SmoetnSmoetns Parfumrezensionen

1 - 5 von 33
Smoetn vor 5 Tagen 11
7.5
Duft
8
Haltbarkeit
6
Sillage
9
Flakon

Zurück in die Zukunft
In Vorbereitung auf diesen Duft habe ich mir das 40-Minuten Video von „The Perfume Guy“ angesehen, in dem er Sergio Momo (Gründer von Xerjoff) zu "Casamorati - Casafutura | XerJoff" interviewt. Damit ihr euch dieses doch etwas langweilige Video nicht auch ansehen müsst, hier eine kleine Zusammenfassung :)

Es handelt sich bei dem Duft um einen Casamorati-Duft (nicht Xerjoff) und der Name soll ein Wortspiel zwischen dem Dufthaus und der Kunstbewegung Italiens Anfang des 20. Jahrhunderts darstellen. Der Duft selbst verfolgt laut Aussage von Sergio Momo einen Vintage-Ansatz mit einem klassischen Start von Bergamotte und Lavendel, sowie etwas Rosmarin. Das Interessanteste an dem Duft ist aber die Skelettblume, welche durchsichtige Blätter hat und dadurch ihren Namen erhalten hat. Insgesamt soll der Duft wohl die Atmosphäre der Ära Anfang des 20. Jahrhunderts einfangen und widerspiegeln.
Eine interessante Fragestellung drehte sich noch um das Thema, warum Sergio Momo den Duft unter Casamorati und nicht unter der Marke Xerjoff veröffentlichte. Dies hängt laut Aussage des Gründers damit zusammen, dass Casamorati traditionell eher mediterrane Düfte auf den Markt brachte und er nun das Duftlabel Casamorati wieder ein Stück zu den ursprünglichen Wurzeln zurückbringen wollte, da der Duft sehr gut zu den (Original-)Anfängen der Marke passt (nachdem Casamorati mit "Casamorati - 1888 | XerJoff" und anderen Düften eine eher andere Richtung eingeschlagen hatte). Quasi „Zurück in die Zukunft“, was Herr Momo jetzt nicht erwähnte, aber ich kann mir diese Anspielung leider nicht verkneifen :)

Das wars. Mehr gibt das Video in seinen 40 Minuten nicht her. Der Rest dreht sich um Flakongrößen, die Eröffnung neuer Läden in Europa und den Launch von Xerjoff-Duftkerzen (mit wohl neuen Düften), sowie neue Xerjoff Düfte (Sketchbook, Torino21). Ein interessanter Aspekt war noch die Nennung und Erläuterung der „Blends Collection“. Hier geht es wohl darum, Düfte mit anderen Kunstformen, bspw. Musik oder Kunst zu verbinden. Wenn ich es richtig verstanden habe, wird dabei immer ein Parfüm kreiert und zeitgleich aber auch ein anderes Kunstobjekt, sei es ein Bild, Architektur oder ein Musikstück, wir jetzt ganz aktuell "Tony Iommi Monkey Special | XerJoff".

Nun aber zum Duft.
In der Tat startet der Duft mit Lavendel und einer gehörigen Portion Rosmarin, wie von Sergio Momo selbst beschrieben. Die Skelettblume kann ich nicht herausriechen, da ich auch gar nicht weiß, wie diese riecht. Aber der Duft wird nach dem Opening definitiv blumig und die Rose kann man indes sehr gut herausriechen.

