ProfumoProfumos Parfumkommentare

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13.08.2019 17:06 Uhr
10 Auszeichnungen
Als ‚Fou d’Absinthe’ 2006 auf den Markt kam, war ich von diesem Duft ziemlich unbeeindruckt.
Mir gefiel der Name, und ich mochte (und mag) zumindest Pastis, was ja nicht soweit von Absinth entfernt ist. Aber nicht nur Pastis oder Ouzo, auch Anis-Gebäck und alles mit Fenchelsamen aromatisierte – ich liebe diesen eigenwilligen und typischen Geschmack, bzw. Geruch, und weiß, dass es vielen anders ergeht.

Allein, ich fand gar keinen Anis oder Pastis in ‚Fou d’Absinthe’, was mich – ich erinnere mich noch ziemlich gut – nachhaltig enttäuschte, denn wie gesagt: der Name des Duftes hatte es mir angetan. ‚Fou d’Absinthe’ - irgendwie malerisch, verwegen und bizarr.
Das war der Duft aber nicht.
Stattdessen: gepflegte Barbershop-Langeweile.

So dachte ich 2006, und mit Fougère-Düften hatte ich damals ohnehin keinen Vertrag, war ich doch der Welt der Fougères, in die man als Mann geradezu hineingeboren wird, endgültig entwachsen und zu den Chypre-Düften aufgestiegen.
Zwischenzeitlich habe ich, meine Duftvorlieben betreffend, einen ziemlichen U-Turn hingelegt und bin ein großer Freund der einstmals geschmähten Fougères geworden, zumindest der klassischen und aromatischen Varianten, weniger der frisch-aquatischen und schon gar nicht der Ambrox-Fraktion.

So habe ich nun also ‚Fou d’Absinthe’ wieder entdeckt: der überschaubarer Rest in meiner alten Probe hatte die Jahre erstaunlich gut überstanden und die Parfümerie meines Vertrauens sogar noch einen neuen Flakon des mittlerweile recht rar gewordenen Duftes.
Und was soll ich sagen: ich bin ziemlich glücklich mit ‚Fou d’Absinthe’!
Ein wunderbar mit dunkler Würze aromatisierter Fougère-Duft (heute nehme ich auch die Anis/Fenchel-Noten wahr!), der zumindest auf meiner Haut und meinen Textilien eine fantastische Haltbarkeit besitzt, bei zugleich moderater Projektion. Ein typischer Gentleman-Duft eben: gemäßigt in der Lautstärke, den Damen, auch olfaktorisch, den Vortritt lassend.

Den Kommentaren zu ‚Fou d’Absinthe’ entnehmend, ist ja genau diese Dezenz für viele eine großes Manko: der Duft sei zu leise, verfliege zu schnell, sei kraftlos, etc.
Leise ist er, ja, aber verflogen noch lange nicht, zumindest nicht bei mir.
Besonders schön finde ich den Likör-artigen Auftakt, der mich immer wieder überrascht, und den ich jedesmal anders erlebe. Mal erinnert er mich an die Lebkuchenseligkeit eines ‚Jägermeister’, mal dringt die bittere Süße eines ‚Becherovka’ durch, und hin und wieder kommt mir tatsächlich ein herb-aromatischer Pastis in den Sinn. Auf jeden Fall wandeln sich meine Spirituosen-Assoziationen den Auftakt betreffend ständig. Eines aber ist er sicher: seeehr alkoholisch. Ein Schnaps zum Aufsprühen sozusagen, allerdings ohne berauschende Wirkung - dafür bleibt auch der Kater aus.

Leider ist dieser schnapsige Start nicht von langer Dauer und das gewürzlastige Herz dominiert zusehends das Geschehen. Dunkle und scharfe Akkorde geben dem Duft Weichheit und Biss zugleich, alles auf einem balsamischen, moosig-grünen Fond ruhend.
Manche erinnert dieser Fond an alte Rasierseifen, was ich sehr gut nachvollziehen kann, denn ich benutze selbst eine Seife der Marke ‚Gold-Dachs’, die tatsächlich etwas ähnlich riecht: pudrig, holzig und frisch-balsamisch zugleich.

Häufig wird der Duft auch als ‚grün’ bezeichnet, was es meiner Ansicht nach nicht ganz trifft, denn die Farbe Grün verbinde ich zwar mit den moosigen Aspekten (und auch mit Absinth), aber die holzigen Nuancen sind mindestens ebenso präsent, wie die pudrigen.
So trifft ein Bild, das jemand anderes zur Beschreibung dieses Duftes gefunden hat, den Charakter von ‚Fou d’Absinthe’ ganz gut: ...mit einem Rasierpinsel im Wald stehend. Ergänzend könnte ich mir vorstellen: ...vorher noch einen Absinth/Pastis gezwitschert und ein paar Lakritzschnecken in der Hosentasche.
Die bräunlichen Töne der Hölzer changieren hier mit dem Grün der Blätter und Moose, sowie dem Weiß des eingeschäumten Rasierpinsels.

Das alles ist weder spektakulär noch neu: aromatische Fougères wurden schon in den 70er Jahren mit Anisnoten angereichert – bestes Beispiel: ‚Azzaro pour Homme’.
Und trotzdem (auch wenn Luca Turin den Duft langweilig findet...) bin ich der Meinung, ‚Fou d’Absinthe’ hat genug eigenständigen Charakter und obendrein Charme, dass er uns hoffentlich noch lange erhalten bleiben wird.
Ein gutes Zeichen ist, dass ‚Puig’ – seit 2016 Inhaber der Marke ‚L’Artisan Parfumeur’ – das alte Portfolio zwar ausgedünnt, einen sehr großen Teil der meiner Ansicht nach wirklich wichtigen Düfte aber erhalten hat. ‚Fou d’Absinthe’ gehört zum Glück dazu, wie fast alle Düfte von Olivia Giacobetti, aber auch die ihres Nachfolgers: Bertrand Duchaufour.
Sonderlich präsent ist die Marke vor lauter ständig neu aufpoppenden Nischenfirmen leider nicht mehr – ein Schicksal, dass sich dieser Indie-Dino (1976 gegründet!) mit manch anderem Heroen aus der Frühzeit des alternativen Marktes teilt.
Aber hoffen wir das Beste: ‚Mûre et Musc’, ‚Timbuktu’, ‚Dzongkha’, ‚Tea for Two’, ‚Safran Troublant’ und sogar ‚Dzing!’, das Gerüchte zufolge längst eingestellt werden sollte – alle noch da. Und ja, auch ‚Fou d’Absinthe’.

Übrigens erinnert mich der Duft immer wieder an das viel später entstandene ‚Invasion Barbare’, ebenfalls ein dunkel getönter, stark aromatisierter Fougère, allerdings in ungleich höherer Potenz. ‚Invasion Barbare’ ist nämlich dermaßen präsent, dass man schier unter ihm begraben wird: kräftig, laut, mit unfassbarer Haltbarkeit und enormer Sillage, eben so, wie sich (fast) alle immer einen Duft wünschen.
Mir geht es da anders: ich bin ganz froh, wenn ein Duft nicht schon im Raum ist, bevor ich diesen betrete. Eine Abstrahlung von mehr als einer Armlänge empfinde ich eher als unangenehm und meinen Mitmenschen gegenüber als Zumutung.
Da kommt mir ‚Fou d’Absinthe’ gerade recht: eine Armlänge, dann ist Schluss. Und das auch schon nach gut einer Stunde. Was bleibt ist ein wunderbarer Hautduft, dem ich im Verlauf eines Tages immer wieder begegne.

Mir reicht das.


01.08.2019 18:41 Uhr
8 Auszeichnungen
Oh ja, wer möchte nicht dazu gehören, zu den ‚oberen Zehntausend’, zur ‚High Society’, oder wie meine Großmutter sagte: zur ‚Hautevolee’?!
Ehrlich gesagt, möchte ich nicht - oder nur ganz selten.
Dann aber würde ich mich ganz bestimmt nicht mit ‚Upper Ten’ beduften.

