SirLancelotSirLancelots Parfumkommentare

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SirLancelot vor 22 Monaten 22

The Texas Chainsaw Massacre
Als eine Gruppe von fünf Jugendlichen einen geistig verwirrten Anhalter an einer Tankstelle im texanischen Hinterland zur Weiterfahrt ins Auto einlädt, ahnen sie noch nichts von dem mörderischen Albtraum, der vor ihnen liegt. Soweit die Story in Kurzform. Regisseur Tobe Hooper inszenierte 1974 mittels äußerst geschickten perspektivischen Einsatz der Kamera, schnellen Schnitten in Kombination mit Geräuschen und Musik einen Horrorfilmklassiker mit unglaublich dichter morbider Atmosphäre, bei dem sich der eigentliche Horror allerdings vor allem in den Köpfen der Zuschauer abspielt, welche halb ohnmächtig im Sessel das Schicksal der Protagonisten in den Fängen einer unzivilisierten Kannibalenfamilie wie in einem eigens erlebten Albtraum verfolgen müssen. Trotz des reduzierten Levels an Gewaltdarstellung wurde er als einer der verstörendsten Filme aller Zeiten auf den Index verbannt.

Dass der Film auf einer wahren Begebenheit beruhte, war zwar nicht an den Haaren herbeigezogen, stellte sich nachträglich jedoch als kleiner Marketinggag heraus. Zwar beeinflussten die Taten des in Wisconsin lebenden Serienmörders und Grabschänders Ed Gein den Film, jedoch war jener auch Inspiration für berühmte Filmfiguren wie beispielsweise Norman Bates (Psycho) oder Buffalo Bill (Das Schweigen der Lämmer). Trotzdem war durch ihn eine der populärsten Figuren und Antihelden des Slasher Genres auf der Leinwand geboren: Leatherface. Dessen Leidenschaft ist - und jetzt hat jeder auch wirklich nur einen Rateversuch – natürlich der leicht zweckentfremdete Umgang mit der Kettensäge.

Der ursprüngliche Originaltitel des Films: The Texas Chainsaw Massacre – Blutgericht in Texas.

Unmittelbar nach dem Aufsprühen vom Chainsaw durchdringt Benzingeruch in der Luft. Unverbleit. Ungesund. Genau der Stoff, der seit dem Jahr 2000 in der EU verboten ist. Hier lebt er wieder auf, nimmt dich mit auf eine Zeitreise, lässt dich neben der Zapfsäule stehen, den Einfüllstutzen sicher umschlossen in der Hand. Texas in den 70er Jahren. Heißer Wind fährt durch deine Haare, zerzaust sie, Sandkörner malträtieren deine Augen. Du wendest schützend dein Gesicht ab. Neben dir wartet ein Van mit fünf Jugendlichen. Startklar. Sieht nach Spaß aus. Viel Spaß. Was will der alte Kauz dazwischen? Egal! Wird wohl mitgenommen. Haarspray. Du nimmst Haarspray wahr, siehst aus den Augenwinkel lange Haare, enge Jeans, die wenige Sekunden später sexy über Kunstleder rutschen. Die Zündung startet, eine Tür fällt ins Schloss, Räder drehen durch, verbranntes Gummi, dunkle Spuren auf heißem Asphalt. Die Hand schützend über deinen Augen, folgst du dem Van bis er nur noch ein Punkt am flimmernden Horizont ist, schließlich nicht mehr zu sehen ist. Ein Klicken reißt dich aus deinen Gedanken. Du greifst nach dem Stutzen, führst ihn zurück. Wieder liegt dieser Benzingeruch in der Luft. An der Kasse legt du die Scheine auf den Tisch, dein Blick fällt zu den Knabbersachen und mit einer Tüte Mandeln in der Hand verlässt du den Laden in Richtung deines candyappleroten Ford Mustang Baujahr 1966. Beim Einsteigen fragst du dich, ob du weit in der Ferne nicht den Klang einer Kettensäge vernimmst…