Bis hierin müsste mir der Duft eigentlich sehr gut gefallen, da ich Chypre und Fougère sehr mag und auch Rose als Duft nicht abgeneigt bin. Allerdings bin ich etwas zwiegespalten. Die Rose ist für mich etwas zu dominant und ein wirklicher Chypre-Vibe will sich bei mir nicht einstellen. Andererseits entfaltet sich die Rose toll und zusammen mit dem Rosmarin und – mag es die Skelettblume sein? – ergibt sich ein sehr stimmiges, fast ätherisches Bild. Hier erinnert der Duft eher an eine Wellness-Oase / Spa, denn an irgendeine Kunstbewegung. Wenn man allerdings böse sein möchte, könnte man auch behaupten der Duft hätte etwas von Mückenspray oder auch Wick Vaporub, wie ich in einigen Kommentaren lesen konnte. Dennoch – mir gefällt der Duft bis hierhin besser als erwartet; er ist aromatisch, würzig und blumig. Rosmarin und Rose harmonieren hier hervorragend und es erinnert ein wenig an ein rosengeschwängertes Dampfbad. Ähnlichkeiten zu "Savoy Steam (Eau de Parfum) | Penhaligon's" gibt es wohl nicht nur auf dem Papier, wie ein wenig Recherche im Internet zeigt. Und da dieser Duft hier auf Parfumo um einiges besser bewertet ist, fragt man sich schon, ob bei Casafutura nicht auch eine unverhältnismäßig hohe (und dann enttäuschte) Erwartungshaltung an Xerjoff mit in einige Bewertungen eingeflossen ist.

Im Drydown wird der Duft dann noch holziger und cremiger. Ich finde aber nicht, dass es sich hier um die typische Xerjoff Basis handelt (wie mein Vorredner anbrachte), sondern vielmehr wird der Duft nochmal um einiges ruhiger und sehr hautnah. Zudem bekommt er noch eine leicht seifige Note, was gut in die Spa-Thematik passt. Leider kann der Duft aber den anfänglichen doch recht verheißungsvollen Start der Kopf-, und Herznote im Drydown dann nicht mehr aufrechterhalten und wird etwas langweilig und beliebig.

Die Haltbarkeit ist wie bei Xerjoff / Casamorati gewohnt, recht gut, wenn auch nicht dermaßen überbordend wie andere Düfte aus dem Haus; der Duft verbleibt ca. 7-8 Stunden auf der Haut. Die Sillage ist allerdings eher zurückhaltend und im Drydown habe ich persönlich Probleme, den Duft überhaupt noch vernünftig wahrzunehmen. Wie bereits erwähnt besitzt der Duft, gerade in der Herznote, etwas Ätherisches, was es teilweise recht schwer macht, den Duft zu fassen.

Der Flakon ist ein typischer Casamorati-Flakon, auch wenn dieser durch die goldene Legierung mehr ins Auge sticht als andere, was sicherlich Geschmackssache ist. Der Duft wird für Frauen und Männer gleichermaßen vermarket, hat für mich aber eher maskuline Tendenzen, trotz des blumigen Mittelteils.

Insgesamt finde ich den Duft aber gar nicht mal so schlecht und er ordnet sich im soliden Mittelfeld ein. Man muss ja auch tatsächlich festhalten, dass die letzten Xerjoff Kreationen allesamt eher enttäuschend waren. "Save Me | XerJoff", "CoExistence | XerJoff", und vor allem der bei mir verhasste "Amabile | XerJoff" waren nicht wirklich überzeugend. Aber was will man erwarten, wenn eine Marke wie Xerjoff jetzt mit "Casamorati - Casafutura | XerJoff" bereits den 6. Duft dieses Jahr auf den Markt bringt und "Tony Iommi Monkey Special | XerJoff" bereits die 7. Kreation markiert. Allerdings läuft Casafutura ja unter dem Label Casamorati und hier liegen die letzten Düfte bereits mehrere Jahre zurück, nämlich "Casamorati - Corallo | XerJoff" und "Casamorati - Mefisto Gentiluomo | XerJoff" aus dem Jahre 2018 (mal von der Neuauflage von "Casamorati - Italica | XerJoff" abgesehen).