Es ist schon seltsam: da lanciert Lubin eine durchweg gelungene Reihe namens ‚Les Talismania’, beginnend mit ‚Idole de Lubin’, über ‚Korrigan’, ‚Akkad’ bis ‚Galaad’ – alles charakterstarke und ungewöhnliche orientalische Düfte – und schiebt dann einige Jahre später einen ‚Sauvage’/’Bleu de Chanel’-Klon hinterher, der weder in die Reihe passt, noch das Niveau seiner Vorgänger auch nur ansatzweise erreicht.
Dabei war es erneut, wie bei dem äußerst gelungenen ‚Korrigan’, das Team Thomas Fontaine/Gilles Thévenin, das diesen Duft entwickelte.
Und dass Thomas Fontaine großartige Düfte kreieren kann, das hat er zu Genüge bewiesen. Leider aber auch weniger großartige, wie beispielsweise das neue, ausgesprochen verzagte ‚Patou pour Homme’.

Auch ‚Upper Ten’ ist verzagt, und wie.
Keine Spur von Innovation, kein Mut zum Besonderen, kein Drang nach Individualität.
Ausgerechnet jene willensstarke Pioniere, die Amerika aufbauten und die man später die ‚Upper Ten’ nannte, ausgerechnet diese wackeren Männer und Frauen dienten als Inspirationsquelle für diesen Duft?
O-Ton Lubin: „Ohne Angst vor Hindernissen lebten sie jeden Augenblick ihres Lebens, als sei er der letzte.“
Mit ‚Upper Ten’?
Kaum zu glauben.

Lubins Duft versetzt mich olfaktorisch viel eher in eine x-beliebige Herrendusche eines Fitness-Centers, in der es tagein-tagaus nach derselben ‚For Men’-Duschgel-Melange riecht.
Nicht, dass das unbedingt schlecht sein muss. Das kann man mögen. Aber mein Fall ist es nicht.
Es ist ein bisschen so, als würde man alle Bilder der schönsten Gesichter übereinanderlegen, um das allerschönste zu finden, das Destillat alles Schönen sozusagen, nur um schließlich festzustellen, dass das allerlangweiligste dabei herausgekommen ist.
So geht es mir mit ‚Upper Ten’.
Natürlich ist der Duft gut gemacht! Er duftet schön würzig-pfeffrig, hat ein paar fruchtige Nuancen zu bieten, nebst modischem Ambroxan-Abgang, hat Ausdauer und gut austarierte Projektion.
Doch soweit, so gähn, so schnarch....

Seltsam auch, dass Luca Turin diesen Duft so preist. Ich kann ihm da nicht ganz folgen. Ähnlich wie vor Jahren bei seiner Hymne auf ‚Beyond Paradise for Men’ habe ich das Gefühl, dass ich an einem völlig anderen Duft schnuppere als er.

Aber gut, Geschmäcker sind verschieden.
Frei nach Wowi: ‚Und das ist auch gut so!’


30.07.2019 18:40 Uhr
14 Auszeichnungen
Auf dem schon seit vielen Jahren völlig überhitzten Parfum-Markt geschieht es selten, dass einer Neu-Einführung längere Aufmerksamkeit zuteil wird, als sagen wir mal, 1-2 Monate. Erst Recht, wenn der Duft nicht aus einem der etablierten Häuser stammt, sondern das erste Werk eines zunächst kleinen Nischen-Unternehmens ist, dass sich allerdings einen einstmals großen Namen gesichert hat: Lubin.

‚Idole de Lubin’ ist so ein Duft.

Mehrere Faktoren halfen ‚Idole de Lubin’ ungewöhnlich große Beachtung zu finden:

- eine profilierte, sehr erfolgreiche Parfumeurin, Olivia Giacobetti
- ein grandioser Flakon, Serge Mansau
- ein sehr, sehr guter Duft, nebst schönen Inspirationsquellen
- eine, wenn auch nur namentliche Verknüpfung mit dem alten ‚Idole de Lubin’ von 1962 (den allerdings kaum einer mehr kennen dürfte), als Brückenschlag zum Erbe des Hauses.

2005 kam er auf den Markt, vom Hersteller und in den einschlägigen Foren als Herrenduft bezeichnet, was aber schon damals einigermaßen Unsinn war, da er von Damen wie Herren gleichermaßen getragen werden kann, und wird.
Innovativ war er nicht wirklich: Düfte in denen Rum, Gewürz- und Fruchtnoten, sowie exotische Hölzer eine Rolle spielten, gab es schon früher zuhauf. Aber er hatte etwas, was die wenigsten Düfte haben: Charakter, oder modischer gesagt: ‚Personality’.

Seither ist ‚Idole de Lubin’ eine Art ikonischer Duft geworden, ein Duft, den sehr viel mehr Menschen kennen, als ihn tragen, und der dem wiedererrichteten Hause Lubin schon fast als Gründungsmythos dient. Ohne ‚Idole’ ist Lubin heute nicht zu denken.
Dabei verschwand die erste EdT-Fassung des Duftes wenige Jahre nach seiner Einführung und kurz nachdem eine EdP-Variante auf den Markt kam. Die Gründe hierfür waren nicht ganz erkennbar, aber ich vermute, dass den ein oder andere Inhaltstoff der Bannstrahl der IFRA traf und Lubin sich gezwungen sah, den Duft gemäß der neuen Richtlinien zu überarbeiten. Glücklicherweise ging Olivia Giacobetti höchstselbst ans Werk. Heraus kam eine zwar leicht überarbeitete, alles in allem aber doch recht identische Fassung ihres früheren Duftes.
Auch andere und weitaus größer Häuser, wie beispielsweise Chanel, sahen sich in dieser Zeit mit den gleichen Herausforderungen konfrontiert, sodass viele, viele ehemals als Eau de Toilette entwickelte Düfte zu Eau de Parfums mutierten, ohne dabei auffallend an Qualität einzubüßen – zumindest was Chanel betrifft, aber auch die Düfte von Patricia de Nicolaï, Etro, oder eben Lubin.

Vom 2005 erschienenen Originalduft habe ich zwar heute noch eine kleine Probe, aber wie das so ist mit gealterten Duftresten: sie vermitteln nur noch einen unzuverlässigen Eindruck vom einstmaligen Dufterlebnis.
Ich weiß allerdings noch, dass ich damals gar nicht so begeistert war. Rum-Gewürz-Düfte, seien sie karibischer Art, oder in ost-indischen Gefilden verortet, sprachen mich überhaupt nicht an, und tun es im Grunde heute noch nicht, obwohl meine Vorlieben vielfältiger geworden sind.
Vor kurzem aber fiel mir die alte ‚Idole’-Probe wieder in die Hand und ich sprühte mir vom verbliebenen Rest etwas auf. Irgendwie duftete es zwar nach ‚Idole’, aber eben doch so verändert, dass mir klar war: auf Grund dieser kläglichen Reste war eine Beurteilung des Duftes unmöglich.
Wenig später erwarb ich das wunderbare ‚Galaad’ und bat die Verkäuferin mir etwas von ‚Idole’ abzufüllen. Zuhause angekommen testete ich die Abfüllung und dachte sofort: ja, das ist ‚Idole’ wie ich es kannte, wie es mir in Erinnerung geblieben ist.

Unterschiede zum alten EdT mögen die entdecken, die noch einen Flakon mit halbwegs intaktem Inhalt des Originals haben. Ich habe leider nur meine Probenreste, und die sind schlichtweg unbrauchbar.
Eines ist die heutige EdP-Fassung auf jeden Fall: sie ist dem Charakter des alten EdT absolut verpflichtet und besitzt dieselbe Aura. Manche sagen, der Duft sei nun runder, weicher, andere wiederum beklagen genau das und vermissen die Ecken und Kanten.
Ähnliches wird auch immer wieder von ‚Sycomore’ berichtet, aber im Falle des Chanel-Duftes kann ich sagen, dass der neue nicht schlechter als der alte ist – ein klein wenig verändert, eben auch weicher und runder, aber das war’s.
Falls das neue ‚Idole’ sich qualitativ zum alten genauso verhält, wie das neue ‚Sycomore’ EdP zum alten EdT (was ich vermute!), kann ich nur sagen: Chapeau, die Arbeit hat sich gelohnt! Das EdP besitzt eine gute Ausdauer und die fruchtig-alkoholischen, holzig-rauchigen Noten, sowie die bittere Würze sind wunderbar ineinander verwoben.

