SisyphosSisyphos’ Parfumkommentare

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20.12.2018 17:37 Uhr
22 Auszeichnungen
Der Olivenbaum (Echter Ölbaum) ist ein Symbol des Friedens und der Treue - oftmals mit biblischem Bezug. Und wer Olivenbäume, zum Beispiel auf Kreta, wo sich angeblich der älteste Baum der Welt befindet, einmal in natura gesehen hat, weiß, wie anmutig und beruhigend sie auf den Betrachter wirken können. Das imposante geschwungene und massive Holz, die stabile und erhabene Statur, das Lebendige und Beharrliche in einer oftmals kargen und vor Hitze flirrenden Umgebung. Selbst die in Öl eingelegten Oliven als fester Bestandteil der mediterranen Küche in all ihren Fassetten spiegeln diese Eindrücke auf eine gewisse Weise wider. Frisches Brot und Oliven(-öl) - gibt es einen schöneren kulinarischen Minimalismus?

Die Frage, wie man derartige Aspekte in ein Parfum überführen könne, stellte sich mir lange nicht. Zu ungeeignet schien mir ein solches Unterfangen. Der Olivenbaum ist ein wunderbares Symbol und rein kontemplativ. Das Produkt ist zum Essen da, eher zum Genießen. Bis ich Olivo von Bottega Veneta aus der Parco-Palladiano-Reihe testete: Der Duft ist wahrlich nicht einfach zu erfassen. Er ist für mich eine Empfindung. Und die lässt sich ganz gut mit Zur-Ruhe-Kommen umschreiben. Olivo ist unsüß, dabei keineswegs herb. Trocken, aber nicht verdorrt. Luftig, aber nicht flüchtig. Die Haltbarkeit ist recht ordentlich und die Projektion weiß sich bei aller Zurückhaltung des Duftkonzepts immer wieder zu behaupten. Parfums, die ganz selbstverständlich und unaufgeregt plötzlich erneut da sind und wunderbar einnehmend bei einer Körperbewegung durch die Nase dringen, sind rar. Olivo ist genau so ein Parfum.

Profan gesprochen hat Olivo etwas von einem Sauberduft. Klar und transparent. Ihn als frisch zu bezeichnen, wäre aber eine Beleidigung. Er ist reinen Herzens. Und ätherisch. Wie z.B. Vetiver Insolént von Miller Harris. Doch fehlt bei Olivo alle orientalische Würze. Allenfalls eine feine Aromatik ist für meinen Geschmack feststellbar. Olivo ruht in sich, völlig geerdet und zentriert. Auf sich selbst bezogen. Auf parfumo sind lediglich grüne Note, holzigen Noten und grüne Olive gelistet. Ich denke, das gute Durchhaltevermögen ist einer Portion Iso und/oder Moschus zu verdanken. Und unmittelbar nach dem Aufsprühen sind harzige Noten im Spiel. Aber, und das gefällt mir außerordentlich gut, es ist hier nichts "Gemüsiges" mit von der Partie. Auch fehlt dem Duft jegliche Schärfe und Krautigkeit, die grüne Düfte gern aufweisen. Im Gegenteil: Ich sehe eher eine leichte Cremigkeit, gerade im weiteren Verlauf. Olivo ist aber ein weitgehend konstantes Parfum. Ein bisschen wie eine kleine, balsamische Melodie. Und universal. Ein ganzheitlicher Ansatz. Daher kann ich mir den Duft zu fast jeder Gelegenheit und Jahreszeit vorstellen. Ob zur PP-Präsentation oder während des Sabbaticals im Kloster - Olivo hilft einem, durch den Tag zu kommen, das Schöne schöner und das Schlechte erträglich zu machen.

Die gesamte Parco-Palladiano-Reihe ist beachtlich. Cipresso und Lauro z.B. sind ebenfalls außerordentlich gut gelungen und von der Stilisitk mit Olivo vergleichbar, Castagno mit dezenter Süße und durch und durch unisex. Alle Düfte wirken natürlich und hochwertig, sehr tragbar und lebendig. Unbedingt testen und nicht auf den Preis schielen.