Chainsaw verläuft olfaktorisch alles in allem recht monothematisch, dabei erinnert mich die Struktur an seinen synthetisch-würzigen „Bruder“ Gasoline. Große Überraschungen bleiben natürlich aus und sind bei diesem spaßigen Konzeptduft auch nicht gewollt, dennoch sind besonders in der ersten halben Stunde oben beschriebene Nuancen wahrzunehmen. Man riecht einfach die Leidenschaft, diese Leidenschaft zur Maschine. Schließe die Augen, und du vernimmst den kraftvollen Klang, den Klang, wenn das Öl den ohrenbetäubend knatternden Motor antreibt.

Aber, es geht übrigens auch anders. Wer sich vielleicht mal akustisch von einer Kettensäge in den (vorübergehenden) Schlaf wiegen lassen möchte, dem sei die am 26. Oktober 2018 erscheinende CD der schwedischen Death Metal-Supergroup Bloodbath mit ihrem Abschlussliedchen „Chainsaw Lullaby“ ans Herz gelegt. Na dann gute Nacht, Marie.

Ich danke Achilles für die Testmöglichkeit!
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SirLancelot vor 22 Monaten 10

Old Sparky
Als Thomas Edison am 27, Januar 1880 das Basispatent Nummer 223898 erhielt, war er bei weitem nicht der erste Entwickler der Glühbirne. Bereits zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts wurden ersten Versionen einer Glühlampe vorgestellt, doch scheiterten alle Varianten an Leuchtdauer oder dem Problem der Energieversorgung. Edisons Schlüsselprodukt waren Glühlampen, ausgestattet mit hochohmigen Glühfäden; bei hoher Spannung für hochohmige Verbraucher konnte elektrische Energie ab sofort einfach transportiert werden, so dass nun ein Energieversorgungsnetz für Elektrizität technisch machbar wurde. In der amerikanischen Geschichte gilt er als das Symbol für Pioniergeist, der den Schalter umlegte und erstmalig die Wall Street bei Nacht erleuchte, wie ein Magier, der über Leben und Tod entscheidet.

Edisons großer Konkurrent war der Erfinder und Großindustrielle George Westinghouse, der seinerseits die Wechselstrom-Technologie entwickelte, was zu einer erbitterten Konfrontation mit dem in seiner Eitelkeit gekränkten Edison und dessen Gleichspannungssystem führte. Als Edison beim Wettkampf an Boden verlor, setzte er fortan an auf den Vorteil seines Systems: die Sicherheit. Er verbreitet Geschichten wie tödlich Wechselstrom mit seinen hohen Voltzahlen ist, löst Angst bei den Menschen aus. Angst, an einem Stromschlag zu sterben. Ein Mann, der in New York betrunken in einem Kraftwerk gegen einen Generator stolperte, starb an einem solchen Schlag. In politischen Kreisen wird man auf diesen Fall aufmerksam, da man nach einer neuen, vor allem humaneren Exekutionsmethode für die Hinrichtung von Schwerstkriminellen sucht. Eine Methode die schmerzfrei sein sollte und die Komplikationen, die Hinrichtungen durch den Strang verursachten, beseitigen sollte. Eine Kommission beauftragte Thomas Edison - den König des elektrischen Zeitalters - mit der Konstruktion einer entsprechenden Apparatur.

Am 06. August 1890 nahm der zum Tode verurteile William Kemmlers auf einem schweren und sperrigen Stuhl Platz. Seine letzten Worte sind angeblich überliefert mit „Seien Sie gründlich, ich habe keine Eile und ziehen Sie bitte nochmal die Gurte fest“.
Der zynische Spitzname des Stuhls: Old Sparky – alter Funke.

