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Rosini

Rosini

Rezensionen
1 - 5 von 8
Tsunami im Paradies
Endlich Urlaub, mein Herz hüpft, der Koffer ist zumindest gedanklich schon gepackt. Fehlt eigentlich nur noch ein Duft, der mich endgültig in Urlaubsstimmung versetzt. Wie praktisch, dass Kilian ausgerechnet jetzt Piña Paraíso heraus bringt und damit nicht weniger als einen olfaktorischen Trip ins Paradies verspricht.
Und ja, der Auftakt ist wahrlich paradiesisch: eine saftige, vollreife Ananas empfängt mein urlaubsreifes Näschen. Ich setzte bereits meinen imaginären Raffaello-Hut auf und sehe mich neben Leonardi DiCaprio am Strand, eine Pina Colada in der Hand.
Doch kaum denke ich: "Was ein traumhafter Duft!" lande ich wieder blitzschnell in der Realität: Viel zu schnell wird die zauberhafte Ananas-Cocos-Fruchtigkeit, die mein Herz gerade noch schneller schlagen ließ, von einem gewaltigen Vanille-Tsunami überrollt. Intensiv, üppig, instant-süß. Die Paradiesvögel verstummen im synthetischen Kaloriendunst. Die versprochene Leichtigkeit geht Baden und wir vom immensen Hüftgold der Königin der Gewürze verdrängt.
Und so muss ich leider sagen: Dieser Duft entführt mich nicht ins Paradies. Bei der Vorstellung, dass ihn jemand im Sommer etwas zu großzügig aufsprüht, bekomme ich bereits Schnappatmung. Als einzig realistisches Einsatzgebiet fällt mir nur ein Sommer nördlich des Polarkreises ein.
Ich kann mir aber durchaus vorstellen, dass der Duft seine Fans finden wird: all jene, die keine Angst vor einem Vanille-Tsunami haben und in der Gewissheit schwelgen, dass Hüftgold immer oben schwimmt.
5 Antworten
Transatlantische Verführung
Vor zwei Wochen war mein Freund mit klarer Mission in den USA unterwegs: Saks Fifth Avenue - die Jagd nach einer Probe von Athénais. Eine Probe konnte er leider nicht ergattern, dafür aber einen üppig besprühten Teststreifen, der anschließend die Reise über den Atlantik antrat.
Als ich besagten Papierstreifen ein paar Tage später unter der Nase hatte, war es um mich geschehen. Ich verliebte mich Hals über Kopf in das, was vom Duft noch übrig war - warm, sonnensüß und irgendwie verführerisch. Davon wollte ich unbedingt mehr.
Doch "Kein Blind Buy", mahnte das Engelchen auf meiner Schulter. Also roch ich noch einmal am Papierstreifen und schubste es kurzerhand herunter. Nun ja, was soll ich sagen... gestern hielt ich endlich den wunderschönen Flakon in meinen Händen, der inzwischen auch in Europa erhältlich ist. Natürlich musste ich sofort sprühen und wurde keineswegs enttäuscht: der Duft startet mit einer herrlich erfrischenden Zitrusnote, man kann die Zesten förmlich riechen. Im Herzen entfalten sich frisch gewaschene Blüten: Orangenblüte und Jasmin strahlen um die Wette, wobei die cremige Orangenblüte klar die Nase vorn hat.
Schon bald gesellt sich eine wunderschöne Ambernote hinzu, als würden die Blüten vor einer tief stehenden Sonne orange erglühen und so schmelze auch ich dahin - vollkommen widerstandslos. Die cremig-pudrige Basis wirkt dabei auf mich wie sonnengebräunte Haut im letzten Licht des Tages an der Amalfiküste.
Wer Orangenblüte liebt und keine Angst vor Amber hat, wird auch diesen Duft ins Herz schließen, da bin ich mir ziemlich sicher. Das erste Kompliment kam übrigens sofort. Mein Freund betrat die Wohnung mit den Worten: "Wow, was riecht hier so gut."
Dass der Duft eher simpel strukturiert ist und das Rad sicherlich nicht neu erfindet, hält mich lediglich davon ab, die vollen zehn Punkte zu vergeben. Aber er ist einfach wunderschön - ein fröhlicher, sonniger Duft, der sogar nach ein paar Tagen auf einem schnöden Papierstreifen noch glücklich machen kann. Beim Preis hört man allerdings die Engelchen durchaus singen.
4 Antworten
Midlife Crisis im Flakon
Love Hibiscus ist für mich ein Duft der Midlife Crisis. Ich weiß, das klingt zunächst negativ, doch ich meine es als Kompliment. Hier treffen zwei Welten aufeinander, die überraschend harmonisch verbunden werden: Jugend und Reife, Leichtigkeit und Tiefe, designermäßige Gefälligkeit und ein Spritzer herausfordernde Nische. Und wie gelingt Amouage dieser Spagat?