13.02.2018 15:07 Uhr
21 Auszeichnungen
Zwei Versionen vom herausragenden Héritage EdT sind mir bekannt: Die mit der silbernen Kappe und die mit der goldenen Kappe (und Guerlain-Emblem). Die aktuelle Version (holzige Kappe) hatte ich bisher nicht unter der Nase. Zwei Versionen sind mir auch vom EdP bekannt: Die mit der silbernen Kappe (aus mir selbst mittlerweile unerklärlichen Gründen irgendwann mal verkauft – man kennt das, man bereut das) und die mit der holzigen Kappe (derzeit im Normalfall im Laden erhältlich) – die alte Formulierung (goldene Kappe) kenne ich leider nicht; sie muss ein "Biest" sein, unglaublich komplex und reichhaltig. Als der EdP-Flakon von Héritage kürzlich bei mir eintraf, war ich zunächst enttäuscht und wollte das Paket spontan retournieren, denn: Laut Foto hatte ich das EdP mit der silbernen Kappe erwartet, es wurde aber die aktuelle Formulierung (aufmerksame Leser wissen jetzt: holzige Kappe!) geliefert. Doch dann sprühte ich einfach doch munter drauf los ...

Es gibt desaströse Reformulierungen in der Parfum-Geschichte und als gewöhnlich geprägter Duft-Afficionado weicht man bei einer neuen Flakon-Präsentation instinktiv zwei Schritte zurück wie ein Hund vor einer Katzenklappe. Zino von Davidoff zum Beispiel wurde übelst zugerichtet über die Jahre. Es gibt aber zum Glück auch Gegenbeispiele. Rive Gauche von YSL etwa. Behutsam ein wenig aufgehellt, ist der Duft verdammt gut gelungen und hat seinen ursprünglichen Charakter in der Reihe "La Collection YSL" im Grunde vollständig bewahren können. Und Héritage EdP?

Héritage EdP hat nach wie vor einen präsenten pudrigen Aspekt (den manch einer als leicht muffig bezeichnen könnte), den animalischen Einschlag des Vorgängers mit der silbernen Kappe aber etwas verloren (der ja bereits reduziert sein soll im Vergleich zu dem davor). Lavendel und Patchouli gehen hier nach wie vor eine völlig famose Verbindung ein, die delikat, sehr satt und üppig ist, aber nicht barock, fett oder überladen wirkt. Es zeigt sich mit Politur behandeltes, dunkles, feinstes Premiumholz. Das ist jedem Fall unverkennbar Héritage EdP. Und es hat immer noch gehörig Tiefgang und Power. Projektion und Haltbarkeit sind ausgesprochen gut. Die legendäre "Guerlinade" kann man durchaus identifizieren, wenn auch Tonkabohne/Vanille nicht gelistet sind. Hier ist Liebreizendes zu finden! Man darf seine Nase nur nicht wie wild auf den Handrücken oder die Kleidung pressen (dann wirkt der Duft insbesondere zu Beginn stark erdig); das EdP lebt durch seine Abstrahlung und bekommt in der Halbdistanz mehr Schwung und Schwingung.

Das Ganze hat etwas mit mir gemacht: Héritage EdP hat meine Gedankenwelt sozusagen olfaktorisch zurückgespult, ein bisschen wie eine Kassette früher im Sony-Tapedeck, und mich mal wieder so richtig in eine Zeit zurückversetzt, als es noch keinen blinden Oud-Wahn oder synthetischen Duschgel-Duft-Horror oder exaltierten Nischen-Pseudo-Individualismus für 389 EUR/50ml gab. Das macht richtig glücklich. Damit soll nichts verklärt werden und früher war bestimmt nicht alles besser (auch in Sachen Parfum nicht), doch die Stilistik von Héritage ist für mich einzigartig. Interessanterweise wird Héritage ja generell gern mit Bankern und Brokern assoziiert. Das mag an der der recht konservativen Werbung liegen: Clubsessel, irgendwas mit einem Flugzeug. Bei mir funktioniert der Duft auf ganz andere Weise. Er ist ein Fels in der Brandung. Ein Paradebeispiel für einen noblen, fein gourmandigen Abend- und Ausgehduft mit gewissem Retro-Charme und schöner Würze, der zuverlässig mitzieht, seinen Träger wunderbar umspannt und ihm eine sehr beständige Duftaura verleiht. Ich sehe eher die ausgelassene Familienfeier, Heiligabend vor dem Kamin oder den Sonntagsspaziergang in Herbst ... Es ist also vielmehr wieder etwas "Väterlich-Onkelhaftes" (nicht negativ zu verstehen) – keine Manifestationen eines entfesselten Turbo-Kapitalismus jedenfalls.

