PonticusPonticus’ Parfumrezensionen

Filtern & sortieren
1 - 5 von 34
Ponticus vor 12 Tagen 65 51
9
Duft
9
Haltbarkeit
8
Sillage
8
Flakon
Ein Unfall
Die Mutti ist tot, plötzlich aber nicht unerwartet. Das war vorauszusehen und hatte sich immer mehr abgezeichnet. Eine Entscheidung stand als Frage seit längerem im Raum und heute ist die Mutti von der Leiter gefallen. Sie konnte sich nicht halten, ein tragischer Unfall! Aus und vorbei mit ihr von heut auf gleich. Die Mutti ist zu Tode gekommen und man hat sie gerade weggebracht. Nur ihr Parfüm steht noch im Raum, unglaublich präsent, potent, vorlaut, grell und wuchtig. Robuste Eigenschaften die ihm abgehen, aber die die Mutti und diesen markanten, kraftvollen Parfümgeruch trefflich charakterisieren.

Der Boden auf dem sie lag, ist immer noch gesäumt von einer süßen floralen Würze und reifer, beerensüßer Frucht, die wie ein transparenter Schleier immer ihre satte, pure Weiblichkeit bedeckte. Obwohl nicht mehr da, ruhte ihre Gestalt im betörenden Geruch des zum Schierlingsbecherduft mutierten Poisons, wie in einem cremig, tiefen See. Dieser dunkle, süße Honigblütenduft den die Mutti, aber auch unser Haus über die Zeit als Grundton angenommen hatte, war deutlich zu spüren. Zusätzlich zeugte ein noch intensives, aber mittlerweile etwas abgestandenes kandiertes Tuberose-Jasmin-Lüftchen auf dem etwas abseits liegenden Leichentuch von den vergangenen, dramatischen Stunden. Der sanft entströmender Hauch kalten Weihrauchs und dichte, vanillige Creme machten Horst in seiner gerade begonnenen Witwerrolle zitternd und ganz benommen.

Horst lernte die ungestüme und leidenschaftliche Dagmar schon vor vielen Jahren kennen und mit ihr diesen betäubend, verführerischen Duft von Diors Poison. Er war gleich hin und weg von diesem raumerfüllenden Duo aus Frau und Parfüm dessen Gegenwart ihn mit Faszination und Wohlgeruch sofort in den Bann ziehen konnte. Mit Redeschwall und Charisma beherschte Dagmar jede Szenerie und in Kürze auch ihn! Er konnt es zwar nie komplett ergründen, aber irgendetwas hatte er ihr wohl auch zu bieten, denn bald darauf heirateten sie. Mit der Gesamtsituation sehr zufriedern, konnte Horst sich jetzt seinen Interessen widmen, denn um alles andere kümmerte sich nun die Mutti. So nannte er Dagmar inzwischen aus alltäglicher Intimität heraus und obwohl ihnen Kinder versagt blieben, nannte sie ihn auch Vati.

So wohnten beide die Jahre nebeneinander her. Er beschäftigte sich mit sich und machte ansonsten, was sie sagte. Mit seinem demütigen und gedemütigten Leben hatte er sich abgefunden, er hatte es sich so ausgesucht, Freiheit und Selbstbestimmung gegen Gemütlichkeit und Gleichmut eingetauscht. Und doch brodelte es in Horst. Dieses ständige sich fügen, andauernd sich wegducken, das alltägliche klein beigeben und das immer fein Stille sein zehrte an ihm. Davon drang nichts nach außen, aber es wurmte ihn innerlich sehr.

Aus dem Ruder begann es zu laufen, als aus seinen Hosen-, Jacken- und sogar Aktentaschen immer öfter ein balsamisch-süßer Fluff entströmte und er das Gefühl hatte orientalische gewürzte Pflaumen mit sich zu tragen. Natürlich kannte er diesen unbändig lockenden, süßrauchigen, charmant fruchtigen, aufreizend blumigen, die Sinne berauschenden Duft, der so tiefgründig, zimtwürzig, honigsüß und feinholzig und mit der üppig cremigen Vanille einzigartig ist. Er mocht ihn auch den Geruch von Poisen, aber was hatte dieser in seinen Sachen, seinen Alben und seinen Herbarien zu suchen?

