ProfumoProfumos Parfumkommentare

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19.01.2020 22:34 Uhr
16 Auszeichnungen
Man muss schon ein Chypre-Junkie sein um diesen Duft schätzen, oder gar lieben zu können. Denn im Gegensatz zu vielen Düften mit mehr oder minder deutlicher Chypre-Tendenz, aber anderem Schwerpunkt, ist ‚Kintsugi’ ein richtiges Vollblut- oder meinetwegen Hardcore-Chypre.
Vom Kopf, über das Herz, bis hinab zur Basis – alle sich entfaltenden Akkorde, Facetten und Nuancen fügen sich bruchlos in das alles überwölbende Chypre-Konzept ein.

Apropos ‚bruchlos’ – womit wir beim Thema wären: ‚Kintsugi’, oder auch ‚Kintsukuroi’ heißt die japanische Kunstform des schmuckvollen Zusammenfügens von zerbrochenem Porzellan. Die Bruchstellen werden Mithilfe eines goldhaltigen Lackes verklebt und durchziehen nunmehr wie goldene Adern die hell schimmernde Keramik. Erst durch den Bruch und die anschließende Heilung des Bruches entsteht die eigentliche, ‚Kintsugi’genannte Kunstform.
Auf den Duft gleichen Namens übertragen, könnte man nun auf den naheliegenden Gedanken kommen, dass das für Chypres so essentielle Eichenmoos die Rolle des Goldlackes übernimmt und die einzelnen Duft-Bestandteile gleichermaßen zusammenfügt.
Dem ist aber überhaupt nicht so, und das macht ‚Kintsugi’ so besonders.
‚Kintsugi’ ist vielmehr ein ‚Mitsouko 2.0’.

Wird der legendäre Guerlain-Duft von Kopf bis Fuß von Eichenmoos regelrecht beherrscht, übernimmt diese Rolle bei ‚Kintsugi’ das Patchouli, bzw. ein sogenanntes ‚Patchouli Coeur’, ein Absolue, dem durch Fragmentierung alles Knarzige und Muffige der einst so beliebten Patchouli-Öle genommen wurde. Wieder zusammengesetzt wurden jene Teile, die einen feucht-moosigen, waldig-erdigen Dufteindruck vermitteln, oder wie es ein Anbieter beschreibt: „ ...you can detect dead leafs, wet wood and an earthy odour.... It also recalls the smell of rain.“
Schon seit jeher sekundierte das Patchouli, gemeinsam mit Labdanum und Bergamotte, dem unverzichtbaren Eichenmoos, wollte der Parfumeur, bzw. die Parfumeurin einen Chypre-Effekt erzielen. Doch seit die Verwendbarkeit des Eichenmooses (sowie des günstigeren Baummooses) auf eine homöopathische Dosis reduziert wurde, ist guter Rat teuer, und es wird fieberhaft an Alternativen gesucht. Synthetische Moose kamen mit unterschiedlichem Erfolg zum Einsatz und auch das aufwendig vom inkriminierten Atranol befreite Eichenmoos erwies sich nicht als restlos überzeugend, da es seine Fähigkeit als Fixativ zu dienen verlor.

Nach dem Ausfall des Hauptdarstellers tritt nun offenbar das Patchouli an die Rampe. Schon für seinen Chypre-Duft ‚French Affair’ legte Quentin Bisch den Schwerpunkt wesentlich deutlicher auf diesen hochkomplexen Duftstoff, als auf das nicht weniger komplexe Eichenmoos. Noch Patchouli-zentrierter geriet schließlich ‚Chypre 21’ von James Heeley, dem das wenige verwendbare Moos im Grunde nur noch als Feigenblatt dient, und der dem Chypregerüst einen weiteren Duftbaustein einfügt: die Alge.
Auch Vanina Muracciole soll mit japanischen Rotalgen gearbeitet haben, das behauptet jedenfalls ‚cafleurbon.com’. Im Gegensatz zu ‚Chypre 21’ tritt die Alge aber nach meinem Empfinden hier weniger deutlich zutage.
Überhaupt lässt sich ‚Chypre 21’ gut mit ‚Kintsugi’ vergleichen, da beide Düfte nicht nur eine große Schnittmenge bei den Noten aufweisen, sondern tatsächlich auch recht ähnlich riechen. ‚Kintsugi’ ist gewissermaßen die Extrait-Version von ‚Chypre 21’, dessen noch vollere, noch dunklere, noch bitterer duftende Variante. Und wirklich übertrifft der Masque-Duft jenen von James Heeley in Sachen Haltbarkeit und Projektion um Längen (was auch gut so ist, da die spärlichen 35ml daher eine Weile halten dürften und der exorbitante Preis verschmerzbar wird ..).
Aber, ‚Kintsugi’ ist nicht einfach nur die Parfum-Version von ‚Chypre 21’, der Duft geht in Sachen Wiederbelebung des Chypre-Genres auch noch den letzten und entscheidenden Schritt: es verzichtet ganz und gar auf Eichenmoos, und wie man hört, auch auf die Verwendung synthetischer Ersatzstoffe, wie beispielsweise Evernyl.

So findet die Mission ‚Wiederauferstehung eines Totgeglaubten’ mit ‚Kintsugi’ ihr glorreiches, hoffentlich nur vorläufiges Ende und alle Chypre-Begeisterten müssten eigentlich vor Freude jauchzen.
Allein, sie tun es nicht...
In den Kommentaren zum Duft reichen die Assoziationen von Malerabteilung, Aschenbecher, strenges Kunstleder, frisch aufgeschnittener roher Kartoffel, bis hin zu Mundgeruch.
Allgemeine Ratlosigkeit reiht sich an brüske Ablehnung, und nur wenige können ‚Kintsugi’ etwas abgewinnen.
Seltsam - ich finde diesen Duft fantastisch!

All die zitierten Assoziationen kann ich zwar ansatzweise nachvollziehen, vom Mundgeruch mal abgesehen, aber ich teile sie nicht. Am ehesten kann ich noch etwas mit der Kartoffel und der Malerabteilung anfangen, denn herb-staubiges, sowie vegetabil-erdig-feuchtes, finde ich durchaus im Dreh-und Angelpunkt des Duftes, dem Patchouli-Ceur, wieder.
Aber trotz der Omnipräsenz dieses Patchouli-Coeurs sind die für Chypres so typischen Begleitnoten wie Bergamotte und Rose durchaus erkennbar. Magnolie steuert einen dezenten Weißblüher-Akkord bei, ‚Ambrinol’ wiederum die ledrigen und animalischen Facetten des ‚Ambregris’. Ein Hauch unsüßer Vanille verleiht dem Duft eine gewisse Rundung, ohne ihn über die Maßen in eine orientalische Richtung zu pushen, und für etwas grüne Frische sorgen Veilchen- und Himbeerblatt.
Der Kitt, der all diese Noten zusammenhält – um wieder auf die Kunstform ‚Kintsugi’ zurückzukommen – ist besagtes ‚Patchouli-Coeur’.
Die Erschaffer des Duftes wollten, dass es zum Goldlack mutiere und die einzelnen Noten, analog zur gesprungenen Keramik, dekorativ überdecke.

Ist dieses Vorhaben geglückt? Ist die gesamte Inspiration nachvollziehbar umgesetzt?
Ich meine ja, sehr gut sogar.

Puristen werden nörgelnd einwenden, ‚Kintsugi’ sei gar kein Chypre, da kein Eichenmoos weit und breit. Ja, sie haben Recht. Aber auch dem Dom von Florenz wurde vorgehalten, er sei gar kein richtiger Dom, da er nicht im Stil der Gotik zuende gebaut wurde, sondern in den neuen Formen der Renaissance.
Es gibt Zeiten, da ändert sich eben Grundlegendes und in Sachen Chypre-Duft scheint mit der Wachablösung des Eichenmooses durch das Patchouli eine solche Zeit angebrochen. Sicher, die neuen, modernen Chypres riechen etwas anders, vor allem im Fond hinterlässt das Patchouli einen etwas anderen Grundton. Aber alles was ein Chypre ausmacht, die typische herbe Bitterkeit, die an Tinte erinnernde mineralisch-salzige Feuchte, die erdig-waldigen Untertöne – alles da!

Erwähnt sei noch, dass ‚Kintsugi’ von allen Geschlechtern getragen werden kann. Männer mögen den Duft wegen seiner floralen Anteile vielleicht als zu feminin empfinden, Frauen wegen seiner dunkel-bitteren Tönung womöglich als zu maskulin – aber war das nicht auch schon bei ‚Mitsouko’ so?