Das ganze Wehklagen bringt im Übrigen auch nichts. Reformulierungen hin oder her. Es gibt sie, die wirklich gelungenen Adaptionen! Guerlain hat hier zumindest das Erbe gerettet und nicht einfach im Hinterhof verzockt. Héritage EdP ist die Uridee des orientalischen Herren-Parfums. Vieles, was danach kam, wirkt manchmal wie eine Fußnote dazu. Zusammen mit dem luftigeren und etwas vielseitigeren Barbershop-EdT braucht man eigentlich nicht mehr auf einer einsamen Insel. Und auch nicht in New York City.


20.11.2017 18:09 Uhr
21 Auszeichnungen
Vetiver Insolent von Miller Harris ist bei dem baumharzig-balsamischen Grundton, den es durchaus auch gibt und der von einer vor allem in der Anfangsphase präsenten Würze gestützt wird, ein mit Haut und Haaren spiritueller Duft. Dieses Parfum verkörpert etwas Ätherisches, ist jedoch kein fragiler Windhauch oder eine Art Duft-Luftikus, sondern im Ganzen selbstbewusst, einladend und drahtig - und verdrahtet sind auch die einzelnen Komponenten dieses Vetiver-Wunders. Kardamom leistet hier ganze Arbeit und lässt einen beim Tragen an Zimt denken. Die Iris deutet eine trockene Pudrigkeit an und umschließt das Süßgras, verleiht VI auf diese Weise Halt und Ausdauer. Wer hier wegen Würze und Tonka einen Gourmand-Kracher erwartet, der wird sich wundern. VI ist nämlich dafür viel zu kontemplativ. Der Weihnachtsmarkt oder der orientalische Bazar sind bereits in weite Ferne gerückt, man vernimmt nur noch leise das Stimmengewirr und die geruchliche Melange, während VI einen auf seinen Schwingen davonträgt. Dieses Parfum hat Vibes ...

Vetiver = Zahnarzt. Eine Gleichung, die hier nicht aufgeht. Welch ein Glück! Das dürfte der Tonkabohne und dem süßlich-aromatischen Kardamom zu verdanken sein. Es ist ein gewisser Spirit, dem der Parfum-Tragende hier begegnet. Ein Duft zwischen Verve beim Tun und theoretischer Philosophie (beim Unterlassen). Ein Parfum wie eine Überzeugung. Dabei eher der gelungene Aphorismus mit Herz und Tiefgang als das rein rationale Bollwerk-System. Das Auftreten null arrogant oder anmaßend. Es ist das Wissen darum, das Richtige zu tun oder nicht zu tun bzw. das Richtige zu tragen. VI vermag die Welt anzuhalten, zur Seite zu treten und das ganze Tohuwabohu einmal von außen zu betrachten.

VI hat ein enormes Durchhaltevermögen und in den ersten beiden Stunden eine bemerkenswerte Projektion, die sich nach und nach sehr angenehm zurücknimmt. Die Projektionsfläche hingegen breitet sich mehr und mehr aus: VI ist ein flirrender Duft. Es prickelt förmlich. VI Insolent lässt die Korken knallen. Doch entströmt hier kein Bling-Bling-Schampus, sondern ein sehr gediegener Jahrgangsriesling-Sekt. Eine Duft-Perlage wie aus dem Bilderbuch ... Nach dem Einschenken äh Auftragen auf die Haut versprüht VI Funken. Kleine, feine Funken. Sie flimmern über den Träger und tragen ihn selbst dadurch. Die grünlich-moosige Basis macht ihn Büro-kompatibel, sein ungezwungenes, natürliches Auftreten zu einem idealen Freizeitbegleiter im Frühling und Herbst. Wem Encre Noire zu düster war, diesen hier testen. Wem Vetiver (Extreme) von Guerlain zu sehr Amalgam und Desinfektion war, diesen hier testen. Wem der Vertreter von Carven zu säuerlich war, diesen hier testen. Wem Vetiver Extraordinaire von F. Malle eben nicht extraordinär genug war, sondern "zu perfekt", diesen hier testen. Vetiver Insolent ist ein Avantgarde-Vetiver ohne Mätzchen und Allüren, aber mit einem gewissen Spirit. Und der stirbt hoffentlich nie.


