Paris Parfume Week 2026 - Atmosphäre, Highlights, brandneue Releases
Die recht junge Pariser Nischenparfummesse, veranstaltet von NEZ - die auch das schöne Printmagazin herausbringen -, hat sich mit ihrer dritten Ausgabe endgültig als wichtiges Event der unabhängigen Parfumszene etabliert. Fand die Veranstaltung im Vorjahr noch im Bastille Design Center statt (im Industrie-Design aus Holz und Stahl), wurde man diesmal im monumentalen und größeren Palais Brongniart empfangen. In dem von Napoléon Bonaparte beauftragten und 1826 eingeweihten klassizistischen Bau war bis 1998 die französische Börse untergebracht. Für eine intime Messe ist dieser Ort ideal. Er strahlt Eleganz aus, fokussiert die Aufmerksamkeit der Besucher, ohne dass man weit laufen muss, und bietet dennoch genügend Raum für Entdeckungsreisen und Begegnungen mit spannenden Persönlichkeiten aus aller Welt. Der neue Veranstaltungsort markiert nicht nur eine räumliche Erweiterung, sondern auch die der Teilnehmer: Über 150 internationale Aussteller gab es diesmal, flankiert von Konferenzen („Smell Talks“), kleinen Ausstellungen und dem Ausbildungsprogramm "Behind the Scent". Parfum als Kulturgut und kreatives Handwerk ist hier tatsächlich hautnah erlebbar. Und anders als bei vergleichbaren Fachmessen, ist sie an allen Tagen frei zugänglich auch ohne einschlägige Akkreditierung. Dennoch ist es ein absolutes Insiderevent wie die Vernissage in einer kleinen Kunstgalerie – entweder man liebt es oder man geht nie dorthin.

Dem einen Sinn huldigen
Der Eintritt in die Räumlichkeiten gleicht einer Kamerafahrt für eine Filmsequenz. Durch die hohe gläserne Decke fällt Tageslicht ins Peristyl wie in den Räumen des Louvre. Die umgebenden Kolonaden sind durch Fenster und feines Kunstlicht sanft erhellt. Dieses historische Konzept bewirkt, dass die Besucher sich wohlfühlen und lange aufmerksam bleiben. Man achtet kaum darauf, da man sich auf die liebevoll in Szene gesetzten flüssigen Schätze konzentriert. Wie mit vielen Dingen ist das, was dort fein aufgereiht an den kleinen Ständen steht, nur die Spitze des Eisbergs – das Substrat einer langen Kette von Handlungen vieler beteiligter Personen, von der Pflanzenpflege und Rohstofferzeugung über die kreativen und technischen Prozesse bis hin zum finalen Elixier. Das Auge sieht den variabel gestalteten Flakon und wie sich das Licht in Variationen darin bricht. Es ist eine wohlige Begleiterscheinung, der Rahmen für das eigentliche Werk, dass nur über den einen unterschätzten Sinn erfahrbar ist. In Gläsern mit Watte, in Trichtern oder auf anderen Trägern sind die Düfte vorbereitet zum kontaktlosen Testen. Wer mehr möchte, kann sie auf kunstvoll gestaltete und veredelte Papiere oder direkt auf die Haut sprühen. Die Luft ist erstaunlich neutral, keine überfordernde Wolke trübt die Nase.
Das Highlight an sich ist hier, dass nicht ahnungslos lächelnde Messehostessen an den Ständen stehen, sondern die Macher der kleinen Parfumhäuser persönlich vor Ort sind und der direkte Austausch möglich ist. Das sind häufig die geschäftstüchtigen Gründer, die die Markenführung verantworten, das Gesamtkonzept entwickeln sowie die Düfte briefen. Manchmal sind jene aber auch gleich die Parfumeure selbst wie Giuseppe Imprezzabile von Meo Fusciuni, Pissara Umavijani von Dusita (nicht mit einem Stand vertreten, aber im Rahmenprogramm mit Workshops in ihrer Boutique) oder auch Martin Švach von Kintsugi.