Dies ließ nur einen Schluss zu, die Mutti durchsuchte seine Taschen, stöberte in seinen Dingen, schnüffelte in seinem Kram, brachte Unordnung und Chaos in die wohlgeordneten Sammlungen. Teile der Herbarien-Bilder verschwanden, dafür tauchten immer mehr Salzteigfiguren auf, die nicht einmal gut rochen und schauten Horst hämisch grinsend an. Dann beim Aufhängen einer besonders häßlichen Salzteigfigurencollage ist die Mutti heute von der Leiter gefallen. Sie konnte sich nicht halten und er nicht die Leiter zu deren Sicherung er von der Mutti befohlen wurde. Ein Unfall mit Genickbruch, ein schneller Tod.

Der Duft von Poison lag weiterhin als süßlicher Hauch im Zimmer fest, denn als Trauerschleier mochte er sich nicht ausbreiten. Den Duftflakon mit dem Parfüm Poison wird Horst ganz sicher behalten, aber den Salzteigfiguren geht es morgen an den Kragen und der Vati wird mit der Mutti beerdigt.

Im Leben geht oft etwas schief, manchmal gar das ganze Leben. Die Schuldfrage hat noch nie die Probleme gelöst, nichts sehen, nichts hören, nichts sagen aber auch nicht. Ich danke für Anteilnahme und Mitgefühl gegenüber der Mutti, dem Vati oder dem Verfasser des Textes.
51 Antworten
Ponticus vor 29 Tagen 88 68
10
Duft
8
Haltbarkeit
8
Sillage
10
Flakon
Frauenabend - Congratulations
Nach mittlerweile mehreren Mädels- und einem Frauenabend hatte auch Corona unsere lustige Truppe erreicht und eine länger Pause erzwungen. Da nun aber ein heller Streifen der Entwarnung am Horizont zu leuchten beginnt, der Sommer vor der Tür steht und sowieso alle Teilnehmer geimpft sind, wurde beschlossen, die unterhaltsamen Treffen neu aufleben zu lassen. Ein konkreter Anlass fand sich sofort, denn Jackie, alias Jacques Gelee und unser aller Coiffeur, feierte einen runden Geburtstag. Dazu gab es einen schönen gemeinsamen Abend und mit dem Parfüm Arabesque von The Merchant Of Venice ein persönliches Geschenk.

Mit dem Präsent hätten es die Damen der Runde nicht besser treffen können, denn es passte perfekt. Jackie, von Natur aus attraktiv und immer todchic durchgestylt, fand so auch nur lobende Worte über das Parfüm und den Flakon. Dieser sei eine Augenweide, schwer, tiefdunkelblau und mit seinem schönen, goldenen Arabeskenmuster morgenländischen Amphoren nachempfunden sowie zusätzlich mit einem massiven Deckel versehen.

Arabesque ist ein orientalischer Duft mit einer begeisternden, sehr harmonischen Eröffnung. Die intensive Pfeifentabaknote ist von Anfang an federführend und die saftig-musige Pflaume unterstützt mit ihrer Fruchtigkeit nach Kräften. Anfangs eher etwas frischer, wird das pflaumige Fruchtaroma immer dunkler und delikater, so wie die Wandlung von einer Saft- zur aromatischen Trockenpflaume. Die fein abgestimmte und zurückhaltende Würzigkeit wird vom Zimt dominiert, der Ingwer agiert unbemerkt im Hintergrund. Die Süße im Duft ist deutlich wahrnehmbar, zu Beginn dennoch moderat, später etwas deutlicher, dabei aber mehr würzig-anregend als klebrig. Insgesamt bewegt sich der süße Level während des kompletten Duftverlaufes auf einem sehr kommoden Niveau.

