SirLancelotSirLancelots Parfumrezensionen

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1 - 5 von 7
SirLancelot vor 2 Monaten 7 5
8.5
Duft
10
Haltbarkeit
8
Sillage
8
Flakon
Tre Skilling Banco, Hawaii Missionaries & Ochsenköpfe
Noch durchdringt Stille die Dämmerung, wird aber je durch das schnell nahende „Dadamm-dadamm“ des Pariser Abendzugs nach Bordeaux durchbrochen, als plötzlich ein Mann im Schlafanzug aus dem Zug gestoßen wird, einen Abhang hinunterstürzt und regungslos liegenbleibt.

Szenenwechsel.

In den französischen Alpen beschließt die Pariser Übersetzerin Regina „Reggie“ Lampert sich scheiden zu lassen. Nach Paris zurückgekehrt, findet sie die gemeinsame Wohnung leer und Ehemann Charles im Leichenschauhaus vor. Das komplette Mobiliar wurde noch vor seinem Tode von ihm für 250.000 Dollar versteigert, doch die Polizei händigt ihr lediglich eine kleine Reisetasche ihres Mannes aus, in der sich mehrere Reisepässe, ein Notizbuch sowie ein frankierter, aber unverschlossener Brief an Reggie befinden. Vom Vermögen keine Spur. Charles war offensichtlich vor etwas geflüchtet, aber weit kam er nicht. Ab diesem Zeitpunkt treten verschiedene Männer in ihr Leben. Ihre flüchtige aber smarte Urlaubsbekanntschaft Peter Joshua, der jedoch überraschend mehrfach seine Identität wechselt, der Leberwurst essende CIA Agent Hamilton Bartholomew aus der amerikanischen Botschaft und ein sie permanent bedrohendes Trio, ehemalige Kriegskameraden ihres Mannes; sie alle vereint das Interesse am verschwundenen Vermögen, das aus einem Golddiebstahl aus dem zweiten Weltkrieg stammen soll.

Charade steht als Begriff für ein Rätsel, dessen Auflösung man sich in Teilschritten nähern kann. Die wirklich ahnungslose Reggie muss sich diesem Rätsel stellen, eine Flucht würde für sie tödlich enden. Doch nichts ist wie es scheint, aberwitzige Drehungen und Wendungen bestimmen die weitere Geschichte, Thriller-Elemente werden im weiteren Verlauf durch komödiantische gebrochen. Es ist übrigens fast ein Klischee, Charade als den besten Alfred-Hitchcock-Film zu bezeichnen. Tatsächlich wurde er nicht von ihm inszeniert, obwohl er im direkten Vergleich zu Hitchcocks Meisterwerken diesen sicherlich ebenbürtig ist, im Kern jedoch nicht annähernd genug die dunkle Seite des Menschen beleuchtet. Der Film will den Zuschauern einfach Spaß bereiten. Und dies gelingt insbesondere durch die - fast magisch - angehauchte komisch-romantische Dynamik zwischen den grandiosen Hollywood-Ikonen Audrey Hepburn und Cary Grant, die den Film nicht nur zu etwas Besonderem machten, sondern ihn zu einem wahren Klassiker der 1960er Jahre werden ließen.
Widmen sich Parfümeure dem Kino, denkt man unweigerlich an den in Thailand geborenen Prin Lomros der sich für viele seiner Strangers Düfte von Filmen inspirieren ließ. Hinter Charade steckt jedoch der von Markeninhaberin Sarah Baker beauftragte Schweizer Freigeist Andreas Wilhelm, dessen Synthetik-Hämmer für die Marken Perfume.Sucks oder Favourit & Co mir leider wenig überzeugend in der Nase blieben. Das weckt ad hoc böse Vorahnungen.

Charade eröffnet mit einer wundbaren Tuberose, jedoch nicht die Art von brachialer Hammertuberose, wie sie gefühlt durchgängig vom Miguel Matos eingesetzt wird, sondern sehr gefühlvoll. Recht zügig gesellt sich die Süße des Ylang-Ylang hinzu und lässt die Kopfnote unterschwellig, zumindest für mich, fast aprikosenartig-fruchtig wirken. Honigtropfen klettern zäh an den Blütenstängel herab.