Leider steckt ‚Idole’ aber nicht mehr in dem tollen alten Flakon, der von afrikanischer Maskenkunst inspiriert war, sondern in dem fast ebenso schönen neuen, den sich der Duft nun mit einigen anderen wie ‚Korrigan’, oder ‚Akkad’ teilt, und der mich immer an ein bezopftes, nach vorne schreitendes Männchen erinnert.
Beide Flakons wurden von Serge Mansau modelliert, dem vielleicht größten Flakon-Designer, den die Branche je sah.

Etwas aber irritiert mich erneut: so sehr die Etikettierung des alten EdT als Herrenduft Unfug war, sowenig nachvollziehbar ist die derzeitige Bezeichnung des EdP als Damenduft. Ich könnte mir allerdings vorstellen, dass ‚Idole’ nach wie vor, egal in welcher Version, eher von Männern als von Frauen getragen wird, was aber nicht heißen soll, dass der Duft eher in Richtung ‚maskulin’ tendiert. Nein, ganz ähnlich anderer Unisex-Ikonen wie ‚Bandit’, ‚Eau Sauvage’ oder dem schon genannten ‚Sycomore’, entzieht sich ‚Idole’ jeder Gender-Schublade. Nur in Sachen Hölzer, bitter-aromatischer Gewürze (Safran, Cumin & Co.) und hochprozentigem Schnaps, dürften die Herren der Schöpfung vermutlich einen Zacken schneller zur Stelle sein.

Eine Vermutung nur. Die Verkäuferin in der Parfümerie nannte ihn jedenfalls, nachdem sie den Flakon umdrehte, um die wichtigsten Noten zu entziffern, die auf einem kleinen handbeschriebenen Aufkleber auf der Unterseite aufgelistet waren, eher einen Herrenduft. Ich verneinte und ließ ihn mir dennoch einpacken.

Heute gefällt mir ‚Idole de Lubin’ so gut wie nie zuvor, und ein Fläschlein ziert nun mein ohnehin schon völlig überfülltes Regal...

Habe ich schon gesagt, dass es nur wenige Parfums schaffen zu einer Duft-Ikone zu werden?
Habe ich.



28.07.2019 12:51 Uhr
19 Auszeichnungen
Quentin Bisch gehört ja zu den neuen Shooting-Stars der Branche, und was man ihm wirklich lassen muss: er bemüht sich redlich um eine eigene, vor allem um eine moderne Handschrift. Das ist für jemanden wie mich, der, was Düfte anbelangt, von den Kreationen der 70er und 80er Jahre geprägt wurde, mitunter nicht ganz einfach.
Mit so heftig beklatschten Düften wie ‚Sauvage’ oder ‚Aventus’ kann ich rein gar nichts anfangen und wenn in irgendeiner Duftpyramide das Wörtchen ‚Ambroxan’ auftaucht, ist bei mir schon Feierabend.

Doch als ich kürzlich in einer meiner Lieblingsparfümerien den ersten für Marc-Antoine Barrois von Bisch kreierten Duft namens ‚B683’ stehen sah, da musste ich dann doch mal testen – trotz des bösen Wortes ‚Ambroxan’ in der Beschreibung.
Zunächst dachte ich: Wow, ein richtig toller Lederduft mit einem ertragbaren modernen Touch, aber dann, nach einer guten Weile, die Ernüchterung: Ambroxan! Dieses vermaledeite Zeug, das für mich noch jeden Duft ruiniert hat und irgendwie alles nach ‚Axe’ riechen lässt.... Schade, schade. (Ganz so schlimm ist der Duft dann doch nicht, doch davon mehr an anderer Stelle.)

‚Ganymede’ nahm ich dann schon ohne viel Hoffnung in die Hand, sprühte mir ein bisschen auf einen Teststreifen und dachte: aha, diesmal also Calone.
Zuhause angekommen, kramte ich den Streifen wieder aus meiner Hosentasche, roch erneut daran, aber das Calone war verschwunden. Stattdessen auf einmal: bitter-würziger Safran, eine Curry-ähnliche Note und helles Wildleder – das gefiel mir!
Am nächsten Tag wurde ich wieder vorstellig, sprühte mir etwas auf die Haut und war augenblicklich hin- und hergerissen. Wieder dieses tausendmal gerochene Calone, das wahlweise mit aquatisch oder ozonisch umschrieben wird und Wasser, Meer, Gischt etc. assoziieren soll – ‚Cool Water’ und seine Millionen Nachkommen lassen grüßen!

Hinter diesem wässrig-salzigen, luftigen Aspekt, blitzen aber bald fruchtige Nuancen hervor, untermalt von einem immer deutlicher werdenden hellen Wildleder-Akkord, der mich irgendwie an meine geliebten Wildleder-Clarks aus den späten 70ern erinnert...
Vor allem aber dominiert die vielschichtige, strenge Würze des Safrans das Geschehen im Zentrum des Duftes. Im Gegensatz zu ‚B683’ tendiert dieser würzig-ledrige Akkord aber nicht in eine dunkle, erdige Richtung, sondern ins glatte Gegenteil. Hier ist alles hell und gut durchlüftet.
Nach einiger Zeit tritt aus den Schatten des Fonds langsam eine im Vergleich zum Safran nicht weniger komplex duftende Immortellen-Note hervor, die mit ihren Curry-Nuancen wunderbar mit dem langsam verhauchenden Gewürz korrespondiert.
Dieser Strohblumen-Akkord hat es aber in sich, denn er wird von Quentin Bisch ohne jegliche Süße (Annick Goutals ‚Sables’!) herausgearbeitet und verströmt seinen knarzig-staubtrockenen, Heu-artigen Würzakkord, nebst schon erwähnten Curry-Anleihen eine unendlich lange Weile.
Ja, der Duft ist wirklich ausgesprochen ausdauernd und gerade auf diese Immortellen-Note bin ich mittlerweile schon mehrfach angesprochen worden - meist wenn ich sie selbst schon gar nicht mehr wahrnahm.
Zumindest von einem, der mich darauf ansprach, weiß ich, dass er ein großer Korsika-Freund ist und den Duft der Macchia liebt.

Noch am nächsten Morgen kann ich deutlich letzte Spuren dieser strohigen Trockenblüte entdecken und im Gegensatz zu manch anderem Duft, der gerne schon viel früher verblassen darf, da er mich doch ziemlich angestrengt hat, freue ich mich im Falle von ‚Ganymede’ darüber, denn der Duft strengt - mich zumindest – in keiner Phase an.

Ganz im Gegenteil. Quentin Bisch hat einen wunderbar präsenten, trotzdem nicht lauten Duft geschaffen, der einen schönen 3-aktigen Verlauf nimmt und dabei bestens kalibriert ist. Der ozonische Beginn, der ledrig-würzige Mittelteil und das Immortellen-Finish verschmelzen perfekt zu einem wirklich gut und sorgfältig komponierten Duft.
Beide, ‚Ganymede’ wie ‚B683’, sind dabei durch und durch moderne Werke. ‚B683’ mag, als genuiner Lederduft, noch gewisse Bezüge zu den großen Lederheroen der Vergangenheit haben, besonders zu ‚Knize Ten’ und ‚Cabochard’, aber bei ‚Ganymede’ finde ich diese Bezüge schon nicht mehr, oder nur in ganz geringen Maße. Das schon erwähnte ‚Sables’ fiele mir ein, aber nur der herausgehobenen Immortellen-Note wegen, ansonsten sind die Schnittmengen eher überschaubar. Oder das ebenfalls von Annick Goutal stammende alte ‚Eau de Monsieur’ aus den 80er Jahren, das aber viel zu sehr klassisches ‚Eau’ war, und dennoch einen ähnlich dominanten Strohblumen-Akkord im Fond aufwies.

Nein, ‚Ganymede’ ist meiner Ansicht nach ein kleines modernes Meisterwerk, das mich vielleicht gerade deshalb so begeistert, da ich den Glauben an die Fähigkeiten der modernen Parfümerie schon beinahe verloren habe.
Aber siehe da, es geht noch!

