YataganYatagans Parfumkommentare

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Yatagan vor 26 Tagen 39
8.5
Duft
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Haltbarkeit
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Being a snob
Unkommentierte Düfte No. 164

Aufmerksam wurde ich auf Angela Flanders wunderbaren Duft durch Neil Chapmans großartiges Buch "Perfume - In search of your signatur scent" von 2019. Das Werk ist ein Fundus für Parfumliebhaber*innen und bietet ähnlich gute Anregungen wie die bissigen Rezensionen von Luca Turin, schlägt aber einen versöhnlicheren Ton an. Dabei ist gleich der Titel eine dreiste Lüge, denn Chapman empfiehlt nichts weniger als einen einzelnen Signature Scent, sondern ergeht sich vielmehr in der Fülle der Duftwelt. Die Zusammenstellung ist schier endlos und beinahe enzyklopädisch.
Von den vier verzeichneten Düften der "late perfumer" Angela Flanders, wie Chapman die alte Dame, die vor Kurzem hochbetagt starb, liebevoll nennt, werden zwei besonders empfohlen: das exquisite Earl Grey (ein Bergamotte- und Patchouli-Duft; die klassische Teenote fehlt britisch-schrullig völlig). und als Sinnbild englischer Exzentrik "Precious One".
Betrachtet man die oben genannten Inhaltsstoffe, dann wird man hier übrigens ähnlich leichtfüßig aufs Glatteis geführt wie bei Earl Grey - und dennoch hat das alles auch seine Berechtigung: Während nämlich Earl Grey zwar keine Teenote enthält, dafür aber den für den Tee gleichen Namens obligatorischen Bergamotte-Akzent und durch eine Ahnung von Patchouli die Erinnerung an einen holzgetäfelten englischen Club erweckt, wo man eben jenes Getränk stilvoll zu sich nehmen könnte, schlägt auch Precious One subtile in Moll gestimmte Töne an. Tuberose blüht hier angemessen distinguiert und ordentlich wie in einem britischen Gewächshaus, die Katze schnurrt, aber markiert natürlich nicht, das Eichenmoos stammt aus den sanften Hügeln von Cotswold und nicht aus den Alpen und Jasmin wurde einfach gleich ganz vergessen - oder so dezent dosiert, dass er gar nicht recht auffallen will. Dann bleibt noch das Vetiver, das ja auch irgendwie typisch britisch ist, denn es stammt schließlich aus den ehemaligen Kolonien oder sagen wir besser - politisch korrekt - aus dem Commonwealth, aber es scheint wohl nur für die etwas herbe Note verantwortlich zu sein, die allem unterlegt ist. So richtig bemerkbar macht es sich auch nicht.
Aus all diesen Gründen plädiere ich aber schließlich und endlich dafür, diesen Duft nicht als Damenduft zu kategorisieren, vielleicht nicht mal als typischen Unisex-Duft, sondern eher als Duft für Snobs (wäre eine eigene Kategorie wert). Aus eben diesen Gründen gefällt er mir.

P.S.: Die Marke wird von Angela Flanders Tochter weitergeführt.
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Yatagan vor 2 Monaten 51
8
Duft
7
Haltbarkeit
7
Sillage
9
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Schwarzer Lavendel
Unkommentierte Düfte No. 163

Ganz selten gibt es Lavendeldüfte, die eher dunkel interpretiert werden. Zumeist steht Lavendel für einen hellen, frischen, krautig herben Akzent (z.B. in Caldey Lavender, Lavande Précieuse, Cotswold Lavender). Gelegentlich treten süße Töne (Vanille, Amber) hinzu (z.B. in Pour Un Homme de Caron, Brilliantly British, Lavande d'Hiver) oder in Verbindung mit Tonkabohne sorgt Cumarin für die charakteristische Fougèrenote (z.B. in Lehmann Fougère, Fougère Royale). Nicht selten sind auch Kombinationen mit floralen Tönen (z.B. in Filz Eau de Lavande: Rose) oder die Komposition wird deutlich komplexer (Jicky, Mouchoir de Monsieur).
Bei den düsteren Lavendeldüften fällt mir spontan bisher eigentlich nur Phoenix Botanicals Lavender Noir ein, ein sehr seltener Duft, der hier bisher kaum wahrgenommen wurde. Nun kommt aus meiner Sicht ein weiterer Duft hinzu: Scotch Lavander. Die ambrierten und harzigen Töne (Benzoe) sind so deutlich herausgearbeitet, dass sie bereits in der Herznote den Lavendel flanieren und dunkel einfärben. Dabei fällt auf, dass der Lavendel an sich seine Frisch behält, bis zum Drydown aber harzig grundiert wird. Trotz der Tonkabohne kann man m.E. hier nicht von einem Fougèreduft sprechen, auch wenn sich diese Assoziation vielleicht nach einer Weile einstellen mag.
Mir gefällt der Duft, ich finde ihn originell, weil er neue Wege geht, dennoch bevorzuge ich selbst den helleren Lavendelton.