22.12.2019 14:30 Uhr
27 Auszeichnungen
Es gibt ja so Tage, wer kennt sie nicht, da muss man sich belohnen.
Vorgestern war es mal wieder soweit und wie von magischen Kräften gezogen, fand ich mich vor dem Regal mit den neuen Lubin-Düften wieder. Ein paar Tage vorher stand ich schon einmal hier, testete alle und entschied mich schließlich für ‚Condottiere’.
Die übrigen Teststreifen nahm ich mit nach Hause, um noch in Ruhe nachschnuppern zu können, und von ‚Gajah Mada’ hatte ich mir auch noch eine kleine Abfüllung geben lassen.
Interessanterweise gefiel mir ‚Gajah Mada’ dann doch nicht mehr so gut, obwohl er kurz zuvor noch in der engsten Auswahl gegen ‚Condottiere’ stand. Stattdessen rückten zwei andere in den Fokus: ‚Sarmate’ und ‚Sinbad’.
Hätte ich mich ohne abermaligen Test ad hoc für einen der beiden entscheiden müssen, es wäre ‚Sarmate’ geworden. Der Duft ist überaus gelungen: balsamisch, ledrig und mit schöner Oud-Note.
So aber wurde es dann doch ‚Sinbad’, obwohl ich eigentlich kein großer Fan von Neroli-Düfte bin und mir der durchdringende, süßlich-indolische und irgendwie wächserne Duft der Orangenblüte schnell auf den Keks gehen kann.
Nachdem ich aber beide aufgesprüht hatte – diesmal auf die Haut – fand ich wider Erwarten den einen zwar schön, aber auch ziemlich langweilig, während der andere: – Wow! - der packte mich augenblicklich.

Nicht, dass es der erste dezidierte Orangenblütenduft war, den ich unter der Nase hatte, nein, aber das Besondere an ‚Sinbad’ ist, dass die Blüte zwar den Duft bestimmt (die O-Blüte ist eine große Bestimmerin, ähnlich der Tuberose...), aber glücklicherweise nicht vollkommen dominiert.
‚Fleur du Mâle’ ‚APOM pour Homme’, natürlich auch ‚Fleur d’Oranger’ von Lutens, oder ‚Dilmun’ von Villoresi, um nur einige zu nennen - alles Nerolli-zentrierte Düfte, die ich persönlich nicht tragen kann, weil mich die Orangenblüte hier vollkommen erschlägt.
Dabei mag ich diesen Blütenakkord – eigentlich. Etwas zurückgenommen, eingebettet in das richtige Umfeld, schätze ich ihn durchaus, und in ‚Sinbad’ genieße ich ihn seit zwei Tagen sogar sehr!
Denn hier stimmt das Umfeld, zumindest für mich.
Mit orientalischen Beigaben wie Zimt, Vanille, Sandelholz und einer Spur Pfeffer, gepaart mit einem frisch-fruchtigen Hesperiden-Auftakt und einer balsamischen Basis, die mit einem Hauch Ambregris ausklingt, vor allem aber mit dem von mir geliebten Gegenspieler, dem Geranium, bzw. der Rosengeranie (obwohl Rose gelistet ist, nehme ich eher die frischere Rosengeranie wahr), schafft Thomas Fontaine einen schönen Rahmen, der das häufig überbordende Neroli gekonnt umschließt und einhegt.

Im Werbetext zu seinem Duft wird Sindbad, der Seefahrer aus ‚Tausendundeiner Nacht’, als Abenteurer beschrieben, der seinen Zuhörern, bevor er sie mit seinen Geschichten begeisterte, die Hände mit Rosen- und Orangenblütenessenzen wusch.
Und diesen Moment hat Thomas Fontaine tatsächlich zum Dreh- und Angelpunkt seines Duftes gemacht.
Hier fiel mir ein, dass ich in meiner Küche auch je ein Fläschchen Rosenwasser und Orangenblütenwasser stehen habe, deren Inhalt ich manchmal benötige um einen Kuchen nachzubacken, den ich einige Male in Israel gegessen habe: einen ziemlich süßen, dabei saftigen Grießkuchen, der mit Rosen- und Orangenblütenwasser getränkt wird.
Wie in Düften, sind diese Essenzen auch in Gebäcken ziemlich durchdringend - manche würden auch sagen: aufdringlich, da sie in hiesigen Breitengraden alles andere als gebräuchlich sind.
Ich aber liebe sie. Sie entführen mich zurück auf den Carmel-Markt in Tel Aviv und in eines der Cafés der Stadt, wo einem des Abends nicht selten ein Hauch der Orangenblüte von einem der vielen Orangenbäume Tel Avivs um die Nase weht.
‚Sinbad’ ist für mich quasi Tel Aviv zum Aufsprühen - ein klein wenig zumindest.

Ansonsten gilt für diesen Duft, was ich schon zu ‚Condottiere’ geschrieben habe: allem Anschein konnten die Parfümeure, in diesem Fall Thomas Fontaine, mit guten Rohmaterialien arbeiten und erhielten ausreichende Freiheit ihre Kunst zu entfalten.
Sämtliche Noten in ‚Sinbad’ sind wunderbar verblendet, hier knirscht und quietscht nichts, ganz im Gegenteil. Alles ist sehr schön verwoben und von fast cremiger Konsistenz.
Zum Glück ist der Duft auch nicht allzu süß geraten. Die Gefahr besteht ja bei diesen Duftbausteinen, aber Monsieur Fontaine umschiffte geschickt die ein oder andere Zucker- und Karamell-Klippe, fügte überdies noch leicht rauchige Facetten ein, sodass der Duft, einer erträglichen Grundsüße zum Trotz, auch von Trägern eher herber Düfte geschätzt werden kann.

Haltbarkeit und Projektion sind einer Parfum-Konzentration entsprechend, nämlich enorm! ‚Sinbad’ begleitet den Träger mit seinem dichten, würzig-floralen, aber eben auch zart rauchigen, orientalischen Aroma durch den ganzen Tag, die ganze Nacht, bis in den frühen Morgen.

Verpackung und Flakon sind ausgesprochen aufwendig gestaltet, was den geneigten Konsumenten ein wenig mit dem horrenden Preis versöhnen dürfte. Vor allem aber stimmt der Inhalt: ein meiner Ansicht nach überaus schönes Duftkonzept wurde hier mit erkennbar guten Materialien gekonnt umgesetzt.

Und dann - last but not least - riecht der Duft einfach gut.
Was will man mehr?!


20.12.2019 18:26 Uhr
22 Auszeichnungen
Drei Duftnoten, die ich allesamt sehr schätze, vereint dieser Duft: Iris (bzw. Iriswurzel), Veilchen (bzw. Veilchenblatt) und Leder.
Irisdüfte gibt es zuhauf, ebenso Veilchendüfte, beides auch in Kombination mit Leder, und Lederdüfte gibt es ohnehin unzählige. Einen Duft der alle drei Noten miteinander vereint, kenne ich zwar nicht, wird es aber vermutlich auch geben.
Auf jeden Fall ist diese Kombination großartig!
Grasig-grünes Veilchenblatt, die olfaktorisch recht nah verwandte buttrig-holzig-pudrige Iris und eine Spur Glattleder verschmelzen zu einem wunderbar hell strahlenden Duft, dessen florale Facetten weder süß-blümchenhaft noch indolisch daherkommen.
Da Iris- und Veilchen-Noten ohnehin nicht aus der Blüte, sondern dem Iris-Wurzelstock, bzw. dem Rhizom, sowie dem Veilchenblatt gewonnen werden, bringen sie ein ganz anderes Duftspektrum mit als beispielsweise die Rose, oder die Lilie, deren Blütenblätter der Duftextraktion dienen.
Das Rhizom der Iris, aus dem die sogenannte Irisbutter gewonnen wird, bringt neben dezent floralen auch helle, Talk-artige, leicht erdige Nuancen mit, während dem Duft des Veilchenblattes zwar auch etwas zart Blumiges, vor allem aber viel hellgrüne Frische entströmt.
Beide Duftnoten eignen sich daher auch gut für die Herrenparfümerie, die sich mit üppigeren Blüten-Bouquets, gerade wenn sie aus sogenannten Weißblühern, also Tuberose, Gardenie oder Jasmin bestehen, eher schwertut.
Iris und Veilchen aber findet man mittlerweile häufig in Herrendüften: ‚Fahrenheit’ sei genannt, aber auch das ältere ‚Grey Flannel’; ‚L’Homme de Coeur’ von Divine, sowie das allseits bekannte ‚Dior Homme’.

Condottieri waren nun Führer kleinerer Söldnerarmeen, die in Italien zur Zeit der Frührenaissance hohes Ansehen genossen und bekannt dafür waren, herausgeputzt und mit großem Gewese einher zu stolzieren. Auch sollen sie ausgiebig Gebrauch von schon damals beliebten Duftessenzen gemacht haben, und was liegt da näher, als die Wappenblume der Stadt Florenz: die Iris.

