SweetscentSweetscents Parfumrezensionen

1 - 5 von 16
Sweetscent vor 2 Monaten 6
8.5
Duft
7
Haltbarkeit
6
Sillage
7
Flakon

Neo-Aqua-Fougére
In den eigenen Worten von Skandinavisk erzählt Kapitel 4 von dem sanften Aufsetzen eines Bugs auf kiesigem Ufer, der glitschigen Berührung von feuchtem Felsenmoos unter den Füßen und der duftenden grünen Umarmung von knorrigem Holzapfel und Heckenrose.
Das ganze genossen nach langem ziellosen Gleiten durch die Schären und Untiefen der skandinavischen Küsten, in glitzerndem Wasser und felsigen Schatten.

Sie können nicht nur gute Düfte machen (die es schon länger in Kerzen und Körperpflegeprodukten und jetzt erst relativ spät auch als Parfum gibt), sondern auch Texte schreiben, die einem das Wasser im Munde zusammen laufen lassen.
Wer nach der pittoresken Beschreibung allerdings an einen naturnahen, kantigen Nischenduft mit ätherischen Ölen und wilden Pflanzenauszügen denkt, sieht sich schon in den ersten Sekunden enttäuscht.
Wasser - ja, allerdings Cool Water.
Wir starten aquatisch-frisch mit Calone und anderer deutlicher Synthetik, die aber anders als so oft hier sehr angenehm ist und eine entspannte Frische transportiert.
Ab der Mitte kommt eine recht spezielle Holznote dazu und fast etwas gummiartiges - ein geschickter Dreh um die Spannung zu halten.
Kapitel 4 modernisiert das klassische Fougére-Thema noch einen Schritt weiter als Cool Water damals, sozusagen in der dritten Generation: die ursprüngliche Idee von Frische, Wasser, Feuchtigkeit und Reinheit auf einem grünen Unterbau von Farnen, Moos und Steinen bleibt und wird hier umgesetzt mit einer noch moderneren Komposition, in der die Lautstärke zurück genommen wird und insgesamt viel sublimer daher kommt.

Ich finde Kapitel 4 trägt sich großartig. Er ist einer für den Alltag, unkompliziert und doch speziell genug um nicht langweilig zu sein, leicht und unaufdringlich, so dass man sich keine Gedanken um den Kontext machen muss.
Man mag ihn eigentlich immer dann tragen, wenn man zwischendurch auch einmal Lust hätte, in klares seichtes Meerwasser zu tauchen, um erfrischt wieder zurück in den Schatten auf die moosigen Felsen zu klettern.
Bei mir kommt das zugegebenermaßen ziemlich oft vor am Tag.
5 Antworten

Sweetscent vor 1 Jahr 10
6.5
Duft
7
Haltbarkeit
7
Sillage
8
Flakon

Holzmännchen
Anders als bei einem klassischen Cologne üblich und gerade wenn es von einer englischen Traditionsmarke wie D.R. Harris kommt, erwartet uns bei Marlborough keiner der üblichen Verdächtigen:
Keine Zitrusfrüchte, kein Lavendel, kein Neroli, kein Blattgrün, nichts.
Stattdessen gibt es jede Menge Holz und zwar von der Zeder in all ihrer Knarzigkeit und mit ihrem staubtrockenen Humor.
Ein reiner Soliflor ist dieser Marlborough, wer einmal das ätherische Öl des Zedernholzes gerochen hat, erkennt es hier eindeutig wieder und ich behaupte, mit etwas Alkohol verdünnt hätten wir fast einen Zwilling.

Mir knarzt das ganze dann doch etwas zu sehr um es wirklich zu genießen, ein kleiner Lichtblick im Unterholz täte letztendlich gut.
Die verwendeten Rohstoffe sind zwar wohl von hoher Qualität (wie man es von diesem Haus auch gewohnt ist) und kein nervendes Pseudogehölze, aber in Gesellschaft von ein paar seiner fröhlicheren Freunde mit leichterem Gemüte gefällt mir der alte Zederich einfach besser.
8 Antworten

Sweetscent vor 2 Jahren 21
8
Duft
9
Haltbarkeit
8
Sillage
8
Flakon

Dukatengold
Einem Charmeur alter Schule, der mit seiner exponiert warm-würzigen, moschuslastigen Seifigkeit nonchalant um die Ecke biegt, und sie dabei so unglaublich weich, rund und gekonnt inszeniert - wie könnte man dem ernsthaft widerstehen wollen?