Die weißen Blüten ziehen sich nach einer guten halben Stunde zurück und es wird zunehmend balsamischer, immer intensiver bis sich innerhalb der ersten Stunden aus der Tiefe grüne, leicht bittere Elemente hinzugesellen, so wie die ersten Einschüchterungsversuche der drei Kriegskameraden gegenüber der armen Reggie um das Versteck des verschwundenen Geldes zu erfahren. Glattes Leder gesellt sich ebenfalls hinzu, doch noch immer wirkt eine leichte Süße im Hintergrund, bis eine zunehmende Trockenheit beginnt; ich tippe hier auf die Verwendung von Zedernholz, auch wenn es in der Duftpyramide nicht aufgeführt ist. Mitunter ist es schwierig zu bestimmen, wann genau welche Komponenten nun ihren Auftritt bekommen, wie lauter kleine Rätsel, so kunstvoll hat Andreas Wilhelm seinen Duft verwoben.

Nach guten 5 Stunden sind Patch und Sandelholz leicht wahrnehmbar, das Moos längst vorhanden und spielt zusammen mit dem Vetiver gekonnt seinen smaragdgrünen kultivierten Charme gleichermaßen aus wie ein hervorragend aufgelegter Cary Grant in seiner Rolle als Peter Joshua alias Alexander Dyle alias Adam Canfield alias Brian Cruikshank, als letzterer besonders! Nach guten elf bis zwölf Stunden läuft dann aber auch so langsam der Abspann.

Durch die Verwendung der Tuberose in Kombination mit dem Leder sowie einem moosig-erdigen Chypreakkord verwendet Andreas Wilhelm einige Old School Komponenten, die Charade auf den ersten Blick retro wirken lassen und uns in das wunderbare Paris der 60er entführen. Wie in seinem Statement der geschätzte Kollege Rivegauche anmerkt, scheint der Duft trotz seiner Charakteristik luftig & weich zu wirken, dieses Empfinden teile ich. Dies mag möglicherweise an den verwendeten Harzen liegen, denn der eingesetzte Amber kontrastiert gekonnt mit dem Chypreakkord. Umgekehrt lässt sich aber auch die These aufstellen, dass die grünen Elemente die Süße des Ambers dimmen – ein spannender Ansatz. Obwohl auch cremige Noten wahrnehmbar sind, schwebt im Hintergrund eine leichte Pudrigkeit, was auf die Verwendung von ebenfalls nicht in den Duftkomponenten erwähnten Moschus deuten könnte, aber sicherlich harmonisierend eingesetzt wurde und mitunter Charade sehr sexy wirken lässt. Und nicht nur das, der Duft wirkt absolut modern, besticht durch Raffinesse, ist unisex, verkörpert in seinen verschiedenen Phasen sowohl die weibliche Hauptfigur als auch die männlichen Protagonisten des Films respektive deren Dualität. Im Grunde wirkt der Duft so, als würde man genau heute einen verspielten Klassiker gucken, der noch immer jung wirkt. Ich glaube, Andreas Wilhelm, dieser Duft ist dein Masterpiece!

ACHTUNG Spoiler-Alarm: Wer diesen Klassiker bislang verpasst hat, aber noch gerne sehen möchte, sollte nun wegen der Auflösung nachstehender Schlüsselszene nicht mehr weiterlesen!


Auf einem Markt an der Avenue Gabriel / Carré Marigny in Paris, dem berühmten "Marché aux timbres" schenkt Reggie dem Sohn ihrer Freundin drei vermeintlich belanglose Briefmarken, die dieser bei einem Händler gegen ein Konvolut wertloser Marken eintauscht. Dabei handelt es sich bei den eingetauschten Marken um die berühmte schwedische Tre Skilling Banco – ihres Zeichens die teuerste Briefmarke der Welt - aus dem Jahr 1854, des Weiteren die Hawaii Missionaries (für die tatsächlich ein Sammler ermordet wurde) und die erste Ausgabe der berühmten Ochsenköpfe. Für den Film wurden die Originale lediglich in ihrer Farbe sowie ihrer Wertstufe modifiziert, ansonsten jedoch täuschend ähnlich angefertigt – ein wahres Fest für jeden Philatelisten.

