SerloSerlos Parfumkommentare

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22.01.2018 16:40 Uhr
17 Auszeichnungen
Schon Ella Fitzgerald war auf der Suche nach ihm, diesem einen, der ihr die ganze Zeit im Kopf herumschwebt. Überall hat sie ihn gesucht, und doch nie gefunden. Wo mag er denn nur sein, der Schafhüter für das verlorene Schaf? Denn irgendwo da draußen wäre ja einer. Ja! Und genau dieser eine ist dann vielleicht auch derjenige, der auf sie aufpassen würde.

Manchmal brauchen unsere Seelen Trost oder Geborgenheit, und wir wollen uns einfach nur fallen lassen können. Annette Neuffer hat mit Stardust ein Parfum komponiert, das es vermag, genau dies zu tun: es ist ein tröstender, warmer Duft, der dem Träger Wärme und Sicherheit schenkt.

Dies ist mein erster Kommentar zu einem Duft von Frau Neuffer und war auch das erste Parfum, das ich, nach einer langen arbeitsreichen Woche freitags am späten Abend aufs Handgelenk aus meinem frisch eingetroffenen Probenset gesprüht habe, endlich nach Hause gekommen nach einer Dienstreise (oder wie man das eben so nennt, wenn ein Team von vier Lehrern mit 120 Schülern im Alter zwischen 14 und 19 Jahren vier Tage lang unterwegs ist). Und dann kann man alles fallen lassen und einfach nur sein. Kerzen anzünden, Füße hoch, rauf auf die Couch und Musik an.

Wenn man sich mit den Düften von Frau Neuffer beschäftigt, dann kommt automatisch die Musik, im speziellen Jazzmusik, ins Spiel und in die Gedanken. Stardust ist aber wahrlich keine Bigband-Nummer mit knackigen Einsätzen oder Free Jazz, wo scheinbar alles durcheinandergeht, Dissonanzen dominieren und in dem die improvisierte Solomelodie den harmonischen Unterbau kontrollieren sollte. Im Gegenteil: alles an dem Duft ist melodiös, schmeichelnd, wie der Klang eines Altsaxofons begleitet von einem Drummer, einem Kontrabass und einem Klavier. Und diese spielen einen Standard (nicht abwertend gemeint, sondern eben eines der Songs, das Jazzer auf der ganzen Welt eben im Repertoire haben). Die Grundakkorde des Klaviers bieten beim Duft in Form des Bienenwachses (wohl so etwas wie eine Neufferiade, die in jedem Duft, den ich bisher testen durfte, zu spüren ist) und Kakaos den Teppich für den warmen Zuckerwatte-Akkord in Verbindung mit ganz leicht bitterer Mandel, welche die Balance herzustellen vermag und die Süße vor allem in Verbindung mit der Bitterorange in den Schranken hält. Ich würde sogar eine weit entfernte Verwandtschaft zu Baccarat Rouge 540 von MFK verorten, der ebenfalls an Zuckerwatte erinnert und doch so viel mehr als Zuckerwatte ist. Was jedoch bei Stardust deutlicher wahrnehmbar ist, ist das Vibrieren - musikalisch ausgedrückt ein Tremolo - der natürlichen Rohstoffe, die fortwährend schillernde Nuancen preisgeben. Niemals wirkt die Süße zu süß, die Mandel oder die Bitterorange zu herb/bitter. Alle Facetten sind zwar da, aber keine davon sticht heraus oder dominiert den Duft. Deswegen sollte man einfach davon abkehren, die einzelnen Bestandteile herausriechen zu wollen, sondern sich auf die Gesamtkomposition einlassen. Auch ich höre jetzt damit auf, die einzelnen "Noten" der Pyramide hier aufzulisten, denn wie in der Musik besteht eine Melodie auch nicht nur aus einem Ton, sondern eben aus der Variation verschiedener Tonhöhen... naja, bis auf den One-Note-Samba vielleicht...

Hervorheben möchte ich jedoch, dass alle Düfte von Annette Neuffer sehr lange haltbar und auch wahrnehmbar sind. Gerade für reine natürliche Rohstoffe ist dies für mich erstaunlich, zumindest hört man ja, dass die Düfte mit Chemie besser haften. So habe ich den Duft heute morgen um 6 Uhr aufgesprüht und kann ihn um 16:30 immer noch deutlich wahrnehmen. Auf der anderen Seite ist der Duft jedoch nie laut und fordernd. Wahrzunehmen ist er für alle, die einem recht nahe kommen, jedoch wird man keinen Raum füllen. Genau dies suche ich in Düften und habe es auch in vielen Neuffer-Parfums gefunden! Langanhaltende Präsenz bei doch recht zurückhaltender Sillage, machen Stardust zu einem Parfum für den Träger und alle, mit denen er in nahen Kontakt tritt. Und ja, ein bisschen sexy ist der Defensivgourmand - es geht nicht um Eroberung in der Disco, sondern um das Anlehnen an Kuschelnachmittagen, wie der Parfumo Loewenherz dies so trefflich in seinem Kommentar vom L'homme idéal (Eau de Parfum) geschildert hat - auf jeden Fall!

Tja, und wie bei der guten Ella werden andere etwas an dem Duft zu kritisieren wissen. Also ich habe ihn gefunden, den Duft, der auf mich aufpasst und mit dem ich mich fallen lassen kann. Danke, Frau Neuffer, für diesen Duft!


29.12.2017 09:56 Uhr
11 Auszeichnungen
Jetzt ist schon wieder was passiert. Du kennst das doch auch, wenn alles irgendwie nicht ganz rund geht. Der Christbaum passt nicht in den Ständer, weil das Auge hat natürlich beim Kauf eher auf die Äste und auf den Wuchs geschaut als auf die Dicke des Stammes. Und die Höhe erst! Frage nicht! Da wird also der Prachtbaum vom Auto abgeladen, und schon direkt nach der Haustür kommt man zum Verrecken nicht um die Ecke. Also wird der Prachtbaum wieder auf ein für das Zimmer erträgliches Bäumchen abgesägt, vorher brüllt man sich aber natürlich gegenseitig wieder an, denn jeder hat urplötzlich natürlich vorher schon gesehen, dass sich das nicht ausgehen wird. Aber man hat ja nichts gesagt! Und wenn der Baum dann endlich passt, ist er zu einem Eckbaum geworden, der wirklich nur dazu geeignet ist, in einer Ecke zu stehen, denn irgendwie kann man ihn wirklich nur in einem bestimmten Winkel betrachten und schön finden, diese schiache Staude. Kurz: der Weihnachtsfrieden ist dahin. Krieg und Tragödie Hilfsausdruck.