Delphine Thierry hat mit ‚Condottiere’ wahrlich nicht den ersten Iris-Duft geschaffen (wie alle Düfte dieser neuen ‚Les Aristia’-Kollektion das Rad nicht neu erfinden), aber sie hat einen ausgesprochen schönen, und einen mit unglaublicher Strahlkraft geschaffen. Besonders die Auswahl der Rohstoffe dürfte hier hilfreich gewesen sein, aber natürlich auch die clevere Komposition und nicht zuletzt der recht hohe Parfumöl-Gehalt. Die Düfte dieser Reihe sind nämlich Parfums. Keine Eau-de-Parfums, sondern tatsächlich Parfums, liegen also den Duftöl-Anteil betreffend oberhalb des EdP, wenn auch vermutlich nur knapp.
In Sachen Duft-Entwicklung, Abstrahlung und Haltbarkeit verhalten sie sich aber genau so, wie man es von Parfums kennt: die Duftentwicklung ist gemächlicher, dichter, ohne dramatische, abrupt einsetzende Veränderungen; die Präsenz ist deutlich und erreicht einen ziemlichen Radius, d.h. eine sparsame Dosierung ist angezeigt, während zugleich die Haltbarkeit enorm ist. Noch am nächsten Morgen nehme ich den Duft deutlich wahr.

Neben den Protagonisten Iris, Veilchen und Leder tragen noch weitere Mitwirkende zur gelungenen Aufführung bei und sollten nicht übergangen werden, obwohl sie kaum über eine Statistenrolle hinauskommen: neben einem zitrisch-herben Hesperiden-Auftakt, mit einem Hauch Wermut-artiger Angelika kontrastiert, sind es vor allem leichte, dunkle Beeren-Akzente, die eher Aroma als Süße beisteuern, sowie etwas Cashmeran im Fond.
Cashmeran ist nun ein Duftbaustein, den ich eigentlich nicht so leiden kann, erst recht nicht, wenn in süßlich-schwülstigem Umfeld eingesetzt. Hier aber, in einem trockenen, floral-ledrigen Konzept finde ich ihn eigentlich ganz passend.

Auch der besondere, die Düfte der ‚Talismania’-Kollektion zitierende Flakon muss unbedingt Erwähnung finden, stammt er doch vermutlich von Serge Mansau, dem wohl berühmtesten und erfolgreichsten Flakon-Designer.
Auffallend ist nicht nur die charakteristische Krümmung des Flakons, die ihm fast einen wesenhaften Körper verleiht, sondern auch der aufwendige Verschluss, der wie eine Art Krone den Kopf dieses Flakon-Wesens ziert. Der Flakon selbst ist gülden beschichtet und wird Richtung Kopf zusehends transparenter. Die ihn schmückende Krone hat wiederum eine deutliche Art-Deco-Anmutung und der zwischen hell-günlich und dunkel-violett changierende Stein darin, zeigt mit einiger Fantasie sogar die Wappenblume Iris (zumindest meine ich sie auf meinem Flakon zu entdecken...).
Die Box ihrerseits ist riesengroß und aufwendig gefertigt, und die gesamte Darreichung – Box/Flakon/Inhalt – ausgesprochen edel.

Ich habe schon für schlampigere Aufmachungen mehr geblecht, vom manchmal fragwürdigen Inhalt ganz zu schweigen. Nicht alles, was ach-so-exklusiv und edel daherkommt, hält sein Versprechen.
Hier aber, muss ich sagen, bin ich rundum zufrieden!


19.12.2019 22:59 Uhr
24 Auszeichnungen
Ich glaube, man muss ein bestimmtes – um nicht zu sagen: reiferes – Alter haben, um Chypre-Düfte schätzen zu können. Nicht anders kann ich es mir erklären, dass zuverlässig eine Vielzahl der Konsumenten behauptet, zu jung für den einen oder anderen Duft dieser Gattung zu sein. Gelegentlich werden sie auch mit Attributen wie Oma- oder Altherrenduft belegt, was mich immer ein wenig erbost, aber vermutlich nur, weil ich selbst so langsam beginne dieser Generation anzugehören.
Und da ich Chypre-Düfte liebe, lasse ich mir ungern einreden, dass es ja nur deswegen sei, weil ich schon mehr als ein halbes Jahrhundert auf dem Buckel habe...

Im Gegenteil: Chypre-Düfte habe ich schon gemocht, als ich in den Zwanzigern war. ‚Eau Sauvage’ und ‚Armani pour Homme’ (heute: ‚Eau pour Homme’) waren Düfte, die ich häufig trug. Gerade die bitteren Facetten dieser Düfte mochte (und mag) ich besonders.
Viele junge Menschen aber lieben vor allem Süßes – je süßer, desto besser. Bitterem wird häufig misstraut und meist mit Giftigem assoziiert.
Es mag also ein Privileg des Älterwerdens sein, dass man peu à peu toleranter gegenüber Bitterem wird, womöglich aber ist es doch weniger eine Frage des Alters, als vielmehr eine des Zeitalters.

Chypre-Düfte hatten ihre große Zeit in den 50er, 60er und 70er Jahren. Schon in den 80ern galten sie als altmodisch, erst recht in den 90ern, bis die IFRA diesem Genre zu Beginn des neuen Jahrtausends den Gnadenschuss gab.
Nochmals verging ein Jahrzehnt, bis die ersten Parfümeure sich an neuen Chypres versuchten. Kreativität war nun wirklich gefragt, da an eine klassische Machart des inkriminierten Eichenmooses wegen nicht zu denken war.
Jacques Polge versuchte es mit einer Kombination aus Iris, Patchouli und Labdanum (‚31 Rue Cambon’), Ralf Schwieger seinerseits mit Rose, Immortelle und einigen Harzen (‚Afternoon of a Faun’), Bertrand Duchaufour verwendete ein vom Allergen Atranol weitestgehend befreites Eichenmoos (‚Chypre Palatin’), während andere gleich auf einen Ersatzstoff wie Evernyl bzw. Veramoss (IFF), oder Orcinyl 3 (Givaudan) auswichen.

James Heeley lancierte 2015 sein ‚Chypre 21’, einen Duft, der schon im Namen den Anspruch in sich trägt, das in die Jahre gekommene Genre zu erneuern.
Ist ihm das gelungen? Ich meine, ja.
Häufig wird aber schon der Begriff ‚Chypre’ für diesen Duft in Zweifel gezogen.
Ist er also ein Chypre-Duft? Jein, würde ich sagen - es kommt auf den Standpunkt an.
Nein, wenn man eher orthodoxe Maßstäbe anlegt, nach denen die Verwendung von Eichenmoos in jedem Fall zwingend ist.
Ja, wenn man bereit ist von dieser Orthodoxie nur ein klein wenig abzuweichen. Denn allzu groß ist der Schritt nicht, mit dem sich Heeley vom klassischen Chypre-Gerüst entfernt.
Die bitter-herbe Zitrus-Schale der Bergamotte ist da, die Rose ist da (ebenfalls ein beinahe schon integraler Bestandteil des klassischen Chypres), Patchouli ebenfalls, und sogar ein ganz klein wenig Eichenmoos. So weit, so gut, aber für einen veritablen Chypre-Duft ist das noch recht wenig, zumal Heeley auch auf die Verwendung von Labdanum verzichtet – ein weiterer typischer Bestandteil vieler Chypre-Fonds.

Vor einiger Zeit hatte ich in einem Interview mit James Heeley gelesen (es war auf Scentury.com, ist aber leider nicht mehr online), dass er versuchte den Mangel an Eichenmoos mit dem ähnlich komplexen Duft der Alge auszugleichen. Vermutlich kam ihm die Idee schon, als er wenige Jahre zuvor an seinem Duft ‚Sel Marin’ arbeitete, in dessen Zentrum sich geradezu ein ganzer Algenteppich ausbreitet. Das ist bei ‚Chypre 21’ zwar nicht der Fall, aber das günlich-herbe, leicht salzige Aroma der Alge ist durchaus erkennbar. Auch das Eichenmoos hat ja diese grünlich-herbe, leicht salzige Facette, neben einigen weiteren mehr, die es wieder vom Duft-Spektrum der Algen unterscheidet. Dennoch besteht eine gewisse Schnittmenge, und ich finde, dass James Heeley sie sehr schön herausgearbeitet hat.

Die Verwendung der Alge ist aber nicht das einzige moderne Element, das aus ‚Chypre 21’ einen wirklich zeitgenössischen Duft macht – auch der Safran spielt hier eine nicht unwesentliche Rolle. Ebenso vielschichtig im Duft wie Alge und Eichenmoos, verstärkt er den für Chypre-Düfte so charakteristisch bitteren Nachhall.
Schon in den Kopfnoten versucht Heeley diesen Nachhall unter Verwendung von Bergamotte und einer Spur Rosmarin aufzubauen, trägt ihn im Herzen mit Safran fort, um ihn im Fond mit Eichenmoos und Alge zu verstärken.
Ob zusätzlich noch synthetische Moose im Spiel sind, weiß ich nicht, aber ich habe nicht den Eindruck. Vielmehr vermute ich, dass Heeley zeigen wollte, wie der berühmte Chypre-Effekt auch ohne übermäßigen Einsatz von Synthetik zu erzielen ist.
Das ist ihm auf jeden Fall gelungen – wie ich überhaupt den ganzen Duft gelungen finde!

