YataganYatagans Parfumkommentare

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22.12.2018 19:12 Uhr
50 Auszeichnungen
Von Green Water besitze bzw. besaß ich alle Varianten. Von der Version von 1947 stand mutmaßlich einst ein Mini in meiner Sammlung (im Netz ersteigert, doch längst gekippt), der wenigstens die gleiche Form hatte wie der dort abgebildete Flakon. Ob der Duft so roch oder bereits eine Neuformulierung war, kann ich natürlich nicht beurteilen. Die ohne Jahreszahl vermerkte Version im stelenartigen Seventies-Flakon steht noch immer in meinem Schrank, ebenso die Variante von 1993, die ich immer besonders schätzte.

Nun erschien im Jahr 2016 in der durchwachsenen Essentials-Serie von Jacques Fath eine neue Formulierung, die wieder an das ursprüngliche Original aus dem Jahr 1947 anknüpfen soll. Tatsächlich habe man bei Fath, so in großer Ausführlichkeit in Luca Turins neuem Guide geschildert, keine Kosten und Mühen gescheut, die Originalformel nachzubilden. Vincent Roubert (u.a. Knize Ten und Fath Iris Gris), der den Duft komponierte, gab die Originalformel an Jean Kerléo, zeitweise Nase von Patou (1000, Eau de Patou, Joy, Patou pour Homme - und damit Schöpfer einige der besten Düfte aller Zeiten) und Gründer der berühmten Osmothèque, jenes Duftmuseums, in dem alle bedeutenden Düfte mir ihrer Originalrezeptur vorgehalten werden. Da Kerléo die Komposition jedoch offenbar selbst der Ursprungsmarke Fath nicht offen legen wollte, blieb für Cécile Zarokian (aktiv für die Marken Jourquin, Bijon, Amouage, Jovoy und viele andere), beauftragt mit der Neukomposition des Originalduftes, nur die Möglichkeit, vor Ort in der Osmothèque durch wiederholte Tests der Ursprungskomposition nachzuspüren. Klingt wie ein Duftkrimi und das ist es auch. Denn erlaubt sind nur Dufteindrücke auf Duftstreifen in den Räumen der Osmothèque, Abfüllungen dürfen nicht entnommen werden.

Schenkt man der Schilderung Glauben, sei es letztendlich gelungen, der Originalformel von 1947 so nahe wir irgend möglich zu kommen, auch unter Verwendung vergleichsweise teurer Inhaltsstoffe, was den durchaus ambitionierten Preis für diesen eher schlichten, frischen Duft erklären mag.

Trotz einiger Unterschiede zwischen allen mir bekannten Versionen hat Green Water dabei seinen Charakter ohnehin immer behalten: Zitrus (diverse Hesperidien) und Minze in ausgewogenen Verhältnis, Neroli, viele krautige und würzige Akzente, eine Basis aus Vetiver und Moos, diese allerdings sehr dezent und deutlich zurückgenommen.

Damit wären wir bei einem Duft, den man wirklich nur eingeschränkt beschreiben kann, weil das oben Genannte allzu schlicht klingt, so als hätte man das alles schon zigfach gerochen. Dass das so nicht ist, lässt sich bei einem Test prinzipiell ergründen. Lieber mag ich dabei übrigens nach wie vor die Variante von 1993, die ich auch den Vorgängerversionen vorziehe. Der Vorteil dabei: Den 1993er Jahrgang gibt es besonders preiswert als Restposten in den Tiefen des Netzes. Die Anschaffung der neuen, hier besprochenen, aufwändig nachkreierten Version lohnt nicht unbedingt den aufgerufenen Preis, es sei denn man ist - so wie ich - ein ausgesprochener Freund dieser charakteristischen Komposition und will sie der Vollständigkeit halber haben.

Ein letztes Wort zur Überschrift. Meinen frühen Kommentar (03.10.2012) zur Version von 1947 habe ich mit "Grünes Leuchten" überschrieben. Die Assoziation zum Polarlicht (Aurora borealis) drängt sich auf und fasst zusammen, was evident ist: einige fasziniert das grüne Leuchten, andere berührt es nicht.

Frohe Weihnachten!


