YataganYatagans Parfumrezensionen

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Yatagan vor 9 Monaten 87 63
10
Flakon
8
Sillage
8
Haltbarkeit
8.5
Duft
Warum Du an Silvester Roja Reckless tragen solltest - oder: Die Kunst des schönen Scheins
Wenn Du deinen Freund*innen beweisen willst, dass Du der beste, größte und schönste Duftkenner im Universum bist, solltest Du wie ich Roja Reckless zu Silvester tragen. Warum?

Du solltest Roja Reckless tragen, weil der Name "rücksichtslos" bedeutet und Du sowieso noch nie Rücksicht auf die übersensiblen Nasen deiner Mitmenschen genommen hast. Zehn bis zwölf Sprühstöße sollten dafür ausreichen.

Du solltest Roja Reckless tragen, weil der glitzernde Flakon so gut zu deiner neuen Schweizer Uhr passt und Du gerade an Silvester deutlich machen kannst, dass Du dir ein wenig mehr leisten kannst als die Menschen um dich herum.

Du solltest Roja Reckless tragen, weil auf der Silvesterfeier auch deine Ex eingeladen ist, der Du schon damals mit der lange haltbaren holzig harzigen Basisnote auf die Nerven gefallen bist.

Du solltest Roja Reckless tragen, weil deine unvermeidliche Ex-Schwiegermutter natürlich auch wieder da sein wird und Du weißt, dass sie eine Allergie gegen Kardamom und Artemisia hat - und sie deshalb nicht neben dir sitzen wird.

Du solltest Roja Reckless tragen, weil Du auf der Feier damit angeben kannst, dass Du der erste bist, dem die dezenten Parallelen zu Jil Sanders Man Pure, dem Kultduft aus den 80ern, aufgefallen ist: Gewürze, Zitrone, Nelke, Zimt, Harze, Eichenmoos und Zedernholz.

Du solltest Roja Reckless tragen, weil es einfach ein gut gemachter Duft ist, der noch eine echte Unterscheidung in Kopf-, Herz- und Basisnote zulässt und Du ja sowieso niemandem erzählen musst, dass Du dir gar keinen Flakon geleistet hast, stattdessen nur den 7,5-ml-Taschenzerstäuber besitzt und deine Uhr bloß ein Dupe aus Fernost ist. Basta!

Einen schönen Altjahrsabend und ein gutes neues Jahr wünscht euch
Yatagan!
63 Antworten
Yatagan vor 9 Monaten 69 48
8
Flakon
7
Sillage
7
Haltbarkeit
8.5
Duft
Tradition und Moderne
Unkommentierte Düfte No. 168

