RoninRonins Parfumkommentare

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Ronin vor 3 Jahren
8.5
Duft
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Haltbarkeit
8
Sillage
9
Flakon

Tubéreugembre Cologne (Meine Highlights 2017 3/3)
Mit "Twilly" schließe ich meine Kommentartrilogie ab zu den Düften, die mich 2017 am meisten beeindruckt haben. Ähnlichkeiten der drei? Nur oberflächlich. "Twilly" mag rosa und eher für junge Damen gedacht sein – das war es aber auch schon mit der Gemeinsamkeit mit "Mon Guerlain": kein süßer Gourmand, sondern "Twilly" ist von colognehafter Frische. Wie bei "Wode - Scent" ist im Zentrum des Parfums eine Tuberose – aber vollkommen anders inszeniert.

Tuberose kann Angst einflößen: süß, schwer, herrisch. Der Begriff "narkotisch" wurde vermutlich extra erfunden, um Tuberose zu beschreiben. Diese in einem Parfum prominent einzusetzen, ohne dass sie alles andere plattwalzt, ist schwierig. "Twilly" hingegen ist spritzig, hell, luftig. Wie geht das, ohne Tuberose herunter zu dimmen? Eine Möglichkeit ist es, eine Kopfnote zu wählen, die einen für Tuberose ungewöhnlichen Akzent setzt und ihn bis in die Basis weiter trägt. Und genau diesen Ansatz wählte Christine Nagel:

Der Start erinnert fast an ein klassisches Cologne - etwas Petitgrain und ich meine, Orangenblüte zu erkennen. Bevor aber irgendein 4711-Feeling aufkommt, geht das Petitgrain in einer satten zitrisch-würzigen Ingwernote auf. Diese gibt es dem Duft über einen Großteil des Verlaufs eine animierende, fröhliche Frische. Vermutlich hilft etwas Ambroxan, dass diese Frische bis in die Basis hineinreicht.
Ich bin mir nicht sicher, ob ich wirklich üppig-süße Orangenblüte rieche oder ob dies bereits die Tuberose ist – beides Weißblüher mit großer olfaktorischer Schnittmenge. Jedenfalls wird diese Blütennote schon nach kurzer Zeit cremig, geradezu sämig-buttrig - etwas, was die Tuberose auszeichnet und von anderen Weißblühern unterscheidet.
Diese Textur wird elegant aufgegriffen von einem cremigen Moschus, der die Basis prägt, trotzdem schon früh im Verlauf zu erkennen ist. Dieser Moschusakkord kommt weniger aus der sauber-aseptischen, pudrigen Weichspüler-, sondern eher der cremigen warme-Haut-Ecke.
Die holzigen Aspekte der Tuberose schließlich passen perfekt zu einer milchigen Sandelholznote in der Basis.
Tuberose kann ja ein ganz schöner (indolischer) Stinker sein - "Twilly" ist es aber nicht. Immerhin erinnert die Moschus-Sandelholz-Basis mit ihrer Körperlichkeit sanft daran, wozu Tuberose im Stande sein kann.

In Summe gibt es also zwei Linien in "Twilly": erstens eine süße, helle Tuberose, deren cremig-buttrigen Facetten mit Moschus und deren holzigen mit Sandelholz betont werden; zweitens zitrisch-würziger Ingwer, der als Kontrast zur Tuberose Spannung und Frische in den Duft bringt. Insgesamt entwickelt sich der Duft wenig, sondern behält sein Frisch-Blütig-Wechselspiel. Die Zusammenfassung klingt nach einem typischen Hermèsduft, der auch von Christine Nagels Vorgänger Jean-Claude Ellena hätte stammen können. Hätte er so aber nicht. "Twilly" ist zu sinnlich dafür. Ja, "sinnlich" ist ein problematische Wort zur Parfumcharakterisierung: viel zu oft werberisch verwendet, um irgendwelche banalen Wässerchen der verzweifelt partnersuchenden Kundschaft anzudrehen. Hier passt es aber zur Beschreibung mit dem ganzen Bedeutungsspektrum von "attraktiv" bis zu "mit allen Sinnen genießen". Vielleicht so: wer ein Ellena-Parfum riecht, stellt sich vermutlich vor, wie er sich zum Start des Parfumkreierens eine Skizze mit Bögen, Linien und Winkeln gemacht hat. So wirken oft seine Düfte. Christine Nagel hat wahrscheinlich das gleiche gemacht, eine Skizze mit Bögen, Linien und Winkeln, bevor sie mit dem Mischen der Ingredienzien begann. Aber ihre Düfte wirken nicht so.