Kintsugi – Fernöstliches Prag
Letzterer rief seine Marke gemeinsam mit Daniel Nikolov 2021 ins Leben. Švach ist als Inhaber selbst für die Entwicklung jeder einzelnen Parfümformel verantwortlich. Seine Kompositionen zeichnen sich durch die Verwendung hochwertiger natürlicher Öle und verantwortungsbewusst bezogener Inhaltsstoffe aus. Nikolov übernimmt den geschäftlichen Part und trägt die gemeinsame Vision vertrieblich in die Shops. Die Marke legt Wert auf Nachhaltigkeit und produziert unter umweltbewussten Bedingungen in Europa. Die runden Flakons sind minimalistisch und bedürfen der näheren Betrachtung. Dabei zeigt sich der Sinn fürs Detail und offenbart das Konzept der Marke – eine Hommage an die japanische Kunst zerbrochene Keramik mit Goldlack zu reparieren und sie damit zu etwas Höherem zu erheben. Daher auch der Name Kintsugi und der feine gewollte Riss in jedem Etikett. Die Düfte gehen passend dazu in eine fernöstliche, frisch-aromatische Richtung. Sie bedienen nicht jedes gängige Genre, sondern wirken, als kreisen sie um ein Thema und loten dessen Facetten aus. Hier gibt es keine erschlagende Silage, sondern feinsinnige Kompositionen, die entschleunigen. Laut Eigenaussage sollen die Düfte den Träger einladen, sich selbst tiefer zu erkennen. Vor allem Taom und Kaigan sind dafür bestens geeignet. Sie wirken freundlich, ebenso vertraut wie fremd zugleich und wecken den Wunsch sie tiefer zu verstehen.
Meo Fusciuni – Innerer Monolog
Für Entschleunigung und innere Einkehr steht auch Meo Fusciuni. Die Marke versteht Duft als ein poetisches Medium, gespeist aus Erinnerung, Literatur und Reflexion – ein mehr intellektueller Ansatz also. Die Marke beschreibt sich als „ein intimes Tagebuch, das durch Geruch erzählt wird. In den Düften geht es um die Begegnung von Wissenschaft und Spiritualität, Erinnerung und Reisen, Sprache und Stille.“ Demnach soll ein Parfüm vor allem Geschichten erzählen und Emotionen vermitteln. Federica Castellani sowie Künstler und Parfumeur Giuseppe Imprezzabile waren persönlich vor Ort und erklärten sehr offen und herzlich die Vision hinter ihren Duftkreationen. Sie machen Düfte für jene Menschen, die im Parfüm kein Accessoire, sondern eine eigene Präsenz sehen, für jene, die es lieben, sich in Geschichten zu verlieren, die nur der Geruch erzählen kann. 2026 standen keine lauten Neuheiten, sondern die Vertiefung und Vermittlung bestehender Düfte im Zentrum. Eine bewusste Gegenposition zum schnellen Neuheitenrhythmus anderer Marken.

Jijide – Olfaktorische Experimente
Geradlinige schmucklose Flakons gefüllt mit bunter Flüssigkeit und runden hölzernen Kappen lockte die Aufmerksamkeit zu Jijide. Was zugleich clean und poppig daherkommt, ist aus Italien, was durch den Namen und die asiatischen Schriftzeichen auf den Fläschchen nicht unbedingt ersichtlich ist. Die Marke entstand aus der Zusammenarbeit von italienischen und chinesischen Kreativen in Mailand. Die Marke sieht sich als Brücke zwischen östlicher und westlicher Kultur. Der Name „Jijide“ ist die Lautschrift des chinesischen Begriffs 积极的 (jī jí de), der in etwa „energetisch“ oder auch „Freude am Leben“ bedeutet. Die Namen einzelner Düfte, wie etwa Huan Yi oder Lian Yen, basieren ebenso auf chinesischen Begriffen und Traditionen. Die Düfte sind auch von den Noten eine Verschmelzung europäischer und fernöstlicher Tradition und sollen bestimmte Momente der Sehnsucht, Nostalgie oder Meditation einfangen. Sie sind meist dezent und legen Wert auf natürliche Texturen. Viele Düfte fangen spezifische klimatische Momente oder Landschaften ein, aber auch die Nostalgie von Erfahrungen. Eine Besonderheit sind die Gourmands, die ihre Noten auf eine erwachsene, natürliche Weise zur Geltung bringen. Die Marke beschreibt sich selbst als forschend, offen und jenseits klassischer Marktlogiken. Auf der Messe wurden keine Launches kommuniziert, sondern die bestehenden Düfte als „olfaktorische Experimente“ präsentiert.

