PollitaPollitas Parfumkommentare

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Pollita vor 29 Tagen 39
8.5
Duft
8
Haltbarkeit
7
Sillage

Die süßen Blüten der Neunziger Jahre

Ich ging in die zehnte oder elfte Klasse, als K. in unsere Jahrgangsstufe kam. Sie war gebürtig aus den neuen Bundesländern und sprach, wie ihr der Schnabel gewachsen war. Ihre Kleidung war nicht besonders und schon gar nicht teuer und sie war auch generell nicht der Typ, der als schön galt. Doch ihr war das egal. Sie machte ihr Ding. Färbte sich die Haare lila und hatte stets ein Lächeln für alle und jeden. Ich suchte gerne den Kontakt zu ihr. Die ganzen, angeblich so coolen Mädels, wollten von ihr selbstverständlich nichts wissen. Doch ich mochte ihre quirlige, für Baden-Württemberger so gänzlich untypische Art, ihre zahlreichen Geschichten von der Zeit vor der Wende sowie ihr immenses Selbstvertrauen. Denn K. war es egal, ob die anderen sie akzeptierten oder nicht. Sie wollte nicht gefallen. „Das kratzt mich alles nicht“, pflegte sie stets zu sagen. (Ein Blick in Serenissimas wunderbaren Kommentar erklärt auch gut, warum. Sie beschreibt nicht nur den Duft ganz bezaubernd, sondern klärt auch über die Bedeutung des Namens auf).

K. duftete immerzu nach Impulse Mille Fleurs. Ich bin mir sicher, dass dieser Impulse-Duft einigen Parfumos hier, die so etwa in meinem Alter sind, gut bekannt sein sollte. Nach dem Sportunterricht puffte sie sich von oben bis unten damit ein. Man konnte sie immerzu schon von weitem erschnuppern, wenn sie in der Nähe war.

Ich will jetzt natürlich nicht behaupten, dass Sylvaine Delacourtes Vanori exakt so duftet, wie dieses Impulse-Deo aus den Neunzigern. Aber Parallelen gibt es. Und ich bin mir sicher, nahezu jede, die in der Jugend dieses Deo liebte, wird auch an der sehr fein komponierten und etwas erwachseneren Schwester Vanori Gefallen finden. Wir haben hier einen eleganten Blütenduft mit jugendlichem Flair, der zart von vanilligen Noten untermalt wird. Für Jasmin und insbesondere für Frangipani sollte man schon eine gewisse Vorliebe mitbringen. Vanori ist kein Leisetreter. Diese Blüten schreien laut „hier“ und wollen auch wahrgenommen werden. Verstecken ist nicht mit diesem Duft. Aber er ist ein wunderbarer Schmeichler, trotz all seiner Opulenz und dafür sorgt die zarte Vanille. Ich mag solche Düfte, auch wenn ich sie nicht als meine sehe. Bei mir müssen die floralen Noten etwas mehr in den Hintergrund rücken. Meine Schulfreundin K. jedoch hatte andere Vorlieben.

K. hätte Vanori sicher auch sehr gerne gemocht. Nachdem wir uns nach der Schulzeit aus den Augen verloren hatten, trafen wir uns Jahre später noch einmal. Doch unsere Interessen waren damals so unterschiedlich, dass es leider zu keinem weiteren Treffen kam.