Was ich mit sinnlich meine, zieht sich bisher durch alle Hermèsdüfte Nagels. Obwohl handwerklich an Ellena anschließend ist dies ein neuer Akzent. Das tut Hermès gut, das zwar seit 15 Jahre das innovativste der großen Häuser sein dürfte. Dennoch bestand in den letzten Ellenajahren langsam die Gefahr, sich um sich selbst zu drehen.

Schön, dass Hermès den richtigen Zeitpunkt gefunden hat, die Nachfolge zu regeln. Und das denke ich, als ausgewiesener Ellena-Fan.
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Ronin vor 3 Jahren
8.5
Duft
8
Haltbarkeit
7
Sillage
7
Flakon

Keltische Krieger im Kunstunterricht (Meine Highlights 2017 2/3)
Im Rückblick, welche Düfte mich 2017 am meisten beeindruckt haben, ist unter den dreien die geringste Überraschung wohl "Wode": laut bisherigen Kommentaren ein animalisches Biest von Geza Schön. Mit dessem typischen Stil kann ich sehr viel anfangen. Die Transparenz. Der sichere, elegante Pinselstrich, ohne dick aufzutragen. Dabei – im Unterschied zu den oft etwas arg apollinischen Parfums Jean-Claude Ellenas – cool und lässig. Was ich bisher noch nicht von Geza kannte ist ein dichtes, animalisches Machwerk. Nun habe ich eh eine Schwäche für animalische Parfums. Es mag Abstumpfung sein, aber Parfums, vor denen viele mit Hinweis auf Sekret, Exkret oder Exkrement schreiend davon laufen, finde ich meist nicht schlimm. Sondern interessant.

Und wie animalisch ist nun "Wode"? Zu animalisch? Und: funktioniert das, Geza Schöns transparenter Stil und viel Animalik? Also näherte ich mich den Duft von der Basis – und so ist auch der Kommentar strukturiert, von Basis über Herz zu Kopf. Obwohl – "Wode" zeigt keinen deutlichen Verlauf und alles ist immer zu riechen. Nur die Proportionen verschieben sich leicht.