Feuas – Markantes High-End-Design
Ein anderes Konzept verfolgt die Marke Feuas, die sich „views“ ausspricht. Sie wurde 2023 von Ludwig Couet Buisseret gegründet, der zuvor Erfahrungen bei L'Oréal, Chanel und Clarins gesammelt hat. Seine Philosophie basiert auf der Übertragung von Haute-Couture-Prinzipien auf die Welt der Düfte. Die Marke versteht Parfum nicht als Massenware, sondern als exklusives Sammlerstück (ja, noch exklusiver als die anderen ohnehin schon). Die schweren Flakons wirken wie die wertige Dekoration einer modern-minimalistischen Inneneinrichtung vom High-End-Designer. Die schweren Deckel der Flakons in Form einer großen Kugel auf einer quadratischen Platte sind aus Beton und je nach Duft anders gefärbt. Jeder Flakon wird in Grasse handgefertigt. Auch die Deckel werden in Zusammenarbeit mit dem Lyoner Design-Duo Gone's in Frankreich hergestellt. Die Düfte erscheinen in limitierten Auflagen von ca. 2.000 Flakons und werden nach dem Ausverkauf nicht mehr nachproduziert. Kunden, die bereits einen Duft der Marke besitzen, werden bevorzugt behandelt. Drei Düfte der ersten Linie sind aktuell erhältlich: L'Avant-Nuit (2024), Jeu Silencieux und L`Heure Volée. Drei weitere wurden auf der Messe vorgestellt, von denen es keine Tester zum Mitnehmen gab. Während die bisherigen eher leichte, holzige und blumige Düfte sind, die Seriösität und Diskretion ausstrahlen, sind die neuen tiefer und kräftiger. Durchgängig ist jedoch eine herb-frische Eleganz, die die Marke auszeichnet.

Dans le Noir ? – Sensorische Reduktion
Während die Edel-Designer das Licht brauchen, setzt Dans le Noir ? ganz auf die Dunkelheit. Die Marke zählt zu den konzeptionell spannendsten Formaten auf der diesjährigen Messe. Ihre „Eaux de Parfum de Nuit“ wurden entwickelt und getestet im Dunkeln. Die Macher aus London sind Betreiber von Dunkelrestaurants und statten diese mit Düften an verschiedenen Punkten aus, einerseits zur Orientierung und anderseits um intensive Geruchserfahrungen zu machen. Ziel der Marke ist eine instinktive Duftwahl ohne visuelle Ablenkung. Nur in der Dunkelheit lasse sich ein Duft neutral erfahren, so Dans le Noir ?. Das Haus zeigte exklusiv zwei neue Kreationen seiner neuen Linie, die noch nicht erhältlich ist. Die sanften und eher femininen Düfte sollen intime Begegnungen sein, bei denen das Parfüm in der Tiefe und Stille der Nacht empfunden wird. Die Idee lädt in jedem Fall dazu ein, diese oder andere Parfums einmal in Dunkelheit und Stille aufzusprühen. Zusätzlich bieten sie Parfum- und Weinworkshops an, die natürlich – man ahnt es – im Dunkeln stattfinden. Dazu gab es auch im Begleitprogramm zur Messe Gelegenheit.