Bärbel, Fleischereifachverkäuferin bei Metzger Axthelm fand insbesondere die im weiteren Duftverlauf von Arabesque aufkommende karamellige Schokoladigkeit sehr verführerisch, die dem weiterhin tonangebenden Tabak noch einige zusätzliche, sehr kuschlige, samtige und balsamische Facetten hinzufügt! Hierfür zeichnet sich vor allem das Benzoe verantwortlich und die Tonkabohne steuert etwas marzipanige Süße bei. Holzig-süß und aromatisch meldet sich auch die Zeder hintergründig noch zu Wort. Der Wohlgeruch des Parfüms hält den ganzen Tag, hautnah zum huscheln und kuscheln auch länger. Mann oder Frau hat jederzeit beim Duft von Arabesque den Eindruck, hier wurde nichts hitzig oder gekünstelt komponiert, sondern das Parfüm wurde überlegt und raffiniert gemacht.

Angeregt durch ihre Schokoassoziation des Parfüms hatte Bärbel noch eine Überraschung vorbereitet. Als begnadete Freizeitbäckerin steuerte sie im Namen aller noch eine großartig schmeckende Torte in Form des Arabesquen-Flakons bei. Ein mit viel Liebe, Geschick und noch mehr Schokolade gestalteter Kuchen, verfeinert mit reichlich Pflaumenmus, Zimt, etwas Ingwer und einer ganzen Tonkabohne. Schrei vor Glück war allenthalben zu hören und so überlebte das leckere Werk den Abend nicht. Selbst Jackie verspeiste das große Geburtstagsstück mit Genuss, während ansonsten auf Süßes oft verzichtet wurde.

Nur Melody Vögele-Schmitz, jung gebliebene alt 68erin, schaute mit traurigem Blick dem Sturm auf die Torte zu. Sie müsse zum ersten Mal im Leben auf Kalorien achten, erklärte sie auf Nachfrage. Zeitlebens gertenschlank hatte sie in der Corona-Zeit soweit zugelegt, daß sie nun in ihrem seit 50 Jahren passenden Flower-Power-Schlabberkleid, wie sie meinte, aussah wie eine Presswurst. Dies sollte so nicht bleiben und dafür war sie bereit zu leiden.

Frau Dipl.-Psych. Anna Lühse und Augenoptikerin Klara Sicht waren solche Überlegungen fremd. Nach dem Kuchen griffen sie auch bei der erneut sehr köstlichen Bowle immer wieder beherzt zu und nun schon etwas angeschickert riefen beide wie im Chor, sich morgen auch einen eigenen Flakon „Allerbeste“ zu besorgen. Als in ihrem Alter noch sehr leckere Schätzchen, tönten sie, sollte auch ihr Parfüm so richtig köstlich, appetitlich riechen. Dem stimmten auch Susi, alias Apothekerin Frau Dr. Pille und Melody zu, wobei Melody lieber bei ihren Blümchen- und Kräuterdüften bleiben wolle, die seien auch lecker und außerdem sei sie Vaganerin.

Die Arabesquen-Torte war alle, die Bowle getrunken und Jackies Geschenkflakon vom vielen testen halbleer, ein schöner Abend neigte sich dem Ende entgegen und alle waren froh sich gesund und bei guter Laune wiedergetroffen zu haben.

Euch vielen Dank für das Begleiten! Ungläubigen, was den Duft anbelangt, rate ich zu einem Test und was die Torte anbelangt, sind Fotos derselben in meinem Album eingestellt.
68 Antworten
Ponticus vor 2 Monaten 48 46
9.5
Duft
8
Haltbarkeit
7
Sillage
10
Flakon
Jungfräulich? Schon lange nicht mehr!
Im vorigen Jahr wurde eine Duftikone 100 Jahre! Herzlichen Glückwunsch Habanita und aufrichtigen Dank an Molinard! Und auch wenn der Bundespräsident sich mit den Wünschen zum 100sten Jubiläum eines Parfüms zurückgehalten hat, ist hier der richtige Platz für einen kleinen nachträglichen Geburtstagsgruß!