Also: zu animalisch? Mitnichten. Harzig und dicht, viel Styrax und Labdanum. Animalisch? Für mich nur ein wenig. Ich würde sagen: menschlich. Dabei sehr tief, ohne wirklich in Gefahr zu sein, abzugleiten. Diesen Effekt der Tiefe, die gleichzeitig gehoben wird (ich kann es nicht besser beschreiben), habe ich häufiger bei Parfums mit viel Castoreum. Ich empfinde dieses kaum animalisch und das erklärt vermutlich die unterschiedliche Wahrnehmung des Ausmaßes tierischer Gerüche.
Wichtiges Element von "Wode" ist die Tuberose, und zwar kein überbordend süßes, sonst eher nettes Gabrielasabatinigabriellechanelletuberöschen, sondern eine TUBEROSE. Tuberose ist für mich der kaum zu bändigende, fast grotesk überzeichnete Weißblüher: süßkaugummiartiger als Orangenblüte, indolischanimalischer als Jasmin, dabei das Sämig-Dicke der Weißblüher geradezu wie rohes Fleisch wirkend. Dazu noch grün, holzig und an Autoreifengummi erinnernd. Man kann Tuberose herunterdimmen, einfach das Spielfeld überlassen ("Fracas") oder Kontraste setzen ("XPEC Original"). Oder man greift alle Aspekte der Tuberose auf, um damit etwas ganz anderes darzustellen.
Und so kommen wir zum eigentlichen zentralen Geruchseindruck von "Wode": Farbe. Zunächst dachte ich Ölfarbe. Dispersionsfarbe? Nein, auch nicht ganz. Sondern Deckweiß: die Tuben, die Teil der Tuschkästen meiner Schulzeit waren. Obwohl Kunstunterricht wahrlich nicht mein Lieblingsfach war, mag ich den Geruch sehr gern: angenehm synthetisch. Süß und frisch gleichzeitig. Schaue ich in die Pyramide, vermute ich, dass die gummiartigen Aspekte der Tuberose (also Autoreifen und Kaugummi) mit medizinischer Angelika und noch einigem anderen diesen Eindruck hervorruft. Die anderen Aspekte der Tuberose überlagern sich dann mit der harzig-holzig-animalischen Basis, ohne dass die ausgeprägte Blumigkeit und Süße überhaupt zu bemerken ist. "Wode" ist ein Parfum mit viel Tuberose. Aber kein Tuberosenduft, eben weil sie hier nur Mittel zum Zweck ist.
In Summe rieche ich Farbe plus harzige Basis. Und zwar ändert sich der Eindruck kaum über Stunden. Ist dieser Farbeindruck gewollt oder rieche ich das nur?
Ich denke ersteres. Julius Caesar höchstpersönlich bestätigt meinen Eindruck in seinen Ausführungen zu den Britanniern in "De Bello Gallico": "(…) omnes vero se Britanni vitro inficiunt, quod caeruleum efficit colorem, (…)" ("(…) Alle Britannier hingegen färben sich mit Waid blaugrün, wodurch sie in den Schlachten um so furchtbar aussehen; (…)"). Vitrum, zu deutsch Färberwaid, keltisch Woad, anglisiert Wode, war von Antike bis ins Mittelalter weit verbreitet. Daraus wurde mittels Fermentation unter Zusatz von Urin (animalisch, Castoreum, s.o.!) ein blauvioletter Farbstoff gewonnen. Ganz sicher war dies der blaue Farbstoff für Leinen, eignete sich aber auch als Holzschutzmittel für Innenräume. Die Verwendung zur Körperbemalung ist nicht gesichert, da es kaum Quellen außer Caesar gibt. Dies hielt aber weder Antoine Fuqua in "King Arthur" noch Mel Gibson in "Braveheart" davon ab, Kelten – egal, ob Britannier im 5. oder Schotten im 13. Jahrhundert – blaubemalt in die Schlacht zu schicken. Glauben wir nun Caesar, dann wäre das britannische Heer unter Führung Boudiccas bzw. Boadiceas, das 60 und 61 n. Chr. einen Aufstand gegen die römische Besatzung wagte, ebenfalls blaubemalt in die Schlacht gezogen. Und hätte wahrscheinlich nicht immer wie frisch geduscht gerochen.
Als "Wode" 2008 herausgebracht wurde, war Farbe und Färben das zentrale Thema der Präsentation: ein Flakon in Form einer Spraydose, die Variante "Wode – Paint" mit einem blauen Farbstoff versetzt, der sich erst nach einiger Zeit auf der Haut entfärbte. Und Geza Schön wäre nicht Geza Schön, wenn er dies nicht olfaktorisch übersetzt hätte in einen Geruch, der nicht Färberwaid entsprechen muss, sondern universell mit dem Eindruck "Farbe" assoziiert wird. Das ist ihm sehr gut gelungen, finde ich.

Kann man so ein Parfum überhaupt tragen? Ja, unbedingt. Es ist sehr ungewöhnlich, aber strengt nicht an und Geza Schön scheint ein Händchen dafür zu haben, dass auch Konzeptdüfte als normales Parfum verwendet werden können („Paper Passion“ z.B.).