10.04.2017 22:19 Uhr
28 Auszeichnungen
Die Düfte von Andy Tauer fand ich stets hochspannend und innovativ, konnte sie aber lange nicht so richtig in mein Herz schließen. Das betrifft zum Beispiel Incense Rosé. Das galt (und gilt) auch für das berühmte und von vielen förmlich vergötterte L´Air du Désert Marocain. Vor Jahren gab ich der No. 2 als Duft-Neuling einmal 70% und erntete dafür zum Teil Häme und Kritik. Gern hätte ich ihm 75% gegeben, das war seinerzeit auf parfumo aber nicht möglich - und hätte den Braten auch nicht mehr fett gemacht. Vor lauter Irritation und Verwirrung (und eigener Parfum-Rückgratlosigkeit) sowie nach vielen weiteren Tests löschte ich schließlich den Kommentar zu LDDM. Was folgte, war eine Tauer-Pause. Heute würde ich der No. 2 übrigens 80% geben. Meine Meinung hat sich da im Laufe der Zeit nichts wesentlich verändert. Ein gutes und individuelles Parfum war und ist die No. 2 für meinen Geschmack. Es packt mich halt nur nicht.

Mit dem exaltierten und wie ich finde doch bestens tragbarem Orange Star von Andy Tauer wurde (fast) alles anders (nachdem mich Lys du Désert allerdings von Anfang an ziemlich beeindruckt hat; daher vermutlich auch die Verunsicherung, warum es mit der No.2 nicht so recht klappen wollte). Und die Rose aus Kandahar setzte noch mal einen oben drauf in einer bestimmten Weise - sozusagen unter dem Blickwinkel "Damenparfum" (geht aber natürlich auch für Herren). Was für ein Rosenduft! Für mich jedenfalls alles absolute Ausnahmeparfums. Und als schließlich das komplexe und nach dem Aufsprühen minütlich besser werdende Lonestar Memories mich dann nach diversen Anläufen in seinen Bann zog, da wurde ich dann wohl endgültig auch zu einem Fan von Andy Tauer und seinen Parfums. Nur mit der No. 2 wollte und will es nicht so recht klappen. Umso gespannter war ich natürlich vor diesem Hintergrund auf Au Coeur du Désert.

Wie verhält es sich nun mit ACDD, das bei den Bewertungen unglaublich abräumt? Was für eine Flughöhe! Die volle Punktzahl am laufenden Band. Eine Lobeshymne nach der anderen. Mein bescheidener Ratschlag: Bitte bewahren Sie Ruhe! Denn: Im Grunde ist es doch wie bei der No. 2. Bloß mit einer etwas anderen Akzentuierung. Wer LDDM verehrt (und besitzt), braucht ACDD meines Erachtens jedenfalls nicht. Beide Düfte sind vergleichsweise geschlossene Systeme, die man im Ganzen annehmen muss. Ganz anders als Lonestar Memories zum Beispiel, in dem man lesen kann wie in einem offenen Buch, das sich windet und dreht und sich häutet ... L´Air du Désert Marocain hat eben im direkten Vergleich zu Au Coeur eine ordentliche Portion Maschinenöl im Gepäck - und es trägt die Handschrift Andy Tauers durch und durch. Au Coeur ist da softer und schmeichelnder. Damit ist es kompatibler, keine Frage. Möglicherweise ist es für einige auch tragbarer und alltagstauglicher. Nach dem Aufsprühen meine ich sogar kurz eine grüne, eine krautige Note zu erkennen. Der Rest ist relativ klar: Balsamische Holztöne und merklich Ambra. Sehr kuschelig. Sehr rund. Damit ist ACDD im Ganzen betrachtet ein Stückchen braver und glatter als der "Urahn". Als Extrait verfügt ACDD über eine wahrlich phänomenale Haltbarkeit, übersteht die Nacht und eine Dusche. Naturgemäß fällt die Abstrahlung für ein Extrait nicht allzu üppig aus. Das ist jedoch Jammern auf höchstem Niveau.

Ich halte ACDD (wie auch in gewisser Weise LDDM) für eine Art geschlossene Gesellschaft. Man gehört dazu oder nicht. Eine besonders vielschichtige Duftentwicklung wird man hier nicht vorfinden. Orange Star und Lonestar Memories sind in dieser Hinsicht wahre Abenteuerrreisen. Ob es hier ein Extrait des populären Verkaufsschlagers L´Air du Désert gebraucht hat, für das man ordentlich in die Tasche greifen muss? Ich weiß es nicht. Der neue Aspekt nimmt dem Duft ein wenig von seinem Charme, seiner ureigenen Persönlichkeit. Man könnte das böse Wort "angepasst" verwenden. Der Ansatz erschließt sich mir jedenfalls nicht so richtig, scheint aber den Nerv voll zu treffen. Insofern gibt der Erfolg dem Duft Recht. Ich empfehle trotz allem im Zweifel das "Original". Nicht, weil früher alles besser war, sondern weil L´Air du Désert ungeschliffener, ursprünglicher ist. Und im direkten Vergleich mit Au Coeur den schöneren, den reizvolleren Duftverlauf zeigt.