Auch der Name gefällt mir: ‚Ganymede’, der größte Jupiter-Mond, unter dessen Eisoberfläche ein riesiger Salzwasser-Ozean verborgen sein soll. Dieser Salzwasser-Aspekt ist im Duft ebenso wiederzufinden, wie die Macchia-geschwängerte Küstenluft Kretas, auf deren Bewohner die Sage von Ganymede und Zeus als einem Liebespaar zurückgehen soll, die in der Antike die Liebe unter Männer legitimierte.
‚B683’, der dem ‚Kleinen Prinz’ von Saint-Exupery entlehnte Fantasieplanet ist hierbei Jupiter/Zeus und Ganymed der Mond des Jupiter, bzw. der Liebhaber des Zeus ...
Wunderbar ineinander verschränkte Inspirationsquellen, oder?!

Kleiner Zusatz: der Sprühmechanismus ist fantastisch! Es gab in den 70er Jahren statt ‚Vaporisateure’ sogenannte ‚Atomiseure’, die den Duft ganz fein vernebelten. An diese ‚Atomiseure’ erinnert mich der Sprühmechanismus der Düfte von Barrois. Allerdings erreicht der in kleinste Partikel zerstäubte Duft diesmal tatsächlich die Haut und verhaucht nicht in alle Richtungen.


09.07.2019 14:28 Uhr
14 Auszeichnungen
Maai

Maai - Bogue

8.5
In einem ziemlich sehenswerten Interview des Youtubers Sebastian von ‚Smelling great fragrance reviews’ mit Antonio Gardoni, spricht dieser ausführlich über seine Düfte ‚Maai’, ‚O/E’ und ‚Mem’.
‚Maai’ bezeichnet Gardoni als :“... actually a battle between me and an idea I used to have about tuberose.“. Der Duft der Tuberose habe ihn schon früh fasziniert, aber auch verstört.
Das kann ich absolut nachvollziehen, geht es mir in Sachen Tuberose doch genauso.
Den fertigen Duft, der zunächst als Weihrauch-Duft konzipiert war, aber nachdem Gardoni auf ein spezielles grünes Tuberosen-Extrakt gestoßen war, zu einem Tuberosen-Duft mutierte (mit etwas Weihrauch im Background), bewertet der Parfumeur wie folgt: „...I don’t find it easy, still now, and still for me, I find it a bit of a conflictual one.“
Auch das kann ich nachvollziehen.

Ja, ‚Maai’ ist wirklich nicht ‚easy’ und steckt in der Tat voller Konflikte, innerer Spannungen und dramatischer Kontraste.
Vorallem ist ‚Maai’ aber ein ziemlich waghalsiger Ritt über alle Gender-Grenzen hinweg: von ‚butch’ zu ‚girlie’ und wieder zurück.

Der Auftakt entfaltet einen Tuberosen-Akkord wie er maskuliner kaum denkbar scheint: viele grüne und moosige, aber auch rauchige und fast Kampfer-artige Facetten stützen den dominanten und augenblicklich trompetenhaft durchdringenden Weißblüher.
Diese erste Phase des Duftes mag ich eigentlich am liebsten. Hier bekommt diese so narkotisch gut, aber auch so feminin duftende Blüte genau den maskulinen Rahmen, den ich mir immer gewünscht habe. Doch leider vollzieht Gordoni einen drastischen Szenenwechsel und biegt in der zweiten Phase des Duftes in Richtung einer überaus mädchenhaften Tuberose ab, begleitet von einigen Haarspray- und Bubblegum-Nuancen, die mich einerseits an das berühmt-berüchtigte ‚Poison’ von Dior erinnern, andererseits aber auch an Duchaufours ‚Nuit de Tubereuse’. Vermutlich ist es das Zusammenspiel mit weiteren Blüten wie Ylang-Ylang, Jasmin und Rose, sowie süße Fruchtakkorde die ‚Maai’ hier plötzlich so überaus feminin wirken lassen.

Doch Gardoni bereitet schon bald den nächsten, fast noch drastischeren Szenenwechsel vor: von der Girlie-Tuberose hin zum Macho-Lederchypre.
Ja, man glaubt es kaum, aber er kriegt das hin!
Zunächst verklingen die Haarspray und Bubblegum-Einsprengsel, und die Früchtchen werden immer reifer. Aus der Zuckerwatten-Süße wird die schwere, komplexe Süße von Trockenfrüchten, während im Fond immer deutlicher werdend eine deftige Castoreum-Basis das Kommando zu übernehmen beginnt.
Diese Castoreum-Basis, mit all ihren animalischen und ledrigen Nuancen, ist die am längsten anhaltende Phase. Ist die erste, die deutlich maskuline, schon nach ca. einer Stunde vorbei, die zweite, die Girlie-Phase nach wiederum ca. anderthalb Stunden, so bleibt die letzte Phase des Duftes über viele Stunden präsent.
Castoreum, Castoreum und nochmals Castoreum, ein Hauch Zibet, leichte holzige Aspekte und ordentlich Eichenmoos bilden das nicht enden wollende Finale.
Jetzt erinnert mich ‚Maai’ ganz besonders an einen anderen, im Fond ebenso von Castoreum dominierten Duft: an Van Cleef & Arpels ‚Pour Homme’ – ein Lederchypre par excellence.

Die vielen Vergleiche mit ‚Kouros’ kann ich hingegen überhaupt nicht nachvollziehen. ‚Kouros’ ist ein animalisch-aromatisches Fougère, das von Salbei, Honig und Zibet charakterisiert wird – eine völlig andere Richtung als diejenige, die ‚Maai’ einschlägt. Einzig die animalische Präsenz in der Basis verweist in gewisser Weise auf ‚Kouros’, allerdings nur insofern, als beide Düfte ihre animalischen Nuancen deutlich zur Schau stellen, statt sie verschämt einzubinden. Doch Kouros’ Animalik wird eindeutig von Zibet bzw. einer Parfum-Base namens ‚Animalis’ dominiert (findet sich sehr deutlich auch in Diors ‚Leather Oud’ wieder), während die animalische Komponente von ‚Maai’ nicht weniger deutlich von Castoreum (Bibergeil) bestritten wird. Bibergeil ist nun häufig Bestandteil vieler Lederchypres aus den 70/80er Jahren, und so zitiert ‚Maai’ weitaus eher Düfte wie das schon genannte 'VC&A pour Homme', Jil Sanders ‚Man Pure’ oder auch Chanels 'Antaeus', das zumindest in seiner Vintage-Fassung eine ebenso deutliche Castoreum-dominierte Basis besaß (heute leider kaum noch zu erkennen...).

Aufgrund dieser unerwarteten und mitunter abrupten Szenenwechsel bleibt ‚Maai’ für mich zwar ein einerseits spannender, andererseits aber auch ziemlich disparater Duft, den ich nur teilweise genießen kann.
Die erste Phase finde ich, wie gesagt, großartig, während der zweiten fühle ich mich eher unwohl, olfaktorisch in ein Mädchenkostüm gesteckt. Die dritte Phase dagegen ist für mich eine Art Throwback in meine Jugend, als ich mich an Castoreum-Düften nicht sattriechen konnte und selbst darin badete. Heute ist mir das ein bisschen zu viel des Guten, aber ich kann damit leben.

Wunderbar finde ich hingegen die scheinbar unlimitierte Verwendung von Eichenmoos – das habe ich lange nicht mehr so gerochen. Großartig! Scheinbar verwendet Gardoni hier zusätzlich zum limitiert verwendbaren Eichenmoos einen vollgültigen Eichenmoos-Ersatz, oder aber jenes neue von Allergenen befreite Eichenmoos, mit dem auch Thierry Wasser u.a. seit einiger Zeit arbeiten und das Düfte wie ‚Mitsouko’ nach langer Zeit wieder wunderbar (eichen)moosig duften lassen.
Wie auch immer, dieser Aspekt des Duftes ist fantastisch!

Was mir an ‚Maai’ auch gut gefällt, ist, dass der Duft im Gegensatz zu ‚Mem’ nicht gar so überinstrumentiert ist. Die Noten-Vielzahl ist einigermaßen überschaubar, der Duft nicht übermäßig beladen und von angenehmer, nicht erdrückender Textur (Mem).