Heeley selbst nennt seinen Duft ‚eine Ode an den Pariser Chic’. Zudem verlinkt er ihn mit Persönlichkeiten wie Jackie Onassis, Grace Kelly und dem Duke, sowie der Duchess of Windsor, aka Wallis Simpson, nebst royalem Gatten, dem einstigen Kurzzeitkönig Edward VIII.
Schwere Geschütze, aber sei´s drum: wer nicht laut bellt, wird nicht gehört – gerade heute.
Interessant aber: alles keine Franzosen, sondern Amerikanerinnen und ein Engländer. Allerdings mit starkem Hang zu Frankreich, insbesondere zu Paris. Und James Heeley selbst? Auch er ein Engländer, mit Wahlheimat Paris.
So passt der von ihm gewählte Eichenmoos-Ersatz Alge auch hier wieder gut, mussten sie doch alle über’s Meer nach Paris. Und wer, wenn nicht die Alge, steht olfaktorisch für das Meer?

Ein bisschen spekulativ, ich weiß.

Zwei Jahre nach ‚Chypre 21’ hat jedenfalls ein weiteres Pariser Parfumhaus - Ex Nihilo - erneut einen beachtlichen Chypre-Duft dem Chic der französischen Hauptstadt gewidmet: ‚French Affair’. Auch er beschwört die gute alte, Chypre-Zeit, diesmal jedoch eher die 70er Jahre und weniger die 50er, wie im Falle von ‚Chypre 21’.
Wie diesem gelingt aber auch ‚French Affair’ der Spagat zwischen Tradition und Moderne.
Zudem sind beide recht ähnlich konstruiert: Bergamotte im Kopf, ein Rosenakkord im Herzen, Patchouli und Eichenmoos in der Basis, modern akzentuiert durch Litschi und Angelika hier, durch Rosmarin, Safran und Alge dort.
Bezugspunkte von ‚Cypre 21’ sind einerseits das originale ‚Miss Dior’, andererseits ‚Eau Sauvage’, während ‚French Affair’ ‚Aromatics Elixir’ und ‚Armais 900’ zitiert.

Beide Düfte, und das gefällt mir besonders gut, belassen es aber nicht beim Zitat, sondern betonen vor allem ihr modernes Outfit. Ganz so, als wollten James Heeley und Quentin Bisch (und nicht zu vergessen: Bertrand Duchaufour!) uns zurufen: seht her, was ‚Chypre’ heute noch kann – eine Menge!!

‚Chypre 21’ ist absolut unisex, hat eine wunderbare, nicht zu laute, aber auch nicht zu leise Präsenz und enorme Ausdauer.

Ein toller Duft!


05.11.2019 13:02 Uhr
29 Auszeichnungen
Wer heute noch behauptet, wahre Chypre-Düfte gehörten der Vergangenheit an, den straft ‚French Affair’ Lügen. Wie schon ‚Maai’, Chypre Palatin’,‚The Afternoon of a Faun’ oder ‚Chypre Shot’ zeigt der Duft, dass Chypres klassischer Machart auch heute noch machbar sind, ja dass sie dank des neuesten, weitgehend allergenfreien Eichenmooses sogar durchaus neben den Klassikern bestehen können.
Da es aber eine lange Durststrecke gab, in der die Entwicklung eines Chypre-Duftes im Grunde unmöglich und daher keine Kontinuität in der Weiterentwicklung des Genres gegeben war, werden diese neuen Kreationen gerne mit dem Attribut ‚neo-klassisch’ versehen.
Und tatsächlich, die Bezugspunkte liegen zumeist in jener Zeitspanne, die für Chypre-Düfte eine klassische war: von den 50er Jahren bis weit in die 70er hinein.
‚French Affair’ zitiert eindeutig das letzte große Jahrzehnt der Chypres, die 70er Jahre. Und hier besonders eine Spielart, die der Rosen-Patchouli-Chypres, deren profilierteste Vertreter ‚Aromatics Elixier’ und ‚Aramis 900’ waren, beide zu Beginn der 70er Jahre von Bernard Chant kreiert.
Dass die junge französische Firma Ex Nihilo fast ein halbes Jahrhundert später mit einem Werk um die Ecke kommt, das genau diese Düfte zitiert, zeugt schon von einigem Mut, da die Originale im heutigen Duftgeschehen, ganz im Gegensatz zu früher, überhaupt keine Rolle mehr spielen. Andererseits aber passt es zum allgegenwärtigen Bemühen die ‚gute alte Zeit’ wieder aufleben zu lassen: reihenweise tauchen plötzlich neue ‚klassische’ Fougères auf, auch Patchouli, Amber und Moschus, die Lieblingsdüfte der Hippies sind wieder schwer ‚en vogue’, ebenso wie orientalische Schwergewichte à la ‚Opium’ gerne wieder zitiert werden.
Warum also nicht die rosigen Patchouli-Chypres von Bernard Chant.

Quentin Bisch, sein Nachfolger, hat mit ‚French Affair’ einen waschechten Chypre-Duft kreiert, wie er bis vor wenigen Jahren noch unvorstellbar schien. Zu platziert war die Kugel, die die IFRA direkt in das Herz des Chypre-Genres gelenkt hatte. Der Delinquent schien mausetot, war tatsächlich aber nur komatös, und das auch nur zeitweilig.
‚French Affair’ trumpft nun also wieder mit einem Chypre-Gestus auf als wäre nichts gewesen, rein gar nichts.
Gleich zu Beginn des Duftverlaufes schwillt der für Chypres so typische bitter-holzig-moosige Grundakkord an, zunächst begleitet von fruchtiger, süß-herber Litschi, die sehr schön mit dem trockenen, grün-grasigen Veilchenblatt kontrastiert, das wiederum zu einem schönen, samtig-kräftigen Rosenakkord überleitet, der seinerseits auf sattem holzig-erdigem Patchouli, bitterem Eichenmoos und rauchig-grünem Vetiver zur Ruhe kommt.
Alle Phasen des Duft-Verlaufes offenbaren sich zugleich, nur der Fokus verändert sich langsam. Noch nach vielen Stunden kann man sich zum Beginn zurück riechen, wie man von diesem schon in die Tiefe, zum Ende hindurch schnuppern kann. ‚French Affair’ entfaltet dabei ein ziemliches Volumen, ohne überladen und allzu schwer zu erscheinen Trotz dieser enormen Präsenz wirkt der Duft nicht laut oder gar aufdringlich, sondern hält wunderbar die Balance zwischen einem starken Auftritt einerseits und angemessener Zurückhaltung andererseits.
Damit reiht er sich gewissermaßen zwischen seine Vorgänger ‚Aromatics Elixier’ und ‚Aramis 900’ ein: nicht gar so volltönend wie der eine und etwas mutiger als der andere.

Die Idee zu diesem Duft entsprang angeblich dem Wunsch jenem Typus des Pariser Dandys der 70er Jahre zu huldigen, dieser raren, aber doch Klatschspalten-füllenden Spezies, die zwischen schillernder Modewelt, glamourösem Jetset und existenzialistischem Rive-Gauche-Chic mäanderte.
Jacques de Bascher z.B. wurde zu einem Inbegriff dieses Typs: Lebensgefährte von Karl Lagerfeld und zeitweiliger Liebhaber von Yves-Saint Laurent – ein eleganter Stenz mit melancholisch verschattetem Blick und gepflegtem Moustache. Auch Marcel Proust war einst ein solcher Beau, wie es heute Pierre Niney ist, der Schauspieler, der Yves-Saint Laurent im Film verkörperte.
Ja, ich finde, dass passt ganz gut. Die Verknüpfung mit diesen typischen Pariser Szene-Gewächsen funktioniert.
Es ist aber nicht so, dass sich mir diese Inspiration aufgedrängt hätte, man musste mich schon drauf stoßen. Im Falle von Patricia de Nicolaïs ‚Patchouli Homme’, dem heutigen ‚Patchouli Intense’, auch eine Patchouli-Rosen-Kombo, hatte ich diese Assoziation mit einem Marcel Proust-Typus dagegen tatsächlich.

Ebenso wie jene Dandys mit ihrer femininen Seite spielten, ist ‚French Affair’ ein absoluter Gender-Bender, zumindest nach meinem Empfinden. Eine Duft-affine Kollegin, die von ‚French Affair’ restlos begeistert war und mir dauernd am Hals hing, wiederholte dagegen mehrfach: “Ah, was für ein Duft, so männlich!“.
Seltsam wie unterschiedlich die Wahrnehmungen doch sind. Einen Duft wie Givenchys ‚Gentleman’ von 1974, der auch ein Patchouli-Rosen-Duft war, allerdings mit einem deutlich höheren Patchouli-Anteil (hier knarzte dieser holzig-erdig Akkord regelrecht) würde ich eher als maskulin bezeichnen – wobei ich eine gute Freundin hatte, die ihn jahrelang trug...
Aber ‚French Affair’?
Nein, ich finde, dieser Duft ist absolut unisex. So wie auch ‚Aramis 900’ unisex war, bzw. ist, obwohl Bernard Chant ihn als männlichem Counterpart zu ‚Aromatics Elixier’ entwickelte. ‚Aromatics Elixier’ dagegen empfinde ich eindeutig als feminin - zu ausgeprägt und vordergründig erscheint mir hier der florale Anteil.