Apropos Tragödie. Beim Duke und der Rose, da läuft auch nichts so, wie es sollte. Gut, er ist jetzt nicht unattraktiv und mit der Rose hat er schon einen guten Fang gemacht, aber auf der anderen Seite kann man ihm ansehen, dass er nicht ganz glücklich ist. Und riechen kann man es auch. Die Ginfahne ist teilweise so groß, dass man damit den ganzen Buckingham-Palast beflaggen könnte, wenn die Queen grad wieder auf Besuch da ist. Du weißt ja, da wo die Ding gestorben ist, da war das doch groß diskutiert worden.. Aber wo wir gerade bei der Ding sind. Die war ja auch immer unglücklich, die arme! Da gibt es schon Parallelen zur Rose. Ob die wohl auch ihren Frust in Alkohol ertränkt, oder ob sie wenigstens so einen feschen Reitlehrer hat, der sie ein bisschen auf andere Gedanken bringt?

Da kommt man aus gutem Hause und angelt sich Englands begehrtesten ding... äh... Bachelor, wie man das ja seit RTL weiß. Alle haben ihn vorher gewollt! Und mit jeder hat er auch auf den Bällen getanzt, dieser Hundling. Dass er mal eine wirklich mit zu sich genommen hat, freilich, davon hat man nichts gehört. Der ist halt noch gut erzogen, haben alle gesagt! Ein richtiger Gentleman! Noch nicht einmal ein einziges Bussi auf den Mund hat er der Rose vor Hochzeit gegeben, sondern immer nur diesen formvollendeten Handkuss, der zwei Zentimeter vor der eigentlichen Berührung von Lippe und Mund stoppt. Mei! Und der männliche Duft, der dann bei der zackigen Abwärtsbewegung in die Kussposition in die Nase vom Roserl reingefahren ist. Die war ja wie auf Wolke sieben! Wie kann man auch nur den ganzen Tag so riechen, als ob man nach einer 45-minütigen Verwöhnorgie frisch aus dem Barbershop herausgestolpert ist?

Aber ihre Mutter hatte sie gleich gewarnt! Mit dem Kerl stimmt was nicht! Und warum hängt der immer mit dem Franzosen rum? Überhaupt! Der ist doch schon so lange Single, da muss ja irgendwas faul sein. Kind! Überleg’ dir das noch einmal, nicht dass es dir so geht wie mir!
Papa George hat sich da nicht wirklich große Sorgen gemacht. Hauptsache das Mädel kommt endlich unter die Haube! Außerdem muss man sich da keine finanziellen Sorgen mehr um die Rose machen. Lord George war ohnehin immer eher praktisch orientiert und wenn die Rose aus dem Haus ist, kann man sich das Geld, das sonst für das Mädel und speziell deren Hang zur Haute Couture draufgeht für die Alimente des Bankarts aufheben. Der Duke hat eh so viel Geld, da wird sich schon der ein oder andere Besuch bei Chanel ausgehen!

Ich sag ja immer, dass der Amor nicht umsonst immer so eine Augenbinde aufhat. Von wegen, wo die Liebe hinfällt! Aber bei der Rose hätte er schon einmal einen kleinen Blick auf den Duke riskieren sollen, ob da der Pfeil nicht doch lieber im Köcher hätte bleiben sollen. Verlorene Liebesmüh, Hilfsausdruck! Um die Rose war’s halt geschehen, wegen diesen ding, die dich dann so glücklich machen. Manche essen da ja Schokolade, um das zu spüren, weil da sind ähnliche Stoffe drin, die das Gehirn so überfluten. Bei der Rose haben schon die Sträuße gereicht, die der Duke ihr immer wieder geschenkt hat. Rosen, freilich, und zwar diese unschuldigen weißen! Hach, was für ein Mann! Da sind eben die Synapsen a bisserl durchgebrannt!

Und jetzt? Jetzt sind sie verheiratet, aber das eigentlich Tragische ist ja, dass in der Hochzeitnacht so gar nix passiert ist. Diese eine Kaiserin von Österreich – die mit dem Felix Austria und den vielen Kindern - hat ja auch einer ihrer Töchter so Anleitungen nach Paris geschickt, damit sie den Louis endlich mal ins Bett kriegt. Aber bei der Rose da hätten auch die längsten Briefe aus Wien und die heißesten Dessous aus Paris nichts genützt, denn jeden Abend verzieht sich der Duke nach dem Gute-Nacht-Kuss in sein Zimmer im Ostflügel, während die Rose im Westflügel in ihre Kissen weint. Manchmal ist er auch gar nicht zu Hause, sondern verbringt seine Nächte in so Bars. Du weißt doch, wie das dort ist. Da trinkt man dann diese Getränke, die vor lauter Sorge vor einem Sonnenbrand so ein Schirmchen aufhaben und tanzt zu YMCA, I will survive und ähnlichem. Ich war da ja nur einmal kurz drin in so einem Club, und als sich dann meine Blase gemeldet hat... SOS! Die Toiletten dort sollte man eher nicht aufsuchen, weil da ist’s mit der Privatsphäre bei den Löchern in den Kabinen ganz schnell aus!

Also warum die Rose den geheiratet hat? Das wird noch ein G’riss um den Duke geben! Ich sag ja, Scheidung wär da die beste Lösung. Heutzutage kann man ja auch jeden und alles heiraten, was man will, das ist doch kein Problem mehr. Und für die Völkerverständigung wär’s ja auch geradezu ding mit dem Franzosen. Vielleicht müsste dann der Halodri nicht so viel saufen und der Rose würde es auch besser gehen. Und nächstes Weihnachten gibt es beim Duke ein friedlicheres Weihnachtsfest, wenn er sich nicht mehr so sehr um den Schein scheren muss und sich den passenden Baum zum Ständer holt.


24.12.2017 11:15 Uhr
7 Auszeichnungen
Heute ist ja Weihnachten, also einer der Tage, an denen es die Menschen nach Hause zieht, manche sogar in ihre Heimat. Jetzt ist ja gerade dieser Heimatbegriff doch auch umstritten. Viele würden der Definiton zustimmen, dass Heimat dort ist, wo man geboren worden und aufgewachsen ist. In unserer globalisierten Welt werden allerdings nur wenige an gerade diesem Ort ihr ganzes Leben verbringen. Viele zieht es, aus beruflichen oder privaten Gründen, in die Ferne und sie werden unweigerlich zu Fremden. Fremd ist der Fremde jedoch nur in der Fremde. Diejenigen, die fremd ausgezogen sind, die ziehen auch meist fremd wieder aus, denn in den Städten lebt man doch eher neben- statt miteinander. Der Heimatbegriff ist schon lange kein statischer mehr, denn Heimat verändert sich ständig. Oft ist er auch verknüpft mit Menschen, die diese Heimar erst geschaffen haben. Oder ist es die Stadt, in der ich wohne, oder vielmehr meine eigenen vier Wände? War ich rückblickend wirklich in all diesen Wohnungen zuhause oder eben nur ein Zugereister, der einige Monate an diesem Ort gewohnt hat. Ich, der ich jetzt seit 8 Jahren in meiner (Heimat)stadt wohne, bin noch lange kein Einheimischer geworden und werde es wohl auch in 30 Jahren noch nicht sein. Wie meine Heimat fühlt es sich dennoch an.