Wenn ein deutsches Familienunternehmen sich Tradition und Moderne auf die Fahnen schreibt, darf man ruhig ein bisschen misstrauisch sein, ist es doch oft nur ein wohlfeiles Werbeversprechen, das ein junge Kundschaft erreichen und die ältere nicht verprellen will. Betrachtet man jedoch die Produktpalette dieser 120 Jahre alten Traditionsmarke zu Heilmitteln, medizinischer Kosmetik und Haut- und Körperpflege wird schnell deutlich, dass da ein Familienunternehmen einerseits Wert auf solide Tradition und andererseits auf Anschluss an zeitgenössische kosmetische und ästhetische Standards legt. Dass nun auch ein Duft das Portfolio abrundet, ist im Zeitalter der Nische natürlich erwartbar und folgerichtig, hätte aber leicht zur oberflächlichen Anbiederung führen können: "Einen Duft haben wir übrigens auch noch im Angebot." Hier aber wurde mit Mut zur Innovation ein durchaus neues Konzept zwischen Körper- und Raumduft, zwischen tragbar und innovativ gefunden. Wer allerdings eine ausgeprägte Abneigung gegen die in Bioläden gehandelten Aromatherapeutika hat, muss eventuell nicht mehr weiterlesen. Ich mag's. Ich gehe ja schon deshalb gerne in Öko-Supermärkte, weil es da so gut riecht. Einkaufen tue ich da dann natürlich auch noch.
"Juniper | Retterspitz" hält was es verspricht: Juniper heißt auf Deutsch Wacholder und so riecht es natürlich hier. Wer aber befürchtet, dass es sehr herb, sehr würzig, sehr krautig grün zugeht, darf beruhigt einen Test wagen. Der Duft hat einen hellen, fast zitrisch hesperidischen Akzent, auch wenn keine Hesperidien in Juniper enthalten sein mögen. Basilikum bleibt angenehm hellgrün und tendiert nicht ins Würzig-Krautige. Die Blüten blühen im Hintergrund und schaffen einen harmonischen Rahmen, sind aber kaum identifizierbar. Das Baumharz ist als ganz helles, dezentes Nadelbaumharz verbaut und tendiert nicht etwa ins dunkelharzig Schwere: sehr grün, sehr frisch, ein bisschen holzig harzig.
Ich bin fast ein bisschen begeistert.
48 Antworten
Yatagan vor 9 Monaten 93 53
7
Flakon
8
Sillage
9
Haltbarkeit
8.5
Duft
Humunkulus
Wenn Bertrand Duchaufour einen Duft lanciert, darf man schon mal genauer hinschauen. Immerhin hat er legendäre Düfte wie Timbuktu und andere L'Artisan-Klassiker, eine Reihe der schönsten Düfte aus den CdG-Sonderserien, spannende Neuerscheinungen aus jüngster Zeit wie Chypre Shot und einige Penhaligon's-Bestseller komponiert. Nicht alles gefällt mir, aber so gut wie nichts davon ist platter Mainstream, sondern beweist immer ein wenig mehr Mut als die Konkurrenz, gelegentlich um den Preis eines sperrigen Nonkonformismus.
In diese Reihe gehört vielleicht auch The Writer, denn immerhin gibt es ihn bereits seit 2017, aber selbst auf Parfumo, wo sich Nischenbegeisterte tummeln, finden sich nur 30 Bewertungen und bislang nur ein (hervorragender) Kommentar. Woran liegt das?
Der Duft eröffnet eigenwillig, entwickelt sich eigenwillig und hat einen eigenwilligen Drydown. Dazu gehört Chuzpe, und zwar beim Hersteller und beim Parfümeur.

Dabei erinnert vieles an große Düfte vorausgegangener Jahrzehnte, insbesondere der 70er und 80er Jahre, als starke Duftnoten en vogue waren, Aldehyde nur so flirrten und animalische oder ambriert ledrige Akzente gar nicht stark genug sein konnten. Gekonnt werden nostalgische Referenzen mit neuen und gewagten Ideen verbunden. Dem Destillierkolben entschlüpft ein Humunkulus: neu und bekannt zugleich. Der Ingwerauftakt findet sich (wenn auch dezenter) etwa bei "Sagamore (Eau de Toilette) | Lancôme" , "Monsieur Balmain (1964) (Eau de Toilette) | Balmain" , "Pour Monsieur (Eau de Toilette) / A Gentleman's Cologne / For Men | Chanel" oder der alten Formel von "Versace L'Homme (Eau de Toilette) | Versace" . Die Kombination aus Weihrauch mit Fruchtnote (hier: Rhabarber) war ein Kennzeichen von "Timbuktu | L'Artisan Parfumeur" . Aldehyde wiederum finden sich in derart vielen Düften der Vergangenheit, dass eine Aufzählung ermüden würde, als Referenz für einen geradezu seifigen Aldehyd-Duft der 80er erwähne ich deshalb hier nur "Pour Lui (Eau de Toilette) | Oscar de la Renta" . Weshalb ich hier überwiegend Herrendüfte aufzähle? The Writer ist zwar als Unisex-Duft kategorisiert, erscheint mir aber so markant maskulin, dass ich ihn mir leichter an einem Mann als an einer Frau vorstellen kann. Zudem folgt er m.E. den Mustern klassischer Herrenduft-Tradition: weder florale noch weiche oder süße Töne, stattdessen aromatisch, etwas scharf (und damit an Rasierwasser erinnernd), markant und würzig.
Wie von NuiWhakakore m.E. völlig richtig bemerkt, wirkt der Duft mit zunehmender Tragedauer animalischer, sicherlich der Entwicklung des Bibergeils geschuldet. Auch dies eine Duftkomponente, die sich in den 70ern und 80ern großer Beliebtheit erfreute: "Antaeus (Eau de Toilette) | Chanel" , "Man Pure (Eau de Toilette) | Jil Sander" , "New-York | Parfums de Nicolaï" können als Beispiele genügen, auch wenn sie inzwischen bereits eingestellt oder dem Zeitgeschmack angepasst wurden.