Auf jeden Fall ist ‚French Affair’ ein wunderbares Chypre mit deutlichen Vintage-Vibes, in zugleich modernem Gewand: Litschi gibt der für jedes Chypre unverzichtbaren bitter-zitrischen Bergamotte einen fruchtigeren Anstrich, eine gute Prise Pfeffer und etwas herb-krautige Engelwurz akzentuieren die floralen Komponenten, Zeder und Vetiver durchlüften den moosig-harzigen Fond.
Litschi, Angelika, Pfeffer und Zeder bilden sozusagen das zeitgenössische Terre d’Hermès/French Lover-Outfit in welchem uns ‚French Affair’ als gute/r alte/r Bekannte/r gegenüber tritt.

Doch so gut der Duft auch meiner Meinung nach ist, man wird ihm nicht oft begegnen. Die Düfte von Ex Nihilo sind nämlich nicht nur ziemlich kostspielig, sondern auch schwer zu bekommen, was sehr schade ist, da die Kombination aus Inspiration, Können und guter Materialwahl eher selten ist. Meistens hakt´s an ersterem, häufig an letzterem und manches Mal an allem.
Nicht so bei Ex Nihilo, und schon gar nicht bei ‚French Affair’.

Vielleicht überdenkt die Firma ja eines Tages ihre Distributionspolitik, damit aus ‚French Affair’ vielleicht doch noch eine ‚Worldwide Affair’ wird.
Bitte!


10.10.2019 12:19 Uhr
15 Auszeichnungen
Chypre scheint ja wieder ‚in’ zu sein: ‚Mojito Chypre’, ‚Chypre 21’, ‚Chypre Siam’, oder dieser hier: ‚Chypre Shot’.
Allesamt moderne Kreationen, und es gibt noch viele weitere.
Dabei wurde noch vor wenigen Jahren kräftig das Totenglöcklein geläutet: aus sei’s mit Chypre, dahingemeuchelt von der heimtückischen IFRA, tönte es allenthalben! Aber, Totgeglaubte leben ja bekanntlich länger, und nicht nur das gute alte ‚Mitsouko’ duftet heute so chyprig wie eh und je.

‚Chypre Shot’ ist nun ein typischer Duchaufour: Safran und Kardamom, Zutaten die er so mag, sind darin ebenso enthalten wie Kaffee- und Teenoten, die er gleichfalls gerne in Szene setzt. Die Würze scheint ein bisschen seinem ‚Traversée du Bosphore’ entlehnt zu sein, und wie bei diesem schwingen auch einige fruchtige Noten mit, während sein ‚Noir Exquis’ wohl für den gourmandigen Kaffee-Anteil Pate stand.
Dass Monsieur Duchoufour auch Chypre kann, hat er ebenfalls bewiesen, und hier kommt nun unweigerlich ‚Chypre Palatin’ ins Spiel.
Die drei genannten Duchaufour-Düfte verbindet nun eines, was man vielleicht den typischen Duchaufour-Sound nennen kann: eine Textur, als sei alles gleichsam in Milch gebadet, oder von milchigen Schleiern überzogen.
Milchige Nachspeisen kommen mir da wieder und wieder in den Sinn: Milchreis mit Früchten, eine Panna Cotta, eine Joghurtmousse, oder aber auch milchig-würzige Getränke wie Chai-Latte oder der gute alte Yogi-Tee.
Von diesem Sound ist auch ‚Chypre Shot’ durchdrungen, und diesen Sound muss man mögen um ‚Chypre Shot’ etwas abgewinnen zu können.

Ich, für meinen Teil, mag ihn, aber nicht immer.
‚Chypre Shot’ ist für mich kein Duft, den ich ständig tragen könnte. Manchmal, ja, denn er ist mal wieder ein guter Duchaufour, ein sehr guter, finde ich, aber ich gehöre auch zu den Chypre-Liebhabern.
Und Duchaufour, wie gesagt, kann Chypre. Ob er einstmals zu den großen Chypriers à la Roudnitska oder Chant zählen wird, sei dahingestellt, das wird die Zukunft zeigen, aber seine Bemühungen um eine moderne Interpretation dieser ziemlich alten und ziemlich totgerittenen Duftgattung sind doch erkennbar.
So hat er gezeigt, wie man – siehe sein sensationelles ‚Timbuktu’ – die Chypre-Idee auch gänzlich ohne Eichenmoos verwirklichen kann. Er hat aber auch gezeigt, wie mit einem modernen, quasi kastrierten, d.h. vom Allergen Atranol weitestgehend befreiten, IFRA-verträglichen ‚low atranol oakmoss’, in Verbindung mit Eichenmoos-Substituten wie Veramoss bzw. Evernyl durchaus ein sattes Chypre zaubern kann: et voilà – ‚Chypre Palatin’.

Und nun hat er es wieder bewiesen: Chypre geht noch immer.
Abseits der fruchtigen Chypres wie ‚Mitsouko’, der zitrisch-frischen wie ‚Diorella’, oder der grünen wie ‚Aliage’, verortet Duchaufour seine Chypre-Kreationen dabei eher im orientalischen Umfeld (‚Chypre Palatin’) oder im Bereich der Gourmand-Düfte (‚Chypre Shot’), mit orientalischem Twist. Vergleiche mit den genannten historischen Chypre-Großtaten drängen sich da nicht gar zu sehr auf.
Und im Grunde ist es ja auch unfair, alle Chypre-Düfte an ‚Mitsouko’ oder Chanels ‚Pour Monsieur’ zu messen: das ist, als würde man jede Sopranistin im Bereich Belcanto und Verismo mit Maria Callas vergleichen.
Tut man zwar, ist aber ungerecht.

Also, lieber erst gar nicht die Norma singen – eigene Wege beschreiten.
Das wiederum macht Duchaufour, mag man davon halten was man will.
Mir jedenfalls gefällt ‚Chypre Shot’. Auch die beiden anderen aus der Sepia-Reihe gefallen mir, dieser aber besonders.
Ich empfinde den Duft auch keineswegs als kakophonisch, wie manche meinen. Klar, eine Duchaufour-typische Vielzahl an Mitwirkenden bevölkert die olfaktorische Bühne – der Komponist greift seit einigen Jahren doch gerne in die Vollen. Das war nicht immer so, siehe seine Anfänge bei Comme des Garçons, aber nun liebt er eben die großen Ensembles.
Dabei ist ‚Chypre Shot’ keine große Amouage-artige Duft-Oper, nein, das Riesenorchester im permanenten Dauer-Forte ist seine Sache nicht. Dennoch schwirren ziemlich viele Stimmen durcheinander. Wohlabgestimmt natürlich und mit dem Duchaufour-typischen milchigen Weichzeichner verschleiert, aber doch viele Akzente setzend: floral, fruchtig, gourmandig, harzig, bitter, holzig, süß – alles da.
Nicht laut, aber sehr beständig und unglaublich lang anhaltend. Kein Wunder, der Duft ist, laut Hersteller, ein Extrait de Parfum, und so verhält er sich auch: dezent aber ausdauernd, dabei moderat abstrahlend. Noch am nächsten Morgen kann ich ihn problemlos auf der Haut wahrnehmen, nunmehr allerdings als weichen, vanille-betonten Orientalen, von nur noch ganz leiser Chypre-Bitterkeit unterlegt.

Den Begriff ‚Chypre’ trägt der Duft allerdings zurecht im Namen: ‚Chypre Shot’ ist durchweg ein originärer Chypre-Duft, vom würzig-floralen Auftakt bis zum orientalisch geprägten Finish.
‚Shot’ meint hier auch nicht einen ‚Schuss’ im Sinne von einem Vodka-Shot oder dergleichen, nein, der ‚Shot’ meint eine Fotografie, ein Bild ‚schießen’. Und ‚Sepia’ wiederum, der Name des Trios, soll in uns ein nostalgisch anmutendes, womöglich historisches Foto in Sepia-Tönen hervorzaubern.
Die ganze Reihe gewissermaßen als Reminiszenz an ein ‚Früher’, und selbst der lederbemantelte Flakon, mit seinem Loch in der Mitte, hat etwas von einer alten Lochbild-Kamera. Vermutlich möchte man unseren Blick, bzw. unsere Nase in eine sepia-getönte Vergangenheit wenden, sollen wir durch ‚Vanilla Shot’ in Richtung ‚Shalimar’ spähen, durch ‚Leather Shot’ in Richtung ‚Knize Ten’ und durch ‚Chypre Shot’ natürlich in Richtung ‚Mitsouko’.