Superfumista – Individuelles Empowerment
Visueller ging es bei Superfumista zu. Hier präsentierte sich eine starke Marke, die Duft mit Ästhetik, Pop und Individualismus verbindet. Die Kollektion ist bewusst plakativ, handwerklich jedoch präzise und hochwertig komponiert. Die Flakons sind elegant und liegen mit ihrem großen Rechteckigen Holzdeckel gut in der Hand. Bei Superfumista gab es zwar keine Neuheuten, aber im Gespräch neben dem Düfte erschnuppern etwas Spannendes zu erfahren. Über eine eigene App kann man sich selbst ein Parfum kreieren lassen, dass mit hochwertigen Duftstoffen und von Hand wie die Kollektion kreiert werde. Man erhält nach Auswahl der Noten zwei bis drei Proben per Post, kann daraus in Ruhe eine auswählen und Veränderungswünsche geben. Der Duft wird ein- bis dreimal angepasst (je nach Paket, was man auswählt) und am Ende erhält man sein individuelles Parfum mit Gravur in einem 30ml-Flakon nach Wahl. Der Preis dafür ist vergleichsweise günstig: zwischen 300 und 500 Euro. Ein individuelles Angebot, bei dem man die seltene Gelegenheit hat, mal einen eigenen Duft zu briefen und diesen in einer zweiten und dritten Runde in die gewünschte Richtung zu lenken.
Amouage – Hochkonzentrierte Zeitkonzepte
Als einer der prominentesten Aussteller war Amouage gleichzeitig Messepartner und Diskursakteur. Im Zentrum standen die neueren Essences-Düfte Line 618, Remain und Sequence – extrem hochkonzentrierte Extraits (mit 30 % Duftölanteil), die sich mit dem Thema Zeit, Alterung und Zirkularität beschäftigen. Manche Dinge gewinnen ja durch die jahrelange Reifung an Aroma. Andere Dinge sind vergänglich und werden immer schwächer. Ob die Analogie Sinn macht, kann jeder für sich entscheiden. Die Serie wurde technologisch wie olfaktorisch als Statement für entschleunigten Luxus vorgestellt. Zusätzlich sorgte der neue Love Hibiscus, ein vergleichsweise zugänglicher Orientale mit floraler Herznote (und der gewohnten Amouage-Power), für viel Andrang.

Sabé Masson – Parfum als Hautpflege
Den Fokus mehr auf Kosmetik und Hautverträglichkeit legt Sabé Masson. Die Marke wurde bereits 2014 von Isabelle Masson-Mandonnaud (Spitzname: Sabé) entwickelt, Mitbegründerin der bekannten Kosmetikkette Sephora. Zudem war die Vertriebsleiterin zehn Jahre für Clive Christian im Einsatz. Das Team ist also stark besetzt, dementsprechend ist die Marke bereits in zahlreichen Shops On- und Offline präsent. Die Marke beschreibt ihre Düfte selbst als „sensorisch, nomadisch und verkörpert“ – ein Ansatz, der sich in feinsinnigen, eher hautnahen Texturen äußert. Die Düfte sollen die Haut nicht nur beduften, sondern sie auch pflegen. Dafür wird gänzlich auf Alkohol verzichtet und stattdessen auf die patentierte Technologie Water Plant Emulsion (WPE®) gesetzt. Dadurch entsteht eine milchige, feuchtigkeitsspendende Emulsion, die sich großflächig aufsprühen lässt und auch für empfindliche Haut geeignet sind. Argentum aus England nutzt übrigens die gleiche Technologie. Die runden schwarzen Flakons von Sabé Masson mit den schweren, oben wie mit einem Siegel verzierten Deckeln wirken wertig. Und die kräftigen Sprüher sind tatsächlich ein Highlight, sie lassen sich lange herunterdrücken und verteilen dabei (wenn man es möchte) eine große Menge der Emulsion. Die kann man bedenkenlos wie eine Bodylotion nutzen und die feinen Düfte am ganzen Körper tragen. Das Beduften wird so zu einem intimen Ritual allein oder auch zu zweit. Augenzwinkernde Namen der Düfte wie Eu Vent de Vous ("Ich habe von Ihnen gehört") regen die Phantasie an. Die Flakons sind nachfüllbar (die Sprüher sind hochwertig, daher kostenintensiv) und alle Düfte gibt es auch als Solid Perfume Stick. Im Kontext der Messe standen keine Neuerscheinungen im Fokus, als vielmehr die klare Positionierung als feuchtigkeitsspendende Maison de Parfum. Dennoch wurde mir etwas ganz Spezielles präsentiert: ein mehr maskuliner, holzig-ledriger Duft, der sich in der Entwicklung befindet und bei dem noch nicht entschieden ist, ob er in Serie geht. Sein Aroma geht - grob gesagt - in die Richtung von Cuir Nilam (Atelier Materi), nur leiser mit einer meditativen Ätherik.

