschung der traditionellen Ausrichtung ist die zweite der Parfumeur: Francis Kurkdjian. Eine solch klassisch orientierte Komposition hätte ich nie mit ihm in Verbindung gebracht. Aber die Kunstfertigkeit des Duftes ist dadurch schnell erklärt und lässt meine Wertschätzung ihm gegenüber noch steigen. Und die dritte: Indult war seine erste eigene Marke, 2006 gegründet. Für sie entwarf er fünf Düfte, von denen heute noch vier produziert werden. Zwar gehört sie ihm nicht mehr, wird aber durch einen Parfumenthusiasten, der das Haus übernommen hat, schon seit über einem Jahrzehnt aufrecht erhalten. Erfreulicherweise erschien sogar nach ebenso langer Pause im letzten Jahr ein sechster Duft, entworfen von Nathalie Feisthauer.

Rêve en Cuir bedeutet übrigens Ledertraum. In meinen Augen ist er ein solcher. Auf Augenhöhe mit Chanels Cuir de Russie. Was ihm für mich zu einer 9.0 oder mehr fehlt, ist ein wenig mehr Eigenständigkeit. Aber er trägt sich so wunderbar.


Anmerkungen:
Zur Bedeutung des Namens und zur Geschichte des Parfumhauses ‚Indult‘ hat Rieke2021 einen interessanten Abriss auf der Markenseite verfasst.
Der Preis für 50 ml liegt zurzeit bei 180 €, was einer solch kleinen Nischenmarke sicher nicht zum Vorwurf gemacht werden kann. Evtl. verpflichtet der Name auch dazu (Indult = Privileg) ;)
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