Ob Gardoni allerdings mit seinen vielgepriesenen Düften die Nachfolge der leider verstorbenen Vero Kern antreten kann, wie vielfach zu lesen war, wage ich zu bezweifeln.
So interessant und toll duftend seine Kreationen mitunter sind, die Kunstfertigkeit der Schweizerin erreicht er nach meinem Empfinden nicht.
Vielleicht noch nicht, mal schauen...


25.06.2019 16:27 Uhr
16 Auszeichnungen
Mit dem Duft der Tuberose ist das ja so eine Sache: entweder man liebt sie, oder eben nicht. Kaum ein zweiter Blütenduft polarisiert derart und es gibt kein lauwarmes 'so lala'. Hitzige Verehrung oder kalte Verachtung, das ja.

Ich gehöre zu jenen, die den Duft der Tuberose lieben, ihn aber zugleich unglaublich anstrengend finden und ihn eigentlich nicht tragen können. Dabei hab ich es versucht. Das fantastische ‚Carnal Flower’ hab ich getragen, in kleinen homöopathischen Dosen zwar, aber immerhin. Allein, es klappte mit uns nicht. Der Duft kaperte mich, begrub mich und ich fühlte mich ausgesprochen unwohl. Auch ‚Cédre’ gab ich eine Chance, mit ähnlichem Ergebnis, auch mit ‚Tubereuse Criminelle’ erging es mir nicht besser, geschweige denn ‚Fracas’. Immer dachte ich: um Himmels willen, ich bin doch nicht die Bombshell à la Jean Harlow oder Mae West, zu der mich diese Tuberosen-zentrierten Düfte machen wollen. Nein, bin ich nicht, auch nicht ‚in drag’!
Dennoch: wie herrlich sie doch duften!!

Als die kleine und von mir sehr geschätzte Duftmanufaktur ‚Jardins d’Écrivains’ vor einigen Jahren ihren neuen Duft ‚Marlowe’ vorankündigte, war ich sehr erfreut, dass hier offenbar ein Duftkonzept verwirklicht wurde, nachdem ich lange suchte: einen Tuberosen-Duft, den ein halbwegs maskuliner Mann ohne Drag-Queen-Tendenzen gefahrlos tragen kann.
Seltsamerweise hatte ich dann irgendwie das Interesse verloren, meine Duft-Affinität erlahmt eben zuweilen...

Egal, jetzt ist er da, mit einiger Verspätung zwar, dafür duftet er ganz wunderbar auf meinem Handrücken.
Trotzdem muss ich gestehen, dass ich zunächst ein wenig enttäuscht war, denn als ich ‚Marlowe’ zum erstem Mal aufsprühte, war es nicht ganz der Duft, den ich erwartete.
Er war mir seltsamerweise auf Anhieb zu leise.
Das liegt nun sicher daran, dass ‚Carnal Flower’, ‚Tubereuse Criminelle’ oder auch ‚Fracas’ regelrechte Volltöner sind, die sich um Zurückhaltung nicht scheren. Gleich nach dem Aufsprühen füllen sie den Raum und noch Stunden später ziehen versprengte Blütenwolken durch die Luft.
Nicht so bei ‚Marlowe’. Die Tuberose, so omnipräsent sie auch hier ist, haut nicht gar so auf die Pauke und lässt ihren Mitstreitern tatsächlich Raum zur Entwicklung.
Zunächst sind das vor allem das fruchtige, an Aprikosen erinnernde Aroma der Osmanthus-Blüte, daneben einige strohig-säuerlich duftende getrocknete Blumen, aber auch schon die Harze von Elemi, Myrrhe und Labdanum. Eine zunächst etwas seifige Anmutung wandelt sich dabei in Richtung Basis zusehends in einen schönen Chypre-Ausklang mit leichten Leder-Nuancen, sodass man fast von einem Lederchypre sprechen könnte, einem Tuberosen-Leder-Chypre um genauer zu sein, denn die Tuberose ist tatsächlich in jeder Phase der Duftentwicklung präsent, ohne dass der Duft dadurch zu einer Art Tuberosen-Soliflor im Sinne der drei zuvor genannten Düfte würde.
Gerade das Zusammenspiel der Osmanthus-Blüte mit der Tuberose entlockt dem Duft dabei eine gewisse Haarspray-Note, die Dank der Harze bald ins Seifige tendiert, schließlich im Chypre-Fond zur Ruhe kommt und dabei auch ein wenig Süße entwickelt. Allerdings nicht viel Süße, nur etwas, ‚Marlowe’ ist ein eher trockener Duft.

Doch was hat das alles mit Christopher Marlowe zu tun?
Tja, einiges, aber das ist natürlich nur so ein Gefühl. Welcher Duft würde wohl zu einer so komplexen Persönlichkeit wie Marlowe sie war passen: des Stückeschreibers und Zeitgenossen von Shakespeare, des Spions und Homosexuellen, des Übersetzers von Ovid und Vergil, der gerade mal 29jährig ermordet wurde.
Ich finde, die Tuberose passt tatsächlich ganz gut – das Fanfarenhafte und Überrumpelnde des mächtigen Blütenakkordes steht gewissermaßen bildhaft für dieses turbulente Leben, das so jäh auf der Höhe seines Erfolges endete. Osmanthus, die getrockneten Blüten und die Harze geben dem Duft dazu einen altertümlichen Touch, tauchen ihn in das gelb-rötliche bis braune Farbenspektrum eines alten Gemäldes.

Ich finde, Anaïs Beguine hat mit ‚Marlowe’ einmal mehr einen wunderbaren Duft geschaffen, dessen Inspiration ziemlich stimmig ist.
Abseits von allem aufgeblasenen und gestelzten Luxus-Getues à la Roja Dove & Co. ist hier eine fantastische Reihe sehr, sehr guter Düfte entstanden, die überaus wertig sind - und noch dazu erschwinglich!
Chapeau und danke, Mme Beguine!

Noch ein paar Fakten: ‚Marlowe’ besitzt eine recht gute Ausdauer, bei moderater Projektion. Wie gesagt, der Duft ‚schreit’ nicht, wie Tuberosen-Düfte das gerne mal tun (was ich mittlerweile sehr zu schätzen weiß!).
Zudem ist er gleichermaßen für beide Geschlechter geeignet – ein ‚Eau Mixte’ wie Anaïs Beguine ihren Duft untertitelt.




12.06.2019 14:19 Uhr
19 Auszeichnungen
Aufgrund eines Inhaltstoffes habe ich jahrelang einen großen Bogen um diesen Duft gemacht: Cashmeran.
Mit diesem hell-holzigen, süßlich und moschusartig riechenden Duftstoff, der vorallem eines soll: Düfte kuschelig machen, konnte ich mich noch nie wirklich anfreunden Aber sowenig ich die Farbe Beige mag, mit dieser Farbe assoziiere ich Cashmeran, sowenig mag ich’s kuschelig – zumindest in olfaktorischer Hinsicht.

Nun habe ich aber irgendwo mal gelesen, dass Fréderic Malle (wie ja so viele!) Cashmeran ganz großartig findet, und dass er in Maurice Roucel einen Parfumeur fand, der ihm einen genuinen Cashmeran-Duft kreierte.
Roucel, ein Meister sinnlicher Düfte, man denke nur an ‚Musc Ravageur’ oder das EdC/EdP Duo von Helmut Lang, war vermutlich genau die richtige Wahl, diesen allseits, besonders in der modernen Herrenpafümerie, beliebten Duftstoff gebührend in Szene zu setzen.
Wie ein Bildhauer aus einem Marmorblock eine Skulptur meißelt, so entwickelte Maurice Roucel aus einem Block Cashmeran diesen so wunderbar poetisch lautenden Duft ‚Dans tes bras’. Dabei ist Cashmeran offenbar ein Stoff, mit dem sich seiner Komplexität und seines Facettenreichtums wegen sehr gut arbeiten lässt – so erklärt es jedenfalls der Meister persönlich.
Und da Roucel selbst ja das hauseigene ‚Musc Ravageur’ komponierte, lag es nahe, den neuen Duft in eine engere Beziehung zu diesem erfolgreichsten Malle-Duft zu setzen.