14.12.2018 18:36 Uhr
44 Auszeichnungen
Die Orangenbäume von Azemour (Azemmour), so etwa die Übersetzung des Namens, beziehen sich lt. Parfumeur auf einen Orangenhain in der Stadt Azemmour an der marokkanischen Küste, nicht allzu weit von Casablanca.
Der Duft ist komplex und einfach zugleich. Einfach, weil er mich zunächst stark an den Geruch einer Orangenschale (nicht an den Saft) erinnert; komplex, weil der Duft schon nach kurzer Zeit eine Entwicklung zeigt, die zwar nicht allzu viele beeindruckende Wendungen durchläuft, dabei aber doch einen merklichen Wandel von fruchtiger Frische mit würzigen Akzenten zu dichteren, dunkelwürzigen Tönen mit dem Geruch von Trockenfrüchten offenbart. Alles bleibt verwandt, wandelt sich aber zu eleganter Noblesse. Diverse Facetten von Zitrusfrüchten verbinden sich mit grünen Noten, floralen Tönen und Gewürzen, die gut in die Zeit des Advents passen. Ein bisschen erinnert das auch an Orangeat und Zitronat in Weihnachtsgebäck.
Besonders auffällig unter den Gewürzen ist natürlich der Kreuzkümmel, der zwar immer mal wieder mit einer Schweißnote in Verbindung gebracht wird, hier aber weniger präsent ist als in Déclaration, einem ehemals beliebten und stark verbreiteten Herrenduft von Cartier (s.d.). Gewisse Parallelen sind aber nicht von der Hand zu weisen. Der Kreuzkümmel ist es auch, der dem Duft einen orientalischen Touch verleiht, der dezent bleibt und damit das Beste aus Orient und Okzident zu verbinden weiß.

Der Duft wurde von Luca Turin zu einem der besten in seinem neuen Parfum-Guide ("Perfumes. The Guide. 2018") gewählt. Wie mir scheint, ist diese hohe Bewertung berechtigt. Azemour ist ein kleines, fast unauffälliges Meisterwerk.

Ich könnte mir vorstellen, dass er eine gute Wahl für das Weihnachtsfest wäre.


10.12.2018 18:33 Uhr
56 Auszeichnungen
Unkommentierte Düfte No. 131

Einige Male habe ich nun Ginster gerochen, so z.B. als Bestandteil in Düften von Annette Neuffer (die aber so dicht und komplex sind, dass man den Duftstoff im Grunde nicht isolieren kann und trotzdem meint, man könne ihn riechen), in Furze von LUSH (blöder Name, ich weiß) und vor allem in dem phantastischen Œillères von Roberto Greco oder Madame Rochas. Allen gemein ist ein trockenblumenartiger, heuartiger, würzig-holziger, warm-satter, mild-süßer Geruch, der mich immer sofort überzeugt hat.
Darüber hinaus enthalte dieser Duft Sabinen (Betonung auf dem "e"), eine chemische Verbindung aus der Gruppe der Monoterpene resp. Thujene, die z.B. in Majoran, Schafgarbe oder Wacholder vorkommen, weiß das Lexikon der Lexika - oder der Grimoire.
Wenn der Duft schon Hexenmoschus heißt, muss ja auch Hexe und Moschus drin sein, was zu beweisen wäre. Den Moschus kann man riechen, die Hexe eigentlich nicht, aber was sowohl Ginster als auch Sabinen gemeinsam ist, ist ihre toxische Wirkung. Anders ausgedrückt: Das Zeug ist giftig und damit so ziemlich ein echtes Hexengebräu. Ich verweise nochmal aufs Lexikon im Netz: Sabinen könne (bei hoher Dosierung, die hier hoffentlich nicht vorliegen wird) Magen-Darm-Beschwerden, Übelkeit, Erbrechen, innere Blutungen, Nierenversagen, Bewusstlosigkeit und Tod hervorrufen, etwa wenn mögliche Lähmungserscheinungen auch auf die Atmung übergreifen. Ach ja! Wer es preiswerter will: Hautreizungen wären auch im Angebot.
Beim Ginster beschränkt sich die Beschreibung darauf zu betonen, dass ALLE Pflanzenteile giftig seien. Na prima! Somit sicherlich auch diejenigen, die als Duftstoff verarbeitet wurden.

Wie finden wir das? Natürlich ist das sehr cool und somit haben wir hier die würdigen Inhaltsstoffe eines Hexentranks für den gemütlichen Sabbat.