Im Verlauf des Duftjahrhunderts veränderte sich Habanita immer mal wieder. So bekam das Parfüm unterschiedliche Flakons angepasst, die sich aber überwiegend an einem Entwurf badender Najaden oder Nymphen orientierten, inspiriert nach dem Design von René Lalique. Einer der schönsten Flakons dieser Art datiert aus dem Jahr 2012 und zeigt ein umlaufendes, erhabenes Fries nackter Frauen beim Bade auf einem rein schwarzen Flakon. Mit diesem neuen, traumhaften und aufreizenden Flakon ging auch eine sehr gelungene Überarbeitung des Parfümduftes einher. 2013 erschien dann Habanita L'esprit im weißen und 2016 Habanita La Cologne im klaren, durchsichtigen Glasflakon, sowie 2021 zum Jahrhundertgeburtstag die rote Habanita Anniversary Edition. Habanita ist in jeder Variante „ein Brett“ und kein „Mädchenparfüm“. Sicher hat es mit dem Tag seines Erscheinens 1921 als Zigarettenbeduftungsduft sofort seine Jungfräulichkeit verloren, spätestens jedoch 1924 als es dann Parfüm genannt werden durfte. Das liegt vor allem an dem überragenden und verführerischen Geruch des Parfüms, dem auch gern eine aphrodisierende Wirkung nachgesagt wird, sowie an den prächtigen, erotisch-lustvoll gestalteten Flakons, sichtbar, fühlbar, tastbar, erregend!

Habanita La Cologne als Cologne zu sehen, wie der Namenszusatz es andeutet, geht etwas in die falsche Richtung, denn Kraft und Ausdauer sind einem Parfüm ebenbürtig und raumgreifend. Nur im direkten Vergleich mit dem EdP macht diese Bezeichnung einen wohlmeinenden Sinn. Beide Düfte sind vom Charakter her eindeutig Schwestern und sich in ihrem Geruch sehr ähnlich. Die inneren Werte geben der Älteren im schwarzen Kleid einen charakteristisch-aromatischen Duft, der für mich wunderbar würzig-blumig, sündig-vanillig, dunkel-wollüstig, likörig-rauchig, süß-balsamisch und holzig-ledrig ist, einfach unwiderstehlich anziehend. Damit geizt die Jüngere La Cologne in ihrer durchsichtigen und aufreizenden Aufmachung ebenfalls nicht. Sie verführt aber viel subtiler, mit wesentlich mehr Feingefühl und startet ihre Eroberungen etwas frischer und heller. Ich empfinde La Cologne eher als ein unwiderstehliches Angebot als eine Erstürmung nach Art des Eau de Parfum, das damit so kraftvoll punkten kann.

Neben der anfänglich milden Frische überrascht Habanita La Cologne mit einer verträglichen, aber ausgeprägteren Orientalik und zeigt auch nicht das oft wahrgenommene „hau drauf Temperament“ des Parfüms. Bemerkenswert vielleicht noch das Fehlen der Vanille im Duftnotenspektrum des Cologne. Sie fehlt nicht wirklich, denn nach den spritzigen und draufgängerischen ersten Stunden rundet die Vetiver-Eichenmoos-Zeder-Amber Basis den Duft perfekt mit einer seidig-warmen Pudrigkeit ab. Dennoch erinnert das Cologne in Kopf-, Herz- und Basisnote im wesentlichen immer an das schwarze Original, kommt aber in allen Belangen etwas leichter, feiner und agiler daher ohne dabei an Intensität und Aromatik zu verlieren.

Vielleicht noch ein anderes, ähnliches Beispiel dazu. Dieser Vergleich gilt analog und mit dem gleichen Ergebnis, ebenso für die Gegenüberstellung des Parfüms Shalimar gegen Shalimar Cologne, natürlich da mit einem etwas anderen Duftcharakter. Und in beiden Fällen gefällt mir persönlich das Cologne ein klein wenig besser, aber die Abstände sind bei Bewertungen um die 9,5 eher gering!