Herzlichen Dank an SchatzSucher, der sich bestimmt denken konnte, dass dieses moderne Parfum mit seiner wunderbaren Neunziger-Jahre-Aura mein Gedankenkarussell anwirft und mich einmal mehr auf die Reise schickt. Ich weiß das. So gut kennst Du mich inzwischen *zwinker*


36 Antworten

Pollita vor 1 Monat 45
8.5
Duft
10
Haltbarkeit
10
Sillage

…und kein bisschen leise
Meine Mutter war schon immer Parfumliebhaberin. Und sie mochte es stets auffällig und entsprechend laut. Während sie als junge Frau die klassischen Chypre-Düfte liebte, sprang sie in den Neunzigern mit der Lancierung von Muglers Angel auf den Gourmand-Zug auf. Diese Düfte hatten es ihr besonders angetan mit ihrer Opulenz, ihrer Süße und ihrer Eigenschaft, Räume zu füllen. Auch wenn sie eigentlich keine besonders laute Person ist, liebt sie es, mit ihrer Erscheinung zu kommunizieren. Denn auch ihr Kleidungsstil inklusive ihrer Brillen war stets offensiv, laut auffällig und farbenfroh.

Meine Mutter ist inzwischen siebzig Jahre alt und ihr aktueller Lieblingsduft ist Scandal von Jean Paul Gaultier. Weiter mag sie Düfte wie Teint de Neige von Villoresi oder Micallefs Mon Parfum. Süß und raumfüllend müssen sie sein, ihre Parfums. Wenn ich sie besuche, kommt mir in der Wohnung immer zuerst ihre ganz besondere Duftwolke entgegen. Und genau diese nehme ich auch bei Dear Diary wahr.

Das ist ein opulenter Gourmand, der nicht lange fackelt. Es geht gleich los mit einer intensiven Honignote und süßen Blüten. Die Bienen können kommen! Trotz der fast Zähne ziehenden Süße ist und bleibt Dear Diary durch und durch Parfum und wird keinesfalls zu lebensmittelecht. Ein Duft, der provozieren will. Hätte er eine Farbe, so wäre diese knallrot. Mit der süßen Schokolade und seiner feinen Patchouly-Note ist er stets perfekt ausbalanciert. Ich erkenne hier eindeutig Parallelen zu Scandal, insbesondere, was die Honignote angeht. Auch wenn dieser Duft natürlich noch etwas edler auskomponiert ist und – oh Wunder – noch länger hält als der Gaultier. Und auch Züge von Angel und Mon Parfum kann ich bei Dear Diary erkennen. Ja, so duftet Mama. So und nicht anders. Eines ist klar. Diese Probe bekommt sie. Und ich wette darauf, sie wird diesen Duft auch kaufen.

Jetzt ist es ja so, dass die Referenzdüfte, die ich nannte, vor allem Scandal, glaubt man dem Marketing und dem sonstigen Gefasel, was man hier und da zu hören bekommt, den sehr jungen Frauen, gar Mädchen, vorbehalten sein soll. Und sowas soll eine Siebzigjährige tragen? Ja, das tut sie. Mit Stolz. Und diese Duftrichtung ist absolut wundervoll an ihr.

Denn bis heute ist sie, was Duft und Style angeht, kein bisschen leise. Bleib so wie Du bist, Mama!

Ganz lieben Dank an Gandix für die Probe, die ich bald weitergeben werde :)
38 Antworten

Pollita vor 1 Monat 52
8.5
Duft
9
Haltbarkeit
9
Sillage

Angriff der Klonkrieger
Der Titel dieser Star-Wars-Verfilmung erschien mir passend für die Parfumwelt heute. Wie oft stolpert man über einen weiteren Klon eines Kassenschlagers. Meist ist es Aventus, der von vielen, sowohl billigen als auch sehr hochpreisigen Marken kopiert wird. Oft sind es auch die Düfte von Roja Dove oder Tom Ford, die man oft in einen Flakon einer anderen Marke verpackt irgendwo wiederfindet. Und oft ist dieses Gewand, ist es etwa von Guerlain, identisch oder sogar schöner. Zumindest für meine Nase.

Aber neu ist das nicht, denselben Saft in eine andere Schüssel zu kippen. In den Neunzigern und zu Beginn der 2000er-Jahre wurde das auch schon praktiziert. Nur gab es nicht so viele Vergleichsmöglichkeiten, da das Internet ja gerade erst im Kommen war und so merkte das damals auch kein Mensch.