Dementsprechend waren die Erwartungen auch relativ hoch, da Casamorati einige sehr schöne Düfte hervorgebracht hat, für mich bspw. "Casamorati - 1888 | XerJoff" oder eben jenen "Casamorati - Mefisto Gentiluomo | XerJoff". Leider gibt es aber auch hier einige - ich nenne es mal sehr gewöhnungsbedürftige Düfte - wie bspw. "Casamorati - Regio | XerJoff". Casafutura ordnet sich nun also irgendwo in der Mitte ein. Ich finde ihn insgesamt durchaus gelungen, aber an die glorreichen Düfte vergangener Tage kommt er leider nicht heran, aber einen Test ist dieser Duft allemal wert! Dennoch kann sich Sergio Momo ruhig noch etwas weiter „Zurück in die Zukunft“ begeben, um beim nächsten Casamorati vielleicht doch nochmal einen ganz großen Wurf zu kreieren.
6 Antworten

Smoetn vor 8 Tagen 13
9.5
Duft
7
Haltbarkeit
6
Sillage
9
Flakon

"Ich habe nichts anzubieten außer Blut, Mühsal, Tränen und Schweiß!"
Nein, Tabarome Millesime riecht nicht nach Blut, Tränen und Schweiß, aber die Überschrift ist eines der bekannteren Zitate von Winston Churchill. Und genau für diesen soll Tabarome Millesime 1936 ursprünglich kreiert worden sein, basierend auf dessen Vorliebe für Brandy und feinen Zigarren. Im Jahr 2000 wurde der Duft dann auch für die breite Masse aufgelegt.
Ob dies wirklich so stimmt, mag dahingestellt sein, aber Creed rühmt sich gerne damit, seine Kreationen für außergewöhnliche Persönlichkeiten geschaffen zu haben, bspw. Englands George III, Napoleon III, JFK oder auch Marilyn Monroe.

Dabei ist das Dufthaus Creed sicher eines der umstrittensten und vor allem aber auch eines der bekanntesten Nischenhäuser – "Aventus (Eau de Parfum) | Creed" sei Dank. Ich selbst war und bin nach wie vor ein sehr großer Creed Skeptiker, da ich deren Preispolitik nicht mit der Haltbarkeit und Sillage der meisten Düfte aus dem Hause in Einklang bringen kann. So besitze ich bspw. auch nicht "Silver Mountain Water (Eau de Parfum) | Creed" , sondern "Club de Nuit Sillage | Armaf" , einfach weil hier das Preis-Leistungs-Verhältnis um so viel besser ist.

Dabei bin ich eigentlich jemand, der Leistung auch gerne anerkannt und das Motte vertritt „Ehre, wem Ehre gebührt“. Und Creed hat so einige tolle Düfte kreiert, welche Standards gesetzt haben (sie haben sich aber auch gerne mal „inspirieren lassen“). Aber wenn ein 250€ Duft nur 3 Stunden hält, dann hört der Spaß für mich auch irgendwann auf.

Dennoch habe ich mir nun Tabarome Millesime zu meinem 40. Geburtstag gegönnt, bzw. mir von meiner Frau schenken lassen. Es ist auch mein erster Creed und zu meinem runden Jubiläum sollte es auch etwas Besonderes sein. Aber warum ausgerechnet diesen Duft, mag sich der ein oder andere fragen, ist Tabarome Millesime doch einer der am schlechtesten bewerteten Düfte von Creed (im Übrigen völlig zu Unrecht). Ich verrate euch wieso.

Für mich ist Tabarome Millesime einer der Top 3 Creed-Düfte und spielt ganz oben neben "Silver Mountain Water (Eau de Parfum) | Creed" und "Bois du Portugal | Creed" mit. Und gerade wer Letzteren kennt, mag auch schon etwas mehr verstehen, warum ich mich für Tabarome Millesime entschieden habe. Ich mag klassische oder auch „old-school“ Düfte, die eine gewisse erwachsene Aura versprühen. Und dieser Creed tut genau dies. Hier vereinen sich warmer Ingwer und verführerisches Sandelholz und werden durch die Zugabe von Vetiver zu einem tollen maskulinen Mix. Dabei soll der Name „Tabarome“ das Tabakaroma ehren, das diesem Duft seine englischen Club-Atmosphäre verleiht.
Der Duft startet aber erstmal überraschend frisch, was beim Anblick des Flakons und beim Hören des Namens einem zunächst merkwürdig vorkommt. Aber genau diese Frische ist es, die diesen Duft für mich so besonders macht. Bergamotte, Ingwer, Mandarine und Zitrone sind hier wirklich meisterhaft verwoben.