Die Aufzahlung mag nahelegen, dass der Duft durch und durch nostalgisch sei, aber "The Writer | St Giles" wäre kein Duft von Duchaufour, wenn nicht auch raffiniert innovative Komponenten enthalten wären: Dazu zählt der bereits erwähnte Rhabarber, bis in die 90er-Jahre völlig unüblich, sowie der synthetische Weichleder-Ton, der früher so nicht erzeugt werden konnte, sondern durch harzige, ambrierte und animalische Noten (Zibet, Bibergeil) komponiert wurde. So wenig ich diesen postmodernen Ton mag, so gelungen integriert er sich hier in das Gesamtkunstwerk.

Eines zum Schluss: Der Duft braucht Zeit. Er entwickelt sich langsam, darf keinesfalls überdosiert werden, weil er geradezu erschlagend wirken kann. Für mich reicht ein einziger, sparsamer Sprühstoß. Die Marke St. Giles jedenfalls muss man im Blick behalten. Neben "The Writer | St Giles" überzeugt auch "The Tycoon | St Giles" auf ganzer Linie.
53 Antworten
Yatagan vor 9 Monaten 47 36
9
Flakon
4
Sillage
4
Haltbarkeit
7.5
Duft
So kann man sich (ent)täuschen
Unkommentierte Düfte No. 167

Lavendeldüfte gehören zu mir wie englische Bekleidung, meine Wohnung aus der Zeit der Jahrhundertwende, meine klassische Büchersammlung, mein Saab-Oldtimer und vermutlich bin ich gelegentlich etwas von gestern. Wenn ich also einen reinen Lavendel-Duft entdecke, dann wandert er zunächst in meine virtuelle Sammlung...
https://www.parfumo.de/Benutzer/Yatagan/Sammlung/1915
...und dann in meine wirkliche. Meist handelt es sich doch um recht preiswerte Colognes, so dass ein Blindkauf riskiert werden kann. So auch hier.

Hinzu kam, dass ich die Marke sehr schätze, denn Wally ist, trotz des etwas schrulligen Namens, eine italienische Traditionsmarke von 1925, die ihr Portfolio ähnlich liebevoll pflegt wie englische Duft-Traditionsunternehmen. Daneben sind der Marke einige neuere Düfte von gutem Format geglückt, etwa "Pape Satàn / Pepe Nero | Wally" und "Incenso Nobile | Wally" , die ich mal besaß und gerne benutzt, wenn auch nicht nachgekauft habe. Siehe bei ersterem auch meine Rezension.
Dennoch ist Colonia Lavanda in gewisser Weise eine Ent-Täuschung, und das trotz eines entzückend schönen Flakons, der rein gar nichts mit der ollen Flasche hier oben zu tun hat; stattdessen ziert ihn ein Verschluss aus Edelstahl mit putzigem Ballonzerstäuber. Wo gibt es das heute noch zu so einem Preis! Macht sich großartig in meinem historischen Badezimmer und darf deshalb bleiben.