06.04.2017 23:18 Uhr
11 Auszeichnungen
Von A Taste of Heaven einmal abgesehen, konnte mich noch kein Duft aus dem Hause Kilian überzeugen. Und der kommt letztlich doch nicht an Pour un Homme de Caron ran. Bei Straight to Heaven bin ich nun fast ein wenig konsterniert und stehe ratlos da wie bei einem 0-3-Rückstand nach 10 Spielminuten. Doch dazu später mehr. Zunächst: Patchouli macht am Ende mal wieder alles kaputt. Schönen Dank dafür. Der Rum ist alles andere als ein Vintage-Jahrgangs-Rum, sondern vom Discounter um die Ecke. Muskat im Kopf, Palisander und Zeder in der Basis? Das riecht irgendwie nach verbrauchter Luft oder abgestandenem Wasser, das wirkt uninspiriert. Fußballreporter würden jetzt das Wort "pomadig" verwenden. 50 ml für rund 200 EUR. Nonchalante Gleichgültigkeit den Parfumpreisen gegenüber hin oder her, unerwähnt lassen möchte ich dieses "Preis-Leistungsverhältnis" dann doch nicht. Dafür gibt es ein im Ganzen doch eher zurückhaltendes Parfum, das auch nicht besonders lange durchhält.

Straight to Heaven ist am Endes des Tages ein Fallensteller. Ein Trojanisches Pferd. Yin und Yang des Geruchs. Die Dichotmoie des Himmels. StH treibt ein perfides Spiel. Mit doppeltem Boden. Das oben Gesagte bezieht sich nämlich auf den Duft, nachdem er auf die Haut gesprüht wurde. Auf Papier zeigt sich ein ziemlich anderes Bild. Die Diskrepanz zwischen Haut und Papier ist wirklich ungewöhnlich für meinen Geschmack. Denn: Auf Papier ist alles aufgeräumter, sauberer, heller. Es zeigt sich eine smarte, eine zarte und angedeutet süßliche Fruchtaromatik, die möglicherweise ein Erklärungsansatz dafür ist, warum viele, die Straight to Heaven etwas abgewinnen können, auch Aventus von Creed zu ihren Lieblingen zählen. Jetzt kann man natürlich einwenden: Pech gehabt, liegt an der Haut. Man könnte die Empfehlung aussprechen, an das Sakko Teststreifen zu tackern und mit StH zu besprühen. Ich für meinen Teil bin raus und gebe auf. Vielleicht schiebe ich einen Textil-Duft-Test hinterher. Dann rieche ich vielleicht Dinge, die sich gar nicht mehr in Worte fassen lassen. Ich male dann ein Bild. Oder tanze meine Eindrücke und nehme sie auf. Vollkommen unentschiedene 50%.


01.04.2017 10:50 Uhr
6 Auszeichnungen
Sécret Melange ist ein ausgesprochen schwieriges Parfum; (heraus-)fordernd, sehr würzig und spröde. Die Gewürznelke ist unmittelbar nach dem Aufsprühen dominant ohne Ende. Anis präsentiert sich herb und nahezu abweisend. Das Ganze wirkt bierernst auf mich. Die Rose ist hinüber. Es müffelt. Hier sollte mal jemand tunlichst die Fenster aufreißen.

Maitre Parfumeur et Gantier macht für meinen Geschmack sehr beachtliche Oldschool-Düfte in Flakons (die Roten), die einem 80er-Retro-Porno entsprungen sein könnten. Und gegen die 80er lässt sich ja unter Style-Gesichtspunkten nun mal wirklich nichts sagen ... Grain de Plaisier von MPG zum Beispiel. Kennt kein Mensch. Die wärmste Zitrone weit und breit. Stilvoll und dezent. Oftmals sind die Düfte aus diesem Haus keine Powerhouse-Vertreter im eigentlichen Sinne, sondern wahren Contenance (und Distance). Aber sie verfügen auch über einen gewissen Wiedererkennungswert und eignen sich nicht als Einsteiger-Parfums. Man schaue sich nur Centaure an, der im Vergleich zu Grain de Plaisier recht forsch auftritt.