Zu ergänzen wäre noch, dass man neben dieser heuartigen Trockenblumennote auch Patchouli riechen kann.

Sehr geehrte Damen, nehmen Sie ihre Besen und fliegen Sie mal ein Ründchen - und nehmen Sie ihren Buhlen mit. Der hat auch Spaß!

gez. Faust


01.12.2018 22:39 Uhr
63 Auszeichnungen
Es ist völlig überflüssig, diese Seite um einen weiteren Kommentar zu vermehren, denn es wurde fast alles gesagt und wenn nicht hier, dann auf der Seite des Eau de Parfums oder des Extraits. Jicky ist einer der ältesten Düfte, vielleicht das erste moderne Parfum mit synthetischen Inhaltsstoffen, mal als Damenduft und mal als Herrenduft deklariert, schillernd wie kaum ein anderes Parfum, vielleicht aus der Zeit gefallen oder zeitlos. Ich weiß es nicht.

Für Lavendelliebhaber, und nur für diese schreibe ich diesen Kommentar, ist der Duft jedoch eine besondere Offenbarung. Während Lavendel im Coumarin-Kontext meist viel krautiger und grüner, in reiner Form als echter Lavendel frisch-floral-krautig wirkt und im Kontrast mit süßen Grundstoffen (Vanille / Vanillin in Caron Pour Un Homme) einen Spannungsbogen hat, findet sich nur in Jicky dieser Kontrast aus Lavendel, hauchfeinen Fougère-Akzenten und animalischen Noten (Zibet). Wirklich nur Jicky (sieht man einmal von der engen Verwandtschaft mit Mouchoir de Monsieur ab) riecht so. Dazu kommt eine nostalgisch verstaubt wirkende Pudrigkeit, während der Lavendel durch zitrische Noten in den Obertönen ergänzt wird. Es ist ja eigentlich müßig, das alles zu beschreiben, denn fast jede/r kennt den Duft. Dass das aber einen so eigenwilligen Gesamtklang ergibt, sollte man bei der Lektüre der Inhaltsstoffe gar nicht wirklich vermuten.
Zudem wird man Jicky beim ersten Test wahrscheinlich nicht mögen. Ich behaupte sogar: Man kann es gar nicht mögen. Da ist etwa Strenges (ich denke manchmal an Benzin), Spannungsreiches, rückwärtsgewandt Nostalgisches, das zu Irritationen führen muss.
Wenn man sich allerdings darauf einlässt, die Perspektive des Duftes einzunehmen und anzuerkennen, dass das Konzept auf das späte 19. Jahrhundert zurück geht (1889), dann wird deutlich, dass Lavendel, Coumarin, Vanillin (bzw. deren moderne Substitute) und Zibet zurück in die Zukunft führen. Ich gestehe, dass ich beim Tragen des Duftes manchmal denke, ich fliege.


25.11.2018 13:07 Uhr
45 Auszeichnungen
Unkommentierte Düfte No. 130

Kein Kommentar, kein Besitzer, nur wenige User*innen, die den Duft auf ihrer Wunsch- oder Merkliste haben, aber ein dickes Lob von Luca Turin? Das ruft ja förmlich nach einem Kommentar. Hier ist er.

Ich hatte mir nach der Lektüre von Luca Turins zweitem Guide einige der Duriez-Düfte als Mini-Flakons bestellt. Auf meine Haltung zu Luca Turins Kritiken gehe ich hier nicht mehr ein, denn in meinem Blog habe ich ausführlich Stellung dazu bezogen.

Dazu eines vorweg: Keiner der vier von mir getesteten Düfte von Duriez ist auf meiner Wunschliste gelandet. Fasziniert haben sie mich aber schon. Woran das lag, müsste ich näherhin erkunden, aber sie stehen nun seit einigen Wochen auf meinem Schreibtisch und warten auf weitere Tests und haben sich in mein Duftgedächtnis eingeprägt: L'Illusiomagist, Seine Amoureuse, Bleu Framboise und L'Étoile et le Papillon. Letzterer ist mir nun einen Kommentar wert.