Nissaba – Exklusiv ökologisch
Sucht man nachhaltige und in guten Beziehungen zu den Rohstofferzeugern stehende Marken, kommt man an Nissaba nicht vorbei. Die Düfte bestehen zu einem hohen Anteil aus natürlichen und biologisch zertifizierten Rohstoffen (zu 90 % natürlich und zu 80 % organisch), die häufig aus Single-Origin-Projekten stammen. Zudem wird aktiv der Erhalt von Ökosystemen gefördert. Dafür investiert Nissaba 5 % ihrer Einnahmen in lokale Projekte. Jedes Parfüm ist eine Hommage an ein bestimmtes Gebiet und dessen traditionelle Anbaumethoden. Die Genfer Marke wurde 2022 von Sébastien Tissot und Erick Stucky de Quay ins Leben gerufen und folgt nach eigener Darstellung den Grundwerten der Natur. Tissot war Rohstoff-Beschaffungsleiter bei Firmenich und investierte 10 Jahre in die Entwicklung seiner nachhaltigen Eco-Parfüms. Der Name ist inspiriert von der sumerischen Göttin Nisaba, eine Schutzherrin der Schrift, Ernte und Fruchtbarkeit. Nissaba ist eine der ganz wenigen Marken, die sich glaubhaft und mit starkem Engagement den verschiedenen Dimensionen der Nachhaltigkeit verschrieben und dazu (oder dennoch) grandiose Düfte im Portfolio hat. Manchmal geraten bei aller Ethical Beauty Party die Parfums in den Hintergrund und die Kunden meinen dafür bei den Düften Abstriche hinnehmen zu müssen. Hier ist beides auf sehr hohem Niveau. Den Stand zu verlassen und nicht ein weiteres Mal an der kleinen Auswahl hervorragender Substanzen zu riechen, viel mir schwer. Doch eine Überraschung gab es noch. Nachdem ich meine bevorzugten Duftnoten genannt hatte, wurde mir ein ganz neuer Duft gezeigt, der noch nicht erhältlich und auch nicht angekündigt ist: Andevalo, die würzig-holzige, leicht ledrige Interpretation der gleichnamigen Region im Südwesten Spaniens an der Grenze zu Portugal. Passend dazu, dass in dieser Region Labdanum gewonnen wird, ist dies auch die markanteste Note. Eine ausgesprochen feine Komposition, die im September 2026 erhältlich sein wird.

Tobba – Minimalistische Erinnerungen
Sehr spannend waren die vielen Aussteller aus Asien. Eine der (hierzulande) bekannteren Marken des Kontinents ist Tobba, 2021 von Jasper Li und Adrian Yu in HongKong gegründet. Jasper Li wurde damit vom Maler zum Parfümeur. Er betrachtet Parfüm als eine künstlerische Erweiterung seiner früheren visuellen Arbeit. Adrian Yu bringt seine Expertise im Luxuseinzelhandel in die Partnerschaft ein und fokussiert sich auf Vertrieb, Marketing und Strategie. Die Verbindung brachte ohne luxuriös anmutende Flakons oder Auftritte den Durchbruch. Asiatisch minimalistisch sind die Flakons und dadurch frei von einer Festlegung an einen Stil oder eine bestimmte Epoche. Die transparenten Quader mit abgerundeten Ecken und Kanten – mehr Designobjekt als Kunst – erscheinen als perfekte Ergänzung für ein aufgeräumtes Regal zu Hause oder die Präsentation im White Cube der Museen. Die serifenlose Schrift in Versalien zeigt eine klassisch-moderne Grafikdesign-Ästhetik, wie man sie aus Werbeanzeigen großer Marken kennt, die sich von kunstvollen Verzierungen abheben und den Fokus auf das Wesentliche lenken möchte. In diesem Fall ist es der Duft des honigfarbenen Saftes im Innern. Über die einzelnen Releases hinweg erscheinen sie nuanciert, experimentell aber leicht und problemlos tragbar, ohne dass sie herausfordernd sind. Das ist wohl ihrem asiatischen Ursprung zuzuschreiben, wo Düfte deutlich zurückgenommener sind als in Europa oder gar im arabischen Raum. Im direkten Vergleich sind die Tobba-Düfte stärker als gängige asiatische Parfums und agieren wie Jijide als eurasische Brücke der Kulturen. Die Düfte sind häufig einem Thema gewidmet wie Higher self (rauchiger Fougère, sanft zitrisch, blumig, mit Schoko-Patchouli-Basis) oder Force (würzig-aromatisch mit Zypresse, Sandelholz, Weihrauch und einer Leder-Patchouli-Basis), teilweise auch verweisen sie auch einfach auf die Duftrichtung wie Indolence (würzig-frisch mit Kümmel, zitrischen Noten, Amyris und Tee auf einer Vanille- Patchouli-Basis) oder Rose on the Shore (maritim-blumig mit Rose, Geranie, Eichenmoos und Pfeffer auf einer Vetiver- Patchouli-Basis). Sie erscheinen als vielschichtige Erinnerungen, von denen sie inspiriert sind, und zu denen sie wieder werden mit den Erfahrungen der Person, die sie trägt.