Zwei weitere Duft-Bezugspunkte möchte ich konkret aufzeigen und kurz mit SM (sic!) vergleichen bzw. als Alternativen empfehlen, weil sie sich mir beim Test einfach aufdrängen: Für (Stern-)Anis-Freunde sei das konsequente Fraiche Badiane (ebenfalls von MPG) empfohlen. Auch unsüß, aber beschwingt und kraftvoll, kein bisschen überladen. Ein würziger Rosenakkord manifestiert sich in Touaregh von Il Profvmo. Luftig und transparent, dabei sehr markant und angenehm seifig. Das sind mal Blumen für den Herrn! SM von MPG kann hier zu keinem Zeitpunkt mitziehen. Das Zitrische vermag auch kaum abzufedern. Die Nelke nivelliert alles. Auch der Duftverlauf bleibt überschaubar. Ich traue es mich kaum zu sagen, aber mitunter fühle mich ein wenig an einen (Fischerei-)hafen erinnert.

Über ein gewisses Alleinstellungsmerkmal verfügt dieses Parfum aus meiner Sicht zweifellos. Es passt in kaum eine Schublade. Überzeugen kann mich das allerdings nicht. Der Start ist äußerst problematisch. Duftentwicklung? Hält sich schwer in Grenzen. Eine gewisse Milde stellt sich zwar ein, aber das kann dann auch kaum noch etwas ausrichten. Überhaupt, was ist mit der Basis los? Sandelholz? Kratzt. Patchouli? Macht alles noch schlimmer, angestaubter, morbider. 30 % für diesen einsamen Grenzgänger.


18.03.2017 15:52 Uhr
20 Auszeichnungen
Orange Star ist ein miss- bzw. unverstandenes Parfum - zumindest auf Parfumo Deutschland. In der englischsprachigen Community erfährt der Duft mehr Anerkennung. Zudem kann er bisher in der deutschen Fangemeinde nur selten beim männlichen Geschlecht punkten. Ich verstehe es nicht. Denn: Im Grunde bringt OS alles mit, um in unterschiedlichen Kontexten zum Einsatz zu kommen und von allen denkbaren Geschlechtern getragen zu werden. Der geht im Sommer im Schwimmbad zum Split-Eis und zur Vorweihnachtszeit zum Mandarinen-Schälen, im Büro an einem nicht enden wollenden Mittwoch und an einem noch weniger enden wollenden Sonntag im November-Regen. Aber: Der benötigt Zeit.

Der Auftakt ist wuchtig und scharf, keine Frage. Das verfliegt, ist doch klar. OS will wirklich nur spielen. Beim allerersten Test war ich irritiert, nach dem dritten ausführlichen Test habe ich den heiligen Orangenduft-Gral gefunden. Die Struktur des Dufts ist jedoch meilenwert entfernt von jeglicher Cologne-Stilistik; vielmehr könnte man einen leichten orientalischen Einschlag vermuten. Man darf OS auch nicht vorschnell in die Synthetik-Schublade stecken, der Duft ist ein Evolutionswunder. Und das Beste kommt bekanntlich zum Schluss. OS ist eine markante Fruchtbombe nach dem Aufsprühen und entwickelt sich mit viel Saft und Kraft auf der Haut über einen dezenten floralen Sidestep und ganz viele Stunden hin zu einem Ambra-Tonkabohnen-Schmeichler ohne Ende. Wer Concenrée d´Orange Verte von Hermès mag, muss doch mit Orange Star etwas anfangen können! Hier wie dort spielt Ambra eine zentrale Rolle, aber wer OS kennt, dem wird "Concentrée" blass und dünn vorkommen. Das eine ist die Idee, das Urbild, das andere das Abbild.

Der Tauer-Vibe schwingt auch hier immer mit. Auf Textilien ist OS märchenhaft schön und zeigt sich für meinen Geschmack noch einmal von einer etwas anderen Seite. Am nächsten Morgen riecht er in gewisser Hinsicht sauber und man selber wie bereits geduscht, ja, fast unschuldig. Projektion und Haltbarkeit sind bei diesem Spektakel ausgezeichnet. OS empfinde ich als verdammt lecker. Kein Reinigungsmittel, kein Chemie-Unfall. Wenn ich ihn über Nacht trage, bin ich am nächsten Morgen richtig überrascht, wie charmant sich der Duft entfaltet und wie souverän er sich gesetzt hat. Auf der Haut verschmolzen mit der eigenen "Persönlichkeit", sinnlich-ambriert - auf dem Schlafshirt eher fruchtig-frisch, dabei aber reif und weich. Mit Orange Star hat Andy Tauer einen sehr eigenständigen Orangen-Duft entwickelt, der sich nicht in seiner Andersartigkeit verliert, sondern bestens tragbar und dabei enorm komplex ist.