Und Lush bietet uns hier einen Duft an, der dieses Heimatgefühl vermitteln soll. I'm home! Ihr kennt doch sicher dieses Phänomen, dass Wohnungen einen eigen Geruch haben, der sich aus den verschiedensten Quellen speist: das Mobiliar, sei es aus Holz oder mit Leder bezogen, der Duft der Kleidung, Essensgerüche vom Vortag... etc.

Was auch immer Heimat für Lush bedeutet, bei ihnen ist auch gerade Winter und man kehrt zurück in das Haus der Kindheit. Draußen ist klirrende Kälte, die den Atem gefrieren macht, und man tritt, noch zitternd und müde von der langen Zugfahrt, ein und wird bereits erwartet. Es muss ein ganz besonderer Tag sein, denn aus der Küche duftet es nach frisch gebackenem Kuchen. Der Duft von Vanille und Schokolade (ganz viel Schokolade) zieht durch die Räume und ein leicht alkoholischer Geruch (hat da jemand etwas Rum-Aroma mit in den Teig gegeben?) schwingt ebenfalls mit. Alles was jetzt noch zu tun ist, ist die Liebsten in die Arme zu nehmen, sich fallen zu lassen und angekommen sein. Denn hier muss man sich nicht verstellen und darf so sein, wie man ist.

I'm home ist ein Winterwohlfühlduft für alle, die früher gerne den Kopf in die Teigschüssel gesteckt haben. Ein Stückchen Kindheit steckt in jedem Fall drin, vor allem zeigt sich hier jedoch diese liebevolle Geste des Wartens auf den Heimkehrenden.

Ich hoffe, dass ihr alle Weihnachten an einem Ort verbringen werdet (oder verbracht habt), an dem ihr auch wirklich zuhause seid, euch eine neue Heimat geschaffen habt oder eben einfach erwartet werdet. Frohe Weihnachten!


22.12.2017 21:05 Uhr
4 Auszeichnungen
Verwundert lese ich von der männerverschlingenden Duchess, deren Duke, wenn man der Geschichte von Penhaligon's Glauben schenken kann, sich nicht gerade als "l'homme idéal" herausgestellt hat. Begehrenswert ist sie allemal. Ich halte es aber für recht unwahrscheinlich, dass sich Rose an die Hälse der Liebhaber wirft. Vielmehr lockt sie die Männer mit einem raffinierten Augenaufschlag und verschämten Blicken, die eventuell eindeutige Botschaften senden.

In einem stimme ich den Vorrednern jedoch zu: die Duchess ist kein kleines Mädchen mehr. Der ihr zugedachte Duft zeichnet sich für mich durch seine geradezu adlige Zurückhaltung aus. Es präsentiert sich eine sehr feine, fast schon zerbrechlich wirkende Rose - Mandarininenaufhellung sei Dank - die auf einer verwitternden Holzplanke ihren Duft verströmt. Die Komposition ist so angelegt, dass der Rose eine gewisse Spritzigkeit, wie perlender Champagner, verliehen wird. Eine zart wirkende Zeitgenossin ist sie, diese Rose. Und wohlerzogen ist sie auch, denn von überbordender Schwülstigkeit kann man nicht sprechen. Somit eignet sich die Duchess auch als Begleiterin im Büroalltag. Die ganz große Abendrobe würde ihr aber auch stehen.

So ist der Duft zumindest bei den vorherrschenden Wintertemperaturen sehr hautnah, flackert jedoch von Zeit zu Zeit wieder auf. Angenehm ist allerdings, dass es dem Duft nicht an Ausdauer mangelt, denn auch nach 12 Stunden kann ich ihn ganz zart an meinem Handgelenk wahrnehmen. Im Frühling oder Sommer wird Rose erst so richtig aufblühen, da bin ich mir fast sicher.

Wer Rose mag, wird die Duchess lieben, und gerade die Kombination mit Holz kann hier überzeugen. Sparfüchsen rate ich jedoch, vor dem Kauf auch die Prinzessin Vaara in Augenschein zu nehmen, die durchaus mit der Duchess verwandt sein könnte, sich allerdings mit weniger pekuniärer Zuwendung zufrieden gibt.


16.12.2017 17:02 Uhr
4 Auszeichnungen
Bei Svensk Parfym handelt es sich um das Projekt des Parfumeurs Henrik Lestréus, welcher es sich zur Aufgabe gemacht hat, sein Land olfaktorisch abzubilden und es zu vertreten. Er selbst sagt über seine Arbeit, dass diese sowohl eine exakte Wissenschaft als auch eine kreative Kunstform sei. So würde der reine Wissenschaftler scheitern, hätte er nicht gleichzeitig einen künstlerischen Anspruch. Und wenn der Schöpfungsakt mit wahrer Passion verknüpft sei, dann werde das Resultat einen höheren Wert haben. In allen seinen Düften scheine seine Passion und sein Leben in Schweden durch. Er wolle Düfte kreieren, die einzigartig, aufregend und nützlich sind und er möchte, dass seine Parfums hohe Qualität und Klarheit ausstrahlen. Alle Parfums werden auch in Schweden hergestellt und repräsentieren die Natur, die Landschaft, die Kultur, die Menschen, Städte und Dörfer, die Gechichte, die Gegenwart und die Zukunft Schwedens. Soweit sei der Anspruch des Hauses von der Webseite hier wiedergegeben.

Dies sind natürlich hochgesteckte Ziele, an denen man auch grandios scheitern kann. Und wenn man sich die Beschreibung der einzelnen Düfte im Webshop ansieht, werden die Ansprüche des geneigten Parfumos noch höher. Denn Virke soll gar ermöglichen, "den Tag sich nach Ferien anfühlen zu lassen, als ob man sich mit der Zeit anfreundet, und man die einfachen Freuden aufs Höchste auskosten kann." Dann kommt noch der Zusatz, dass Virke das schwedische Wort für Holz ist.