Gleich danach schwingt aber diese so wunderbare und butterweiche Tabaknote mit, dass man sich am liebsten in diese betten möchte. Das Sandelholz verleiht dem Duft dann noch eine tolle Cremigkeit und die Teenote lässt die Gesamtkomposition dann so edel und kultiviert, ja man möchte fast sagen, britisch, wirken. Nicht umsonst soll nicht nur Churchill, sondern angeblich auch Humphrey Bogart diesen Duft als ihren Signaturduft getragen haben. Es ist einfach ein zeitloser Duft, der stets klassisch, aber auch gleichzeitig modern wirkt.

Aber viele Rezensenten schreiben, der Duft sei langweilig. Und diesen Leuten sei gesagt – ja, das stimmt. Aber genau dies macht den Duft für mich so elegant und zeitlos. Es kann ja schließlich nicht jeder Duft ein "Interlude Man | Amouage" oder ein "XJ 1861 Naxos | XerJoff" sein, welche schreiend durch die Gegend laufen und rufen „Ich bin ich, ich bin etwas Besonderes“. Ich mag solche Düfte auch, aber diese sind eben weit davon entfernt klassisch oder „Understatement“ zu sein. Aber genau dies schafft "Tabarome Millésime | Creed" auf bravouröse Weise und genau deshalb mag ich den Duft so sehr.

Kommen wir aber nun zum Elefanten im Raum – die Haltbarkeit. Diese ist, gerade für einen frischen Duft, besser als man erwarten würde, gerade von einem Creed. Auf meiner Haut bekomme ich 6-7 Stunden hin und dies war letztlich dann auch der Grund, warum ich mir diesen tollen Duft dann doch zugelegt habe (nachdem ich in meinem Kommentar noch von einer miserablen Haltbarkeit sprach). Bei 4 Stunden oder weniger wäre ich raus gewesen, aber so begleitet mich Tabarome Millesime dann doch recht lang durch den Tag. Natürlich muss man 1-2-mal am Tag nachlegen, wenn man den Duft 24 Stunden um sich haben möchte, aber dies ist vertretbar, gerade weil man für den 100ml Flakon auch mal ein gutes Angebot erhaschen kann, wenn man geduldig ist. Aber da ich meine Düfte auch gerne mal öfters am Tag wechsle, z.B. einen für den Tag und einen für den Abend, finde ich eine moderate Haltbarkeit ab und an gar nicht so schlimm. Die Sillage ist zwar auch eher hautnah, aber auch hier habe ich bereits Schwächeres erlebt.

Den Flakon finde ich Creed-typisch sehr gelungen und auch die Farbe spricht mich an. Allerdings finde ich die Farbgestaltung etwas irreführend, und für den einen oder anderen vielleicht sogar abschreckend, da er Duft doch wesentlich frischer ist, als das Braun vermuten ließe.

Als Fazit kann ich nur festhalten, dass die ganzen Kommentare und Rezension dem Duft (für mich) absolut nicht gerecht werden. Ich empfinde den Duft als elegant, zeitlos und kultiviert und ich kann jedem nur raten, sich von den schlechten Bewertungen nicht abschrecken zu lassen und dem Duft einfach mal eine Chance zu geben. Ich werde Ihn jedenfalls mit viel Genuss und Stolz durch meine 2. Lebenshälfte tragen.
9 Antworten

Smoetn vor 12 Tagen 11
8.5
Duft
8
Haltbarkeit
6
Sillage
10
Flakon

Das heilige Holz
Nun ist er da - der neue und viel erwartete Tom Ford Duft "Ebene Fume". Bei dieser neuen Kreation aus dem Hause Tom Ford soll Achtsamkeit auf Opulenz treffen und dies soll vor allem auf dem alten Ritual von Palo Santo basieren. Palo Santo, aus dem Spanischen als „heiliges Holz“ übersetzt, wird der Baum seit Jahrhunderten wegen seiner angeblich reinigenden Eigenschaften verwendet.