Froggy Frogs „Electric Chair“ riecht direkt nach dem Aufsprühen nach Räucherschinken. Lecker, absolut lecker. Fast läuft mir das Wasser im Mund zusammen. Hätte ich so jetzt nicht vermutet. Aber auch nur 3 Sekunden, dann dreht der ganze Spaß, es raucht, riecht verbrannt. Gegen Ende der ersten Minute möchte meine Nase nicht mehr schnuppern, verweigert mir den Dienst, lässt das Schutzrollo runter, es beißt nämlich in der Nasenscheidewand, wie eingeatmeter Rauch bei Großbrand, beim schiefgelaufenen Versuch in der Chemiestunde in der Schule oder ist es der Geruch, der während des ersten gescheiterten Exekutionsversuch Kemmlers in der Luft lag?
Kabelbrand kommt klar durch, aber nicht so freundlich eingebettet wie beim Fat Electrician von Etat Libre d'Orange, wo er sich auch zu Beginn kurz zeigt. Hier eher authentisch. Auch Schießpulverassoziationen offenbaren sich. Anklänge von Leder durchdringen die von Schießpulver getränkte Luft und lassen unwillkürlich an festgezurrte Ledergurte denken. Der geräucherte Schinken ist nach wie vor präsent, hält sich nun aber dezenter im Hintergrund und wirkt metallisch, aber nicht lecker.

Weitere große Duftentwicklungen bleiben aus, jedoch wird er mit der Zeit etwas angenehmer, vor allem tragbarer. Die überaus ordentliche Silage zieht sich gegen Ende der ersten Stunde zurück. Electric Chair hat Ausdauer, gute acht Stunden ist man ihm mindestens ausgesetzt. Wer ihn auf die Klamotte sprüht, hat verloren; da bleibt er über Nacht penetrant haften. Froggy Frog treibt es zumindest nicht komplett auf die Spitze, ich denke, da hätte es noch wesentlich härter kommen können (Brech-und Würgereiz blieben immerhin aus); AB von Blood Concept oder das berühmte Sécrétions Magnifiques sollen in diesem Zusammenhang nicht unerwähnt bleiben. Kontrovers ist er sicherlich. Dennoch schätze ich die kreative Idee, die hinter diesem Duft bzw. der gesamten Reihe steckt. Aber will man ihn tragen? Halloween steht vor der Tür, an Karneval vielleicht und für Leute mit sehr schrägen Humor ist dieser ungewöhnliche Duft sicherlich genau das Richtige. Aber es gibt auch Leute, die kaufen sich für viel Geld, sehr viel Geld Andy Warhols monochrome Siebdruck-Komposition „Electric Chair“, wenn er zur Farbe ihrer Wohnzimmervorhänge passt.

Ich danke Achilles für die Testmöglichkeit!
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SirLancelot vor 3 Jahren 10
5.5
Duft
8
Haltbarkeit
4
Sillage
5
Flakon

Die alten Männer und das Stroh
Wer bereits in Museen, auf Kalenderblättern oder Postkarten die Gelegenheit hatte Bilder des französischen Künstlers Claude Monets zu studieren, der erinnert sich vermutlich in erster Linie an sein Spätwerk, nämlich die zwischen 1916 und 1926 gemalte Seerosen-Serie. Vielleicht aber auch an das berühmte Werk "Impression-soleil levant", welches nicht nur als charakteristisch für die Malepoche des Impressionismus gilt, sondern bei der Gelegenheit dieser Stilepoche auch ihren Namen gab. Wesentlich unbekannter ist die Serie der vermutlich achtzehn Versionen des während eines Spaziergangs 1890 entdeckten Getreideschobers (ein in der traditionellen Landwirtschaft aufgesetzter Haufen aus Getreide, Stroh oder Heu nach der Ernte). Doch mehr dazu später.

Zum erste Mal habe ich L´Eau de Paille (z. Dt. Strohwasser) im Rahmen einer sogenannten Duftlesung gerochen, einer sehr liebevoll, vom japanischen Kosmetikkonzern Shiseido durchgeführten Verkaufsveranstaltung. Bei entspannter Musik, heißen Tee & Ingwer-Keksen gibt es zunächst Einblicke in die Vita von Serge Lutens, später werden für diesen Abend ausgewählte Düfte vorstellt, begleitet von vorgetragenen Geschichten aus einem dicken Buch rund um das Parfüm, speziell zu seinen persönlichen Erinnerungen, Gefühlen, Ideen, die allesamt zur Entwicklung des jeweiligen Parfums führten. Im Anschluss werden die Düfte aufgesprüht und die Nasen aller Teilnehmer schweben über Duftstreifen & Handgelenke.