Klappt das?

Na ja, ein bisschen schon, zumindest bei mir, nachdem ich mich nun länger mit diesem Duft beschäftigt habe. Auf Anhieb sah ich diese Zusammenhänge allerdings nicht – aber muss man immer sofort und wortwörtlich mit der Nase auf etwas stoßen, bzw. gestoßen werden?
Nein, manchmal macht es doch auch Spaß auf Entdeckungsreise zu gehen – gut möglich, dass man was Interessantes erschnüffelt.

Wie in diesem Fall.


26.09.2019 17:49 Uhr
19 Auszeichnungen

Patchouli-Liebhaber aufgepasst – dies ist ein Patchouli-Duft der besonderen Art!

Der zur Familie der Lippenblütler gehörende sogenannte Halbstrauch spielt ja in so manchen Parfums eine nicht ganz unwichtige Rolle, besser gesagt, in ganz vielen. Häufig ist Patchouli in den Basisnoten zu finden, meist im Zusammenspiel mit harzigen, sowie bitter-moosigen Noten und daher auch integraler Bestandteil fast jeden Chypre-Duftes, zumindest klassischer Bauart.

Manchmal drängt es aber auch in den Vordergrund, besonders seit die Hippie-Bewegung in der zweiten Hälfte der 60er Jahre die rohen Patchouli-Öle für sich entdeckte.
Die großen Parfum-Häuser reagierten recht schnell und aus dem schon so lange verwendeten, aber immer in zweiter oder gar dritter Reihe verharrenden Patchouli, wurde plötzlich in Düften wie ‚Gentleman’ von Givenchy oder ‚Aromatics Elixier’ von Clinique der Protagonist schlechthin.

Einige Jahre später durfte dieses so charakteristisch trocken-aromatisch-holzig duftende Blatt auch in orientalischem Umfeld reüssieren: Etros ‚Patchouly’ oder Mazzolaris gleichnamiger Duft seien stellvertretend für die vielen Patchouli-Soliflore genannt, die seit den 70er/80er Jahre fast jede umfangreichere Duft-Reihe diverser Hersteller zieren. Auch die ganz großen Häuser ließen sich schließlich nicht lumpen und kamen vor nicht allzu langer Zeit mit zwei vermeintlichen High-End-Patchoulis um die Ecke: Chanels ‚Coromandel’ und Diors ‚Patchouli Imperial’.

Der komplexe Duft dieses im asiatischen Raum beheimateten Halbstrauches scheint also auch nach so vielen Jahren, und allem Oud-Hype zum Trotz, eine offenbar dauerhafte Inspirationsquelle zu sein, die immer wieder neuartige Kreationen hervorbringt.
Santi Burgas ‚Palindrom II’ ist nun mal wieder so ein Patchouli-zentriertes Werk, das ich in gewisser Weise als neuartig empfinde, obwohl es doch nahezu alle bekannten Facetten des Patchoulis durchdekliniert: die holzigen, aromatischen, trocken-staubigen, fast knarzigen Nuancen ebenso wie die weichen und pudrigen – alles da.
Aber eben doch viel mehr.
Als liefe ein (Nasen-)Film in meinem Kopf ab: von weitem sehe/rieche ich die gruftig-erdigen Patchouli-Öle längst vergangener Kindertage (nebst den dazugehörigen Bildern) und je näher ich meinem mit ‚Palindrom II’ bedufteten Arm komme, desto deutlicher verwandelt sich der dunkel-muffige Grundton in Chanels seidig-schokoladiges Patchouli-Konfekt dieser Tage. Entferne ich meine Nase wieder ein Stück von meinem Arm, nehme ich das Knarzige, Ungehobelte wieder war, das viele ja auch so schrecklich finden. Direkt an meinem Arm aber duftet das Patchouli dagegen überaus feingliedrig und zivilisiert – ganz ‚Coromandel’-like eben, akzentuiert von feiner Würze und dezenter Süße.

Aber, Rodrigo Flores-Roux wäre nicht er selbst, hätte er diesem, seinem Werk nicht etwas mitgegeben, was er offenbar sehr schätzt - eine deutliche, aber für mein Empfinden recht dezente Animalik, und vor allem: Leder.
Rodrigo Flores-Roux liebt Leder. Nicht nur den Duft von Leder, in all seinen Schattierungen, er trägt es auch gerne.
Diesem Patchouli-Duft hat er einen leise animalischen Leder-Akkord zugrunde gelegt, der zwar keine Dominanz entwickelt – das Patchouli ist und bleibt das Zentrum des Duftes – ihm aber einen überaus erotischen Kick verleiht.
Vielleicht muss man einen gewissen Leder-Fetisch haben (den habe ich ;-) ...) um diese Kombination genießen zu können - facettenreiches Patchouli, Leder und Animalik sind wahrlich nicht jedermanns/frau Sache.
Doch gibt es durchaus deftigere Varianten, zumindest in Sachen Leder und Animalik, die selbst mir als hartgesottenem Leder-Liebhaber zu weit gehen: Montales ‚Oud Cuir d’Arabie’ wäre so ein Beispiel.

Nein, glücklicherweise ist ‚Palindrom II’ weit entfernt von solch derben Ziegenbock-Dünsten.: keine offensive Animalik, sondern vielmehr eine sinnlich-erotische Aura, zumindest für mich. Empfindlicher Nasen werden mir da vielleicht nicht ganz folgen können, aber – wie gesagt – auch ich liebe Leder, mit (fast) all seinen tierischen Ausdünstungen.
Dieser sinnliche Twist macht ‚Palindrom II’ zu einem ganz besonderen Patchouli-Duft für mich – einer mit derartig erotischen Vibes ist mir nämlich noch nie untergekommen. Und wollte ich einen vergleichbar erotisch-sinnlichen Duft finden, fiele mir zuerst ‚Musc Ravageur’ ein - obwohl in keiner Weise ähnlich duftend, empfinde ich ihn in der Basis ähnlich süchtig-machend erotisch.

Was noch zu berichten bleibt: ‚Palindrom II’ hat eine gute Ausdauer und nach anfänglich lautem Auftakt eine eher moderate Projektion. Die Entwicklung des Duftes verläuft dabei von scharf/hell-würzig über dunkel-würzig bis holzig-ledrig, ohne dramatische Wendungen und perfekt verblendet.
Der tiefschwarze, runde Flakon mit dem großen dunklen Holzdeckel (aus nachhaltiger europäischer Forstwirtschaft ist auf der Kartonage zu lesen – hört, hört, auch hier hält die Sustainability/Nachhaltigkeit Einzug!) passt wunderbar zum Inhalt, dem ich, müsste ich eine passende Farbe zur Beschreibung des Duftes wählen, nur das Label ‚Schwarz’ aufdrücken könnte.

Ach ja, der Leder-tragende, schnauzbärtige mexikanische Parfümeur trägt angeblich selbst diesen Duft:
„Rodrigo Flores-Roux was the most animated and excited when speaking to me about Santi Burgas Palindrome II, the scent he wears most often himself.“, weiß Michelyn Camen von ‚ÇaFleurBon’ zu berichten.

Ich finde, das passt.


18.09.2019 13:36 Uhr
19 Auszeichnungen
Wer Interesse an ‚Par Amour pour Lui’ hat, sollte für drei Duftnoten besonders empfänglich sein: kerniges Leder, aromatischen Tabak und strohiges Heu.
Diese drei Hauptakteure dominieren den Duft während seines gesamten Verlaufes. Allerdings betreten nicht alle zugleich die olfaktorische Bühne, sondern nach und nach. Zunächst eröffnet der Duft mit einem sehr prägnanten, würzigen Lederakkord, ohne jegliche Zitrus-Frische, nur mit etwas bitterer Bergamotte unterlegt: ‚Tabac Blond’, ‚Knize Ten’ und ‚Cabochard’ lassen grüßen!

Schon lange habe ich keine so markant dunkel-ledrige Eröffnung mehr gerochen – großartig! Ein Faible für besagte alte Leder-Recken sollte man aber schon haben, denn dieses Leder ist wirklich deftig, mit ordentlich Styrax und aromatischer Würze (Estragon!) akzentuiert. Kein feines Velours-Leder, kein beigefarbenes Wildleder und erst recht kein synthetisches Kunstleder, nein, dickes, gegerbtes Rindsleder, und zwar satt.