Das geerntete Holz von Palo Santo-Bäumen, die hauptsächlich in Südamerika und in einigen Regionen Mittelamerikas vorkommen, gehören zur Familie der Zitrusfrüchte, die mit Weihrauch und Myrrhe verwandt sind. Das erklärt für mich auch schon direkt das erste Rätsel dieses Duftes, da ich nämlich reichlich Weihrauch vernehme, obwohl dieser gar nicht gelistet ist. Dazu soll das Holz auch noch einen Hauch von Kiefer, Zitrone und Minze versprühen, was mit etwas Fantasie evtl. auszumachen ist.

Normalerweise wird das Holz in Stabform einfach angezündet und dann schwenkt man den Stab ein wenig für 30 bis 60 Sekunden hin und her und löscht dann die Flamme, indem man sie einfach auspustet. Aus dem glimmenden Stock wird dann weißer Rauch ausgestoßen, welchen man dann im Raum verteilen soll, - sei es im Schlafzimmer, im Büro, oder im Auto. Dazu soll dann laut ausgerufen werden: "Ich bitte den Pflanzengeist von Palo Santo, diesen Raum mit Segen zu erfüllen".

Neben allen möglichen spirituellen und sonstigen Wirkungen, soll der Duft aber auch dazu beitragen, Kopf- und ähnliche Beschwerden zu mildern. Das Riechen des Rauches oder das Verschmieren eines Sticks selbst, kann wohl dazu beitragen, dass Neurotransmitter wie Dopamin und Serotonin freigesetzt werden, während die Freisetzung von Endorphinen und Enkephalinen, den natürlichen Schmerzmitteln des Körpers, stimuliert wird.

Nun lautet natürlich die große Frage - vermag der neue Tom Ford all dies zu bewerkstelligen und wie riecht der Duft eigentlich?

Wie weiter oben bereits erwähnt, startet der Duft für mich mit sehr viel Weihrauch bzw. Palo Santo, zusammen mit einer starken Pfeffernote, was den Duft anfangs sehr würzig macht. Relativ schnell gesellen sich dann aber weiche, cremige Hölzer dazu, welche von einer schönen Ledernote, sowie blumigen Akkorden eingebettet werden. Im Drydown wird der Duft dann noch etwas harziger, aber im Großen und Ganzen verläuft die neueste Tom Ford Kreation relativ gradlinig. Die dominanteste Note über den gesamten Duftverlauf ist mit Abstand das Palo Santo, welches ich als Weihrauch mit hellen, cremigen Hölzern wahrnehme, was ich als sehr angenehme Duftnote empfinde.

Insgesamt muss ich sagen, dass ich dieses Parfum sehr schön finde und ich etwas erleichtert bin, nachdem ich doch relativ viele kritische Kommentare hier auf Parfumo gelesen hatte. Ich empfinde den Duft als sehr gediegen, edel und entspannend. Insofern kann ich durchaus auch die oben beschriebene Wirkung von Palo Santo gut nachvollziehen. Der Duft lädt zum Träumen und Relaxen ein und er besitzt eine durchaus beruhigende Wirkung.

Aber ich stimme auch denjenigen zu, die sagen, dass der Duft sehr brav und nichts Besonderes sei. Es ist eben "nur" ein schöner Weihrauch-Holzduft mit einem pfeffrigen Auftakt, mehr aber eben auch nicht. Bei Tom Ford kann man da halt auch manchmal mehr erwarten, wenngleich natürlich nicht jede Kreation ein Meisterwerk sein kann.

Einen Negativpunkt gibt es allerdings doch und das ist die geringe Sillage. Es gibt zwar auch erheblich Schwächere auf dem Markt, aber eben auch durchaus Stärkere. Etwas mehr "Power" hätte dem Duft sicherlich gut getan und würde bei dem einen oder anderen evtl. auch zu einer besseren Gesamtbewertung führen. Dennoch, es ist ja ein sakrileger, bedächtiger und kontemplativer Duft und vor diesem Hintergrund passt die Sillage dann eigentlich doch ganz gut. Die Haltbarkeit liegt im guten Mittelfeld.