Mit dem 2016 veröffentlichten L'EdP unternimmt SL mit uns sowohl eine Duft-, als auch eine Zeitreise in seine Jugend. Es ist die olfaktorische Umsetzung seiner Erinnerungen aus früher Kindheit, als er an einem heißen Sommertag 1954 in Frankreich der Heuernte auf den Feldern zusah, Strohhalme durch die Socken in seine Knöchel piksten oder im blonden Haar getragen wurden.

Auf der Haut startet der Duft zunächst süß-blumig, unterlegt mit leichter Zitrus-Note. Nach und nach dominiert für mich Tonkabohne, minimal unterlegt von zartem Weihrauch. Alternativ denkbar scheint auch ein eher süßlicher Vetiver, welcher zumindest in der Pyramide aufgeführt ist. Dort steht auch der Begriff Heu, welches sich meiner Nase aber noch nicht mal im Ansatz zeigt. Im Laufe der ersten Stunde mischt sich Lavendel ein, drängt sich jedoch nicht in den Vordergrund, sondern bleibt sehr fein, sogar noch zurückhaltender als der Weihrauch, sorgt aber für eine Würzigkeit. Allmählich wird L'EdP auch krautiger, grüner, tendiert nun in Richtung Rasierwasserduft und verschiebt die von SL vorgegebene Balancierung zwischen männlich/weiblich eher in die Richtung maskulin. Als besonders stechend empfand ich die "Rasierwassernote" auf einem Tuch aufgesprüht, während ich sie im Vergleich auf der Haut milder empfand. Vielleicht mögen sich auch noch Aldehyde in den Duftverlauf eingeschlichen haben…. vom Heu ist jedoch noch immer nichts zu riechen. Jedenfalls nicht von dem Heu, wie ich es als Futtermittel für Tiere von früher her kenne. Mit viel gutem Willen vielleicht die allmorgendliche Frühstückscerealien. Auch wenn Heu als Biomasse von Kräutern oder Gräsern definiert wird, der Duft bekommt einfach nicht die letzte Kurve, wirkt nicht authentisch, bis er zartflüchtig von dannen zieht. Ist die Sillage noch in der ersten Stunde relativ stark, schwächelt sie sich doch relativ schnell auf hautnah hinunter. Die vorhandene Grundsüße sowie der Weihrauch sind überraschenderweise gute 9 - 10 Stunden auf der Haut wahrnehmbar, wenn auch äußerst schwach.

L'EdP gehört zur EAUX KOLLEKTION, die innerhalb der übrigen hauseigenen Düfte isoliert betrachtet werden muss. Diese aus zurzeit vier verschiedenen Kreationen bestehende Reihe besticht eher durch ihre vordergründige kompositorische Einfachheit ohne große morgenländische Zutaten gegenüber den gewürzüberladenen Orientalen vom Schlage eines Arabie. Eher luftig, leicht, filigran. Allesamt tragbar an besonders heißen Sommertagen und auch gerne im Office. Sogar im Großraumbüro verhalten sie sich recht unauffällig, eben ganz im Stile eines Wässerchens.

Der Unterschied zwischen den Kollektionen drückt sich auch optisch in der passenden Schlichtheit des schmalen Flakons, gearbeitet aus doppel-wandigen Glas, aus. Schmücken bei Lutens i.d.R. elegante beige oder braun-anthrazitfarbene Etiketten kunterbunt eingefärbten Alkohol, wurden die L'Eau Flakons mit eher uninspirierten s/w-Etiketten beklebt; das Parfüm weißt keinerlei Einfärbungen auf. Im Originalzustand wird ein Schüttflakon ausgeliefert, aber jeder Originalverpackung liegt jeweils ein Zerstäuber zum Austausch für die Umsetzung der eigenen Vorlieben bei. Wer es personalisiert mag, kann sich beim Kauf über die SL-Webseite für eine zusätzliche Gravur entscheiden. Bis zu 3 Initialen sind möglich, gerne aber auch der Vorname. Ob einem das die bis zu zusätzlich aufgerufenen 77 Euro wert sind, muss beim Kauf natürlich jeder für sich selber entscheiden.