Die Flakons aller Varianten von Habanita sind eine Augenweide. Es macht einfach Freude diese Fläschchen zu betrachten, die Erhabenheit des Frieses auf allen vier Seiten zu sehen, zu fühlen und zu empfinden, wie die erhabenen Rundungen den Fingerkuppen schmeicheln. Die Flakons animieren den Betrachter, sie in die Hand zu nehmen, sie genauer anzuschauen, zu probieren und zu genießen. Sie sind ein Blickfang in jeder Sammlung und während die farbigen Flakons zusätzlich durch ihre aufreizende Farbe werben, umgibt den durchsichtige Glasflakon des Habanita La Cologne trotz und wegen der Transparenz eine eher geheimnisvolle Aura und repräsentiert für mich am besten die charmante Verspieltheit dieser 100jährigen Liebesbeziehung!

Als Habanitafreund war es mir eine Ehre zu gratulieren und hier eine weitere Variante dieser Prachtstücke vorstellen zu dürfen. Euch gebührt der herzliche Dank des fleißigen Lesens!
46 Antworten
Ponticus vor 2 Monaten 63 57
6.5
Duft
8
Haltbarkeit
8
Sillage
7
Flakon
Mit einem fröhlich Lied auf den Lippen
Drinnen im gelben Wagen bringt mir die Post den Karton,
vorwärts laß es mich wagen, riech ich auch gleich am Flakon.
Weihrauch, Muskat und Safran, stechendes Duftnotenvolk,
ich möchte so gerne mich freuen, aber die Nase die grollt.

Mir fliegen gleich die Härchen aus der Näse,
denn das geht hier los wie ne Bodenfräse
wie ein Gebläse bis hinters schüttre Haar.
Der Duft riecht los, der läßt sich nicht erst bitten
und Erwin sprüht der Heidi von hinten auf die Tit... Füße,
das trübt die Stimmung und Atemnot kommt auf.

Atemlos und mit Macht hat mein Atem schlapp gemacht.
Atemlos, die Luft geht aus, dein Geruch ist mir der Graus.
Atemlos, daß es kracht, straffe Würze schrill gemacht.
Atemlos, Früchtebrei, beißend scharfe Leckerei.

Ein bisschen Zeit muß sein, dann wird es süß von ganz allein,
so duftet es tagaus/tagein, das bisschen Spass ist klein.
Das Parfüm voll Süß und Pein ist nun pieksig und nicht mein,
drum bleib ich wohl allein daheim und keiner kommt mehr rein.

Alle Noten sind nun da, des Duftes Noten alle.
Wie sie alle fluffig sind, streng und süß sich geben.
Amber, Patch, Jasmin sogar und auch jetzt der Tabakstar
wünschen für’s Parfüm na klar, ihren Heil und Segen.

Hossa, Hossa,
Fiesta, Fiesta im Pyjama vielleicht geb ich für alle noch heute ein Fest,
Siesta, Siesta im Pyjama jetzt gibt’s den Tabak der glücklich sein läßt.
Alle Noten sind nun hier, frotzeln noch einmal mit mir.
Wir machen Fiesta, Fiesta im Pyjama weil uns die Sorge im Alltag gerne streßt.
Adio, Adio Red Tobacco, ich komme niemals zu Dir zurück.
Adio, Adio ultimo ich grüß mit meinem Sombrero und hab dich doch nicht lieb!
Hossa, Hossa.

Weine nicht über mein Bericht, dam dam, dam dam.
Es gibt wenig, was für dich spricht, dam dam, dam dam.
Rachen, Auge und Nase sticht und auch unsere Liebe bricht
alles, alles geht vorbei wie auch unsere Plauderei.