Nur Mut. Und Unvoreingenommenheit.
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Ronin vor 3 Jahren
8
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"Tragen würde ich das Zeug auch nicht. Aber der Akkord ist genial!" (O-Ton Mark Buxton, könnte auch auf "Mon Guerlain" gemünzt sein) (Meine Highlights 2017 1/3)
Unter den drei Düften, die mich 2017 am meisten beeindruckt haben, ist auch "Mon Guerlain". Überraschenderweise. Ich mag keine Gourmands. Desweiteren sagt mir meine Erfahrung: Vorsicht bei rosa eingefärbten Parfums und - egal ob rosa eingefärbt oder nicht - bei solchen von Thierry Wasser, an guten Tagen akribischer Restaurator von Parfummeilensteinen, an schlechten der Richard Clayderman unter den Parfumeuren. Aber "Mon Guerlain" - obwohl ein rosa Gourmand von Thierry Wasser - ist richtig gut gemacht und gefällt sogar mir. Also, nicht an mir, aber an der schönsten Nase von allen.

Sehr gelungen finde ich, wie klar die Idee hinter dem Duft erkennbar ist, die sauber, ohne Kompromisse und Fehler, umgesetzt wurde. Hier wurde ein Gourmandduft kreiert, der eben nicht einfach nur eine generische Mischung bereits erfolgreich am Markt lancierter Düfte ist. Sondern es sollte erkennbar ein Guerlain sein: die typische Guerlain-Vanille, leicht rauchig und weich. Ein schöner Lavendel im Auftakt. Möglicherweise hat sich Thierry Wasser die "Jicky"-Formel angeschaut und - sehr modern - alles gestrichen, was nicht benötigt wurde. Übrig blieb der Dreiklang Lavendel, Jasmin und Vanille. Der Rest ist Beiwerk: eine Spur Bergamotte kitzelt die Frische des Lavendels hervor. Coumarin rundet die Vanille ab.
Spannend finde ich die Jasminnote: die hat nun so gar nichts mit der fleischigen, indolischen in "Jicky" gemein, sondern erinnert frappierend an den hyperrealistischen Jasmin in "Le Jardin de Monsieur Li". Mit hyperrealistisch (wir können gerne diskutieren, ob 'impressionistisch' auch passend sein könnte) meine ich, dass hier nicht nur der Duft des Jasmins, sondern die Atmosphäre eingefangen wird: blühende Jasminbüsche in strahlendem Sonnenschein. Das Strahlende, Leuchtende wurde von Jean-Claude Ellena bei "Le Jardin de Monsieur Li" unter anderem durch eine hohe Hedion-Zugabe erreicht. Gleichzeitig wurde das Üppige und Animalische zurück genommen. Bei "Mon Guerlain" ist in der Pyramide Paradisone angegeben, eine besonders hohe und potente Hedion-Qualität. Und so wird auch hier der Jasminakkord aufgelockert und zum Strahlen gebracht. Das ist meines Erachtens sehr wichtig für dieses Parfum, ansonsten wäre es bereits zu breit und dumpf für das, was jetzt noch passiert: der gesamte Duft wird mit einer dicken Schicht Ethylmaltol-Puderzucker bestreut. Ist ja schließlich ein Gourmand. Ohne das Strahlende des Jasmins wäre nach der Puderzuckeraktion "Mon Guerlain" viel zu klebrig und dicht. Ohne Luft. So ist der Duft allerdings bei aller Süße trotzdem in sich stimmig, ausgewogen und macht nicht müde beim Riechen.

Nichtsdestotrotz stellt sich die Frage, ob es sich Thierry Wasser mit diesem Zuckerzusatz nicht etwas einfach gemacht hat, um eine beliebige Beliebtheit zu erreichen. Nicht umsonst wird Jean-Claude Ellena zitiert mit “It’s easy to add sugar!”. Hier könnte Monsieur Wasser aber zurecht einwenden, dass die Kritik an Ethylmaltol darauf beruhe, dass damit vermeintlich nur Düfte erschafft werden könnten, denen die Spannung fehle, auch bei häufigem Tragen interessant zu bleiben. Das gilt für "Mon Guerlain" trotz dessen großzügiger Verwendung nicht: dank dem Kontrast der klar abgegrenzten Noten und der Balance aus Strahlkraft und (heftiger) Süße bleibt dieses Parfum spannend, wie die schönste Nase von allen - wahrlich kein Gourmandfan - auch nach Monaten des Testens bezeugen kann. Desweiteren richtet es sich nun einmal primär an die Generation Cupcake, für die "Angel" schon immer da war, irgendwie normal und keineswegs eine kariöse Attacke der Nasenschleimhaut.