Auf der Paris Perfume Week wurde exklusiv ein neuer Duft angekündigt, der mit der Tradition der transparenten Flakons brach. Asura kommt in einem schwarzen schimmernden Flakon daher, folgt aber in Form und Etikett den bisherigen. Er setzt da an, was die Tobba-Düfte ausmacht und zeigt eine Erweiterung und Verstärkung der gewohnten Li-Duftfamilien: ein dunkles Leuchten, charakterstark und raumeinnehmend, ledrig, floral, unsüß gourmandig, nicht zu grell, passend zu einem ereignisreichen Abend im HongKonger Nachtleben. Möglicherweise der Auftakt zu einer neuen Linie charismatischer Düfte in dunklen Flakons. Der Duft wird ab Juni 2026 erhältlch sein.
Zhufu – Einheit von Mensch und Kosmos
Vor allem aus China kamen einige kleine Dufthäuser nach Paris, die in Europa kaum bekannt sind. Zhufu ist solch eine kleine Nischen-Parfummarke, die auf eine Verbindung traditioneller chinesischer Ästhetik mit modernem nachhaltigem Design setzt. Der Name „Zhufu“ ist ein Wortspiel, wie der Gründer Bobber Wang erklärte. Die Schriftzeichen 竹浮 (Zhú Fú) bedeuten wörtlich „schwimmender Bambus“, die Laute klingen im Chinesischen identisch wie 祝福 (Zhùfú), was „Segen“ oder „Glückwunsch“ bedeutet. Das Design der Flakons ist einem Bambusstamm nachempfunden, der in der chinesischen Kultur für Langlebigkeit und Charakterstärke steht. Die Beschriftung bilden kleine chinesische Schriftzeichen direkt auf das Glas gedruckt ohne Etikett. Die visuelle Identität sei eine Hommage an Wangs Großmutter, eine Bambusflechterin. Für ihr innovatives Design- und Verpackungskonzept gewann die Marke 2025 den German Design Award. Gleichzeitig legt die Marke Wert auf ethische Standards. Für die Verpackung wird nur FSC-zertifiziertes Papier verwendet und auf Kunststoffe wie EVA-Schaum in der Polsterung verzichtet. Die Metallteile der Flakons bestehen aus recycelten Materialien. Auf den Kartons sind die Angaben zudem in Brailleschrift geprägt. Die vier Düfte der zentralen Linie konzentrieren sich auf konkrete Atmosphären an bestimmten Orten. Master ist beispielsweise inspiriert von einer traditionellen chinesischen Apotheke mit Noten von Kräutern, Beeren und Moos. Der Duft vermittelt Heilung, wirkt belebend und euphorisierend. Der großartige Donglin Temple ist ein meditativer Duft, der in Zusammenarbeit mit dem realen Donglin-Tempel in Shanghai entstand. Er enthält Noten von Zypresse, Tanne, Kampfer, Weihrauch und verbreitet eine unheimlich entspannte, fokussierte Stimmung, in der man ausruhen und Kraft schöpfen kann.