Zu Beginn führt mich der Duft zurück in die Jugend und ich nehme eine spritzige Passionsfrucht wahr. Eine frische Liebe liegt in der Luft: süße Küsse unterm Sternenhimmel einer tropischen Nacht, Bonbon im Mund. Die Haut noch glatt und saftig wie ein Hibiskusblatt.

Doch bevor die fruchtige Unbeschwertheit zu klebrigem Karamell plombiert, pudert Iris meine Falten gekonnt ab. Sie verhindert, dass der Duft ins Teeniehafte abdriftet. Der Weihrauch ist sehr dezent und erinnert mich eher an Kerzenrauch als an orientalisches Kirchenglockenläuten.

Nach etwa einer halben Stunde, vielleicht auch etwas früher, blüht der Hibiskus endlich auf: cranberryartig, klar wie Tee und zugleich überraschend vollmundig. Und genau hier entsteht für mich eine perfekte Balance zwischen Süße und Säure und Amors hibiskusroter Pfeil trifft mich direkt ins Herz. Respekt: das hat bisher noch kein Amouage-Duft geschafft.

Die Basis wirkt fast etwas brav. Wo ist Cypriol? Andererseits riecht die Vanille hochwertig, weit entfernt von einer plumpen Instant-Vanille, die derzeit in so vielen Designer-Düften zum Einsatz kommt.

Love Hibiscus ist keineswegs langweilig. Er besitzt kleine Ecken und Kanten, die ihn interessant und eigenständig machen. Ein Duft für Menschen, die nicht mehr jung, sondern jung geblieben sind. Ein Duft der Midlife Crisis im besten Sinne, den ich mir auch an Männern gut vorstellen kann.
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Eine Ballerina im Hasenstall
Südfrankreich, auf dem Dachboden Auguste Renoirs

Spätsommerstrahlen fallen durch staubige Balken. Ein blinder Spiegel erwacht: YOU in Großbuchstaben, mit Lippenstift geschrieben. Eine Ballerina dreht ihr fliedergrünes Tutu. Ein Pirouettentanz in pianissimo. Heu wirbelt auf, legt warme Bleistiftspäne frei - Relikte Renoirscher Skizzen auf Seidenpapier
***
Für pudrige Veilchen- oder Irisdüfte habe ich eine Schwäche. Vielleicht, weil sie bei mir oft positive Erinnerungen wecken - solange keine Ambrocenide dazwischenfunken (aber das ist ein anderes Thema). Als ich Violette 30 zum ersten Mal auf meinen Handrücken sprühte, saß ich plötzlich wieder am Küchentisch meiner Oma: das kleine rote Kosmetiktäschchen stand offen vor ihr, während sie sich ein bisschen Rouge auf die Wangen tupfte. Ich rieche zu Beginn eine ganz zarte kosmetische Note, die keineswegs altbacken oder muffig daherkommt.
Doch dann bekommt mein Erinnerungsfoto in pudrigen Nudetönen grüne Schlieren, als völlig unerwartet eine bittergrüne Heunote meine Nase kurz zum Weinen bringt. Vielleicht ist mein veilchen-gepudertes Näschen auch etwas zu empfindlich (oder unerfahren) - andere nehmen da womöglich eine zarte Kräuterwiese wahr. Für mich schrabbt diese Note jedoch nur haarscharf am Hasenstall vorbei.
Zum Glück beruhigt sich der Duft sehr schnell, so dass ich langsam aber sicher doch noch diese olfaktorische Bergwiese erreiche - leichtfüßig wie eine Ballerina. Oben angekommen, bemerke ich, dass Kopf- und Herznoten wie ein Pirouettenwirbel an mir vorbei gerauscht sind.
Ich setze mich auf eine hölzerne Bank. Auf der Rückenlehne ein frisch geschnitztes Herz: "Guajak+Zeder" mit Bleistift geschrieben. Ich vermute, dass Zeder in dieser Beziehung die Hosen anhat. Kein Rauch weit und breit, nur süße, baumwollweiche Moschuswölkchen ziehen vorbei, zwei oder drei - vielleicht die 30. geheime Duftnote?
Der Duft wird so leise, dass man ihn beinahe als Einschlafhilfe nehmen kann. Und so schließe ich meine müde gewordenen Augen und erinnere mich an das Wort, das im Spiegel stand: YOU. Vielleicht ist es genau dieser leise, holzige Scinscent- Ton, der mich entfernt an Glossier You erinnert - nur grüner und irgendwie ozonischer.
Le Labo beschreibt Violette 30 als vertraut und unbekannt zugleich. Ganz ehrlich? Thema getroffen: ein lichtdurchflutetes Boudoir, ein bewusstseinserweiternder Moment im Hasenstall, ein zartgrüner Pirouettentanz nahe der Baumgrenze - und das alles im Schnelldurchlauf.
Und was kostet so ein fliedergrünes Tutu? Nun ja. Sagen wir so: Hier wären wir wieder bei Renoir.
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Was bleibt, wenn die Prinzessin erwachsen wird?
Kyoto, Philosophenweg im Frühling