Sinnlichkeit gepaart mit deutlichen erotischen Vibes – Stichwort Moschus – sollte die gemeinsame Grundlage darstellen, allein die Darreichungsform eine völlig gegensätzliche sein: Extrovertiertheit hier (Musc Ravageur), Introvertiertheit dort (Dans tes bras).
Interessanterweise enthält ‚Musc Ravageur’ aber fast keinen Moschus, ‚Dans tes bras’ dafür umso mehr. Und so nennt Roucel ‚Dans tes bras’ auch folgerichtig sein eigentliches Moschus-Meisterwerk und eben nicht ‚Musc Ravageur’, den er als animalischen Orientalen mit starken Amber-Akzenten bezeichnet. Dennoch vermittelt ‚Musc Ravageur’ auf sehr direkte und erotische Weise die sinnlich-animalische Seite des Moschus, während ‚Dans tes bras’, wie der Name ja auch wunderbar bebildert, eher die stille, intime Seite hervorhebt.

Das Cashmeran-Moschus-Duo bildet nun das Zentrum und die Basis des Duftes. Da kuschelt’s gedämpft erotisch vor sich hin, dass es eine wahre Freude ist! Doch zum Glück sind noch andere Gäste zur Party geladen und durchkreuzen die heimelige Kuscheligkeit wo’s nur geht: rauchige Nuancen durchwabern die hell-holzigen Facetten des Cashmerans und einige florale Elemente sprießen fröhlich aus dessen Hauttönigkeit hervor, vor allem Veilchen, bzw. Veilchenblatt und Heliotrop. Ersteres bringt blumige Frische mit, während letzteres ein Mandel-artiges Aroma verströmt, das wunderbar mit den vanilligen Hautnoten des Cashmerans, sowie den Moschusakzenten harmoniert.
Hier erinnert mich ‚Dans tes bras’ sehr stark an Guerlains ‚Après l’ondée’, allerdings an ein ‚Après l’ondée’ auf Speed., denn das Heliotropin tritt in Malles Duft viel deutlicher und offensiver zutage als in dem wunderbaren, in pastellenen Tönen gehaltenen, leisen Duft von Guerlain.
Nein, pastellen sind die Farben des Maurice Roucel nun wirklich nicht, wie überhaupt der ganze Duft nicht wirklich leise ist, im Gegenteil. Er dreht zunächst ziemlich deutlich auf, wird dann zwar zunehmend leiser, besitzt aber eine gute Ausdauer und Präsenz. Auch hat er nicht die seidige, schleierartige Textur des Guerlain-Duftes sondern vielmehr eine fast kräftige, dichte Konsistenz. Wer in den Armen eines anderen liegt, hält schließlich keinen fein gewebten Seidenschal in Händen, sondern einen warmen, pulsierenden und festen Körper.
Hier unterscheidet sich ‚Dans tes bras’ auch wiederum von Roucels früherem Werk für Helmut Lang. Dessen EdC, bzw EdP gelten ja auch eher als Hautdüfte. Roucel berichtet über Helmut Langs Absichten: ‚He wanted the scent of his lover's sweat …erotic, musk, skin.’
So schön ihm das mit den fast schon legendären Helmut Lang-Düften gelungen ist, mit ‚Dans tes bras’ ist er einen entscheidenden Schritt weiter gegangen – hier duftet es nicht mehr ganz so frisch, adrett und sauber, hier schlummert die animalische Kraft im Verborgenen, subkutan sozusagen. Und das ist, finde ich, das Besondere an diesem Duft: die unterschwelligen erotischen Schwingungen, die diesen Duft mit einer leisen Erregung durchwirken.

So weit, so schön. Ein gelungener Hautduft, der mehr als die Reste eines verflogenen Parfums auf der Haut sein möchte, nämlich der Duft der Haut selbst, pulsierender Haut, von Erregung schweißfeuchter Haut, von Haut auf Haut.
Dabei ist ‚Dans tes bras’ natürlich nur die abstrakte Idee einer duftenden Haut, quasi der Idealfall wohlriechender Haut.

Doch was ist mit dem vermaledeiten Cashmeran?

Tja, ich muss gestehen, ich finde es hier gar nicht so schlecht. Maurice Roucel hat es geschafft dem blasse Beige einen dunkleren Teint zu geben, die vanillige Süße durch florale Kontraste zu bändigen, mithilfe salziger Beinoten sogar fast zu neutralisieren, und den hell-holzigen Noten durch feine Weihrauch-Schlieren etwas Charakter zu verleihen.
Großartig finde ich es immer noch nicht, aber vermutlich ist ‚Dans tes bras’ das Beste was diesem synthetischen und hybriden Stoff passieren konnte.

Auf die Frage welchem seiner Düfte Fréderic Malle etwas mehr Aufmerksamkeit wünschen würde, sagt er in einem Interview einmal: diesem hier.
Warum es ‚Dans tes bras’ von Seiten des geneigten Konsumentenpublikums an Aufmerksamkeit mangelt? Keine Ahnung.
Aber ich empfinde ‚Dans tes bras’ als intellektuellen, dabei nicht verkopften, überaus sinnlichen, für beide Geschlechter geeigneten Duft, der sich jedoch nicht gleich erschließt und sogar als sperrig empfunden werden kann.

Wer ihm eine Chance geben möchte: bitte mehrfach testen, es lohnt sich.
Der Duft wächst auf der Haut!



28.05.2019 19:19 Uhr
14 Auszeichnungen
Ja, der Duft ist toll.
‚Déclarartion’ war schon immer ein großer Duft (zumindest nach meinem Empfinden) und Mathilde Laurent, die Chefparfümeurin des Hauses Cartier, sieht es offenbar nicht anders, sonst würde sie nicht die DNA des Original-Duftes in all den von ihr kreierten Flankern so getreulich beachten.
Auch der Schöpfer des vor über 20 Jahren lancierten Duftes hält ihn nach eigenen Angaben für einen seiner besten.

Eine Hommage an ‚Eau d’Hermès’ sollte er sein, jenem frühen Meisterwerk Edmond Roudnitskas, das sein Schüler fast ein halbes Jahrhundert später neu interpretierte.
Anders als sein Lehrer, verortete Jean-Claude Ellena den Grundcharakter seines neuen Duftes eher in Richtung eines semi-orientalischem Chypre-Duftes und ließ die deutlichen Leder-Nuancen des Roudnitska-Duftes etwas in den Hintergrund treten.
Mathilde Laurent sorgt nun dafür, dass genau diese Leder-Noten wieder stärker zum Vorschein kommen, was allerdings nicht dazu führt, dass sich der neue Duft ein Stück Richtung ‚Eau d’Hermès’ rückverwandeln würde, nein, sie entwickelt ihn weiter in Richtung ihres eigenen Duft-Fingerprintes, und der ist vorallem durch die häufige Verwendung eines Duftstoffes gekennzeichnet, durch Cashmeran.
Mathilde Laurent liebt Cashmeran. In vielen ihrer Kreationen ist es in einer selten anzutreffenden Quantität erlebbar und entfaltet neben all seinen wunderbar duftenden Aspekten leider auch seine – zumindest für mich – unangenehmen Seiten.
Aber Mme Laurent ist nicht die einzige, die ihre Formeln mit einem Übermaß an Cashmeran anreichert: François Demachy hat beispielsweise auch sein allseits beklatschtes ‚Eau Sauvage Parfum’ (ebenfalls ursprünglich ein Roudnitska-Duft) damit beglückt, desgleichen Maurice Roucel sein ‚Dans tes bras’.
Mathilde Laurent selbst hat wiederum ihr eigenes ‚Roadster’ damit überladen, sowie den eigentlich wunderbaren Patchouli-Duft ‚L’Heure Mysterieuse’.