Vielleicht noch ein Wort zur wunderbaren Audrey Hepburn, ihr hübsches Gesicht ziert auch eine deutsche Briefmarke. Im Jahr 2001 mussten jedoch die gesamten 14 Millionen der von der Hepburn Foundation nicht autorisierten Marke vollständig zerstört werden. Lediglich drei Bögen á 10 Marken existieren noch, zwei davon befinden sich im Archiv der Deutschen Post, vom letzten Bogen sind aktuell noch 5 Briefmarken im Umlauf, die übrigen fünf wurden je bis zu 50.000 € versteigert. Es lohnt sich also die Augen offen zu halten, und in der Zwischenzeit könnte man nochmal den Film gucken….
5 Antworten
SirLancelot vor 2 Jahren 27 16
8.5
Duft
9
Haltbarkeit
7
Sillage
8
Flakon
Eine Hommage
Mit dem Bassisten in der Band ist das immer so eine Sache. In der Rock ’n’ Roll Hierarchie stehen Sänger als auch Gitarrist ganz oben, in der Mitte sitzt der Schlagzeuger und Bassisten bilden eher die rote Laterne, obwohl sie für viele Fans oft Lieblingsmusiker sind. Wenn sie mit einem ausgeprägten Rhythmusgefühl ausgestattet groovig ihr Instrument schwingen, sagt man ja auch gerne: „Bassplayers build the house, the other players live in"! Einen guten Bassisten hörst du nicht, er orientiert sich an den Grundtönen, gibt mit seinen tiefen Frequenzen den Herzschlag vor und wird zum verbindenden Element zwischen Harmonie und Rhythmus, ohne das ein guter Song einfach zerfallen würde. Virtuosität bleibt dem Gitarristen vorbehalten. Dachte ich zumindest, bis ich irgendwann das 4-minütige Bass-Solo Anesthesia eines gewissen Cliffort Lee Burton von Metallicas Debüt-Album Kill ’Em All hörte, welches als erstes Thrash-Metalalbum in die Geschichte der Rockmusik einging.

Cliff erblickte als drittes Kind von Jan & Ray Burton das Licht der Welt und fiel bereits in der dritten Klasse durch eine weit überdurchschnittliche Lesefähigkeit, später durch seine ausgeprägte Musikleidenschaft, auf. Er lernte Klavier, studierte das Spiel bekannter Bassisten aber auch Skalen und Noten von Bach oder Beethoven und schloss sich - mit dem festen Willen hauptberuflich Musik zu wollen - unbekannten Bands wie EZ Street und Trauma an. Die Herren Lars Ullrich und James Hetfield, quasi die Motoren der damals eher Insidern bekannten Band Metallica, vernahmen auf einem Trauma-Konzert ein wildes verzerrtes Solo, welches sie fälschlicherweise dem Gitarristen zuordneten, bis sie auf dem zweiten Blick realisierten, dass es der Hippie-Klamotten tragende Bassist war, der dort wild handbangend brillant solierte. Beide erkannten das gewaltige musikalische Potential, kippten dem eigenen Hausbassisten Ron McGovney Bier über die Tonabnehmer seines Washburn-Basses und warfen ihn unrühmlich über Nacht aus der Band, dessen Platz kurz nach seinem neunzehnten Geburtstag Cliff einnahm, dessen Dynamik und Harmoniegespür Metallica den entscheidenden Impuls Richtung Weltklasseband verlieh.

So, aber wie klingt jetzt eigentlich so ein Bass-Solo?
Oder, wie riecht es eigentlich?

Um es vorwegzunehmen: Bass Solo ist ein (fast) reiner und dazu noch ein richtig schöner cremiger Holzduft! Schon ein Blick auf die Pyramide offenbart diverse verwendete Hölzer. Doch das direkte Opening überrascht. Wirkt der dunkle Flakon mit der hübschen Holzkappe noch düster, startet der Duft überraschend scharf-hellgrün, würzig mit angenehmer Wärme, gepaart mit etwas Limette. Das Solo beginnt. Relativ schnell entwickelt sich im Zusammenspiel eine wachsig-ölige Note, als würde das Instrument vor dem eigentlichen Spiel vorsichtshalber eine Art Pflegepolitur erhalten.

Später setzt der Lavendel ein, wirkt kühler und gegensätzlicher zu den übrigen Aromen. Duchaufour setzt ihn ein, um den metallischen Aspekt, sprich die Saiten des Instrumentes, darzustellen und war nach Aussage des „The Vagabond Prince“ - Managements auch recht wählerisch bei der Wahl seines verwendeten Lavemdels.