to summer – Zurückhaltende Leichtigkeit
Eine weitere Entdeckung ist to summer, die ebenfalls eine Fusion fernöstlicher und westlicher Duftkulturen anstreben. Die Düfte verbinden traditionelle chinesische Elemente und Inhaltsstoffe mit moderner, westlicher Parfümkunst. Die 2021 gegründete Marke arbeitet mit westlichen Parfümeuren wie Véronique Nyberg, Frank Voelkl, David Huang, Bruno Jovanovic oder Jérôme Epinette zusammen. In China erfreut sie sich bereits großer Beliebtheit, vor allem auch wegen ihrer wohl abgestimmten Raumdüfte. Ins Auge fallen die kleinen Flakons mit ihren unterschiedlich gestalteten Kappen und die feinsinnig gestalteten Verpackungen. Die Düfte sind leicht, luftig und widmen sich im Hauptthema einer Duftfamilie oder gar einer bestimmten Duftnote. Wer kräftige Statements mag, ist hier falsch. Es geht gerade um Zurückhaltung und Sinnlichkeit, die die Marke auch in ihrem reduzierten Corporate Design ausdrückt.
Le Goût de Peau – Mythische Artefakte
In eine andere Richtung geht Le Goût de Peau. Beide Marken haben sich für den westlichen Markt eigene Namen gegeben und versehen Flakons und Verpackung sowohl mit chinesischen als auch mit englischen/französischen Beschriftungen. Während to summer bereits auf dem Weg zum modernen Klassiker in Asien ist, bleibt Le Goût de Peau (ebenfalls seit 2021) noch ein Geheimtipp. Die Gründerin Mylène Xiao Han stammt aus der Kunstwelt und hat einen fachlichen Hintergrund in der Erhaltung von Kulturerbe. Zudem widmet sie sich der traditionellen tibetischen Thangka-Malerei. Jedes Detail des Auftritts ist kunstvoll inszeniert mit einem mythischen Touch. Die Flakons sind ausgefallen und jeder anders verziert, mal mit einer Kappe aus einem Naturholzstück, rohem Stein, Metall mit geätztem Ornament oder Keramik – teilweise Unikate. Die Düfte sind von Landschaften, Legenden und Kulturen Chinas inspiriert. Sie sollen eine Verbindung zu den archaischen und spirituellen Wurzeln herstellen. Es sind sehr künstlerische und spirituelle Kompositionen, die fesseln und eine ganz eigene Schwingung transportieren. Papermaking beispielsweise widmet sich der Kunst der traditionellen Papierherstellung. Dafür werden Noten wie Japanischer Papierstrauch, Kamille, Baldrian und Tusche eingesetzt, um das Gefühl einer alten Bibliothek umgeben von der lokalen Natur zu erzeugen. Im Schwelgen der Duftwolke muss man nur aufpassen, die Deckel nicht fallen zu lassen.

Santimento – Asian Artisan
Dem ganz ähnlich scheint die Philosophie von Santimento. Die Marke versteht ihre Düfte nicht nur als bloße Essenzen aus Pflanzen, sondern als Destillationen chinesischer Lebensart. Ihr wichtigster Rohstoff ist die Emotion. Sowohl in den Düften als auch den Flakons geht es darum, „Überflüssiges wegzulassen, um die stille Kraft im Inneren zu offenbaren – ein Medium für Introspektion und Alchemie“. Die klassischen dunklen Flakons bestehen oft aus handgefertigtem Sandelholz. Für Sondereditionen wie den Duft Desolate Dream werden auch mal Rosenholz oder Ebenholz verwendet. Bei der Fertigung der wird eine traditionelle Zapfenverbindung verwendet, die ohne Nägel oder Klebstoff auskommt. Die Deckel sitzen verschoben darauf, sodass die Ecken über die Flächen des Flakons ragen. Zudem sind sie mit Holzschnitt oder Metallbeschlägen verziert. Die Schachteln zeigen kunstvolle Prägungen, Wachssiegel und Lithografie-Drucke, wodurch die spirituelle und historischen Prägung visuell getragen wird. Wer Exklusivität in Form von naturnaher Produktion von Hand sucht, ist hier an der richtigen Stelle. Die Kreationen der Parfümeurin Yili zeichnen sich durch die Verwendung seltener Rohstoffe aus und scheinen wie für rituelle Räucherzeremonien gemacht. Auf der Messe wurden mit The Feast (eine opulente Komposition, die Festlichkeiten entlang der Handelsrouten interpretiert), The Making (ein Duft, der den handwerklichen Schaffensprozess ausdrücken soll) und The Tear (eine spirituelle, weihrauchbetonte Interpretation der Traurigkeit) drei neue Düfte der Linie „Goldene Seidenstraße“ präsentiertet, die man vor Ort auch kaufen konnte. Abseits davon sind sie in Europa kaum zu bekommen, am besten geht es wohl beim Hersteller direkt.