Hinter diesem furiosen Lederauftakt treten die beiden anderen Dominanten recht bald zutage. Gemeinsam intonieren sie einen reichhaltigen und langanhaltenden Dreiklang, der wunderbar harmonisch ist und trotzdem nicht in einen undefinierbaren Soundbrei mündet. Aromatischer Tabak, mit leichten Honigakzenten bleibt ebenso erkennbar wie die spröde Trockenheit des zwischen grasigen und holzigen Nuancen changierenden Heus, nebst der ledrig-knarzigen Würze des Auftaktes.
Letztere geht dann doch nach einer guten Weile ein bisschen die Puste aus, sodass das Tabak/Heu-Herz auf einer milder gestimmten, semi-orientalischen Basis aus feinem Sandelholz, harzigem Labdanum und dezent-cremiger Tonka-Süße zur Ruhe kommt.
Eine Spur Castoreum verlängert den ledrigen Nachhall bis zum Ausklang des Duftes und verleiht ihm zuletzt eine dezente erotisch-animalische Aura. Aber, keine Angst, diese leise Animalik erfordert eine gewisse Intimität mit dem Träger des Duftes und entfaltet ihre Erotik allein in allernächster Nähe.

Als ich ‚Par Amour pour Lui’ zum ersten Mal aufsprühte war ich augenblicklich begeistert: der berühmte Wow-Effekt. Zugleich aber dachte ich mir: das kenne ich doch! Und nach einigem hin und her schnuppern fiel es mir dann auch ein: ‚Or Black’ von Pascal Morabito, und zwar in der alten Fassung. ‚Par Amour pour Lui’ ist gewissermaßen eine Hommage an dieses Meisterwerk von Jean-Louis Szieuzac, das zwar eine große Reputation besitzt, aber leider kaum Verbreitung. Die Hommage erschöpft sich allerdings in einem recht ähnlichen Auftakt, dem würzigen Lederakkord, während sich im Folgenden die Düfte doch ziemlich unterschiedlich entwickeln – ‚Or Black’ eher in Richtung eines aromatischen Fougères, ‚Par Amour pour Lui’ dagegen in Richtung eines orientalischen Lederduftes, in der Nachfolge der schon genannten ‚Knize Ten’ und ‚Cabochard’.

Diese Bezüge zu den großen Leder-Klassikern macht Lucien Ferreros Duft daher eher zu einem neo-klassischen Werk, ähnlich den Kreationen von Vero Kern, oder neuerdings jenen von Antonio Gardoni, wie ‚Maai’ oder ‚Mem’. Sie alle bedienen sich aus dem Arsenal des klassischen Duft-Spektrums, unter Vermeidung sämtlicher modischer Anwandlungen – von Calone, Cashmeran, Ambroxan und Co. keine Spur.
Ein Duft wie Quentin Bischs ‚B683’ für Marc-Antoine Barrois wirkt dagegen sehr modern, sehr heutig, ‚Par Amour pour Lui’ im Vergleich fast gestrig. Beide: markant-würzige Lederdüfte, der eine 2016, der andere 2019 lanciert und dennoch liegen scheinbar Jahrzehnte dazwischen. Hier: jugendlich lässiger, durchaus modebewusster Charme, mit leichter Hipster-Tendenz, dort: klassische Eleganz und Distinguiertheit.
Diesen Old-School-Touch, oder besser: Retro-Charme, finde ich zwar großartig, kann mir aber vorstellen, dass er so manchen vielleicht ein wenig enttäuscht.
Ich sehe schon die Einwände: altbacken, 80er Jahre-Vibe, für den gesetzten Herren ab 50, und ähnliches mehr.
Ja, alles richtig, und auch wieder nicht.
‚Par Amour pour Lui’ ist ein stilvoll-eleganter Herrenduft, den ich in Sachen Auftritt und Habitus an die Seite von Patricia Nicolaïs ‚New York’ stellen würde. Beide vereint eine große Raffinesse in der Komposition (man riecht förmlich die Sorgfalt mit der die einzelnen Noten kalibriert wurden!) und ein eher formaler Chic, während sich intime Details erst in den Armen des Trägers liegend eröffnen.
Und ja, ‚Par Amour pour Lui’ ist wirklich ein Erwachsenen-Duft. Ob der erwachsene Mann dabei 30, 40, 50 oder älter ist, spielt keine Rolle, nur an jugendlichen Männer, geschweige denn an Jungs, kann ich ihn mir nicht vorstellen. Eine gewisse Reife und Eleganz unterstreicht er jedoch auf´s Beste!

Übrigens hat Lucien Ferrero schon einmal einen Duft mit vergleichbaren Eigenschaften kreiert: ‚Itasca’ für Lubin. Ein Duft von ähnlichem Format, allerdings gänzlich anderer, eher grün-holziger Thematik, während ‚Par Amour pour Lui’ durch Leder, Tabak und Heu eindeutig brauntönig duftet.

Auch die sogenannte Sillage entspricht eher der eines klassischen Gentleman-Duftes: stark im Auftakt, aber nur kurzzeitig raumfüllend, anschließend über eine sehr lange Weile nicht über eine Armlänge hinausgehend, um abends in einem ausgesprochen sinnlichen Hautduft zu enden.
So entwickelt der Duft zwar eine beharrliche, dem Träger nahe Präsenz, vermeidet aber dank mangelnder Süße und stylischer Synthetik eine für viele moderne Düfte so typische Ego-Shooter-Penetranz.

Ob er auch von Frauen getragen werden kann? Ja, sicher, vorausgesetzt die potentielle Trägerin hat ein Faible für trockene, würzig-holzige Lederdüfte mit maskuliner DNA.
Wie gesagt, ‚Cabochard’ ist nicht meilenweit entfernt.

Schön auch die Gestaltung des Flakons und der recht voluminösen Box: klassisch schlichte Eleganz. Von manierierter Verspieltheit oder gar verschraubter Exaltiertheit keine Spur - ganz dem Inhalt entsprechend.

Sollte ich diesen Duft mit nur einem Wort charakterisieren, und ich habe es jetzt schon oft genug benutzt, es könnte nur eines sein: klassisch!



31.08.2019 22:14 Uhr
31 Auszeichnungen
Eigentlich ist die Rose im Katalog der Edition de Parfums doch ganz gut vertreten: ‚Une Rose’, ein voller, saftiger Rosen-Soliflor; ‚Portrait of a Lady’, eine Rose von Patchouli und Weihrauch getragen, und – zwar keine Rose, aber der Duft von Geranium ist eng mit ihr verwandt – ‚Geranium pour Monsieur’, die rosig-minzige Frische für den Herren.

Nun also ‚Rose & Cuir’, ein Duft, der die Rückkehr von Jean-Claude Ellena in den Kreis der Parfumeure um Frédéric Malle markiert. ‚Angélique sous la Pluie’, ‚L’Eau d’Hiver’, und die beiden Bigarade-Düfte gehen auf sein Konto, ‚Rose & Cuir’ reiht sich da nahtlos ein: ein typischer Ellena, durch und durch.
Wie schon bei ‚Cologne Bigarde’, bzw. ‚Bigarade Concentrée’ schafft er es seine zentrale Note derart aufstrahlen zu lassen, nur leicht akzentuiert von frischen, grünen und dezenten hell-holzigen Akzenten, dass man gar nicht aufhören möchte an der bedufteten Hautstelle zu schnuppern.
Die Rose hier (eigentlich keine Rose, sondern erneut Rosengeranium, wie bei ‚Geranium pour Monsieur’) riecht derart natürlich – als hielte man seinen Kopf direkt in einen Strauß blühender Pelargonien.
Wow, das ist toll, ich liebe den Duft des Geraniums!

Aber, und das muss leider auch gesagt werden: sehr viel mehr gibt der Duft nicht her. Wer denkt, dass das Leder, der vermeintliche zweite Protagonist dieses Duftes, ein gehöriges Wörtchen mitzureden habe, der sieht sich leider getäuscht. Ledrige Nuancen sind da, ja, sie treten im Duftverlauf auch deutlicher zutage, aber letztlich spielen sie kaum eine größer Rolle als die fein ziselierten Spuren von Vetiver und Zeder.

Frédéric Malle schreibt dazu: „...vetiver and cedar forms an earthy bed of dark, mysterious leather with IsoButyl Quinoline at the center – an intensely bitter molecule, largely forgotten since its use in the daring perfumery of the Jazz Age.“

Mit IsoButyl Quinoline hat Germaine Cellier ihr sagenhaftes ‚Bandit’ angereichert und in ihrem Duft kann man es auch heute noch in all seinen bitter-ledrigen Facetten nacherleben – aber in ‚Rose & Cuir’? Na ja, gut, da ist es schon, und ganz zum Ende des Duftverlaufes hin rieche ich es tatsächlich einigermaßen klar. Aber die ersten drei bis vier Stunden habe ich mich immer gefragt: wo bitte ist das ‚Cuir’?

Ich denke, man darf nicht den Fehler machen – und den habe ich vermutlich gemacht – von überdeutlichen, alles durchdringenden Ledernoten à la ‚Knize Ten’ oder dessen Neuinterpretation, Marc-Antoine Barrois’ ‚B683’ auszugehen. ‚Rose & Cuir’ wartet schlichtweg nicht mit ihnen auf, zu sehr ist er der blühenden Frische des Geraniums verpflichtet.