Nach und nach zeigen sich die verstärkt die Hölzer, geben dem Duft einen schönen warmen Grundton. Dabei zeigen sich nun verstärkt einzelne Facetten als einzelne Noten, verschmelzen miteinander, der Bass wird weiter gespielt. Eine milchige Feige zeigt sich, rauchiges Birkenteer bildet einen weiteren spannenden Kontrast, dann wird es cremiger, alles zu einem wunderbaren Klangteppich ausbalanciert.

Hölzer unterschiedler Art, dunkle als auch helle, fügen sich in die Melodie ein, bleiben und bilden aber das Fundament des Spiels. Zedernholz, Sandelholz werden wahrgenommen, von Harzen flankiert, die wiederum für Wärme und Tiefe sorgen.

Was ich nicht beurteilen kann ist, wie das Wengeholz riecht. Laut Parfumo-Datenbank sind die Düfte in denen Wenige verwendet wird recht überschaubar. Optisch handelt es sich um wunderschönes dunkelbraunes afrikanisches Holz, welches aufgrund seiner dekorativen Optik gerne bei der Herstellung von Musikinstrumenten gerne verwendet wird (vorwiegend bei Hälsen und Griffbrettern), aber wiederum auch klangtechnische Stärken hat und für ausgeprägte Mitten sowie weiche, anschmiegsame Bässe sorgt.

Auf meiner Haut klingt Bass Solo nach guten 9 Stunden cremig-sandelholzig aus. Obwohl er m.E. einfach zu tragen ist und recht linear erscheint, steckt der Teufel im Detail. Die Feinheiten eines Musikstücks hört man fast nur über die Kopfhörer. Und diese Feinheiten bietet auch Bass Solo mit seinen feinen ausgewogenen Melodien, alles mit großem Können ausbalanciert und wie bei einer guten Platte möchte man am Ende die Nadel wieder an den Start zurücksetzen um den Klängen des Spiels von neuen lauschen zu können.

Am 27. September 1986 begaben sich Metallica auf ihrer Damage Inc. Tour in den frühen Morgenstunden mit ihrem neuen Tourbus auf dem Weg Richtung Kopenhagen. Cliff und der Gitarrist Kirk Hammett spielten dabei Karten in Wettstreit um die mit einem Fenster ausgestatte Koje im Bus, welchen Cliff gewann und in die komfortablere Koje einzog. Um 6.30 Uhr kam aus bislang ungeklärten Gründen der Bus von der Fahrbahn ab, rutschte 20 lange Sekunden über die Straße bevor er auf die Seite kippte und dadurch die Bandmitglieder aus ihren Betten schleuderte. Während die übrigen Bandmitglieder mit relativ leichten Verletzungen davonkamen, wurde Cliff aus dem Fenster geschleudert und unter dem Bus begraben. Heute erinnert ein 2006 errichteter Grabstein mit den Koordinaten 57°00'00"N 14°00'09"E an ihn.

Obwohl Cliff Burton nur 24 Jahre alt wurde und auf den ersten drei Metallica-Alben zu hören ist, gilt sein fingerbasiertes Bassspiel als innovativ und revolutionär, welches stilprägend für die Band war. Hätte er aber auch Bass Solo selber getragen? Ich kann es mir wirklich vorstellen, dass der Duft zu ihm gepasst hätte, auch wenn wir es natürlich nie herausfinden werden…..


Ich danke Eyris für die großzügige Testmöglichkeit und DaveGahan101 für den fairen Souk-Deal!

16 Antworten
SirLancelot vor 4 Jahren 27 8
The Texas Chainsaw Massacre
Als eine Gruppe von fünf Jugendlichen einen geistig verwirrten Anhalter an einer Tankstelle im texanischen Hinterland zur Weiterfahrt ins Auto einlädt, ahnen sie noch nichts von dem mörderischen Albtraum, der vor ihnen liegt. Soweit die Story in Kurzform. Regisseur Tobe Hooper inszenierte 1974 mittels äußerst geschickten perspektivischen Einsatz der Kamera, schnellen Schnitten in Kombination mit Geräuschen und Musik einen Horrorfilmklassiker mit unglaublich dichter morbider Atmosphäre, bei dem sich der eigentliche Horror allerdings vor allem in den Köpfen der Zuschauer abspielt, welche halb ohnmächtig im Sessel das Schicksal der Protagonisten in den Fängen einer unzivilisierten Kannibalenfamilie wie in einem eigens erlebten Albtraum verfolgen müssen. Trotz des reduzierten Levels an Gewaltdarstellung wurde er als einer der verstörendsten Filme aller Zeiten auf den Index verbannt.