Fazit
Der Fokus lag in diesem klar auf der Linienpflege und der Vermittlung der eigenen Markenphilosophie. Wenige Neuheiten, mehr Vertiefung. Natürlich gibt es in der Branche weiterhin unglaublich viele Releases, neue Marken oder Bestehende, die unter dem Radar laufen. Um kleinere Marken und die kreativen Köpfe dahinter einmal persönlich kennenzulernen, ist solch ein intimes Tête-à-Tête der Branche perfekt. Die Paris Perfume Week zeigte dieses Jahr noch mehr Hersteller, die sich ihrer Verantwortung, ihrer Geschichte und ihres kreativen Potenzials bewusst sind. Die vertretenen Marken wollen weniger den aktuellen Trends folgen, als vielmehr einem ausgewählten Kreis ihre klare Haltung zeigen und sich auf ihr individuelles Projekt konzentrieren. Ergebnis sind die seltenen Duftkunstwerke, die in dem glamourösen Ambiente im Vordergrund standen und ausgiebig genossen werden konnten. Parfum wird hier nicht primär als Produkt verstanden, sondern als ein kultureller, sensorischer und ethischer Auftrag.


Dennoch: Dein Bericht ist große Klasse!
Spaß gemacht, so persönlich in die Parfumwelt eintauchen zu können. Wie du schon gesagt hast, die Inhaber und Createure dort selber
erleben zu können anstatt "ahnungslos lächelnder Messehostessen" war ein seltenes Erlebnis. Und die tollen Räumlichkeiten waren perfekt für dieses schöne Event. Eine wichtige Erkenntnis für mich jedoch .... ein Tag ist einfach viel zu wenig Zeit. Um wirklich viel von dem reichhaltigen Angebot mitnehmen zu können, würde ich ein nächstes Mal mindestens 2 Tage gehen. Die Nase schafft einfach nicht so viel an einem Tag und alleine durch das Lesen deines Beitrags sehe ich, wo ich überall nicht war 😂.
Vielleicht sieht man sich ja nächstes Jahr in Paris ?!
Würde mich mal interessieren, wie die Aussteller ausgewählt wurden und was das Kriterium für ihre Teilnahmeberechtigung war.
- Originalität: Einzigartigkeit und aufrichtige künstlerische Absicht
- Nischen-Fokus: unabhängige und kleine aufstrebende Marken
- Vielfalt: internationale Mischung und diverse kreative Perspektiven
Aus vielerlei Gründen bin ich da allerdings seit längerem raus. Letzten Endes geht's aus meiner Sicht bei all' diesen Lancierungen um cleveres Marketing, limited Editions, einen erlauchten, exklusiven Kundenkreis, handgemachte Sammlerflakons und viel Greenwashing. Duft als Mittel der "class distinction". Nicht mehr meine Welt. Aber ich danke Dir gerade deshalb für den außergewöhnlich informativen, sehr interessanten Report.
Es ist verwirrend und überfordernd, die Unmengen neuer Dufthäuser und neuer Parfüms zu überblicken.
Letztendlich, bei allem verlockendem Geschwurbel und wunderschönsten Worten über Duftkreationen neuer Häuser, geht es doch eigentlich darum, gut zu riechen und Freude zu haben. Inzwischen wird das Thema PARFUM und besonders LUXUSPARFUM unglaublich aufgebauscht. "Man ist was man isst." und "man ist, wonach man riecht" oder ob man die richtige Handtasche trägt. Mich stößt so eine Denke ab.