Im goldenen Mondlicht stand sie barfuß auf der hölzernen Brücke.
Zartrosa Blüten fielen wie Schnee auf ihren seidigen Kimono,
der sich im Wasser darunter spiegelte - ein Aquarell aus tanzenden
Pfirsichtönen. In ihren Händen hielt sie eine samtige Rose, zart umhüllt
vom weichen Wind. Das Holz der Brücke atmete. Es atmete still.
Und lange, nachdem sie gegangen war, leuchteten ihre Fußspuren weiter.
Dort, wo sie die Rose niedergelegt hatte.

***

Kirschblüten, die wie rosafarbener Schnee im Frühlingswind tanzen: ein flüchtiger Zauber, der an die Vergänglichkeit der Schönheit erinnert. Wie gern würde ich dieses Naturschauspiel selbst einmal sehen. Kilian durfte es erleben - auf dem von Sakura-Bäumen gesäumten Philosophenweg in Kyoto. Diese Eindrücke seiner Japanreise inspirierten ihn zu Her Majesty, seinem ersten modernen Chypre-Duft.

Doch wie übersetzt man solch eine Erinnerung in Molekülform?

Der Duft beginnt keineswegs klebrig-süß, sondern mit dem natürlichen Aroma eines saftigen, weißen Pfirsichs. Eine minimal dosierte Rumnote verleiht Tiefe (die Engel haben diesmal ein Tröpfchen zurückgelassen) und bewahrt zugleich vor einer Kindershampoo- Assoziation. Der Auftakt bleibt frisch, fast transparent wie Morgentau auf Kyotos Blüten.

Im Herzen erblüht eine Rose in Apricot - und Rosétönen, ein schimmerndes Farbspiel in Bicolor. Sie ist samtig, niemals schwer, wie ein luxuriöser Seidenschal an einem kühlen Frühlingsmorgen. Ambrette fügt eine fluffige Moschuswärme hinzu, welche die Rose umarmt.

Mit jeder Minute wird Her Majesty weicher, runder, cremiger. Die holzige Basis wirkt trocken und doch umhüllend - als hinterließe jemand warme Fußspuren auf einem alten Holzboden. Die Sillage ist zurückhaltend, die Haltbarkeit überzeugt umso mehr. Diese Intimität ist jedoch keine Schwäche. Ein lautes, opulentes Feuerwerk hätte der Thematik ihren stillen Zauber genommen. Ganz im Sinne Yamamoto Tsunetomos:
"Zartheit ist kein Zeichen von Schwäche. Selbst die Blüte des Pflaumenbaums bricht das Eis."

**

Wer ihren Weg geht, wird sie finden - wie jene Fußspuren im Mondlicht.
Vielleicht wirst du sie finden und Her Majesty ebenso lieben wie ich.
8 Antworten
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