Cashmeran kann man nun ganz wunderbar finden, besonders wenn man süßlich-hell-holzige Nuancen in Verbindung mit einer entfernt Moschus-artigen Hautnote schätzt, aber man kann auch schnell von ihm genervt sein – genervt von all der synthetischen karamell-holzigen-Babyhaut-Flauschigkeit.
Seltsamerweise stört mich aber das Cashmeran in ‚Déclaration Parfum’ nicht ganz so sehr wie in dem Dior-Duft oder in ‚Roadster’, da die Basisnoten dessen hell-beige Süßlichkeit ganz gut in Schach halten. Dennoch ist es da, und leider deutlich erkennbar. Gerade der Vergleich mit Ellenas ‚Déclaration’ lässt es besonders hervortreten.
Momentan habe ich seinen Duft auf dem einen Handrücken und Mme Laurents Version auf dem anderen.

Für sich gesehen ist die Parfum-Version nicht schlecht: sie ist volltönend, entfaltet Volumen und eine üppig orchestrierte Tiefe, alles durchzogen von dem sattsam bekannten ‚Déclaration’-Sound, aber dunkler gestimmt, satter. Die heller tönende Brillianz, die Stahlkraft und Raffinesse des Originals erreicht sie aber nicht.
Das ist nicht weiter schlimm, befindet sich ‚Déclaration’-Parfum doch hier in recht beachtlicher Gesellschaft: denn ähnlich wie mit diesem vermeintlichen ‚Parfum’ (vermutlich eher ein EdP) verhält es sich bei anderen Schwergewichten wie dem schon genannten ‚Eau Sauvage Parfum’, aber auch ‚Hèritage Eau de Parfum’, ‚Dior Homme Parfum’, ‚Fahrenheit Parfum’, oder auch ‚PuH de Caron Impact’ – sie erreichen allesamt nicht die Klasse ihrer EdT-Vertreter.

Natürlich ist das alles Geschmacksache. Manche bevorzugen halt eher Duft-Boliden in modernistisch aufgeblähter Machart (Cashmeran, Ambroxan & Co...), aber mir ist das zu laut, zu SUV-like, zu viel Soundgenerator-Gepose....
Das originale ‚Déclaration’ auf meinem anderen Handrücken riecht einfach besser: frischer, strahlender, raffinierter. Die für viele so prekären Gewürze, Kardamom und ein Hauch Cumin, kommen besser Geltung und die später im ‚Cologne Bigarade’ zur vollen Schönheit gereifte Orange ist hier schon Ansätzen zu erleben. Alles in wunderbarer Balance und noch nicht Ellenas späterem Minimalismus-Gebot folgend über die Maßen eingedampft.
Aber eben auch nicht von Mathilde Laurents geliebten Cashmeran verbappt und verklebt. Wobei ich froh sein muss, dass nicht Mr Demachy den Duft in die Hände bekommen hat – vermutlich hätte er noch mehr Cashmeran und Ambroxan in die Formel gerührt und ihn zur Farce seiner selbst aufgepumpt.
Nein, ‚Déclaration Parfum’ ist zum Glück nicht zu einer Farce geraten sondern kann sich wirklich sehen lassen.

So weit, so la la...
Ein guter Duft, aber kein überragender.
Überragend ist und bleibt das alte ‚Déclaration’.

Haltbarkeit und Projektion sind gut, aber auch nicht besser als beim Original.
Und der Flakon ist leider genauso häßlich....


12.05.2019 15:28 Uhr
28 Auszeichnungen
Wer das einerseits herb-florale, andererseits aber auch grün-grasige Veilchenblatt schätzt, wird mit ‚Portrayal Man’ bestens bedient sein. Es steht absolut im Zentrum des Duftes. Vetiver verstärkt die frischen und grünen Aspekte, während Wacholder trockene Würze beisteuert und holzige, sowie ledrige Nuancen den Fond von ‚Portrayal Man’ bestimmen.

Der Duft ist eine Reminiszenz an ebenso Veilchenblatt-zentrierte Düfte wie Geoffrey Beenes ‚Grey Flannel’ (minus der strahlenden Frische), Diors ‚Fahrenheit’ (minus der Petrolnote) und Guerlains leider eingestelltes ‚Arsène Lupin’ (minus Guerlinade), allerdings ohne deren Charakterstärke und Raffinesse zu erreichen.
‚Portrayal Man’ ist nämlich ein ziemlich linearer Duft, der sich während des Verlaufes nicht sonderlich entwickelt.

Christopher Chong berichtet, dass der Duft als olfaktorisches Portrait der 20er Jahre zu lesen sei, inspiriert von einer Zeit dramatischen sozialen Wandels und der Menschen, die sich gegen die kulturellen Beschränkungen ihrer Zeit auflehnten. Der Duft sei eine Studie über die Geburt eines neuen Zeitalters und die Freiheiten die mit ihm kamen.
Na ja, ich würde sagen: typisches Marketing-Geschwurbel, das im Duft so gar keine Entsprechung findet.
Denn etwas Aufbegehrendes, Revolutionäres vermittelt ‚Portrayal Man’ nun wirklich nicht, vielmehr etwas Statisches, Steifes – keine ‚roaring twenties’, eher englisches Tea-Time-Biedermeier.

Mir kommen bei Herrn Chongs Worten auch eher Düfte wie Piguets ‚Bandit’, Molinards ‚Habanita’, oder auch Chanels ‚Bois des Îles’ oder ‚Cuir de Russie’ in den Sinn – Düfte, die den Hedonismus und das Aufbegehren gegen ein traditionelles Geschlechterbild eher wiederspiegeln als dieser neue Duft von Amouage. Wenngleich ihm eine gewisse Dandyhaftigkeit tatsächlich nicht abzusprechen ist: der Duft des Veilchens, bzw. des Veilchenblattes eignet sich allerdings auch gut dazu: floral-elegant, frisch und grün, dabei überhaupt nicht süß oder gar indolisch. Oscar Wilde oder Marcel Proust wären vielleicht die passenden Träger für ein Veilchen-Soliflor, aber sie waren typische Jahrhundertwende-Gewächse und keine Repräsentanten der zwanziger Jahre.

Aber sei´s drum.

Der verqueren Verlinkung zum Trotz, ist ‚Portrayal Man’ auch gar nicht schlecht. Aber eben kaum mehr. Er ist weder modern, schon gar nicht innovativ und hat obendrein kaum Raffinesse. Er überrascht nicht mit gewagten Kontrasten und kommt gänzlich ohne innere Spannung aus – kurz, irgendwie ein Langweiler, allerdings ein nicht schlecht duftender. Ist doch schon mal was...
Nur hätte ich mir einen solchen Duft eher im Katalog von Penhaligon´s vorstellen können, als in jenem von Amouage. Wobei ich gedanklich immer noch den alten Amouage-Düften von orientalischer Opulenz nachhänge: ‚Gold’, ‚Dia’ und ‚Jubilation’. Aber schon die letzten Kreationen des Hauses, ‚Imitation’, ‚Figment’ oder ‚Bracken’ hatten mit der ursprünglichen Duft-DNA so gar keine Verbindung mehr.
Egal, das Haus Amouage stellt sich eben breiter auf, möchte weltweit gleichermaßen getragen werden und ebenso weltweit ein Synonym für duftenden Luxus sein. Und Luxus muss ja auch nicht immer glamourös oder gar schrill daher kommen. Nein, es geht auch zurückhaltender, mit britischem Understatement sozusagen, mit ‚Portrayal Man’ zum Beispiel.

Haltbarkeit und Abstrahlung (ich vermeide tunlichst das Wort ‚Sillage’, weil es mich immer an Silage erinnert: stinkendes Gärfutter in der Landwirtschaft) sind Amouage-typisch absolut tadellos.

Fazit: gerne hätte ‚Portrayal Man’ etwas aufregender, mutiger, glamouröser sein dürfen, dem ‚Tanz auf dem Vulkan’ der zwanziger Jahre entsprechend. Hier aber herrscht steife, etwas altmodische Gepflegtheit.

Ganz nett, aber eben nicht mehr.