Den Flakon finde ich persönlich sehr schön und spiegelt von der Farbgestaltung genau mein Duftempfinden wieder, wirklich gut gemacht. Auch positiv anzumerken ist, dass der Preis nicht im oberen Tom Ford Segment angesiedelt ist (z.B. "Fucking Fabulous / Fabulous (Eau de Parfum) | Tom Ford" ), sondern sich eher an den etwas ältern Düften orientiert, bspw. "Tobacco Vanille (Eau de Parfum) | Tom Ford".

Trotzdem wird es bei mir nicht für einen ganzen Flakon reichen, da der Duft mich dann letzten Endes doch nicht 100% überzeugen kann. Ja, er ist durchaus gelungen und ich empfinde ihn als sehr angenehm, aber der Preispunkt ist dann doch zu hoch. Gäbe es allerdings einen 30ml Flakon, sähe die Sache evtl. wieder etwas anders aus, aber warum TF nur noch 50ml anbietet, weiß wohl nur der gute Tom selbst.

So bleibt es bei meiner Abfüllung, welche ich aber in vollen Zügen genießen werden und ich kann jedem nur empfehlen, den Duft zumindest einmal zu testen.
3 Antworten

Smoetn vor 24 Tagen 7
9.5
Duft
9
Haltbarkeit
8
Sillage
10
Flakon

Angenehm ist am Gegenwärtigen die Tätigkeit, am Künftigen die Hoffnung und am Vergangenen die Erinnerung
Nun halte ich ihn doch noch in meinen Händen, diesen für mich schon fast sagenumwobenen Duft von Tom Ford. Aber der Reihe nach…

Zum ersten – und tatsächlich auch zum einzigen Mal – durfte ich diesen Duft vor gut einem Jahr in einer Parfümerie riechen. Mir gefiel er auf Anhieb extrem gut und ich dachte mir, was für ein toller Waldduft. Die Woche darauf wollte ich ihn meiner Frau zeigen, doch – oh Schreck – nun teilte man mir mit, diesen Duft gäbe es nicht mehr und er sei auch eingestellt. Seitdem lebt dieser Duft aber in meinen Erinnerungen weiter, wurde auf ein Podest gestellt und immer wieder versucht, ihn in meinen Gedanken nochmals zu erleben. Frei nach Aristoteles hielt ich diesen angenehmen Duft fest in meiner Erinnerung.

Fast Forward um ein Jahr. Hier im Souk wird ein nagelneuer Flakon, noch eingeschweißt, angeboten, und ich bekomme schwitzige Hände. Kann dies wirklich sein, soll ich es wagen? Nun setzte das Angenehme in Form der Hoffnung ein. Nach einem kurzen und netten Austausch mit der entsprechenden Parfumo-Gleichgesinnten (Dank geht raus), war der Flakon auch schon zu mir unterwegs.

Und nun ist der hier – der Moment der Wahrheit. Ist der Duft wirklich so toll, wie ich ihn in Erinnerung hatte oder litt ich doch an einem akuten Fall von Erinnerungsverfälschung? Kann der Duft auch in der Gegenwart überzeugen und meiner – inzwischen wesentlich „erfahreneren“ Nase – immer noch so sehr schmeicheln?

Der Duft
Ich falle gleich mal mit der Tür ins Haus – Ja! Der Duft ist so toll, wie ich ihn in Erinnerung hatte. Es ist wirklich ein toller, authentischer Waldduft, wie ich ihn mir immer gewünscht habe. Aber Wald ist natürlich nicht gleich Wald. "Bracken Man | Amouage" beispielsweise ist auch ein toller und sehr sehr authentischer Farnduft, wie man ihn auch im Wald wahrnehmen kann. Aber "Vert d'Encens | Tom Ford" ist hier ganz anders. Der Duft ist viel dunkler, opulenter und auch harziger.

Der Duft startet relativ frisch mit Bergamotte und Zitrone, durchmischt mit etwas Lavendel. Dieses Opening verfliegt aber relativ schnell und geht in eine grüne, harzig-rauchige Herznote über und macht hier somit seinem Namen alle Ehre. Man riecht jetzt klar den Weihrauch und die Tanne heraus. Der Duft versetzt mich sofort zu einen schönen Herbstspaziergang im Wald an einen Sonntagnachmittag. Wer diese schöne, frische, aber auch harzige Waldluft kennt, kann sicherlich nachvollziehen, wovon ich spreche. Der Weihrauch verleiht zusätzlich noch eine leicht sakrale Stimmung.