Ein weiterer Duft an den ich denken musste als ich las, dass Malle einen Duft mit solch einem Namen lanciert, war das gute alte ‚Van Cleef & Arpels pour Homme’. Auch hier, eine kräftige Rose von satten Ledernoten umfangen – doch in welch x-facher Potenz!
Gut, ich hätte es ja wissen können: Jean-Claude Ellena ist, und bleibt wie es scheint, ein Meister der Sublimation. Unter seinen Händen gelingt alles viel feiner, luftiger und transparenter, ohne an Präsenz einzubüßen.
So auch hier: die Rose, bzw. das Geranium, ist weit von der satten Schwere der Rose in Fléchiers ‚Une Rose’ entfernt, ebenso wie das Leder, das nur den Hauch der Intensität der ledrigen Fonds von Bandit/VC&ApH ausmacht.

Vermutlich muss man doch zu einem alten Duft von Jean-Claude Ellena zurückgehen, um einen vergleichbar konstruierten und komponierten Duft zu finden: ‚Rose Poivrée’ für The Differnt Company. Auch hier ein wunderbar natürlich frischer Rosen-Akkord, von leicht pfeffrigen Nuancen, vor allem aber von ein paar deftigen Tröpfchen Zibetsekret markant charakterisiert. Später hat man die Zibetanteile deutlich reduziert, ungefähr auf das Maß, dass bei ‚Rose & Cuir’ heute das Leder einnimmt.

So weit, so gut. Man sollte eben wissen, dass ‚Rose & Cuir’ ein typischer Ellena-Duft ist. Mein letzter erworbener Duft der Editons de Parfums war ‚Music for a while’: ebenfalls ein Duft, der auf zwei Protagonisten setzt - Lavendel und Ananas – allerdings derart üppig und satt in Szene gesetzt, dass einem Hören und Sehen vergeht.

Nein, ein solches Kaliber ist ‚Rose & Cuir’ natürlich nicht. Dafür ein wunderbar strahlender, rosiger Geranium-Duft, mit fein sublimierter ledriger Basis, für Männer wie Frauen bestens geeignet und mit wirklich guter Haltbarkeit und angenehmer Projektionskraft gesegnet– das schon!



29.08.2019 22:24 Uhr
23 Auszeichnungen
Mit Weißblühern und mir ist das so eine Sache: ich liebe sie, aber tragen, nein.
So sehr assoziiere ich sie mit dem femininen Duftspektrum, dass es für mich als Mann unmöglich ist beispielsweise ‚Carnal Flower’ oder ‚Eau de Magnolia’ zu tragen. Oder sagen wir, fast unmöglich, denn manchmal, ganz privat, sprühe ich mir doch etwas auf und genieße die wunderbaren Blütenaromen.
Sieht man sich in den einschlägigen Foren um, so gibt es immer wieder Männer die behaupten, sie trügen diese Düfte ohne weiteres – begegnet ist mir allerdings noch keiner, und ich bin viel unter Menschen.
Na gut, kann ja noch kommen. Hier ist jedenfalls mal wieder einer, mit dem ich es wagen könnte: Arquistes ‚Boutonnière No 7’.

Die Gardenie (auch Knopflochblume genannt, frz. ‚Boutonnière’, wozu allerdings auch noch andere Blüten zählen, wie die Kamelie oder die Nelke, daher vermutlich No 7) ist ja so eine Art kleine Schwester der viel lauteren, indolischeren, mit mehr narkotisierendem Potential versehenen Tuberose.
Dennoch ist sie, wie gesagt, eine Schwester – daher: keine Entwarnung!

Früher trugen Herren im Sonntagsstaat zu besonderen Anlässen gerne mal eine solche Blüte im Knopfloch, quasi als Pendant zur damenhaften Brosche. In der Regel waren sie aus Seide gefertigt, aber vermutlich besaß nicht jeder so eine Seidenblume. Und so wird tatsächlich die ein oder andere Gardenie das Revers eines Herren in feinem Zwirn geschmückt haben.
Tja, damals. Heute wirkt das vielleicht ein bisschen zu dandyhaft.
Ich jedenfalls habe keine Seidenblume, dafür seit neuestem ‚Boutonnière No 7’.

Der Duft ist schon seit einigen Jahren auf dem Markt, allerdings ohne erkennbare Spuren hinterlassen zu haben – offenbar ist das Bedürfnis der Männerwelt nach einem Weißblüher-Duft nicht allzu stark ausgeprägt.
Die Kritiken waren nicht gerade zahlreich, aber überwiegend positiv, wenn auch nicht überschwänglich.
Wie gesagt, die Welt schien nicht auf einen maskulinen Gardenien-Duft gewartet zu haben.

Ich schon.

Warum ich ihn mir nicht schon damals zulegte – keine Ahnung. Die Düfte von Arquiste sind hierzulande nur sporadisch erhältlich und mein Interesse an der Duftwelt an sich nicht immer gleich dringlich. So dauert es eben manchmal seine Zeit, aber jetzt habe ich ihn mir gegönnt. Und es hat sich gelohnt: ein wirklich toller Duft!
Allerdings, und das ist absolut entscheidend: man(n) muss den narkotisierenden Duft der Gardenie wirklich mögen, denn dieser Blütenakkord steht absolut im Zentrum des Duftes. Alle anderen Noten akzentuieren ihn bestenfalls, treten aber nicht übermäßig in Erscheinung. Wie sie ihn aber akzentuieren - großartig!
Ein Hesperiden-Hauch vorweg, von grün-grasigem Veilchenblatt abgelöst, an helle Vetiver-Noten übergebend, um schließlich auf einem dezent moosigen Fond mit leisen Castoreum-Anklängen auszuklingen. Dieser Reigen umtanzt den zentralen Gardenien-Akkord, ohne sich auch nur eine Sekunde in den Vordergrund zu drängen. Dabei unterstreicht er konsequent die unsüßen Seiten des Blütenaromas, indem er eine Art klassischen Herrenduft-Rahmen schafft. Lässt man einmal die Gardenie beiseite und liest die Abfolge Bergamotte-Veilchenblatt-Vetiver-Eichenmoos-Bibergeil, so hat man in etwa ein Grundgerüst für einen recht modernen, etwas dandyhaften Herrenduft (siehe ‚Portayal Man’ oder ‚Hommage à l’Homme’).
Wenn, ja wenn nur die Gardenie nicht wäre!
Zum Glück aber ist sie da und macht diesen Duft dadurch zu etwas ganz Besonderem.

Vor Jahren schon ist Neil Morris mit ‚Flowers for Men – Gardenia’ schon etwas Ähnliches gelungen und ich nehme an, dass Rodrigo Flores-Roux diesen Duft sehr gut studiert hat. Dabei würde ich nicht soweit gehen zu behaupten, er habe ihn kopiert. Nein, die Unterschiede (soweit mein Probenrest des Morris-Duftes das noch hergibt...) vor allem in der Basis, sind schon erkennbar, Grundidee und Umsetzung aber doch verblüffend ähnlich.
In Sachen Raffinesse und Verblendung der Noten hat allerdings eindeutig der Duft von Flores-Roux die Nase vorn – wenn einer sein Handwerk versteht, dann er!

Witzig finde ich auch immer wieder wenn ich Fotos von Rodrigo Flores-Roux sehe, in Lederhose oder gar Lederhemd (er liebt Leder!), mit getrimmten Bart – ein richtig kerliger Latino-Typ – und mir dann seine vielen gelungenen Blütendüfte (zuletzt sein überaus blümeliger ‚Latino Lover’ für Carner) dazu denke: welch ein Kontrast!
An einem solch stattlichen Mannsbild kann ich mir einen Weißblüher-Duft wie jene, die er selbst geschaffen hat, durchaus vorstellen, aber an einem mitteleuropäischen Sommersprössler wie mir, hmm...

Na, ich probiere das mal.
Zum Glück hat der Duft zwar eine überdurchschnittliche Haltbarkeit, bleibt aber in Sachen Projektion in einem für mich ansprechenden Rahmen. Keine mir meterweit vorauseilende Duftwolke, dafür über viele Stunden ein überaus angenehmer, frischer, grüner, fast ein wenig salziger Vetiver-Blütenduft.
Zu Beginn trumpft die Gardenie natürlich schon auf, und das ist auch schön so, aber durch die fehlende Süße krallt sich der Duft nicht so in der Luft fest, sondern bleibt eher leicht und schwebend, wozu auch die grünen Nuancen des Veilchenblattes und des Vetivers beitragen.

Ob ‚Boutonnière No 7’ zukünftig vielleicht mehr männliche Träger finden wird, wage ich zu bezweifeln – zu lemminghaft ist das Verhalten der allermeisten Männer in Sachen Duft. Im Chor der wenigen dezidiert für Herren gewidmeten Blütendüfte, wird er aber sicher ein gewichtiges Wörtchen mitzureden haben.

Die Damen tragen ihn sowieso.


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