Dass der Film auf einer wahren Begebenheit beruhte, war zwar nicht an den Haaren herbeigezogen, stellte sich nachträglich jedoch als kleiner Marketinggag heraus. Zwar beeinflussten die Taten des in Wisconsin lebenden Serienmörders und Grabschänders Ed Gein den Film, jedoch war jener auch Inspiration für berühmte Filmfiguren wie beispielsweise Norman Bates (Psycho) oder Buffalo Bill (Das Schweigen der Lämmer). Trotzdem war durch ihn eine der populärsten Figuren und Antihelden des Slasher Genres auf der Leinwand geboren: Leatherface. Dessen Leidenschaft ist - und jetzt hat jeder auch wirklich nur einen Rateversuch – natürlich der leicht zweckentfremdete Umgang mit der Kettensäge.

Der ursprüngliche Originaltitel des Films: The Texas Chainsaw Massacre – Blutgericht in Texas.

Unmittelbar nach dem Aufsprühen vom Chainsaw durchdringt Benzingeruch in der Luft. Unverbleit. Ungesund. Genau der Stoff, der seit dem Jahr 2000 in der EU verboten ist. Hier lebt er wieder auf, nimmt dich mit auf eine Zeitreise, lässt dich neben der Zapfsäule stehen, den Einfüllstutzen sicher umschlossen in der Hand. Texas in den 70er Jahren. Heißer Wind fährt durch deine Haare, zerzaust sie, Sandkörner malträtieren deine Augen. Du wendest schützend dein Gesicht ab. Neben dir wartet ein Van mit fünf Jugendlichen. Startklar. Sieht nach Spaß aus. Viel Spaß. Was will der alte Kauz dazwischen? Egal! Wird wohl mitgenommen. Haarspray. Du nimmst Haarspray wahr, siehst aus den Augenwinkel lange Haare, enge Jeans, die wenige Sekunden später sexy über Kunstleder rutschen. Die Zündung startet, eine Tür fällt ins Schloss, Räder drehen durch, verbranntes Gummi, dunkle Spuren auf heißem Asphalt. Die Hand schützend über deinen Augen, folgst du dem Van bis er nur noch ein Punkt am flimmernden Horizont ist, schließlich nicht mehr zu sehen ist. Ein Klicken reißt dich aus deinen Gedanken. Du greifst nach dem Stutzen, führst ihn zurück. Wieder liegt dieser Benzingeruch in der Luft. An der Kasse legt du die Scheine auf den Tisch, dein Blick fällt zu den Knabbersachen und mit einer Tüte Mandeln in der Hand verlässt du den Laden in Richtung deines candyappleroten Ford Mustang Baujahr 1966. Beim Einsteigen fragst du dich, ob du weit in der Ferne nicht den Klang einer Kettensäge vernimmst…

Chainsaw verläuft olfaktorisch alles in allem recht monothematisch, dabei erinnert mich die Struktur an seinen synthetisch-würzigen „Bruder“ Gasoline. Große Überraschungen bleiben natürlich aus und sind bei diesem spaßigen Konzeptduft auch nicht gewollt, dennoch sind besonders in der ersten halben Stunde oben beschriebene Nuancen wahrzunehmen. Man riecht einfach die Leidenschaft, diese Leidenschaft zur Maschine. Schließe die Augen, und du vernimmst den kraftvollen Klang, den Klang, wenn das Öl den ohrenbetäubend knatternden Motor antreibt.

Aber, es geht übrigens auch anders. Wer sich vielleicht mal akustisch von einer Kettensäge in den (vorübergehenden) Schlaf wiegen lassen möchte, dem sei die am 26. Oktober 2018 erscheinende CD der schwedischen Death Metal-Supergroup Bloodbath mit ihrem Abschlussliedchen „Chainsaw Lullaby“ ans Herz gelegt. Na dann gute Nacht, Marie.