Wer sich für das Komplettangebot an Lavendeldüften auf dem deutschen Markt interessiert, kann sich über diesen Link zu meiner Sammlung "Lavendel" orientieren:

https://www.parfumo.de/Benutzer/Yatagan/Sammlung/1915
36 Antworten

Yatagan vor 2 Monaten 46
8
Duft
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7
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Rote Drachen tragen Hermès
Unkommentierte Düfte No. 162

Ich bin weder ein besonderer Fan der Marke Replay noch gehört Terre d'Hermès zu meinen größten Favoriten, aber ich mag es. Ich bin auch kein Freund von Dupes, sondern orientiere mich in aller Regel am Original. In diesem Falle mache ich mal eine Ausnahme.

Der rote Drache von Replay spuckt nämlich unverkennbar Terre d'Hermès-Feuer, das jedoch keine bloße billige Kopie ist, auch wenn die Parallelen auffällig sind (rosa Pfeffer, schwarzer Pfeffer, Grapefruit, Rosengeranie, helle Hölzer / Zeder, Patchouli, Vetiver), sondern eine dunklere Version von TdH, die durch die würzige, erdige, rauchig warme Note von Kardamom geprägt wird, die im Drydown noch stärker durchschimmert. Das macht Red Dragon zwar immer noch zu einem düsteren Verwandten des großen Vorbildes, entwickelt aber auf Haut und teilweise auch auf Textil immer noch so viel Eigenständigkeit, dass man nicht einfach von einem phantasielosen Duftzwilling sprechen kann.

Ein wichtiges Argument für den Replay-Duft ist sein Preis, der sich auf Drogerieniveau bewegt, dabei aber keinesweg synthetischer und oder weniger komplex als TdH ausfällt. Für Fans des Vorgenannten eine echte Alternative oder eine Ergänzung in der Sammlung.

Anmerkung: Der Duft-Tipp Red Dragon stammt von Paul Divjak aus seinem Buch "Der parfümierte Mann".
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Yatagan vor 3 Monaten 55
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Fabulously French
Unkommentierte Düfte No. 161

Man könnte es sich einfach machen mit diesem Duft und auf die starken Parallelen zum legendären Pour Un Homme de Caron (meinem Signature Scent) verweisen. In beiden Fällen dominiert Lavendel, vor allem in der Eröffnung, aber auch im weiteren Duftverlauf, in beiden Düften weht eine moderat pudrige Moschusnote und darüber hinaus findet sich in der Basis, denn ein wirkliches Herz haben beide Düfte nicht, eine süße Note, die hier mit Salzkaramell angegeben wurde. Man könnte auch Fudge sagen. Und da sind wir dann auch schon beim typisch britischen Duft: (1.) Lavendel: In Großbritannien gibt es in einigen Regionen große Lavendelfarmen, die das Kraut kultivieren. Und es gibt (2.) Fudge: überall. Die Parallelen zum fabulously french Caron sind damit zwar frappierend, aber die Salzkaramell-Note sorgt dann doch noch dafür, dass sich der neue Penhaligon's im Drydwon unterscheidet. Mir liegt nach wie vor mein Caron mehr, weil ich die Vanille-Note mit dem kleinen Hauch Amber in der Basis vornehmer finde, denn so sind sie halt, die Franzosen, immer etwas eleganter als der Rest der Welt, aber ich muss sagen, dass mir Penhaligon's Brilliantly British dann auch 9 Punkte wert war. Wie nah fabulously french und brilliantly british beeinander liegen und ob einem der kleine Unterschied womöglich einen Doppelkauf wert ist, muss man am besten nach einem intensiven Vergleichstest entscheiden. Und Fudge sollte man mögen.
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Yatagan vor 3 Monaten 59
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Willkommen in der Dystopie
Unkommentierte Düfte No. 160