So kam es auch, dass mein Mann und ich den wunderbaren Égoïste von Chanel bereits kannten. Diese warmwürzige Kombination begleitete uns in unserer Jugend doch eine ganze Weile. Mit diesem Duft lernte ich Koriander schätzen und das nicht nur als Weihnachtsgewürz. Und in dieser ledrigen Aufmachung, umschmeichelt mit Tabak und Vanille, gefiel mir sogar der Zimt, der mich in Damendüften hingegen oft stört. Sogar eine Rose haben wir hier, die weder mir noch meinem Gatten aufgefallen wäre. Ansonsten hätte sich mein Mann in jungen Jahren auch nicht für diesen Égoïste-Klon entschieden, denn Rose ist bei ihm noch weniger beliebt als bei mir. (Anmerkung der Redaktion: Auch an mir werden nur diejenigen Düfte toleriert, bei denen die Rose nicht unmittelbar als solche erkennbar ist).

Égoïste hat Stil, ist zeitlos, wunderbar klassisch und alles andere als altbacken. Égoïste ist back to the roots, würde ich fast sagen, bei all den Süßlingen heutzutage, die auf diesen Tabak+Vanille-Zug aufspringen und mit dieser Kombination eine Weihnachsmarkt-Assoziation wecken wollen. Das tut Égoïste eben nicht, denn hier haben wir zwar auch etwas Süße im Fond, aber das ist ein Duft, der sich durch und durch gut an einem Mann macht. Wer sich echtes Neunziger-Gefühl wünscht, give this one a try!

Und jetzt hab ich euch natürlich immer noch nicht verraten, wie der Duft hieß, den Herr Pollito damals besaß. Es war der inzwischen eingestellte Route 66 Mystic Road, der anscheinend süß-zitrisch duften soll. Was er aber nicht getan hat. Denn das war ein sehr gelungener Klon vom Chanelschen Klassiker!

Herzlichen Dank an Chizza für die Probe.
43 Antworten

Pollita vor 2 Monaten 69
2.5
Duft
10
Haltbarkeit
10
Sillage

Laborunfall
Nach fünf Semestern habe ich das Chemiestudium aufgegeben und mich auf einen anderen Bildungsweg konzentriert. Das Wesentliche (z.B. Schnaps brennen) hatte ich gelernt und außerdem meinen Lebenspartner während dieser Zeit gefunden.

Ein Experiment vergesse ich bis heute nicht. Ich musste eine Nitroverbindung mit Trimethylphosphit synthetisieren. Und es ging schief. Das Zeug ist über Nacht hochgegangen und ich hatte ein Stück Kohle. Auf Anraten meiner Kommilitonen habe ich ganz entgegen meiner Natur allerdings versucht, das missglückte Experiment durchzubringen und habe betrogen. Natürlich fiel der Schwindel auf und ich musste am Ende Strafstunden im Labor schieben. Ich habe meine Lektion gelernt, weshalb ich fast immer zu Ehrlichkeit tendiere.

Doch nicht nur aufgrund meines aufgeflogenen Beschisses ist dieses Experiment in meinem Kopf hängen geblieben. Auch den Geruch bei der Synthese (man musste die Reaktion mit der Hitze eines Föns anschmeißen) bleibt für immer in meinem Kopf fest verankert. Denn so etwas Unangenehmes habe ich selten in meinem Leben erneut wahrgenommen. Genau so riecht Fantomas von Nasomatto. Wie erhitztes Trimethylphosphit. Und der Duft bleibt auch so. Da entwickelt sich bei mir auch nichts zum Positiven, auch wenn andere Parfumos eine Entwicklung klar ausmachen konnten. Ich muss zugeben, mir ist, wie damals im Labor, beim Test ein kleines bisschen übel geworden. Ich habe schon viel Spezielles erschnuppert, doch etwas für meine Nase derart Heftiges war bisher noch nicht dabei. Deshalb vergebe ich erstmals eine 2.5, bisher noch nie zuvor geschehen.