Ich danke Achilles für die Testmöglichkeit!
8 Antworten
SirLancelot vor 4 Jahren 11 4
Old Sparky
Als Thomas Edison am 27, Januar 1880 das Basispatent Nummer 223898 erhielt, war er bei weitem nicht der erste Entwickler der Glühbirne. Bereits zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts wurden ersten Versionen einer Glühlampe vorgestellt, doch scheiterten alle Varianten an Leuchtdauer oder dem Problem der Energieversorgung. Edisons Schlüsselprodukt waren Glühlampen, ausgestattet mit hochohmigen Glühfäden; bei hoher Spannung für hochohmige Verbraucher konnte elektrische Energie ab sofort einfach transportiert werden, so dass nun ein Energieversorgungsnetz für Elektrizität technisch machbar wurde. In der amerikanischen Geschichte gilt er als das Symbol für Pioniergeist, der den Schalter umlegte und erstmalig die Wall Street bei Nacht erleuchte, wie ein Magier, der über Leben und Tod entscheidet.

Edisons großer Konkurrent war der Erfinder und Großindustrielle George Westinghouse, der seinerseits die Wechselstrom-Technologie entwickelte, was zu einer erbitterten Konfrontation mit dem in seiner Eitelkeit gekränkten Edison und dessen Gleichspannungssystem führte. Als Edison beim Wettkampf an Boden verlor, setzte er fortan an auf den Vorteil seines Systems: die Sicherheit. Er verbreitet Geschichten wie tödlich Wechselstrom mit seinen hohen Voltzahlen ist, löst Angst bei den Menschen aus. Angst, an einem Stromschlag zu sterben. Ein Mann, der in New York betrunken in einem Kraftwerk gegen einen Generator stolperte, starb an einem solchen Schlag. In politischen Kreisen wird man auf diesen Fall aufmerksam, da man nach einer neuen, vor allem humaneren Exekutionsmethode für die Hinrichtung von Schwerstkriminellen sucht. Eine Methode die schmerzfrei sein sollte und die Komplikationen, die Hinrichtungen durch den Strang verursachten, beseitigen sollte. Eine Kommission beauftragte Thomas Edison - den König des elektrischen Zeitalters - mit der Konstruktion einer entsprechenden Apparatur.

Am 06. August 1890 nahm der zum Tode verurteile William Kemmlers auf einem schweren und sperrigen Stuhl Platz. Seine letzten Worte sind angeblich überliefert mit „Seien Sie gründlich, ich habe keine Eile und ziehen Sie bitte nochmal die Gurte fest“.
Der zynische Spitzname des Stuhls: Old Sparky – alter Funke.

Froggy Frogs „Electric Chair“ riecht direkt nach dem Aufsprühen nach Räucherschinken. Lecker, absolut lecker. Fast läuft mir das Wasser im Mund zusammen. Hätte ich so jetzt nicht vermutet. Aber auch nur 3 Sekunden, dann dreht der ganze Spaß, es raucht, riecht verbrannt. Gegen Ende der ersten Minute möchte meine Nase nicht mehr schnuppern, verweigert mir den Dienst, lässt das Schutzrollo runter, es beißt nämlich in der Nasenscheidewand, wie eingeatmeter Rauch bei Großbrand, beim schiefgelaufenen Versuch in der Chemiestunde in der Schule oder ist es der Geruch, der während des ersten gescheiterten Exekutionsversuch Kemmlers in der Luft lag?
Kabelbrand kommt klar durch, aber nicht so freundlich eingebettet wie beim Fat Electrician von Etat Libre d'Orange, wo er sich auch zu Beginn kurz zeigt. Hier eher authentisch. Auch Schießpulverassoziationen offenbaren sich. Anklänge von Leder durchdringen die von Schießpulver getränkte Luft und lassen unwillkürlich an festgezurrte Ledergurte denken. Der geräucherte Schinken ist nach wie vor präsent, hält sich nun aber dezenter im Hintergrund und wirkt metallisch, aber nicht lecker.

Weitere große Duftentwicklungen bleiben aus, jedoch wird er mit der Zeit etwas angenehmer, vor allem tragbarer. Die überaus ordentliche Silage zieht sich gegen Ende der ersten Stunde zurück. Electric Chair hat Ausdauer, gute acht Stunden ist man ihm mindestens ausgesetzt. Wer ihn auf die Klamotte sprüht, hat verloren; da bleibt er über Nacht penetrant haften. Froggy Frog treibt es zumindest nicht komplett auf die Spitze, ich denke, da hätte es noch wesentlich härter kommen können (Brech-und Würgereiz blieben immerhin aus); AB von Blood Concept oder das berühmte Sécrétions Magnifiques sollen in diesem Zusammenhang nicht unerwähnt bleiben. Kontrovers ist er sicherlich. Dennoch schätze ich die kreative Idee, die hinter diesem Duft bzw. der gesamten Reihe steckt. Aber will man ihn tragen? Halloween steht vor der Tür, an Karneval vielleicht und für Leute mit sehr schrägen Humor ist dieser ungewöhnliche Duft sicherlich genau das Richtige. Aber es gibt auch Leute, die kaufen sich für viel Geld, sehr viel Geld Andy Warhols monochrome Siebdruck-Komposition „Electric Chair“, wenn er zur Farbe ihrer Wohnzimmervorhänge passt.