Tja, denk ich an Schweden und an Holz, dann denke ich auch automatisch an die Firma mit den vier Buchstaben. Auch diese Firma schafft es, meinem modernen, einfachen Geschmack was Möbel angeht zu entsprechen (ich wollte wirklich auch in anderen Möbelhäusern Geld lassen, als ich es mir endlich leisten konnte, aber was mir dort gefallen hat, lag dann weit außerhalb meines Budgets). Und so ähnlich verhält sich dies auch mit Virke. Eine große Notenvielfalt ist hier nicht gegeben. Es handelt sich eben um moschusgetränkte Hölzer (wohl so ein Supermolekül) mit einer aufhellenden, aber unsüßen und dennoch fruchtig-realistischen Himbeere. Das Holz ist aber verdammt sexy in Szene gesetzt und hält zudem noch den ganzen Tag mit doch angenehmer und spürbarer Sillage durch. Ein bisschen verwittert scheint es auch zu sein. Eine Entwicklung konnte ich nicht feststellen, und so verbleibt der Duft, wie er sich nach dem ersten Aufsprühen zeigt.

Nun ja, als ob ich Ferien machte... das kann der Duft mir leider nicht vermitteln. Ein Wohlfühlduft ist er allerdings schon. Zudem ist er einer der wenigen Düfte, die im Umfeld für spontane Komplimente von mehreren Personen gesorgt haben, auch wenn ich nicht zu den Menschen gehöre, die Düfte tragen, um anderen zu gefallen.

Stilistisch könnte es sich hier durchaus um einen Duft von Ellena oder Heeley handeln, wie auch die anderen beiden Düfte (Stilla und Prakt), die zusammen mit Virke herausgebracht wurden. Es handelt sich hier um lineare Parfums, die sehr transparent und simplistisch komponiert sind. Das vor Kurzem erschienene Trio, welches das derzeitige Sextett komplettiert, geht hier komplexere Wege, aber noch hätte ich nicht ausreichend Gelegenheit, die Neuerscheinungen zu testen.

Wer sich für "sachliche Düfte" interessiert, dem sei eine Investion in ein Probenset (3x5ml) sehr ans Herz gelegt. Schweden hat ja mehr zu bieten als Möbelhäuser.


15.12.2017 09:50 Uhr
12 Auszeichnungen
In den letzten Wochen und Monaten bin ich ein Bewunderer der Portraits-Collection von Penhaligon’s geworden. Jeder Duft versucht es, einen Charakter einer englischen Familiensaga zu erzählen, vom männerverführenden Vamp (Clandestine Clara) hin zum unehelichen Kind (Roaring Radcliff), das die Zeit in Jazzclubs verbringt, oder der unglücklichen Ehe zwischen der zarten Rose (Coveted Duchess Rose) und dem namenlosen Edelmann (Much Ado About the Duke), die wohl niemals vollzogen wurde. Der Duke musste wohl zur Aufrechterhaltung der adeligen Fassade heiraten und versucht, seinen ehelichen Frust in Gin ertränken, denn eigentlich gibt es für ihn das Hamletsche „metal more attrictive“ – in seinem Fall wohl die Anziehungskraft des eigenen Geschlechts.

Und genau hier kommt Monsieur Beauregard ins Spiel, der französische Intruder ins Eheglück der Penhaligonschen Downton-Abbey-Saga. Und Monsieur ist wahrlich ein gepflegter Mann, schön anzusehen und gepflegt obendrein. Das Tier, das ihm zugeteilt ist, ist der stolze Hahn. Wäre dies ein englischsprachiges Forum, würde man von einem „rooster“ sprechen, denn das Wort „cock“ ist mittlerweile wohl anders besetzt. Und doch ist Penhaligon’s natürlich so berechnend und schräg, dass ich ihnen durchaus zutraue, dass dieses Tier nicht willkürlich den beeindruckenden Flakon ziert. Dem Duke scheint der schillernde Gockel Monsieur Beauregard jedenfalls zu gefallen.

Auffällig ist allerdings, dass außer des sprechenden Namens und des Tierkopfes keinerlei weitere Charakterisierung vorgenommen wurde. Sind bei anderen Düften dieser Reihe beschreibende Adjektive beigefügt worden, so verbleibt unser französische Gast eigenschaftslos, aalglatt. Und so in etwa würde ich auch den ihm zugeeigneten Duft beschreiben. Wie andere dies in Statements bereits festgestellt haben, so ist die Kombination der Noten keinesfalls ein Wagnis: zitrischer Auftakt, Sandelholz und Tonka im Grundton, und die in Männerdüften mittlerweile nahezu allgegenwärtige pudrige Iris mit Zimtwürzung im Herzen. Hier betrinkt sich keiner, um das Eheleben erträglich zu machen, oder brüllt durch die Gegend, weil er ohne Vater aufwächst. Monsieur ist eben ein gepflegter, zurückhaltender Mann mit guten Manieren, der niemandem auf die Nerven gehen wird. Nun gut, vielleicht ist seine sexuelle Präferenz an einigen Gesten zu bemerken. Für einen richtigen Kerl ist er einfach zu glatt, zu schön und irgendwie auch etwas zu süß. Attraktiv ist er allemal und bestimmt ist auch die ein oder andere Lady erpicht darauf, Freundschaftsbande (oder mehr?) mit dem French Lover zu knüpfen. Man kann sich Monsieur als den Oskar Wildchen Dandy vorstellen, der es vermag, mit Charme und Esprit die Umwelt in seinen Bann zu ziehen. In Jeans und T-Shirt wird man Monsieur jedenfalls nicht antreffen, aber er wird sicherlich auch keine Markenembleme zur Schau tragen. Oder ist dieses gockelhafte Gehabe lediglich eine Fassade?

Wer mit diesem Duft Bekanntschaft macht, wird auf einen angenehmen Zeitgenossen treffen, leicht süßlich-pudrig und dennoch zurückhaltend, androgyn und unisex. Ausdauer hat der Duft (und Monsieur) auf jeden Fall, bei stets zurückhaltender Sillage. Wie gesagt wurde das Rad hier nicht neu erfunden, aber Monsieur Beauregard macht einfach alles richtig, was bei anderen zu laut, zu süß, zu pudrig sein kann. Ob der Anschaffungspreis (hier wird sehr viel für die Aufmachung verlangt) gerechtfertigt ist, sollte jeder für sich selbst entscheiden. Ich habe in Monsieur einen zurückhaltenden, stillvollen Begleiter gefunden. Ein wirklich vollständig charakterloser Mann ohne Eigenschaften ist er nicht ganz.