Im Drydown wird der Duft, dann immer süßer und leichte Schokoladen- und Vanillenoten kommen noch hinzu, auch wenn diese nicht gelistet sind. Hier zeigt sich sicherlich das Heliotrop verantwortlich, welches ja bekanntlich auch eine süße Mandelnote enthält.

"Vert d'Encens | Tom Ford" ist wirklich ein außergewöhnlicher Duft. Er ist faszinierend, eigen, fast schon dekadent (in der Produktbeschreibung heißt es, er würde an den Hof Ludwig XIV. oder zu Napoleon Bonaparte passen), erwachsend und anspruchsvoll, sowohl für den Träger als auch für die Mitmenschen. Deshalb ist der Duft sicherlich auch nichts für Parfüm-Neulinge, aber wer sich auf den Duft einlässt, wird dafür mit einem der komplextesten und raffiniertesten Düfte der jüngeren Vergangenheit belohnt.

Insgesamt muss festgehalten werden, dass es ein sehr typischer, gleichzeitig aber auch untypischer Tom Ford Duft ist. Typisch aufgrund der wirklich hohen Parfumkunst und der fast schon Einzigartigkeit bzw. Gewagtheit des Duftes, welcher durchaus polarisierend wirken kann. Untypisch aber deshalb, da dieser Duft nicht so laut, nicht so „in your face“ daherkommt, wie andere Düfte aus der Tom Ford Private Blend Reihe.

Vielmehr ist der Duft fast schon für einen selbst; eine andere Rezension schrieb „kontemplativ“, was ich durchaus nachvollziehen kann. Der Duft ist nicht dafür konzipiert, voll aufzudrehen und einen beschwingt das Leben bestreiten zu lassen; das Gegenteil ist vielmehr der Fall. Der Duft eignet sich dafür „herunterzukommen“, sich auf sich und seine Umwelt zu besinnen und einfach mal die Seele baumeln zu lassen. Und was eignet sich dafür besser als ein Waldspaziergang?

Dabei ist der Duft keineswegs leise; die Sillage ist durchaus moderat und der Duft kann gut wahrgenommen werden. Die Haltbarkeit ist dabei sehr gut und der verbleibt gerne 7-8 Stunden auf der Haut. Dabei passt der Duft schön in den Herbst und Winter, wobei Frühling auch gut machbar ist. Nur bei ganz heißen Temperaturen sollte man den Duft eher vorsichtig nutzen. Auch wenn der Duft als unisex vermarket wird, sehe ich ihn er in die männliche Richtung tendieren, aber letztlich kann er wirklich von jedem getragen werden. Für mich hat er im Opening gewisse Ähnlichkeiten mit "London for Men (Eau de Toilette) | Burberry", wobei der Tom Ford natürlich viel komplexer und hochwertiger ist, was sich auch an Sillage und Haltbarkeit zeigt.

Alles in allem bin ich sehr froh, doch noch einen Flakon von diesem wunderbaren Duft ergattern haben zu können, auch wenn ich ihn sicherlich eher selten und vor allem für mich zu Hause nutzen werde.
4 Antworten

Smoetn vor 1 Monat 15
8.5
Duft
7
Haltbarkeit
7
Sillage
8
Flakon

Die göttliche Komödie - Vom Inferno zum Paradies
Dante Alighieri schrieb von 1307 bis 1321 die Divina Commedia, die göttliche Komödie, welche bis heute als ein Stück Weltliteratur angesehen wird. Das Buch beschreibt Dantes Wanderung von den düsteren Schrecknissen des „Inferno“, über die Läuterungen des „Purgatorio“ hin zur lichterfüllten Schönheit des „Paradiso“.