Und nun noch einmal mit etwas mehr Schwung bitte! Aber so gut war es dann auch wieder nicht! Danke für’s Begleiten!
57 Antworten
Ponticus vor 3 Monaten 84 64
9
Duft
9
Haltbarkeit
8
Sillage
10
Flakon
Zeitenwende
Hübsch sahst Du aus in dem langen, faltigen Kleid mit der straff gezogenen Taille, attraktiv betont durch die auffallende, goldene Schleife. Dein blondes, glattes Haar, gekrönt von dem filigranen Haarreifen leuchtet wie die strahlende Sonne. Du stehst da, kess die Hände in die Hüften gestemmt, hoffnungsvoll und dem Leben zugewandt, eine junge Frau zum verlieben. Youth-Dew, das Parfüm von Estée Lauder in dem zierlichen Flakon, erinnert mich wieder an Dich und dieses Foto von Dir.

Dabei ist Dir Youth-Dew nie begegnet, diese trockene Wolke blumigen Puders, würzig duftend nach überreifen, getrockneten Früchten und den intensiv-pikanten Teilen der Blütennoten. Die süßen und floralen Aspekte sind dabei eher untergeordnet. Eine orientalisch-warme Komposition mit sehr sattem, exotisch-aromatischen Charakter der von Herzen kommt. Das leicht dominierende nelkig-zimtige Aroma wird schnell vom staubig-rauchigem Weihrauch und viel würzigem Balsam vereinnahmt, dazu eine schlichte Vanillenote. Trockenblumen und fette Erde bilden dann die behagliche Wohlfühldecke, die die vorhandene dunkle, schwitzige, erotisierende und leicht animalische Aromatik des Hintergrundes hautnah abdeckt. Diese sich so entwickelnde sehr warmherzige Beziehung geht nach vielen Stunden, begleitet von erdig-rauchigen Würzaromen und moosig-feuchter, nun etwas süßlicher Animalik, dem Ende entgegen.

Du hast Youth-Dew nie kennengelernt, dafür aber Flucht, Elend und Vertreibung. Und es hätte so gut zu Dir gepasst, sogar als Du oben auf dem vollgepackten Leiterwagen im Faltenkleid, die Hände sichernd um die Kinder gelegt, dem Treck der Flüchtigen voran gingst. Gestartet in Schlesien mit dem halben Hausrat, angekommen mit nur einem zerbeulten, halbleeren Koffer auf einem Fliegerhorst in Thüringen, warst Du auch hier die Löwin, die ihre drei Kinder ständig beschützend bis dorthin bringen konnte. Wer hätte eine Anerkennung, ein Geschenk, ein Parfüm mehr verdient? Es war aber nicht die Zeit für Düfte, auch viel später nicht, als Du Dich in Kittelschürze tagtäglich erfolgreich um unser aller Wohl und Fortkommen kümmertest. Und hing die Schürze doch mal am Haken, war ein Spritzer Cologne der Inbegriff für Luxus.

Youth-Dew ist eine Königin unter den Düften, genau wie es meine Oma für mich und unsere Familie war. Sie hätten einander verdient, aber es hat nicht sollen sein. Die Erinnerung an sie trage ich im Herzen und nicht nur der hübsche Youth-Dew Flakon läßt mich des öfteren an sie zurückdenken.

Gegenwärtig sind wieder abertausende Löwinnen unterwegs in Gestalt fliehender Frauen, Mütter und Großmütter, die ihre Kinder fest an den Händen halten und eine hoffnungsfrohe Zukunft eintauschen müssen gegen Ungewissheit, Kummer, Leid und Lebensgefahr. Unter ihnen werden erneut viele Königinnen für ihre Familien sein, eine Auszeichnung auf die diese Frauen und Mütter gern verzichtet würden und sicher lieber das Parfüm genommen hätten.

Eine Zeitenwende sei im Gange hört man allenthalben, für mich ist es eher eine Rolle rückwärts in die finstersten Zeiten. Meinen Optimismus mag ich trotzdem nicht verlieren und drücke uns allen die Daumen für ein weiteres, friedliches Miteinander. Danke für Euer verständiges Begleiten!

64 Antworten
1 - 5 von 34