Ein Aspekt gefällt mir an "Mon Guerlain" besonders, der doppelte Spagat zwischen Mode, Moderne und Tradition: ein Duft,
der den aktuellen Quietschsüßgourmandtrend mustergültig bedient,
der - mit seiner Reduktion auf das Wesentliche und Herausarbeiten von Kontrasten - eine sehr moderne Formensprache wählt und
auch einen Bezug zu den klassischen Guerlains herstellt.

Das tut der ganzen Marke gut, denn entweder waren Wassers Guerlaindüfte bisher modisch oder passten zu den Klassikern des Hauses, nie beides. Modern waren sie eigentlich nie. Weiter so, Monsieur Wasser!
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Ronin vor 4 Jahren
8
Duft
6
Haltbarkeit
8
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Kein Sonntagsbraten. Kein Gin. Wacholder.
Wacholder ist ein spannendes Gewürz:
Fruchtig in die Zitrusrichtung gehend.
Bitzelig-frisch wie Nadelholz, nur nicht holzig.
Eine kühle Würze, ohne krautig zu wirken.
Warme Facetten, die im Kontrast zu den genannten kühlen Aspekten stehen.

Also komplex, damit auch sperrig und beim Kochen gar nicht so einfach einzusetzen. Passt gut zu Sauerkraut. Die wahre Bestimmung scheint allerdings der klassische Sonntagsbraten zu sein, egal ob vom Schwein oder Wild. Hier ist die Komplexität hochwillkommen, die Schmoraromen dämpfen die Sperrigkeit.
Mengenmäßig bedeutender ist vermutlich die Aromatisierung von Spirituosen mit Wacholder, nicht erst seit dem Gin-Tonic-Revival der letzten Jahre.

Es gibt einige Parfums, die mit Wacholder als Note solch einen Gineindruck erzeugen, ob nun Oliver Cresps "Juniper Sling" oder gefühlt jeder zweite Geza-Schön-Duft. Ich mag das sehr, habe nur immer Bedenken, ob mich dieser Spirituoseneindruck vom Tragen bei der Arbeit abhalten sollte.

"Onde Sensuelle" nun ist fraglos ein Wacholderduft. Mit der Neugier, ob uns auch Bertrand Duchaufour einen Gincocktail kredenzt, näherte ich mich dem Duft an. Und roch zunächst vor allem Rhabarber. Schnell wird aber Wacholder dominant mit all den oben beschriebenen Aspekten, die noch jeweils mit anderen Noten verstärkt werden: das Bitzelig-Frische mit dem erwähnten Rhabarber, das Fruchtige mit einer saftigsüßen, bis in die Basis zu riechenden Mandarine, die kühle Würze mit Kardamom. Bereits früh im Verlauf wird der Duft wärmer durch Safran ohne dessen manchmal präsente Staubigkeit. Das ganze ruht auf einer warmen, fluffigen Moschusbasis, die gerade so unsauber ist (animalisch wäre übertrieben), dass sie nicht zu klinisch wirkt. Weiterhin ist die Basis gleichzeitig warm und frisch, so dass ich auf eine kräftige Ambroxandosis tippe, die diese eher widersprüchlichen Charakteristika miteinander vereinen kann.
Diese Kombination des Wacholders mit Noten, die sich mit dessen Geruchseindruck überlappen, führt zu einem spannenden Effekt: wenn ich "Onde Sensuelle" beiläufig rieche, bemerke ich als einzige Note Wacholder. Konzentriere ich mich hingegen auf das Parfum, nehme ich die Wacholderaspekte getrennt voneinander wahr – ein fruchtiger Mix mit Mandarine, ein frischer mit Rhabarber, ein kühlwürziger mit Kardamom und ein warmer mit Safran-Moschus – und durch dieses Auffächern erkenne ich den Wacholder gar nicht mehr als solchen. Ein wenig wie Heisenbergs Unschärferelation. Das mag jetzt anstrengend klingen, ist es aber gar nicht. Ganz im Gegenteil: dadurch bleibt "Onde Sensuelle" abwechslungsreich und ich scheine mich auch nicht so schnell an den Duft zu gewöhnen.
Eine weitere, nicht zu unterschätzende Folge dieser Kompositionsart: ich habe nie den Eindruck, eine Ginfahne zu haben. Oder ein Sonntagsbraten zu sein.