11.05.2019 21:24 Uhr
16 Auszeichnungen
Es gibt ein Video zu diesem Duft, das uns eine Geschichte über die Entstehung von ‚Music for a while’ erzählen will: zwei ältere Herren berichten hier, wie sie gemeinsam den Duft erarbeitet haben. Im Gegensatz zu dem Text, mit dem der Duft letztendlich auf der Webseite bzw. der Kartonage beworben wird, ist dieses Video tatsächlich aufschlussreich.
Ausgangspunkt war demnach: wir konzipieren einen Lavendelduft.
Und tatsächlich, im Portfolio der Editions de Parfums fehlt ein Lavendelduft. Überhaupt ist Lavendel ja gerade mal wieder ziemlich populär – Tom Ford haut einen Lavendelduft nach dem anderen raus, Chanel hat den wunderbaren ‚Boy’ lanciert, Bogue das heftig beklatschte ‚Mem’ und wo man hinsieht, poppen Lavendeldüfte auf.
Nichts dagegen, ich liebe Lavendel!
Dieser hier ist nun wirklich ein besonderer – eine Art ‚Lavendel-Fruitychouli’.

Doch zurück zu Carlos und Frédéric: Lavendel sollte also im Zentrum des Duftes stehen, getragen von einer Basis aus Patchouli, Vanille und Labdanum, und eingeführt von einem Hesperiden-Cocktail aus Mandarine, Bergamotte und Zitrone - die Roadmap war verfasst.
So weit, so gut, so unmodern.
Wie also dem recht klassisch geratenen Duftgerüst Modernität einhauchen?
Et voilà: die Ananas.
Creed’s Aventus lässt grüßen. Und der unglaubliche Erfolg dieses Duftes hat wohl auch die Herrschaften der Editions de Parfums staunen gemacht.

Gesagt, getan, und die beigefügte Ananas-Note steht nun ziemlich vorlaut im Zentrum von ‚Music for a while’ und konkurriert mit dem nicht weniger vorlauten Lavendel um die Vorherrschaft.
Als ich mir vor über einem Jahr, anlässlich der Einführung dieses Duftes, dessen Notenpyramide ansah, war es genau diese Ananas-Note, die mich sogar von einem Test abhielt. So sicher war ich mir, dass mir dieser neue Malle nicht gefallen würde.
Weit gefehlt.

Eher aus Langeweile habe ich ihn nun doch getestet und ich muss sagen: Wow, was für ein spannender, kontrastreicher und aufregender Duft!
Vermutlich hätte er mir auch ohne Ananas-Note gefallen, aber ich muss zugeben, dass es tatsächlich sie ist, die diesem Duft das gewisse Etwas, den besonderen Kick verleiht. Hätte ich wirklich nicht gedacht!
Dabei harmoniert der krautig-würzige Lavendel eigentlich so gar nicht mit der fruchtig-süßen Ananas. Aber irgendwie eben doch. So wie man Erdbeeren mit Pfeffer isst, oder eben auch Ananas mit frischer Minze – vermeintliche Disharmonien beleben das Ganze ungemein.
So auch hier. Durch die Anitpoden Ananas/Lavendel bekommt der Duft in der Tat eine innere Spannung, die phantastisch ist, allerdings auch den ein oder anderen, bzw. die ein oder andere überfordern dürfte.
So erkläre ich mir auch die heftige Abwehr, die diesem Duft teilweise entgegenschlägt, während viele ihn wiederum ganz großartig finden. Ein Duft der polarisiert. Interessanterweise aber nicht seiner vermeintlicher animalischer Anteile wegen, die sonst die Geister an so manchem Duft scheiden lassen, nein, einfach nur weil diese innere Spannung anstrengend ist, vielleicht auch zu anstrengend. Dabei mildert die Süße der Ananas die krautige Schärfe des Lavendels, während wiederum genau dieses Krautige den Duft davor bewahrt ins allzu Süße, Sirup-artige zu kippen.
So ist ‚Music for a while’ nun wirklich kein Nasenschmeichler, kein gourmandhaftes Lavendel-Dessert an alles vernebelnder Cashmeran-Tunke und - Gott sei´s gelobt - auch kein Lavendel-Ambroxan-Booster für Muckibuden-Gänger.
Nein, dieser Duft schmeichelt nicht und er kuschelt nicht – er fordert.
Er fordert gleich zu Beginn, wenn seinen beiden Haupt-Noten so unglaublich intensiv aufblühen. Komischerweise habe ich zunächst nur Ananas gerochen, während die Dame in der Parfümerie meinte, sie nehme nur Lavendel war. Als sie den Lavendel erwähnte, war er – zack – auch bei mir der da. Was für ein janusköpfiger Duft!!

Jetzt ist es so, dass ich tatsächlich auch zunächst Lavendel rieche – Lavendel ‚brut’ sozusagen, richtig fett und ungezähmt, mit all seinen würzigen Nuancen. Weit entfernt von der polierten Eleganz und Sanftheit des Caron´schen Lavendels. Aber schon kurz darauf durchdringen die herb-fruchtigen Aromen der Ananas den zuvor fast arrogant auftrumpfenden Lavendel.
Das schon erwähnte Hesperiden-Trio spielt hier allenfalls eine Nebenrolle, allerdings keine unwichtige, denn es bildet in der Anfangsphase eine Art Klammer zwischen den heftig widerstreitenden Protagonisten.

Seltsamerweise erinnerte mich ‚Music for a while’ schon gleich nach dem ersten Aufsprühen an einen völlig anders zu verortenden Duft: an ‚Mitsouko’. Auch hier der Kontrast von reifem, gelbfleischigem Pfirsich einerseits und bitter-moosigem Chypre-Background andererseits. Bei ‚Music for a while’ ist es nun zwar die Ananas, welche die beiden Fougère-Akteure Lavendel und Coumarin (auch Bestandteil des Duftes!) herausfordert, aber eben auch ein dominanter Fruchtakkord, der einen bitter-herben, bzw. krautigen kontrastiert.
Vielleicht ist daher die Einordnung als Lavendel-Fruitychouli auch nicht ganz richtig und ich sollte den Duft eher ein fruchtig-orientalisches Fougère nennen. Doch egal wie man´s dreht und wendet, der Duft bleibt schwer zu fassen – eben ein janusköpfiger Duft, dem man nie in beide Augenpaare gleichzeitig blicken kann, so sehr man sich auch bemüht...

Was den Namen des Duftes angeht: ja, in ihm ist wirklich Musik drin. Aber nicht die Musik Erik Saties, die das Video untermalt. Viel zu harmonisch und einlullend plätschert sie dahin. Nein, eher Musik aus dem Klangkosmos Arnold Schönbergs: aufregend, atonal und spannend.

Die Beschreibung des Duftes auf Webseite und Kartonage betreffend: schlicht Kokolores.
Beim besten Willen assoziiere ich diesen Duft nicht mit einem Frauenrücken, dessen herunterrutschender Pelz den Blick auf nackte Schultern freigibt. Das hätten die beiden älteren Herren wohl gerne!
Nein, viel eher sehe ich hier einen frisch gebarbershopten Hipster genüsslich eine Ananas mampfen – der Duft ist nämlich ziemlich maskulin, um nicht zu sagen: sehr maskulin.
Haltbarkeit und Abstrahlung sind – und das ist wirklich erwähnenswert – schlicht sensationell! Ich habe einmal den Fehler gemacht, zwei Sprühstöße von ‚Music for a while’ übereinander zu sprühen, so wie ich das häufig mit Düften mache, die nicht sonderlich ausdauernd sind. In diesem Fall aber ist die Wirkung verheerend. Der Duft hat nämlich eine unglaubliche Potenz und sollte daher sparsam Verwendung finden. Ein Blick auf den Flakon verrät auch warum: es handelt sich wohl tatsächlich um ein ‚Parfum’. Kein ‚Eau de Parfum’ wie ‚Musc Ravageur’ und auch kein ‚Eau de Toilette’ wie ‚Bigarade Concentrée’ – nein. Unmissverständlich steht ‚Parfum’ drauf, und ich glaube, Frédéric Malle flunkert nicht.
Zu dieser Duftkonzentration passt auch, dass ‚Music for a while’ eine sehr dichte Textur hat – der Duft ist kräftig und schwer, wie ein dicker Teppich. Der Anteil der Duftbausteine ist dabei zum Glück überschaubar, sodass der Duft aller Schwere und Dichte zum Trotz nicht überladen wirkt.

Ein letztes Wort: großartig!


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