Wie geht man olfaktorisch mit diesen Zeiten um? Während bei der Corona-Pandemie ein Licht am Ende des Tunnels aufscheint, warnen andere vor weiteren möglichen Pandemien und vor der ultimativen Dystopie: ein großflächiger Ausbruch multiresistenter Keime. Unsere Lebensweise eines aus den Fugen geratenen Konsums, gerade auch bei Lebensmitteln, scheint an ihr Ende gekommen zu sein.

Wenn jede Zeit die Düfte bekommt, die sie verdient, dann könnte ELDO in der jüngsten Vergangenheit prototypisch für den postmodernen olfaktorischen Kommentar zur Gegenwart stehen: Charogne, Jasmin et Cigarette, La Fin du Monde (damit auch wortwörtlich), Sécretion Magnifique (für viele der schlimmste Duft bis dato), Vierges et Toreros - und nun Exit the King.

Man kann von diesen Ansätzen halten was man will, viele sind nicht tragbar, sind vielleicht untragbar, aber sie waren stets innovativ und ihrer Zeit voraus, auch wenn dabei auch Unbrauchbares entstand, gelegentlich sogar Abstoßendes - oder inzwischen ebenso oft Mittelmäßiges, geradenach Uninspiriertes.

All das kann man Exit the King nicht vorwerfen, allenfalls, dass er ein wenig zu innovativ, zu artifiziell, zu postpostmodern sei. Man hätte darauf wetten können, dass sich auch ELDO mittelfristig an der Suche nach dem Neo-Chypre beteiligen würde, der Neuausrichtung einer Duftrichtung, die gestorben schien, weil natürliches Eichenmoos nicht mehr verbaut werden soll - und damit Substitute nötig wurden, die mehr oder weniger gelungen sind, oder die die Suche nach anderen bekannten Inhaltsstoffen als Alternative zu Eichenmoos nötig machten (so etwa Patchouli, hohe Moschusdosierungen).

Exit the King ist nun dieser Neo-Chypre in der neueren Tradition von Masques Kintsugi, Heeleys Chypre 21 oder Ex Nihilos French Affair. Während mich die meisten dieser Kompositionen nicht überzeugen konnten, fand ich bereits French Affair sehr gelungen und konnte mich nach anfänglicher Irritation sehr gut mit dem Duft arrangieren. So auch bei Exit the King, bei dem ich Geduld und mehrfache Tests empfehle.

Zunächst fällt auf, dass in der Kopfnote Bergamotte (oder Vergleichbares / Hesperidisches) fehlt, damit aber ein typischer Bestandteil von Chypre-Düften, auch der neueren, eine Leerstelle bildet. Dafür finden sich hier - endlich - wieder Aldehyde, die diese Leerstelle füllen. Liebhaber*innen von klassischen Düften dürfen jubeln. Lange vermisst, fand diese Standardsubstanz der meisten älteren Damendüfte (bis in die 80er) eher nur noch selten Verwendung, so dass sie in dieser intensiven Dosierung geradezu avantgardistisch wirkt.

Dann folgen - ganz klassisch - im Kontext bekannter Chypre-Textur Jasmin und Rose. Diese Herznote bildet das Rückgrat vieler Chypres. Da hat die postmoderne Parfümerie nichts Neues zu bieten.

In der Basis finden sich Patchouli und ein Moos-Substitut, das, ganz ELDO-typisch, sehr künstlich, synthetisch, artifiziell wirkt, was mich in keine Weise stört, geradezu zum Gesamtbild eines postmodernen Duftes passen will.

Charakteristisch für Exit the King ist aus meiner Sicht vor allem der Einsatz von Aldehyden statt Hesperidien und die synthetischen Grundschwingungen, die den Duft im guten Sinne abrunden.

Willkommen in der Dystopie!

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