Aramis ruft in der Nase sofort ein Programm ab: man kennt dieses Wesen, diesen Duft-Phänotypen, der sich über die Jahrzehnte und durch zig verschiedene Vertreter seiner Zunft in unser kollektives Duftgedächtnis eingenistet hat.
Wenn man damit verbundene Vorbehalte und Impulse zur Schubladisierung aber mal außen vor lässt, kann man eigentlich nicht anders als staunen über solches Parfumeurshandwerk. Da sticht nichts heraus, nichts stört, da ist nichts verwaschen, es bleiben keine Fragen offen und keine Zweifel stellen sich ein.
Vom ersten Moment an ergibt sich ein vollständiges und klares Bild dieser Komposition, es müssen keine Schwächen kaschiert oder Zugeständnisse gemacht werden. Man vertraut darauf, dass die Qualität der Elemente und die Struktur in der sie angeordnet sind funktionieren - und das tun sie dann auch.
Die einzelnen Teile sind nicht nur gut verbunden, sie gehen eine Legierung ein. Es entsteht ein einziges goldgelbes Fließen, in dem man sich ergehen kann und dessen Selbstvertrauen einen an die Hand nimmt.

Ich tue mir mit dem Genre der altehrwürdigen Herrengewürzklassiker persönlich immer etwas schwer (mag ich es selber meistens doch lieber luftig-locker und "unparfümig"), und auch Aramis wird es nicht in meine Sammlung schaffen oder oft getragen werden von mir, aber aus oben genannten Gründen gibt es eine volle Testempfehlung für diesen schönen Klassiker.
Und hey, wer darauf Wert legt: Trotz guter Verfügbarkeit bietet solch ein Qualitätswässerchen doch dieser Tage auch noch außerordentliche Distinktion.
12 Antworten

Sweetscent vor 2 Jahren 10
6.5
Duft
6
Haltbarkeit
6
Sillage
8
Flakon

Kein Glück in Florenz
Endlich mit Iris allein im Café
Die Sterne stehen günstig
Unter der Sonne nur Ruhe und gedehnte Zeit
Vielleicht ist jetzt der Moment

Dann ein Schrei, oh nein
Die breitbeinigen Jungs vom Duschgel-und-Deo-Verein
Ausgelassenes Gegröle
Schon entdeckt, zu spät

"Was macht ihr denn hier?"
"Die Marktforschung hat sich wieder über eure Performance beschwert.
Hey Ambrox, lass mal den Tisch hier rüber schieben!"
Ich kann gerade noch mein Glas festhalten.

7 Antworten

Sweetscent vor 2 Jahren 16
8.5
Duft
10
Haltbarkeit
9
Sillage
7
Flakon

Divine Invasion
Breath Of God ist ein süchtig machender, komplexer, schillernder Duft, der unendliche Geschichten erzählt.
Er lebt von seinen Gegensätzen, die in sich eine derart spannende Dynamik entwickeln, dass er vom Anfang bis zu seinem (sehr späten) Ende immer interessant und vielschichtig bleibt.

Den Auftakt macht eine mentholartige ätherische Frische, der eine holzige Rauchigkeit gegenüber steht, die durchaus anspruchsvoll und nischig ist, aber nie kratzig oder anstrengend. Kombiniert mit einer unsüßen exotischen Fruchtnote entsteht dadurch ein faszinierendes, vielfältig changierendes Bild.
Ab der Mitte wird BoG nochmal deutlich weicher und endet in einem scheinbar endlosen Fadeout auf weichem subtilem Sandelholz. Dieses Ende ist fast das schönste an diesem großen Duft, er bleibt wie ein feiner Schleier so lange anwesend bis man nicht mehr zwischen Erinnerung und Realität unterscheiden kann, als gleite man auf einer unendlichen Rutsche immer weiter ins All.

Wenn man Kopfkino will, schält sich ein überwucherter fernöstlicher Tempel im Regenwald heraus, kalte Asche und wilde Früchte. Mystisch, archaisch, farbig, rauchig, frisch.
Eine Reise in Tibet hat Simon Constantine schließlich inspiriert.
Es ist trotz allem ein fordernder Duft, der gerade durch die starke Sillage und extreme Haltbarkeit im Alltag nicht unbedingt einfach zu tragen ist und zu viel werden kann.
Es ist wohl eine Eigenart solcher Düfte, dass sie manchmal genau zur Stimmung passen und begeistern, aber nicht für jeden Tag gemacht sind.

Zur Marke Lush wurde schon viel geschrieben in den Kommentaren, ich kann das Lob nicht genug unterstreichen - hatte ich doch bis vor kurzem auch das Bild eines hipsterigen Badebombenladens im Kopf und war umso begeisterter von ihren Düften, wie inzwischen auch vom Rest ihres Angebotes.
Gerade BoG ist extrem mutig, könnte z.B. auch von Bertrand Duchaufour sein und ist so ganz und gar nicht Mainstream.
Möge dieser Atem nicht so schnell ausgehen.

EDIT: Mir ist dieser Duft doch recht bald zu viel geworden, und er wird wieder verkauft. Dankbar für die Erfahrung, aber zum Tragen doch zu anstrengend. So ganz passen wir nicht zusammen.
7 Antworten

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