14.12.2016 21:32 Uhr
21 Auszeichnungen
"I really don´t know. I think, it´s sufficiently complex and universal in it´s imagery that it could be almost anything you want it to be."
(J. Morrison)

Ein olfaktorischer Endpunkt
Das romantische Glotzen im epischen Theater
und der Wille zur gesellschaftlichen Veränderung
ein singuläres Ereignis
der Urknall, der Raum und Duft erst hervorbrachte
und die permanente Ausdehnung
der Yatagan (sic!) gegen das klapprige Klappmesser
ein Monument aus Stahlbeton und Liebe in einer geruchlichen Wüste mit Papiertigern und Duftwetterfähnchen

Inspiriert, so sagt man, von einer aphrodisierenden Paste eines zentralafrikanischen Stammes
oder einer Wurzel
oder einem Gute-Nacht-Kuss
oder dem Orakel
gnothi seauton
alles, was einen Anfang hat, hat auch ein Ende

Grün, Gummi, Ozon-Frische, Seife
in your face!
Orangensirup und Blüten und Würze und wundersame Verästelungen im strahlenden Regen(-wald)
(dort ist ein Papagei!)
Alles geht schließlich so schön runter wie Kaba
und raubt mir den Verstand wie Ali Baba.
Dry down, Drydown!

Ich bin wieder on the road (sic!)
allein und einsam und mit Tränen der Bitterkeit
verwüstet und verwunschen
wühle ich aufgewühlt in der wütenden Erde
mit Körnern, mit Staub und mit Teer
ohne zu wissen warum
und bin plötzlich glücklich dabei
Akowa begleitet mich und steht mit mir über den Dingen wie Emil Cioran

Perfume Review? Yes, Son? I want to kill you.
Akowa? In want to ...


23.11.2016 21:14 Uhr
14 Auszeichnungen
Um direkt mit der Tür ins Haus zu fallen: Loewe 001 Man ist kein schlechtes Parfum. Es ist samtig, mollig und wärmt wie Glühwein zu vorgerückter Stunde. Passt ganz hervorragend in die kalte Jahreszeit. Dass offenbar keine Iris drin ist, überrascht dann doch. Denn: Pudrig und ein wenig "papierhaft" ist der Duft schon, nur ist dieser Aspekt nicht so präsent wie bei anderen Vertretern dieser Duftrichtung. Mit einer gesalzenen Kardamom-Süße, die sich gewaschen hat, geht es jedenfalls erst mal los.

L001M will, so hat es zunächst den Anschein, neue Wege gehen, wandelt am Ende des Tages dann aber doch nur auf ausgelatschten Pfaden: Dior Homme (mit seinen Varianten, wenngleich das EdT als Vergleich wohl am ehesten taugt), Carthusia 1681 (Papier) oder - um mal einen neueren Vertreter zu nennen - L´Homme von Prada (mit dezentem Frische-Kick, aber sonst konventionell) sind eklatante Referenzen. Neuartig ist L001M jedenfalls duftthematisch nicht. Keine Kontrastierung, keine Wendung. Das ist fast ein wenig verwunderlich: Klar, Loewe ist keine experimentelle Geheimtipp-Schmiede, hat aber beispielsweise mit dem blauen 7 Loewe eine äußerst beachtenswerte Weihrauch-Spielart herausgebracht: Modern, schlank, drahtig, etwas überdreht-apfelig und dabei jeglicher sakralen Nähe völlig unverdächtig. Und auch sonst sind die Düfte dieses Labels, das sich im Niemandsland zwischen "Nische" und Mainstream zu bewegen scheint, einen Test wert. Gegen 7 Loewe wirkt Loewe 001 Man jedenfalls bestenfalls wie der nette Schwiegersohn von nebenan ...

Dass mit Zeder und Zypresse sowie Sandelholz ein holziger Drift initiiert werden soll, kann man kaum gelten lassen. L001M verharrt recht deutlich in seiner leicht langweiligen und gerade zu Beginn sedierenden Süße. Die ist im weiteren Verlauf zum Glück nicht allzu klebrig und die bloß angedeutete Holzigkeit ist nicht kratzig (wie bei Bleu de Chanel etwa) - das macht L001M tragbar und obendrein gefällig. Die Basis des Dufts liest sich kompliziert und suggeriert einen Touch Unsauberkeit. Ob es sich um eine self-fulfilling prophecy handelt, bleibt offen ... Die formale Beschaffenheit von L001M ist jedenfalls tadellos. Projektion und Ausdauer tun solide ihren Dienst wie der alte Dieselmotor in U96. Der Flakon ist sehr ansehnlich und wirkt klassisch-edel. Fazit: L001M ist zwar ein neuer Wein, doch in alten Schläuchen. Kann man aber auch mal trinken.