Und das ist nicht das Schlechteste für einen Wacholderduft.
7 Antworten

Ronin vor 4 Jahren
9.5
Duft
9
Haltbarkeit
8
Sillage
6
Flakon

Den inneren Resetknopf drücken.
Meinem liebsten Weinversandhändler halte ich nun schon über 15 Jahre die Treue. Dadurch habe ich Weine kennen gelernt, die ich sonst nie und nimmer entdeckt hätte. Die besonders ungewöhnlichen Weine werden von ihm gerne mit dem Kommentar versehen “Bitte drücken Sie Ihren inneren Resetknopf, wenn Sie diesen Wein probieren.” Und tatsächlich: Weine, die nicht gängigen Konventionen oder Geschmackserfahrungen entsprechen und deswegen als schwierig, kompliziert, unnahbar gelten, müssen überhaupt nicht schwierig, kompliziert, unnahbar sein. Wenn man sich komplett offen, ohne ein krampfhaftes Vergleichen- oder Einsortierenwollen auf sie einlässt. Es gibt natürlich auch Weine, bei denen der Genuss noch größer sein kann, wenn gerade nicht auf den Resetknopf gedrückt wurde - ein “Reintrinken” kann bei roten Bordeaux z.B. nicht schaden.
Das gleiche gilt auch für Parfum: Düfte von Divine, Oriza L. Legrand, Roja Dove oder Patricia de Nicolaï erschließen sich leichter (und gefallen im Zweifelsfall besser), wenn die großen Guerlains, Cotys, Chanels oder Carons mal gerochen wurden. Bei Geza Schöns Parfums hingegen ist das Betätigen des Resetknopf angebracht - bevor Verzweiflung einsetzt, weil partout das Raster Chypre/Fougère/Oriental/etc. nicht passt. Noch nicht mal einen gescheiten Verlauf haben die meisten seiner Düfte.
Man sollte auch lieber ausblenden, was Teile des Fachhandels (“Mephisto”) oder seiner Kolleginnen und Kollegen (“unglaublich talentiert”, “Inspirationsquelle”) so von sich geben. Bei der Dramaerwartungshaltung kann sich ja nur Enttäuschung bei Geza Schöns grundentspannten Kreationen einstellen. Nicht nur bei “Pussy Deluxe”.

Ich habe beim ersten Test versucht, den Resetknopf zu drücken. Ganz konsequent hätte ich auch die (wohl die tatsächlich enthaltenen Duftstoffe nennende) Duftpyramide ignorieren sollen. Hat nicht ganz geklappt.
Das Parfum startet mit rosa Pfeffer und viel Zitrus, v.a. Limette. Wacholder sorgt dafür, dass - typisch für Geza Schöns Parfums - der Eindruck eines Gincocktails entsteht. Limette, rosa Pfeffer, Wacholder - genau wie der Start des "Escentric 01". Wirkt hier aber deutlich anders.
Weicher. Viel, viel weicher.
Fruchtiger, belebender rosa Pfeffer, aber nicht prickelnd scharf.
Saftige, frische Limette, aber nicht beißend sauer.
Recht schnell ist der pflanzliche Moschus (Ambrettesamen) der Basis zu riechen. Unter allen Moschusarten ist dieser mein liebster: eher cremig als pudrig und mit Aspekten vollreifer, fast schrumpeliger Äpfel. Castoreum sorgt dafür, dass die Moschusbasis nicht zu klinisch sauber wirkt. Es ist nur eine Spur Castoreum, die nicht heraus zu riechen ist und "Geza Schön" ist weit davon entfernt, animalisch zu duften.