1472 ist das früheste Datum in der „Histoires de Parfums“ Serie und steht ganz im Zeichen der göttlichen Komödie, vor allem der im Buch beschrieben Gegensätze – Sünde und Tugend, Glaube und Unglaube, Gut und Böse. Und genau diese Spannung, diese Widersprüchlichkeiten und den Kampf um den hoheitlichen Anspruch des Lebens an sich spiegelt dieser Duft in Tat sehr schön wider.

Dantes Werk wohnt eine tiefe Zahlenbedeutung inne, vor allem die Zahl 3 scheint es Dante damals angetan zu haben. So ist das ganze Werk dreigeteilt (Hölle, Fegefeuer, Paradies) und vor allem die Hölle setzt sich aus 3x3 „Kreisen“ zusammen. 33 Jahre übrigens auch das Alter in dem Jesus gestorben sein soll…

Ein Blick auf die Noten in 1472 offenbart erstaunliches – 3 Phasen (Kopf, Herz, Basis) mit jeweils 3 Duftnoten. Zufall?

Wie riecht aber diese Gratwanderung zwischen Himmel und Hölle, zwischen Hell und Dunkel denn nun?

Genauso, nämlich unglaublich spannend mit einem Wechselspiel der verschiedenen Noten. Der Duft startet blumig, hell und lebensbejahend. Vor allem die „Solar-Note“ soll eine erhebende, erbauliche und funkelnde Stimmung hervorrufen, was zusammen mit Artemisia und Ylang-Ylang auch relativ gut gelingt. Die Duftreise startet also nicht wie bei Dante mit der Hölle, sondern direkt im Paradies.

Nach relativ kurzer Zeit kommt dann das sehr schöne Jasmin zum Vorschein und übernimmt erstmal die Vorherrschaft. An dieser Stelle droht der Duft dann auch kurz in einen typischen Jasmin-Tuberose Summerduft abzudriften. Nach weiteren ca. 15 Minuten bricht dann aber das Fegefeuer in Form von Zimt und Weihrauch aus, wobei ich Zimt nur minimal wahrnehmen kann. Hier wird es dann etwas trockener, dunkler und auch geheimnisvoller. Der Weihrauch mag ein Vorzeichen dafür sein, was dann in der „Hölle“ auf einen zukommt.

Diese erwartet den geneigten Besucher dann standesgemäß mit dunklen, holz-harzigen und feuchtfröhlichen Noten, die vom Fürsten der Dunkelheit bestimmt selbst ausgesucht wurden. Dominierend bleiben für mich aber Jasmin und Weihrauch, welche sich wunderbar ergänzen. Im Drydown wird der Duft dann sehr trocken und holzig und erinnert fast ein wenig an "Bois Marocain | Tom Ford" oder "Black Calamus | Carner" .

Insgesamt wirkt der Duft vielleicht nicht unbedingt dreigegliedert, aber er macht schon eine ordentliche Wandlung durch. Sämtliche Noten streiten sich um die Dominanz auf der Haut und es entsteht ein Wechselspiel, wie es von Dante nicht schöner hätte beschrieben werden können. Auch auf die Frage, ob es eher ein männlicher oder weiblicher Duft ist, lässt sich keine eindeutige Antwort finden, da auch hier ein Kampf der klassisch geschlechterbezogenen Noten herrscht. Ist der Duft anfangs eher typisch weiblich, wandelt er sich im weiteren Verlauf dann immer stärker in einen mindestens Unisex-Duft.

Die Haltbarkeit bei dem Duft liegt mit 7-8 Stunden im Mittelfeld, und auch die Sillage ist spürbar wahrnehmbar, hält sich aber weitestgehend zurück.

Ich finde der Duft ist wirklich gelungen und mit der dazugehörigen Geschichte Dantes eine rundum tolle Sache. Er erfindet das Rad aber nicht neu und ist auch kein Meisterwerk. Dennoch – er ist spannend und macht eine wirklich interessante Wandlung durch. Wer also Dante auf seinem Weg durch die Hölle bis hin zum Paradies (hier allerdings in umgekehrter Reihenfolge) einmal begleiten möchte, sollte diesen Duft unbedingt einmal ausprobieren. Und das Ganze dann am besten zur Lektüre der „Divina Commedia“.
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