Ach ja, wer wissen will, wie Trimethylphosphit und Fantomas riechen: Für mich manifestiert sich eine angegammelte Essiggurke auf Steroiden mit einer Intensität, die nur schwer vorstellbar ist. Sehr viel Plastik schwingt mit, aber die Essiggurke bekomme ich nicht aus der Nase. Melonen- sowie Duschgel- und Aquatik-Noten, wie von Yatagan ausführlich beschrieben, habe ich hier auch mit viel Mühe und Kreativität keine ausfindig machen können. Es bleibt durchweg gurkig, gammelgurkig. Aber vermutlich bin ich einfach viel zu sehr vorbelastet durch meinen Laborunfall.

Ich entschuldige mich bei allen Fans, denn auch dieser Duft, so speziell er ist, hat sicherlich seine Berechtigung. Vielleicht gerade deshalb. Mich kann man damit allerdings ruckizucki in die Flucht schlagen. Schade. Dabei hab ich die Filme mit Louis de Funès so gerne gemocht.

Ganz lieben Dank an Medianus76 für die Testmöglichkeit.
46 Antworten

Pollita vor 2 Monaten 42
9
Duft
7
Haltbarkeit
7
Sillage

Im Schönheitssalon
Einmal das volle Programm genießt die elegante Lady 1x pro Woche im Schönheitssalon ihrer Wahl. Maniküre, Pediküre, ein Gesichtspeeling gegen die Hautalterung, ein schickes Hairstyling und zu guter Letzt noch ein feines Make Up für den Tag.

Angekommen im Beautypalast gibts zunächst ein Tässchen weißen Tee, der ja auch besonders gut für die Haut und im Kampf gegen die Zeichen des Älterwerdens sein soll. Ein Tröpfchen Honig gönnt sie sich. So viel Zucker darf sein. Sie schwört auf Pflege, viel Sport und eine gesunde Ernährung. Auf chirurgische Eingriffe verzichtet sie besser, auch wenn sie die 50 demnächst knackt. Man sieht es ihr nicht an und darauf ist sie stolz.

Nach dem Gesichtsdampfbad und dem Peeling werden Gesicht, Hals und Oberkörper mit einer luxuriösen Pflegecreme verwöhnt. Diese duftet zart und dabei wunderbar blumig. Eingehüllt in weiße, traumhaft nach Weichspüler duftende Handtücher gehts weiter zur nächsten Station. Während ihr die Finger- und Fußnägel in verführerischen Farben lackiert werden, genießt sie eine frische Orange. Auch die ist gesund und schmeckt.

Nach mehreren Stunden ist die Behandlung vollendet, Die Haare noch etwas zurechtkürzen, hier noch ein Finish für das Make Up und sie strahlt auf der ganzen Linie. Natürlich gibt sie reichlich Trinkgeld und freut sich schon auf den Besuch in der darauffolgenden Woche.

Filmschauspielerin sollte man sein.....

Bei Chai von Robert Piguet sehe ich exakt dieses Bild vor mir. Ein Rundum-Makeover im Luxus-Schönheitssalon. Der Teeduft versteckt sich ein bisschen im Hintergrund, während weiße Blüten und zarte Moschustöne hier die Bühne übernehmen, wenn auch nicht gelistet. Der Honig verleiht einen minimalen Klacks Süße. Ein wunderschöner Duft, den ich noch ein bisschen weitertesten möchte. Zart, zurückhaltend und dabei zum Einkuscheln schön. Chai ist ein Duft, der verwöhnt und zu jeder Jahreszeit für ein bisschen Luxusfeeling sorgt. Ja, Filmschauspielerin müsste man sein - und kann man, mit diesem Parfum. Zumindest gedanklich.

Ganz lieben Dank an Violett.
37 Antworten

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