19.11.2017 11:58 Uhr
15 Auszeichnungen
Die Gorilla Perfumes von Lush verstehen sich als Geschichtenerzähler. Und so ist auch die neue Vol. 4 eine Reihung verschiedener Episoden, die sich alle um eine einzige Frage drehen: Was ist Heimat und wo bin ich zuhause?

Die Inspiration zu den meisten der Düfte aus der Vol. 4 lieferte Fotograf, Videokünstler und Galerist Hal Samples und in einigen Parfums werden Episoden aus seinem, oder aus dem Leben seines näheren Umkreises nacherzählt. Tank Battle beschäftigt sich mit einer dieser Begegnungen und die Geschichte sei hier kurz nacherzählt, bevor es um den eigentlichen Duft geht.

Hal musste gerade den Verlust vieler seiner Freunde verarbeiten (er arbeitete an einem Videoprojekt über Obdachlose) und befand sich auf einem Urlaub mit einem seiner Freunde. Eigentlich galt es abzuschalten, herunterzukommen, neue Kraft zu tanken. Und da begegnet ihm der heimatlose Tachowa Covington, der direkt auf ihn zugeht mit den Worten: “I had a dream about you. You’re going to make a movie about me.” Tatsächlich führt Tachowa Hal zu einem Wassertank am Rande von Los Angeles, den er zu seinem Zuhause gemacht hat. Von außen betrachtet handelte es sich um einen völlig normal aussehenden Wassertank aus Stahl, im Inneren jedoch hatte Tachowa aus dem Müll der Wohlstandsgesellschaft seine eigene kleine Welt erschaffen – sein Zuhause, seine Heimat. Durch Upcycling und neue Kontextualisierung wurde aus dem, was weggeworfen wurde, eine neue Welt. Tatsächlich beschloss Hal, einen Film über Tachowa zu drehen und verbrachte viel Zeit mit ihm in diesem Wassertank. Sie sangen, tranken, aßen und Hal dokumentierte die Veränderungen im Tank. Alles änderte sich jedoch im Jahre 2011 als der britische Straßenkünstler Bansky ebenfalls den Wassertank für sich entdeckte, allerdings nur die äußere Hülle. Er versah den Tank mit dem Schriftzug „This looks a bit like an elephant“ und verwandelte durch diesen „künstlerischen Akt“ den Wassertank in ein wahres Kunstobjekt – auch wenn dies bereits durch Tachowa im Inneren eigentlich geschehen war. Erschwerend kommt hinzu, dass 60 Tage zuvor Tachowa eine Art Räumungsklage erhalten hatte und nun durch Bansky auch die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf seine Schlacht um den Tank (es handelt sich also eigentlich nicht, wie in der Parfumo-Übersetzung oben angemerkt, um eine Panzerschlacht) gezogen wurde.

Worin bestand nun die eigentliche Kunst? Im Inneren des Wassertanks, in dem ein Obdach- oder Mietloser die Abfälle des Wohlstands zu einer Installation zusammenträgt und arrangiert oder im Äußeren, wenn ein renommierter Künstler aufgrund der Farbgebung und Größe einen ironischen Kommentar hinterlässt?

Die Schlacht um den Tank wird jedenfalls für Tachowa verloren gehen, denn der Tank wurde tatsächlich als Kunstobjekt Banskys veräußert. Doch Tachowas Geschichte hört hier nicht auf- 2013 wurde dieser Kampf zu einem Theaterstück beim Edinburgh Fringe Festival, zu dessen Aufführung Hal Tachowa einfliegen ließ. Und hier fand auch die Begegnung Tachowas mit dem Parfumeur Simon Constantine statt. Mittlerweile lebt der ehemals Heimatlose aufgrund der Bemühungen seiner Freunde in einem Appartment... und er sammelt weiterhin die weggeworfenen Gegenstände unseres Wohlstands und integriert sie in seine neue Höhle.

Das war ein sehr langer Exkurs (schön, wenn ihr so lange durchgehalten habt!), aber mir erscheint es wichtig, die Geschichte wenigstens im Ansatz wiederzugeben. Denn dieses Parfum will nicht ein Wohlgeruch sein und ist nicht darauf aus, dem anderen Geschlecht den Kopf zu verdrehen, sondern es möchte eine Geschichte erzählen und zwar die Geschichte eines Obdachlosen, der sich nicht als solches bezeichnet: “I've never been a homeless man. I’ve only ever been a rentless man.” – ein Satz, der die Inspiraton zu einem weiteren Parfum werden würde.

Was man nach dem ersten Aufsprühen sofort riecht, ist eine Art Himbeerkaugummi, der, nach langem Kauen, achtlos ausgespuckt wird und keine Anstalten macht, sich je wieder vom Straßenuntergrund zu lösen. Wir befinden uns also olfaktorisch am Boden, zusammen mit dem Mietlosen, der auf der Straße sitzt. Darunter ist auch der Dreck und der Asphalt zu riechen, wie auch etwas Chemisches, nämlich die Sprühfarbe, mit der der Schriftzug auf die Außenseite des Wassertanks angebracht wurde. Oder ist es gar ein metallischer Unterton? Das hört sich jetzt nicht gerade tragbar an, ist es aber erstaunlicherweise durchaus. Der Hauptakteur von Tank Battle ist erdiges Patschuli, gut vermischt – oder wie man im Englischen sagt „well blended“ – mit Labdanum und Nelkenöl, das den Duft durchaus auch würzig macht. Die drei Elemente, die hier oben bei Parfumo angegeben werden, vermögen jedoch nicht, die ganze Geschichte zu erzählen, wenn sie auch durchaus stets anwesend sind. Vielleicht ist es das Farnesol, das den süßlichen Charakter und die Kaugummiassoziationen weckt?

Egal, denn ich möchte hier den Duft nicht zerreden, sondern mich auf die Geschichte einlassen. Und hier ist Simon Constantine ein großer Wurf gelungen. Der Duft schafft es, diese Assoziationen zu wecken, ohne die eigentliche Geschichte zu kennen. Noch dazu ist die Sillage keineswegs erschlagend und die Balance zwischen Süße und Würze ist perfekt getroffen, sodass der Duft nicht erschlägt oder Kopfschmerzen verursacht und doch stets an der Kippe des Nervigen im positivsten Sinne entlangschrammt. Der österreichische Dirigent Harnoncourt hat einmal – frei zitiert - über Aufführungen und Konzerte gesagt, dass große Kunst sich immer am Rande der Katastrophe befindet ("Qualität entsteht nur am Rande einer Katastrophe"). Für mich ist Tank Battle ein gutes Beispiel hierfür. Es ist ein durchgehend faszinierender Duft, abseits der ausgetretenen Aquatik-, Gourmand- und Rose-Oudpfade, dem es gelingt, den Träger mit auf eine Reise zu nehmen.

