TipasaTipasas Parfumblog

Alles von Tipasa

Vor 8 Tagen
55 Auszeichnungen
Sie wollen uns erzählen

Ich muss gestehen: Ich stehe immer noch am Anfang mit den Düften. Bin ABC-Schütze, Fahrschüler und Amateur-Spieler. Aber je mehr ich von Euch lese, desto mehr erschließt es sich mir. Ich verstehe so langsam die Aufbrüche und Aromen, die Pyramiden und Verläufe. Ich kann mehr und mehr die Dufttypen und Noten unterscheiden. Und trotzdem bleibt da oft, wenn ich den Sprühkopf gedrückt habe, ein missing link. Die Black Box, die eine Erklärung schuldig bleibt.

In diesen Momenten denke ich, dass Düfte wie scheue Rehe auf der Lichtung sind: so gut man sie erkennen kann, so schnell entziehen sie sich einem wieder. Es ist das, was ich jeden Tag merke, seitdem ich mich damit beschäftige: es ist nicht ganz so einfach mit dem Riechen. Das eigene Urteil schmilzt so schnell dahin. Man ahnt etwas, und schon wird es gestaltlos; es ist eine rätselhafte Schönheit, die Parfums haben.

Nur ein Gedanke wird in dieser Suchbewegung immer stärker. Ich glaube daran, dass Düfte Geschichten erzählen. Es sind zum einen die Bilder der Parfümeure, die zum Tragen kommen: opulente Auftritte, glühende Landschaften, erfrischende Zitrushaine - und Tausend Duftverläufe dazwischen. Ich kenne mich wirklich nicht gut aus, aber ich denke, dass ein guter Duft Wagnis und Balance zugleich ist. Wie jede gute Geschichte, die Herausforderung, Verwandlung und Vollendung hat. So fordert es das Storytelling, und so unterscheidet sich vielleicht ein banaler Duft von einem außergewöhnlichen.

Aber Düfte erzählen noch ganz andere Geschichten – die der Trägerinnen und Träger. Ich lese so oft, dass Menschen einfach nur gut riechen wollen. Aber die Auswahl eines Duftes scheint nicht willkürlich zu sein, sondern instinktiv. Man kann nicht nicht kommunizieren. Der eine sucht sportive Frische, der andere balsamisches Understatement. Die eine sehnt sich nach aromatischer Aura, die andere nach floralem Aufbruch. (Und die Jünger von Iso-E-Super wollen direkt in die hormonellen Steuerungszentralen funken.). Nichts ist nur so. Und alles erzählt etwas, mindestens Stimmungen, oft genug Sehnsüchte.

Und schließlich gibt es eine dritte Narration: die der Zeit, in deren Ausdruck die prägenden Duftlinien stehen. Jedes Jahrzehnt scheint in Sachen Parfums magnetische Zentren zu haben. Da gab es die stabilitätssuchenden Männerdüfte der 50er Jahre. Die apodiktischen Parfums der 80er. Und bis heute die süßlichen Hedonisten in Zeiten ohne Mangel. Und so, wie ich bei Euch lese, steht jetzt, in diesen Jahren, eine neue Episode an. Man kann es nur mit Staunen beobachten.

Es ist nur so: die Sprache der Düfte haben wir nie gelernt. Und es wirkt manchmal so, als wäre eine Spur auf dem Tonband stumm geschaltet oder als gäbe es einen blinden Flecken beim Duftempfinden. Ich hab mich mein ganzes Leben mit Bildern und Musik beschäftigt, mit Sehen und Hören. Aber mit Riechen?

In den anderen Disziplinen sind wir routiniert. Wir leben in einer visuellen Zeit, und es ist vergleichbar leicht, deren Codes zu entschlüsseln. Wir hören leidlich auf die Klänge unserer Welt, weil sie ja auch immer lauter geworden ist. Wir wissen, wie man schmeckt, weil wir es jeden Tag drei bis fünf mal üben. Aber die Geschichten der Düfte und Gerüche sind subtiler, und niemand hat uns beigebracht, sie zu verstehen. Es lohnt sich aber, das alles zu erkunden - weil der Welt sonst so manche Erzählung fehlen würde.