Ich danke Achilles für die Testmöglichkeit!
4 Antworten
SirLancelot vor 5 Jahren 10
5.5
Duft
8
Haltbarkeit
4
Sillage
5
Flakon
Die alten Männer und das Stroh
Wer bereits in Museen, auf Kalenderblättern oder Postkarten die Gelegenheit hatte Bilder des französischen Künstlers Claude Monets zu studieren, der erinnert sich vermutlich in erster Linie an sein Spätwerk, nämlich die zwischen 1916 und 1926 gemalte Seerosen-Serie. Vielleicht aber auch an das berühmte Werk "Impression-soleil levant", welches nicht nur als charakteristisch für die Malepoche des Impressionismus gilt, sondern bei der Gelegenheit dieser Stilepoche auch ihren Namen gab. Wesentlich unbekannter ist die Serie der vermutlich achtzehn Versionen des während eines Spaziergangs 1890 entdeckten Getreideschobers (ein in der traditionellen Landwirtschaft aufgesetzter Haufen aus Getreide, Stroh oder Heu nach der Ernte). Doch mehr dazu später.

Zum erste Mal habe ich L´Eau de Paille (z. Dt. Strohwasser) im Rahmen einer sogenannten Duftlesung gerochen, einer sehr liebevoll, vom japanischen Kosmetikkonzern Shiseido durchgeführten Verkaufsveranstaltung. Bei entspannter Musik, heißen Tee & Ingwer-Keksen gibt es zunächst Einblicke in die Vita von Serge Lutens, später werden für diesen Abend ausgewählte Düfte vorstellt, begleitet von vorgetragenen Geschichten aus einem dicken Buch rund um das Parfüm, speziell zu seinen persönlichen Erinnerungen, Gefühlen, Ideen, die allesamt zur Entwicklung des jeweiligen Parfums führten. Im Anschluss werden die Düfte aufgesprüht und die Nasen aller Teilnehmer schweben über Duftstreifen & Handgelenke.

Mit dem 2016 veröffentlichten L'EdP unternimmt SL mit uns sowohl eine Duft-, als auch eine Zeitreise in seine Jugend. Es ist die olfaktorische Umsetzung seiner Erinnerungen aus früher Kindheit, als er an einem heißen Sommertag 1954 in Frankreich der Heuernte auf den Feldern zusah, Strohhalme durch die Socken in seine Knöchel piksten oder im blonden Haar getragen wurden.

Auf der Haut startet der Duft zunächst süß-blumig, unterlegt mit leichter Zitrus-Note. Nach und nach dominiert für mich Tonkabohne, minimal unterlegt von zartem Weihrauch. Alternativ denkbar scheint auch ein eher süßlicher Vetiver, welcher zumindest in der Pyramide aufgeführt ist. Dort steht auch der Begriff Heu, welches sich meiner Nase aber noch nicht mal im Ansatz zeigt. Im Laufe der ersten Stunde mischt sich Lavendel ein, drängt sich jedoch nicht in den Vordergrund, sondern bleibt sehr fein, sogar noch zurückhaltender als der Weihrauch, sorgt aber für eine Würzigkeit. Allmählich wird L'EdP auch krautiger, grüner, tendiert nun in Richtung Rasierwasserduft und verschiebt die von SL vorgegebene Balancierung zwischen männlich/weiblich eher in die Richtung maskulin. Als besonders stechend empfand ich die "Rasierwassernote" auf einem Tuch aufgesprüht, während ich sie im Vergleich auf der Haut milder empfand. Vielleicht mögen sich auch noch Aldehyde in den Duftverlauf eingeschlichen haben…. vom Heu ist jedoch noch immer nichts zu riechen. Jedenfalls nicht von dem Heu, wie ich es als Futtermittel für Tiere von früher her kenne. Mit viel gutem Willen vielleicht die allmorgendliche Frühstückscerealien. Auch wenn Heu als Biomasse von Kräutern oder Gräsern definiert wird, der Duft bekommt einfach nicht die letzte Kurve, wirkt nicht authentisch, bis er zartflüchtig von dannen zieht. Ist die Sillage noch in der ersten Stunde relativ stark, schwächelt sie sich doch relativ schnell auf hautnah hinunter. Die vorhandene Grundsüße sowie der Weihrauch sind überraschenderweise gute 9 - 10 Stunden auf der Haut wahrnehmbar, wenn auch äußerst schwach.