Hier fällt mir gerade eine Stelle aus Wolf Haas’ Roman – oder war es die Verfilmung? – „Komm süßer Tod“ ein, in der es darum geht, dass im Österreichischen das Wort „Obdachloser“ keine korrekte Bezeichnung ist, da ein Obdachloser kein Obdach wolle. Vielmehr wird in Österreich von „Sandlern“ gesprochen, da dieser Menschenschlag gerne die Zeit im Sand sitzend verbringt und auch das „Umanadasandeln“ ist ein wohl recht treffender Ausdruck für das standarddeutsche „Herumgammeln“ oder meinetwegen „sich dem Müßiggang hingeben“. Bei Tank Battle handelt es sich also wohl um einen Asphaltler, der in seiner Welt Großes schafft, zufrieden damit ist und vergeblich darum kämpft. Vielleicht fehlt uns ja auch diese Perspektive in unserer schnellen, hektischen Welt: der Müßigang und der Blick von unten auf unsere Gesellschaft? Doch andererseits möchte ich keine Sekunde tauschen mit den Menschen, die durch ihr Schicksal gezwungen wurden, ihr Leben eben an jenem Rande der Gesellschaft zu verbringen. Tachowa hat sich an diesem Rand seine eigene kleine Welt geschaffen. Tank Battle lässt mich für die Dauer des Tragens daran teilhaben.

Ich möchte diesen Kommentar mit den Worten Tachowas selbst beschließen: „Art is what you see. You can look around and see it. Art speaks for itself. It can come in a lot of different forms and fashions, so you can’t really put a certain gateway on it.”


04.08.2017 21:25 Uhr
11 Auszeichnungen
Meine erste Begegnung mit M/Mink war im Jänner und meine damalige Reaktion beim Test in der Parfümerie war eher - wie kann man das beschreiben? - ablehnend. Irgendwie fand ich den Duft auf dem Streifen zwar faszinierend, und dennoch abstoßend zugleich. Was der Duft auf jeden Fall erreicht, ist es, vollkommen anders zu sein als es Düfte in Parfümerien sein sollten. So wollen wir doch Wohlgeruch verspüren und versprühen, wenn wir uns mit dem Wässerchen der Wahl eingesprüht haben. Doch M/Mink verwehrt dies vollständig, denn hier hat Epinette eigentlich keinen Duft komponiert, sondern eher einen Geruch kreiert. Am Anfang dieses Jahres war ich vollkommen verstört von diesem Geruch, aber irgendetwas hat sich in mein Duftgedächtnis eingegraben (oder vielleicht umgekehrt: etwas aus meinem Duftgedächtnis hat längst vergessene Synapsenverbindungen erneut verknüpft), sodass ich zwar damals den Geruch nicht gekauft habe, ihn mir allerdings dennoch gemerkt habe.

Die Inspiration zu M/Mink ist den meisten hier bekannt, sie sei dennoch kurz zusammengefasst: Das Designbüro M/M aus Paris beauftragte Byredo, ein Parfüm zu kreieren, wobei drei Gegenstände/Objekte als Inspiration dienen sollten: ein Block fester Tinte aus Asien, ein Bild eines japanischen Kalligraphiemeisters bei der Arbeit und eine lange "utopische" - sprich: vollkommen improvisierte und fantastische - Formel, die natürlich in schwarzer Tinte geschrieben war. Und aus diesen drei Inspirationsquellen sollte Epinette nun etwas machen, oder eben den Geruch zu den Gegenständen entwickeln. Wer eins und eins und eins zusammenzählen kann und auch im Bruchrechnen aufgepasst hat, wird sofort den gemeinsamen Nenner herausgefunden haben, nämlich Tinte! Und somit ist der Name natürlich auch Programm, steckt hier ja das Designbüro M/M und das verbindende Element der Objekte, also die "ink", im Namen des Parfums. Man kann es auch so aussprechen, wie M-M-Ink, wenn man die Nähe zu einem Pelztierchen im Englischen negieren möchte. Ein bisschen Tier steckt im Geruch jedoch unverkennbar drin.

Soviel zur Dichtung, doch was ist die Wahrheit? Hier wird sehr oft geschrieben oder geäußert, dass das Parfum schlichtweg untragbar sei und eine Zumutung für die Geruchsnerven ist. Vergleiche werden angestellt mit den wunderbaren Ausscheidungen eines Freistaates der Orangen (oder Oranier). Ich habe zugegebenermaßen die Sécrétions Magnifique - zumindest in der Eau de Parfum Variante - noch nicht unter der Nase gehabt, wenn die angegeben Duftnoten von ELd'O jedoch auch nur ansatzweise realistisch umgesetzt worden sind, dann kann ich mir schon vorstellen, warum der Duft keine große Fangemeinde gefunden hat und als Drohgespenst des Abartigen und als Mutprobe in der Parfumgemeinde gilt. Betrachtet man sich die Duftpyramide von M/Mink und vergleicht diese mit SM, dann wirkt M/Mink ja schon von vornherein wie ein Kindergeburtstag.

M/Mink ist hier vollkommen harmlos, seid beruhigt! Ja, er ist geradezu zahm! Ich habe heute mutig zum frisch erworbenen Flakon gegriffen und todesmutig (zumindest im sozialen Sinn) nach dem Lesen der Kommentare und Statements hier zwei Sprühstöße genommen. Einen direkt auf die Brust und einen direkt aufs Handgelenk. Ich war auf alles gefasst! In der Tat, der Auftakt kann schon verstörend sein. Hier greift die Tintenassoziation auch am besten. Ein chemischer Geruch steigt in die Nase. Beruflich habe ich viel mit Tinte zu tun, aber irgendwie habe ich mir noch nie Gedanken darüber gemacht, wie Tinte überhaupt riecht. Diejenige, die ich oft in meinen Tintenhalter aufziehe, hat bei einem kurzen Test nur einen sehr schwachen, keinesfalls (ver)störenden Eigengeruch. Vielleicht ist hier eher die aus dem Kunstunterricht bekannte schwarze Tusche gemeint. Und schon sind wir mitten in unserer Schulzeit mit einem Federhalter bewaffnet und verteilen tiefschwarze Tusche auf Papier. Lösungsmittel steht auch irgendwo herum! Diese Assoziation ist jedoch lediglich ein Wimpernschlag lang aufrechtzuerhalten.

