Turandots Parfumblog

Von Parfumo empfohlener Artikel
12.01.2021
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Inflation der Langeweile

Ich erinnere mich gerne an Zeiten, in denen ein neuer Duft auf dem Markt mit Freude zur Kenntnis genommen werden konnte. Erst recht, wenn er aus einem klassischen Parfumhaus wie z.B. Dior, Guerlain, Piguet, oder Le Galion kam. Das war fast vergleichbar wie die Premiere eines Musicals oder die Erstaufführung von Filmen wie Dr. Schiwago oder der Pate. Es waren echte kulturelle Ereignisse.

Man spürte geradezu die Leidenschaft, mit der der jeweilige Parfumeur (das *in verkneife ich mir, das versteht sich doch von selbst) sich ans Werk gemacht hatte. Das Ergebnis war nicht selten ein völlig neues Geruchserlebnis. Etwas, das man noch nie unter der Nase hatte und das Begeisterung oder Ablehnung, aber selten Gleichgültigkeit bei uns auslösten. Ich kann mich noch an so viele der Einführungen inzwischen als Klassiker etablierten Parfuns erinnern. Sehe die Werbematerialien vor mir, kann mich daran erinnern, wie wir die Regalplatzierungen "zelebriert" haben, um dem einen neuen Duft einen adäquaten Auftritt zu ermöglichen, weiß manchmal noch, was ich trug, als z.B. Chamade von Guerlain vorgestellt wurde.

Umso mehr reizt es mich heute, gelangweilt abzuwinken, wenn Marken wie Dior, Roja Dove, Le Galion und eben leider viele andere auch nach dem Motto "viel hilft viel" Parfums in Mengen auf den Markt werfen, ohne sich dabei im klaren zu sein, dass die Wertigkeit, die wir Duftliebhaber für den einzelnen Duft noch verspüren können mit der Anzahl der Neuheiten abnimmt.

Reicht es nicht, Trends bis zum Überdruss zu befeuern? Muss neben der Vielfalt auch noch die Menge davon zeugen, dass man nicht kleckern, sondern klotzen kann?

Wenn man früher Marken des Drogeriesortiments unterstellte, nur Parfums nach Rezepturen zu lancieren, die irgendwo in den Laboren der Aromenhersteller nach 0815-Massengeschmack vorgefertigt in Schubladen auf die nächste Saison warteten, so beschleicht mich der Verdacht, dass das bei so manchen ach so exclusiven Marken auch nicht (mehr) anders läuft.

Auch das andere Ende der Vielfalt macht mir nach anfänglicher Begeisterung keine Freude mehr: Fand ich die ersten Düfte von z.B. Zoologist noch interessant und Zeichen von Kreativität, so geht es mir inzwischen aber bei jedem neuen Tier eher so, dass der Test ganz lustig ist, aber die Anstrengung, möglichst nischig zu sein allzu deutlich durchschimmert. Je untragbarer desto besser? Man kann sich sonst vom gewöhnlichen Duftliebhaber nicht mehr abgrenzen? Ist das das Ergebnis der Tatsache, dass Parfums eben heute kein Luxus mehr sind, sondern zum Markenartikel degradiert wurden? Findet echte Kreativität und Luxuriosität nur noch in Preiskategorien von 500,-- Euro aufwärts statt? Wollen LVHM & Co, so wieder eine Klientel heranziehen, die eben nicht in den Niederungen der Kaufhäuser und Parfümerieketten zu finden ist, sondern exclusiv bei Harrods, in Moskau oder sonst wo einkaufen kann?

Noch wehre ich mich gegen gelegentliche Anflüge von "gute Nacht Freunde, Zeit für mich zu gehen". Noch genieße ich zumindest den roten Faden, der sich in meiner Sammlung nach und nach entwickelt hat. Vielleicht ist es ja aber auch einfach meinem Alter geschuldet, dass ich nicht mehr auf allen Hochzeiten tanzen und jede Banalität beklatschen will, die mir begegnet. Ich bin gespannt, wann mich ein neuer Duft mal wieder wirklich beeindruckt und zwar durch Eleganz, Innovation, Ausstrahlung, Tragbarkeit und "Schönheit". Im Idealfall noch mit einer Geschichte dahinter, die nicht an den Haaren herbeigezogen wurde und mit dem alleinigen Anspruch, dass sich der Nutzer damit wohlfühlt. Nicht mehr und nicht weniger.




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