L'EdP gehört zur EAUX KOLLEKTION, die innerhalb der übrigen hauseigenen Düfte isoliert betrachtet werden muss. Diese aus zurzeit vier verschiedenen Kreationen bestehende Reihe besticht eher durch ihre vordergründige kompositorische Einfachheit ohne große morgenländische Zutaten gegenüber den gewürzüberladenen Orientalen vom Schlage eines Arabie. Eher luftig, leicht, filigran. Allesamt tragbar an besonders heißen Sommertagen und auch gerne im Office. Sogar im Großraumbüro verhalten sie sich recht unauffällig, eben ganz im Stile eines Wässerchens.

Der Unterschied zwischen den Kollektionen drückt sich auch optisch in der passenden Schlichtheit des schmalen Flakons, gearbeitet aus doppel-wandigen Glas, aus. Schmücken bei Lutens i.d.R. elegante beige oder braun-anthrazitfarbene Etiketten kunterbunt eingefärbten Alkohol, wurden die L'Eau Flakons mit eher uninspirierten s/w-Etiketten beklebt; das Parfüm weißt keinerlei Einfärbungen auf. Im Originalzustand wird ein Schüttflakon ausgeliefert, aber jeder Originalverpackung liegt jeweils ein Zerstäuber zum Austausch für die Umsetzung der eigenen Vorlieben bei. Wer es personalisiert mag, kann sich beim Kauf über die SL-Webseite für eine zusätzliche Gravur entscheiden. Bis zu 3 Initialen sind möglich, gerne aber auch der Vorname. Ob einem das die bis zu zusätzlich aufgerufenen 77 Euro wert sind, muss beim Kauf natürlich jeder für sich selber entscheiden.

Monet variierte das einfache Motiv des Getreideschobers allein durch die Anzahl der Schober oder durch leichte Veränderungen des Abstands zu ihm. Die Jahreszeit wurde durch entsprechende Farbgebung wiedergegeben, wobei warme Farben wie rot den Sommer und kühle Farben wie blau den Winter charakterisierten. Ausgangspunkt für diese gesamte Serie ist aber der außerordentlich kunstvoll herausgearbeitete Natureindruck. Ihm ging es um die Stimmung, den Eindruck und die Wiedergabe der Empfindung, die die Natur in ihm auslöste, nicht das Motiv. Selbst Kandinsky erkannte bei einer Ausstellungsbesichtigung den Schober nur anhand der Katalogbezeichnung, während ihn das Gemälde für sich gesehen gefiel und inspirierte.

Lutens verarbeitet wie Monet seine Natur-Eindrücke. Wenn ich SL korrekt verstehe, geht es ihm mit L´Eau de Paille um die "realistische" olfaktorische Abbildung eines heißen Sommertags während der Heuernte, bei dem der Träger sich beim Riechen des Duftes wie der kleine Serge vor den Erntefeldern fühlen soll, den Geruch des Heus quasi inhaliert. Doch seine Umsetzung wird meiner Meinung nach dem künstlerischen Anspruch nicht wirklich gerecht und enttäuscht als Nischenprodukt auf ganzer Linie, getragen von zwei Kernproblemen. Zwar vermittelt der Duft immer eine Art "Wärme" und mag vielleicht noch einen heißen, eigentlich eher warmen Sommertags simulieren, doch fehlt die finale Wahrnehmung von Heu oder Stroh. Gleichermaßen negativ überraschend empfand ich die vorherrschende Synthetik im Stile eines One Million. So fehlt dem Duft nicht nur der Schober, er fasziniert auch nicht im Geringsten. Wäre der Duft unter einem anderen Namen im Mainstream-Bereich veröffentlicht worden, hätte er eine etwas bessere Bewertung erfahren, doch diese Trivialität aus dem Hause Lutens darf, und das bei aller Vorliebe & Respekt für seine früheren Düfte, getrost außer Acht gelassen werden.
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