Die bisher skizzierten Duftnoten setzen aber nur den Rahmen. Das Zentrum dieses Parfum ist frisches, strahlendes und cremiges Wohlgefallen. Ich kann es nicht besser beschreiben; denn das, was ich vor Nase habe, ist ein vollkommen abstrakter Duft:
Fruchtig, aber nicht aufzudröseln, aus welchen Früchten außer der Limette dieser Eindruck zusammengesetzt ist.
Frisch ohne Morgentau, Meeresbrise oder kalter Stein.
Warm ohne Süße oder Weihnachtsgewürze.
Cremig ohne Nivea, Penaten oder Sonnencreme.
Hell und strahlend ohne erklären zu können, was ich damit eigentlich meine.

Ist der Duft holzig? Nicht wirklich, wobei in der allerletzten Phase, beim Verblassen, eine feine Sandelholznote zu erkennen ist. Rieche ich Iso E Super? Fluch des Pyramidelesens, ich bin unsicher. Manchmal meine ich es zu erkennen, manchmal nicht. Wenn, dann ist es sicher das, was Geza Schön exklusiv bekommt, also das im Vergleich zu sonstigen Iso-Qualitäten weichere und weniger holzige Iso gamma Super. Egal, ob ich es nun wahrnehme oder nicht: "Geza Schön" ist nicht "Escentric 01", also kein Duft, der Iso E Super als selbständige Note prominent betont. Hier ist dieser Duftstoff Teil besagten Wohlgefallen-Akkords. Hedion in hoher Konzentration hat etwas Strahlendes und kann Fruchtnoten weit in einen Duft hineinragen. Helional kenne ich eigentlich nur in Kombination mit Calone in aquatischen Düften. Alleine soll es nach frischem Heu riechen, auch grün und harsch. Wenn ich mir vorstelle, Hedion, Helional und Iso E (oder gamma) Super miteinander zu kombinieren, dürfte etwas ganz schön Hartes dabei herauskommen. Das ist der Wohlgefallen-Akkord aber ganz und gar nicht, sondern cremig. Die Cremigkeit steuern dann wohl die restlichen Ingredienzien bei. Geza Schön sagte in einem Interview, der Anteil natürlicher Duftstoffe der Project-Renegades-Parfums sei ca. 35 %. Das wäre das Doppelte dessen, was in modernen Parfums typischerweise zu finden ist. Zu riechen in naturalistischem Sinne ist das nicht. Ich kann weder Osmanthus, Irisbutter (in der Parfumopyramide verklausuliert zu "bleiche Schwertlilie-Absolue"), Myrrhe noch Moos erkennen. Aber alle sind sehr cremig und liefern eine Opazität, um den Wohlgefallen-Akkord nicht gläsern wirken zu lassen.
Für meine Nase ändert sich dieser Akkord über viele Stunden gar nicht, weder Duftprofil noch Intensität. Der Rahmen um den Akkord herum schon - Limette und rosa Pfeffer halten für Kopfnoten erstaunlich lange durch, verblassen aber natürlich irgendwann und Moschus wird prominenter.

Die Haltbarkeit ist sehr gut, jenseits 12 Stunden. Das überrascht, denn "Geza Schön" ist von Beginn an dezent. Seltsamerweise ändert sich für mich überhaupt nichts daran, wenn ich 8 statt 2 Sprühstöße nehme. Der Duft bleibt dezent. Kräftig Nachlegen bringt also nichts, im Gegenteil: zum einen ist das Parfum nicht gerade billig, zum anderen ist Projektion und Sillage kräftig und es droht Großraumbüro- und U-Bahn-Verbot. Denn: Wohlgefallen ist subjektiv, und wenn sich alles um nur einen Akkord dreht, über Stunden, gibt es immer eine Person, der das nicht gefällt. Selbst nach Drücken des Resetknopfs. Objektiv betrachtet ist das Parfum sehr gut: eine parfumistische Idee wurde sorgfältig, konsequent und (so weit ich das beurteilen kann) ohne handwerkliche Fehler umgesetzt. Selten genug, dass ich so etwas riechen darf.

Ich habe jetzt sehr oft den Resetknopf gedrückt, aber der Flakon gefällt mir immer noch nicht. Immerhin macht sich der Cowboy-Geza-Magnetkopf gut an der Notizwand neben den Souvenirmagneten der letzten Urlaube.
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