Monet variierte das einfache Motiv des Getreideschobers allein durch die Anzahl der Schober oder durch leichte Veränderungen des Abstands zu ihm. Die Jahreszeit wurde durch entsprechende Farbgebung wiedergegeben, wobei warme Farben wie rot den Sommer und kühle Farben wie blau den Winter charakterisierten. Ausgangspunkt für diese gesamte Serie ist aber der außerordentlich kunstvoll herausgearbeitete Natureindruck. Ihm ging es um die Stimmung, den Eindruck und die Wiedergabe der Empfindung, die die Natur in ihm auslöste, nicht das Motiv. Selbst Kandinsky erkannte bei einer Ausstellungsbesichtigung den Schober nur anhand der Katalogbezeichnung, während ihn das Gemälde für sich gesehen gefiel und inspirierte.

Lutens verarbeitet wie Monet seine Natur-Eindrücke. Wenn ich SL korrekt verstehe, geht es ihm mit L´Eau de Paille um die "realistische" olfaktorische Abbildung eines heißen Sommertags während der Heuernte, bei dem der Träger sich beim Riechen des Duftes wie der kleine Serge vor den Erntefeldern fühlen soll, den Geruch des Heus quasi inhaliert. Doch seine Umsetzung wird meiner Meinung nach dem künstlerischen Anspruch nicht wirklich gerecht und enttäuscht als Nischenprodukt auf ganzer Linie, getragen von zwei Kernproblemen. Zwar vermittelt der Duft immer eine Art "Wärme" und mag vielleicht noch einen heißen, eigentlich eher warmen Sommertags simulieren, doch fehlt die finale Wahrnehmung von Heu oder Stroh. Gleichermaßen negativ überraschend empfand ich die vorherrschende Synthetik im Stile eines One Million. So fehlt dem Duft nicht nur der Schober, er fasziniert auch nicht im Geringsten. Wäre der Duft unter einem anderen Namen im Mainstream-Bereich veröffentlicht worden, hätte er eine etwas bessere Bewertung erfahren, doch diese Trivialität aus dem Hause Lutens darf, und das bei aller Vorliebe & Respekt für seine früheren Düfte, getrost außer Acht gelassen werden.

SirLancelot vor 4 Jahren 43
9.5
Duft
9
Haltbarkeit
9
Sillage
9
Flakon

Pardon, mais je suis déjà!
„Sag mal, du riechst gut.“

Ihre Wange streift die meine, ich spüre die Wärme, fast wie eine Glut, während ihre Nase bereits die Fährte unter mein Ohr aufgenommen hat, das Zentrum erschnuppert, dort, wo zwei Stunden zuvor winzigen Tropfen auf die Haut trafen und diese mit einer dominanten, aber wunderschönen ausdrucksstarken Magnolie tränkten. Ihre Lippen berühren sanft mein Ohrläppchen, streicheln die feinen Härchen und mir wird ganz schön heiß. Um uns herum Schummerlicht, während lauter grooviger Housesound die Unterhaltung fast unmöglich macht.

„Was ist das denn schönes?“

„Pardon.“

„Ich meinte, wie heißt denn dein Parfum?“ lächelt sie mich an.