Zum Duft: Wer meint, bei einem klassischen Lavendelduft könne doch nicht so viel schief gehen, liegt natürlich irgendwie auch hier richtig, aber da eine spürbare Komponente krautiger Inhaltsstoffe enthalten ist, die sich zu einem anis- oder süßholzartigen Geruch summieren, färbt sich der Lavendel recht dunkel, eher fougèreartig, ohne dabei z.B. eine charmante harzige Note zu enthalten. Der Zimt dürfte ein Übriges zur dunklen Färbung beitragen, auch wenn ich den hier nicht mal als störend empfinde.

Alles in allem kein uninteressanter Duft zwischen Lavendel und Fougère, aber mir wäre es lieber gewesen, wenn der Duft stärker von Lavendel dominiert gewesen wäre - oder wenn er einen klaren kontrastierenden Akzent enthalten hätte: Harz, Holz oder einen Fougèreton im engeren Sinne. So bleibt ein recht ungewöhnlicher Lavendelduft als Lufterfrischer, für den Kleiderschrank oder den Koffer. Da macht er aber eine recht gute Figur, weshalb ich die durchschnittliche bis gute Bewertung rechtfertigen kann.
36 Antworten
Yatagan vor 10 Monaten 73 50
8
Flakon
6
Sillage
6
Haltbarkeit
9
Duft
Schwarze Colognes - to be continued
Unkommentierte Düfte No. 166

Wer sich wie ich für dunklere Kölnisch Wässer (schwarze Colognes habe ich sie mal genannt) interessiert, findet hier eine Zusammenstellung aller Düfte, die ich in diese Kategorie einreihe:
https://www.parfumo.de/Benutzer/Yatagan/Sammlung/1919

Bitte beachten: Für mich gehören zu dieser Gruppe nur Düfte, die den deutlichen Grundcharakter von Kölnisch Wässern tragen (Neroli, Hesperidien, helle Blüten, mehr nicht) und nicht etwa alle EdC's verschiedener Couleur.

Ein Duft, der perfekt zu dieser Klasse gehört, ist L'Eau de Corse der immer noch nicht genug beachteten Marke Oriza L. Legrand, die ihre lange Zeit verschollenen Traditionsdüfte aus den 10er und 20er Jahren des letzten Jahrhunderts wieder neu auflegen und damit ein Portfolio hochwertiger neuer Klassiker geschaffen haben. L'Eau de Corse mag nicht dazu gehören, denn Parfumo listet zu L'Eau de Corse kein hundert Jahre altes Original, sondern nur den aktuellen Duft. Glaubhaft wäre es aber, wenn auch von diesem Duft ein Vorgänger existiert hätte, denn L'Eau de Corse bewegt sich in den engen Grenzen der traditionellen Kölnisch Wässer (statt Neroliblüten hier zwar Bitterorangenschale, sodann Bitterorange, die vielleicht ein Synonym für Neroli sein könnte, denn ich vermute eher die Blüten als die Frucht), fügt dann aber dunklere Akzente hinzu, indem die fast fleischliche Zistrose (Grundlage für das Labdanumharz) und die markante Myrte (die ich besonders liebe) ergänzt werden. Eine gewisse Nähe zu den orangentönigen Eaux de Portugal verschiedener Marken ist nicht zu übersehen (von Penhaligon's, Geo F. Trumper, D.R. Harris, 4711).

Ergebnis ist zwar kein ausgesprochen dunkles Cologne (wie etwa "Cologne Intense" von Houbigant), aber ein deutlich abgedunkelter Duft, der sich markant von den üblichen Kölnisch Wässern ("Echt Kölnisch Wasser" und Co.) abhebt. Wer sich mit Kölnisch Wässern anfreunden kann und darüber hinaus für den Winter einen wärmeren Akzent zu schätzen weiß, könnte hier fündig werden.
50 Antworten
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