Denn die Kopfnote ist es nicht, die die Faszination von M/Mink ausmacht oder die ganze Geschichte erzählt. Überhaupt sollte man nicht den Fehler begehen, den Geruch direkt abzuschreiben oder, noch schlimmer, mit der Nase am Handgelenk den Duft zu inhalieren. Ich habe es tatsächlich gewagt, bei 32 Grad Celsius mitten in der Festspielzeit einmal die Getreidegasse in Salzburg auf- und abzugehen. Ich war auf alles gefasst, denn eigentlich sollten sich die Touristen ja links und rechts auf dem Boden krümmen und sich die Nase zuhalten (eine zugegebenermaßen nicht ganz abzulehnende Vorstellung - Deoversagen und La-Vie-Est-Belle-Tyrannei Hilfsausdruck!), hätte das Parfum die Wirkung, die ihm hier zugesprochen wird. Tja, das ist nicht eingetreten und auch zuhause angekommen wurde ich nicht dazu aufgefordert, sofort eine Dusche zu nehmen. Der eigentliche Geruch entwickelt sich nämlich nicht in 2cm Entfernung vom Handgelenk, sondern um den Träger herum. Und das, was hier bei sparsamer Dosierung entsteht, ist eine edle, reine und saubere, etwas süßliche Aura (bei anderen das Katzenpipi) des Honigs, die den Träger umgibt. Ich kann es wirklich nicht beschreiben, aber das Wort, das mir im Zusammenhang mit M/Mink einfällt, ist der Menschengeruchsvertärker im positivsten Sinne. Die Sillage ist dabei ebenso dezent und keineswegs raumfüllend.

Auf meiner Haut ist es tatsächlich die Honignote, die am deutlichsten zu tragen kommt. Und wenn die Nase ganz dicht rangeht, dann kann man auch den leicht animalischen Grundton spüren, der stets mitschwingt. Das Gegenüber wird diesen jedoch nicht direkt wahrnehmen. M/Mink entzieht sich hier eindeutig der Kategorie Parfum im herkömmlichen Verständnis und riecht nicht nach Blumen oder Harzen (Weihrauch bekomme ich beim besten Willen nicht zusammen, wie die meisten Duftnoten, die oben angegeben sind). Und das macht M/Mink für mich zu einem absoluten Außenseiter in meiner Sammlung. Mit M/Mink fühlt man sich nicht parfümiert, sondern auf animalische Art rein. Vielleicht wurde ihm mittlerweile auch der Zahn gezogen und die derzeitige Formulierung ist nur noch ein Schatten des einstigen animalischen Charakters. Ich kenne nur die Formulierung, die ich besitze, und diese kann ich nur als angenehm bezeichnen.

Mein Tipp ist also: unbedingt auf der Haut und nicht auf dem Streifen testen, sparsam dosieren (zwei Sprühstöße sind sehr lange wahrnehmbar und reichen vollkommen aus) und nicht direkt mit der Nase zur aufgesprühten Stelle gehen, sondern den Duft eher so erfahren, wie ihn die Umgebung wahrnehmen wird. Dann habt ihr einen sehr eigenständigen Geruch, der meines Erachtens nicht negativ auffallen kann. Ein Test ist er auf jeden Fall wert und eine willkommene Abwechslung zu anderen Designerdüften ist er allemal.

Kurz: Außergewöhnlich? Ja! Abartig und untragbar? Nein!


21.07.2016 19:17 Uhr
15 Auszeichnungen
Un Parfum des Sens et Bois ist ein sehr stiller Duft. Man kann ihn nicht wirklich fassen und noch weniger vermag ich ihn zu beschreiben. Und dennoch, irgendetwas leicht Holziges wabert den Tag über um mich herum.

Ich kann Ambroxan eigentlich nicht riechen. Zumindest sagt mir dies mein Verstand. Warum? Ich habe mit einem kleinen Pröbchen Molecule 02 experimentiert und immer, wenn mein Nase ungläubig versucht hat, einen Hauch von Duft zu erfassen, war da einfach... Nichts. Nicht einmal die Erinnerung eines Duftes ließ sich erschnuppern. Macht ja nichts, habe ich mir gedacht. Man muss ja nicht jedes synthetische Riechstöffchen riechen können, der Chemiebaukasten gibt ja noch anderes her. Ich bin also gegenüber dem Wunderstöffchen Ambroxan nicht ganz unvoreingenommen und vorurteilsfrei. Ist mein Riechorgan gar unsensibel?

Und nachdem ich heute den Tag mit Sinn(lichkeit) und Holz verbracht habe, muss ich hier lesen, dass vermutet wird, dass dieser Duft ein Ambroxanbömbchen sei. Komisch, denn dann hätte ich ja gefühlsmäßig nicht wirklich das synthetische Stöffchen wahrnehmen sollen. Verstand und Gefühl können oft zu Dissonanzen führen und gegeneinander arbeiten. Und zweifelsohne hat mich den ganzen Tag über ein wunderbarer Geruch - von Duft im Sinne eines sinnlichen Parfums möchte ich hier nicht sprechen - begleitet. Er war mal leise, schien verschwunden, doch dann stieg er mir wieder in die Nase... von irgendwoher. Tatsächlich, das, was da so dezent gerochen hat, kam von meinem Handgelenk. Ich habe es mehrmals überprüft und hatte alle Sinne beisammen. Kein Stolz und Vorurteil kann etwas daran ändern! Ich scheine Ambroxan in Verbindung mit anderen Duftstoffen doch wahrnehmen zu können. Heureka! (Memo an mich: vielleicht sollte man das Restpröbchen Molecule 02 mit anderen Düften in Lagenanordnung testen, also ein Arm mit Ambroxanbesprühung plus Referenzduft, der andere nur mit der Referenz).

Und noch ein Phänomen hat sich heute gezeigt: In der Hitze des heutigen Tages und der hier herrschenden Schwüle hat sich mein unvermeidlicher Schweiß mit dem Sinn(lichen) und dem Holz verbunden und noch mehr des wohligen Holzgeruchs produziert. Es scheint fast so, als ob sich mein Geruch auf eine absolut umschweißige Art und Weise potenziert hätte.

Von der Duftpyramide finde ich kaum etwas in der Nase. Ja, der Duft ist leicht pfeffrig und ein bisschen Weihrauch ist auch dabei, die Blumen sind allerdings sehr gedämpft. Was ins Sinn(lichkeits)organ steigt, ist vor allem ein sanfter holziger und leicht metallischer Geruch.