„Ja, also das heißt Pardon. Das ist von Nasomatto.“

Der Ausdruck in ihren wunderschönen Augen verändert sich, sie mustert mich, scheint sich absolut nicht ganz sicher zu sein, ob ich sie verarsche. Eine Stunde zuvor trafen sich unsere Blicke zufällig in der Schlange vor der Tür. Einlassstop. Bei der Kälte absolut kein Spaß. Aber unsere Blicke trafen sich wieder, immer wieder, wenn ich zufällig hochguckte, sah sie zu mir, diese wunderschöne Frau, die mich immer anlächelte. Und da war dieser magische Moment. Einer dieser wenigen magischen Momente im Leben, in denen das Herz wild klopft, man kurz vor Schwelle steht sich plötzlich zu verlieben, obwohl das nicht geplant ist, obwohl man nur ausging um tanzen zu wollen. Zuvor gab es noch diesen anderen magischen Moment, der, wenn sich die verführerische dunkle, cremige Schokolade auf deiner Haut kompositorisch raffiniert mit dem Oud, dem Sandelholz verbindet, wundervoll eingebettet in Zimt und Vanille, ein paar Tropfen Kakao. Der Moment, in dem ich mich in Pardon verliebte.

Als ich später am Tresen ein Getränk orderte, stand sie plötzlich neben mir, lächelte mich strahlend an, mich, der doch nur tanzen wollte. Unsere Gläser klirrten aneinander, und wir unterhielten uns, so, als ob wir uns ewig kennen würden. So, wie man sich nur unterhalten kann wenn man auf der gleichen Wellenlänge unterwegs ist, wenn es einfach passt, wenn die Chemie so unglaublich stimmig ist. Ich bekam Komplimente, würde ja wie Robert Redford aussehen, einfach super. Naja, dachte ich, das mag bei den augenblicklichen Lichtverhältnissen vielleicht hinkommen. Immer wieder stieg mir diese himmlische Schokolade in die Nase. Ich war regelrecht geflasht, elektrisiert von diesem Duft. Sie flüsterte mir plötzlich ins Ohr, sie wäre Single. Würde sie auch gleich in mich hinein beißen? Ich erwartete ihren Biss regelrecht!

Pardon ist meiner Meinung nach für den Gentleman gemacht. ALZD schreibt, für den Intellektuellen, der durchaus zu starken Emotionen fähig ist und ausgeprägten Tiefgang hat. Als Gentleman, Freunde, kann ich euch leider nicht teilhaben lassen an dem, was sie mir alles ins Ohr flüsterte, aber ich war von ihrer Offenheit. Aber nun war es soweit, die Bombe musste detonieren. „Pardon, ICH bin leider kein Single!“

PARDON. Das dunkle Holz traf sie mit voller Wucht, unvorbereitet. In diesem Moment nimmst du die Musik nicht mehr war, sie ist verstummt, der letzte Ton verklungen, und die Magie verflogen, der Zauberstab zerbrochen. Aber Ehrlichkeit währt nun doch am längsten. Wir haben uns zum Abschied sehr, sehr lange intensiv umarmt, dann trennten sich unsere Wege.

Mit voller Wucht vermag dich auch die Sillage treffen, denn Pardon sollte beileibe vorsichtig dosiert werden und erfordert etwas Fingerspitzengefühl, so wie beispielsweise auch bei seinem Bruder Duro.

Pardon ist Leidenschaft. Mir hat er einen Abend lang eine Achterbahnfahrt voller Emotionen beschert, Engelchen rechts auf der Schulter, Teufelchen links auf der Schulter. Ich bin immer noch geflasht, komplett durcheinander, durch den Wind, das war alles recht viel. Einen Abend, den ich so nicht erwartet habe, der noch lange nicht verarbeitet ist und an den ich wohl noch oft zurückdenken werde. Ich blicke auf den Flakon, diesen schönen Flakon mit seinem dunklen hölzernen Deckel, an dem an einer Seite ein kleines Stück fehlt, das wie heraus- oder abgebrochen aussieht. Pardon, kaputt. Erst wollte ich ihn zurücksenden, aber ein Klick durch die verschiedenen Flakonbilder zeigte mir die Individualität Nasomattos.