11.09.2016 19:28 Uhr
14 Auszeichnungen
Das Werk "Perfumes The A-Z Guide" vom Godfather der Duftkritik, Luca Turin, ist ja mitunter ganz unterhaltsam, hat mich persönlich aber auch immer wieder genervt. Lapidare, in vielen Fällen einfach nur destruktive Kurzkritiken mit dem Mehrwert taiwanesicher Bedienungsanleitungen für den Leser. Unsachlich wie Zank um eine gemischte Tüte im Kindergarten. Und mit Vergleichen bemühter als diese hier. Wer in Knize Ten "a splendid strawberry top note" erkennt. Bitte schön. Und wer Vetiver Extrême von Guerlain als "vetiver disaster" bezeichnet, macht mir Angst, weil ich mich frage, wie so jemand dann echte Desaster bezeichnet, z.B. Spiele vom HSV.

Ich war also auf das Schlimmste vorbereitet, als ich die Seiten nach "Contradiction for men" von C. Klein durchblätterte. Und siehe da, da steht tatsächlich geschrieben: "... this one is laconically more expressive than most, shifting delicately from gray-citrus top to a woody-spicy heart and, most important of all, to an interesting drydown that does not smell like a shortage of cash, as most others do." Gern hätte ich erfahren, was für Luca Turin so interessant am Drydown ist. Vier Sterne gibt es dafür vom King of Scents. Unglaublich.

Cfm ist aus dem Jahr 1999 und hielt sich einige Jahre am Markt. Eine graue Maus ist der Duft auf parfumo. Ein völliger Außenseiter. Ich kaufte ihn um das Jahr 2004. Erster Job. Bürotaugliches Parfum gesucht. Dieses gekauft. Und schätzen gelernt. Auch heute, nach vielen Jahren, funktioniert Cfm tadellos bei mir. Und er hat tatsächlich etwas Funktionelles. Man wird einräumen müssen: Ja, der ist synthetisch. Ja, Abstrahlung und Ausdauer sind nur Mittelmaß. Ja, man wird kaum Komponenten erkennen können, mit ziemlicher Sicherheit jedoch Lavendel. Ich mag Lavendel sehr, in allen Ausprägungen. Hier wurde ihm jedenfalls jegliche Krautigkeit genommen. Es ist ein Labor-Lavendel. Egal. Riecht gut. Doch Koriander? Muskat? Finde ich nicht.

Cfm ist einfach. Fast simpel. Er riecht charmanter und fassettenreicher, wenn man direkt am Sprühkopf riecht und auf Kleidung, wenn der Wind ihn einem wieder um die Nase weht. Cfm ist unsüß und doch rund, der Auftakt kurz und dabei konventionell zitrisch (hier hätte ich eher auf Grapefruit als auf Limette oder Mandarine getippt). Dann kommt Sauberkeit. Frische Wäsche. Es ist eine blumenlose Serge-Lutens-L´eau-Mainstream-Frische mit etwas mehr Würze. Erst der Drydown ist pudrig und lässt ein wenig helles Holz frisch aus der Werkstatt erkennen. Aber die Pudrigkeit ist nicht übermäßig stark. Keine Dior-Homme-Pudrigkeit, eher eine eingezogene Handcreme.

Das alles klingt nicht besonders prickelnd. Sondern langweilig. Warum mir der Duft dennoch so viel Freude bereitet? Weil er es kann. Es ist in jedem Fall etwas, das nichts mit einer sentimentalen, verklärenden Rückschau zu tun hat. Was ich sehr an Cfm schätze, ist, dass er für mein Empfinden keine Duschgel-Assoziationen zulässt. Es ist kein aquatisches Parfum. Das ist eine negative Bestimmung. Und eine positive? Es ist vermutlich die entspannte Sachlichkeit (genau jene, die ich bei den Duftkritiken Luca Turins mitunter vermisse), die Cfm aus-/abstrahlt. Das Ganze gibt es, die Produktion ist ja längst eingestellt, für rund 18 EUR in diversen Internetshops (50 ml). Ein absoluter Schnapper. Und tragbarer als Jeans obendrein.


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