Und ich finde diesen Geruch wunderbar. Mit diesem Duft fühle ich mich sicher und weiß, dass sich trotz seiner Präsenz niemand daran stören wird. Hier ist vom Töchterchen Ellena keine Patchoulibombe im Veilchenmeer angerührt worden, sondern es ist ein ellenaesque typischer transparenter und recht hautnaher Duft komponiert worden, welcher den Träger zu tragen vermag, ohne ihn zu erdrücken und zu verdecken.

Und dabei ist es auch noch ein Langläufer und kein launisch sinnfreies Holzlüftchen. Heute morgen aufgetragen ist er nach 12 Stunden immer noch in meiner Nase. Geht das? Ambroxan - das ich ja, wie bereits erwähnt, anscheinend nicht riechen kann - scheint es möglich zu machen. Macht das Sinn?

Ich habe diese zarte Aura heute sehr genossen und auch wenn ich ihn nicht ganz fassen konnte, werde ich dem Geruch weiterhin nachsinnen. Zumindest braucht es keine weitere Überredung, Sens & Bois in die Sammlung dauerhaft aufzunehmen. Macht Sinn, oder?

Nachtrag: Gerade habe ich gelernt, dass Ambroxan nicht Ambroxan ist. Vielleicht ist das des Rätsels Lösung? Danke Parfuma First für den hilfreichen Blog!


01.04.2016 15:20 Uhr
22 Auszeichnungen
Manchmal kommt es anders als man denkt. Eigentlich wollte ich in der Parfümerie noch einmal den Vétiver Extraordinaire aus der Edition testen... und vielleicht eine kleine Menge Aventus kaufen; so viele Parfumos können doch nicht irren. Doch neben diesen beiden Düften, war es eben an der Zeit, auch andere Parfums unter die Nase zu nehmen, vor allem die Düfte aus der Edition de Parfums Frédéric Malle. Im Hinterkopf hatte ich, dass Dans tes bras hier als Damenparfum klassifiziert ist, weswegen ich eigentlich erst skeptisch war. Im Vorfeld hatte ich mich natürlich etwas mit den Düften aus der Edition auseinandergesetzt und mich über meinen Favoriten informiert. Dank der großartigen Beratung der Verkäuferin, die meine Vorliebe für stille und unaufdringliche Parfums versteht (allerdings nicht unbedingt teilt), wurde nun also auch Dans tes bras getestet. Schon auf dem Tuch hatte ich sofort das Gefühl, angekommen zu sein. Nach den Tests von verschiedenen Parfums hatte ich hier plötzlich den Gedanken: "Ja, das ist es!", und ein breites Grinsen zeigte sich ungewollt auf meinem Gesicht. Ein Hauttest hat dann gezeigt, dass er wunderbar zu mir passt und genau die Wirkung erzielt, die ich mir von einem Parfum wünsche: keine Überzeichnung und Verfälschung, sondern Unterstützung meiner Persönlichkeit.

Dieses Parfum ist von Roucel in Zusammenarbeit mit Frédéric Malle entstanden, sozusagen eine Teamarbeit ("Ein Parfum ist wie ein Baby, das macht man zu zweit"), wie Roucel dies im Video auf der Homepage von FM beschreibt, und eine der wichtigsten Ausgangskomponenten ist das Cashmeran, eine synthetische Duftnote, die eine samtige und holzige Aura hat. Diese Duftnote ist allerdings unterstützt von merkbar qualitativ hochwertigen Zutaten, die man aus der Duftpyramide entnehmen kann. Die blumigen Noten dominieren hier klar, wenn sie auch auf Kopf-, Herz- und Basisnote verteilt sein mögen. Ein ganzes Meer an Veilchen werden zum Beispiel in der Kopfnote von der Bergamotte herausgekitzelt. In meiner Wahrnehmung bleiben diese blumigen Noten konstant präsent, ohne sich allerdings in einer völlig femininen Blumigkeit und Süße zu verlieren, sondern sie werden vielmehr von den hölzernen Noten getragen. Auch der Moschus kommt nach einiger Zeit zum Tragen und bewirkt diesen sauberen, frisch gewaschenen (meinetwegen seifigen oder pudrigen, aber bitte nicht negativ verstehen) Effekt. Ich fühle mich mit diesem Duft einfach vollkommen unanimalisch sauwohl. Dieses Wohlgefühl hält dank der hervorragenden Haltbarkeit auch sehr viele Stunden, ach was, den ganzen Tag an.

Und ja, der Name passt, denn eine Umarmung des geliebten Menschen ist sehr passend zu den Empfindungen, die dieser Duft evoziert: tröstend, versichernd, geborgen. Das leicht Schweißige hat sich mit meiner Hautchemie nicht entwickelt, und auch wenn hier teilweise von säuerlichen und salzigen Noten gesprochen wird, so empfinde ich diese eher als leicht mitschwingenden herben und krautigen Grundton, welcher die Blumigkeit in ihre Schranken verweist.

Dabei hat der Duft gleichzeitig eine hohe Präsenz, ohne auch nur ansatzweise aufdringlich und nervend zu sein. Es scheint jedoch, als ob der Duft auf sehr unterschiedliche Reaktionen stoßen kann, vielleicht auch wegen einiger Duftnoten, die nun eben nicht jedermanns Sache sind. Auf anderen Seiten habe ich gelesen, dass es sich um einen intellektuellen Duft handelt, den man erst mit der Zeit entschlüsseln kann und schätzen lernt. Für mich war sofort klar, dass Dans tes bras ein Volltreffer ist. Vergleichbares habe ich zumindest selten gerochen. Der Preis ist allerdings doch recht ambitioniert. (Anmerkung am Rande: Komischerweise hatte ich die Absicht, mir ein kleines Fläschchen Aventus für besondere Anlässe zu kaufen, hatte aber mit mir ob des Preises gehadert. So viel Geld für ein Parfum? Für Dans tes Bras habe ich ohne Zögern und Zaudern in etwa die gleiche Summe bezahlt. Verglichen mit dem Forumsliebling ist dieser Duft ein stiller und dennoch präsenter Allrounder.)

Warum dieser Duft bei Parfumo als Damenduft gelistet ist, bleibt mir ein Rätsel und sollte (und hat auch, wenn man sich die Geschlechterverteilung der Besitzer hier auf Parfumo ansieht) die Männer nicht von einem Kauf abschrecken. Einen Test ist er auf jeden Fall wert.

P.S.: Auch wenn der Name des Duftes nach einem poetisch-verklärten Kommentar verlangt, habe ich mich bewusst für eine prosaische Beschreibung entschieden. Für die Romatiker unter uns empfehle ich, das Piaf-Original aus dem Titel in der Rosavariante anzuhören, denn der Liedtext passt auch wunderbar zu diesem Duft.


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