Ich werde ihn natürlich nicht zurückschicken, habe aber Respekt vor dem nächsten Mal, wenn ich ihn wieder trage!
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SirLancelot vor 4 Jahren 2
7
Duft
8
Haltbarkeit
7
Sillage
9
Flakon

Ein unaufgeregter Tag am Meer
Endlich Urlaub. Alleine. Der dringende Abstand vom Stress und der Hektik, die in der Woche den Alltag bestimmen. Ich habe mir in einer kleinen Pension in der Bretagne ein Zimmer genommen, ausgeschlafen und komme nun frisch geduscht aus dem Bad. Mit im Gepäck: Perle Rare Homme Black Edition.

Der mit Leder überzogene Glasflakon mit seinen abgerundeten Ecken wiegt schwer in der Hand und sieht absolut elegant aus. Auf dem Leder ist ein silbernes Schild mit dem Parfumnamen angebracht welches mich stilistisch unwillkürlich an die Aufmachung der L'Oeuvre noire Reihe von Kilian erinnert, aber nun gut, es wird zumindest ein anderer Schrifttyp verwendet. Die Minimalisten unter uns hätten vermutlich auf die ergänzenden Hinweise bezüglich des Alkoholgehalts oder die Mengenangabe verzichtet. Aber das ist Meckern auf hohem Niveau, ist nämlich trotzdem ein Hingucker. Jetzt geht’s ans Eingemachte und flugs wird der schwere Deckel mit dem Panouge Logo vom Flakon abgezogen. Zeit zu sprühen!

Oje, was ist das denn? Etwa Hubbu Bubba-Zitrus-Variante als Kopfnote? Allerhöchste Zeit das Visier runterzuklappen, aber längst zu spät, der Duft hat sich festgesetzt. Irritiert werfe ich einen Blick auf die Duftpyramide: Lorbeer, Basilikum, Apfel, Limette. Aha. Hatte ich mir im Zusammenspiel irgendwie anders vorgestellt. Vielleicht ist es jetzt auch einfach mal an der Zeit vor die Tür zu gehen. Was sagt der Wetterbericht? Abwechselnd Sonne und Wolken; jetzt ist es definitiv zugezogen.

Nach einer Stunde wird die am Anfang doch recht starke Silage schwächer, der Duft angenehmer. Eine gute Dreiviertelstunde später kommt nicht nur die Sonne durch, sondern auch die aquatische Herznote gefällt mir recht gut, jetzt beginnt Perle Rare Homme sogar zu punkten. Nach 3 Stunden riecht alles schön frisch und angenehm, die Wacholderbeere dominiert und verleiht dem Duft ihren Charakter. Wie der Zufall so will, bin ich an einer Bar angekommen. Passt doch, ich habe gerade unglaublich Lust auf Gin Tonic, setzte mich auf einen Stuhl, bestelle, blicke auf das Meer. Nebensaison, da ist es schön ruhig, nur die Wellen rauschen in der Ferne.

Der Duft dreht wieder, schon fast schade, es geht würzig warm dem Abend entgegen. Das zart süßliche Guajakholz harmoniert wunderbar mit dem Lavendel, die Tonkabohne mit dem Amber, das Eichenmoos vermag ich nicht wahrzunehmen. Wohl aber eine adrette Französin neben mir, geschmackvoll gekleidet, um den Hals eine schlichte Perlenkette. Sehr elegant. Wir kommen ins Gespräch, halten ein wenig Smalltalk, stoßen mit einem weiteren Glas Gin Tonic an. Doch ich weiß nicht, liegt es an meinem Französisch, bin ich noch nicht entspannt genug, quoi que ce soit, irgendwie springt der Funke nicht so richtig über! Später verabschiedet sie sich, ich bilde mir ein, eine leichte Enttäuschung in ihrem Blick zu sehen. Schade. Chance vertan. Sollte wohl nicht sein. Meine Augen wandern in mein Glas, leer, wandern zum fernen Horizont. Ich sinniere über die Frage, ob Männer eventuell auch Perlen tragen könnten. Doch eigentlich steht die Antwort schon vor der ausgesprochenen Frage fest....

...aber der Flakon ist wirklich hübsch.
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