Oft sind es ja die einfachen Konzepte, die Düfte zu Klassikern machen: Pour Un Homme von Caron basiert auf der Spannung zwischen einer krautig-frischen Lavendel-Kopfnote und einer Vanille-Basis mit Amber-Akzenten. Man könnte postulieren, dass die Herznote fehlt und die Spannung zwischen den beiden Polen den Reiz des Duftes ausmacht. Weitere Beispiele für Spannungsmomente als Konzept von Düften ließen sich finden (etwa viele Fougère-Düfte, das Chypre-Konzept, Jicky / Mouchoir de Monsieur, orientalische Vetivers: siehe meine Sammlung Vetiver d'Orient).

So auch hier: Eine Kopfnote gibt es eigentlich nicht, im Herzen folgt Rose und fast gleichzeitig die holzige Basis mit Patchouli im Mittelpunkt. Dies übrigens sei, so Luca Turin, das Konzept aller Duriez-Düfte. Sie bestünden im Grunde nur aus einer strahlenden Basisnote. Die Kopf- und Herznote sei ohne Belang - und dies ganz bewusst in Umkehrung des von der Industrie derzeit favorisierten Verkaufskonzepts, das da wäre: catchy Kopfnote ködert Käufer, Herz egal (der Kapitalismus braucht kein Herz) und in der Basisnote Ambroxan (kennt man aus allen geläufigen Duschgels und triggert den heimeligen Wiedererkennungswert banaler Massenproduktionsgüter: Chanel Bleu und Konsorten).

Die Patchouli-Rose-Kombination jedoch ist so einfach wie genial und führt bei diesem Duft (und dies übrigens überzeugender als bei anderen Duriez-Düften) zu einer sich bei jedem Test verhalten steigernden Annäherung. Das ist offenbar auch ein Merkmal aller Duriez-Düfte: Sie wirken unscheinbar beim ersten Test, vielleicht banal, bleiben aber in allen Sinnen haften, rufen nach einem Neutest und verankern sich dann im limbischen System.

Sonst ist zum Duft eigentlich nicht viel zu sagen: neben Rose und Patchouli, das in ein helleres Holzparkett eingebaut ist, passiert nicht viel. Muss ja auch gar nicht, wenn es so überzeugend kombiniert wurde wie hier.

Dabei habe ich mich gefragt, ob es vergleichbare Düfte gibt, die in derart simpler Weise Rose und Patchouli / Holz verbinden. Ich komme auf keine (allenfalls auf solche, die beide Inhaltsstoffe mit zahlreichen anderen kombinieren). Vielleicht ist das das große Geheimnis diese kleinen, stillen, schönen Duftes.


08.11.2018 11:08 Uhr
56 Auszeichnungen
Unkommentierte Düfte No. 129

Reformulierte Klassiker gibt es viele. Etliche wurden dabei ruiniert, den überzogenen Forderungen der IFRA geschuldet. Wenn aber eine neuer Duft so unmissverständlich darauf verweist, dass er sich am Original von 1949 orientiert, dann werden Vintage-Freunde nervös (s. Blog zu den beiden neuen "alten" Moustache-Varianten) und neigen auch mal zu einer überstürzten Blindbestellung.
Inzwischen ist der Duft bei mir und ich vergleiche ihn mit einer älteren Version (s. Moustache Eau de Toilette). Kann das gutgehen?
Natürlich geht das nicht gut, denn auch Moustache von 1949 wurde mehrfach überarbeitet (s. Moustache Eau de Cologne als ältester Schnorres), gezähmt (die Ursprungsversion / das EdC soll noch animalischer gewesen sein als die Variante im kantigen, matten Flakon mit der unzweideutig dunkelgelben Flüssigkeit): es gibt keine wirkliche Referenz. Hinzu kommt, dass auch die letzte auf dem Markt erhältliche Version von Moustache in aller Regel schon einige Jährchen auf dem Deckel haben und somit ein Alterungsprozess beim Duft nicht mehr ausgeschlossen sein dürfte. Das scheint mir auch bei meinem Schnurrbart-Wasser aus den frühen 2000ern der Fall zu sein. Dennoch ist ein Vergleich mit Vorsicht und begrenzter Aussagekraft m.E. möglich.
Außen vor lasse ich die zweite neue Version (Rochas Moustache EdP: s.d.).

Moustache Original 1949 (also der neue da oben) ist - und das schicke ich voraus - aus meiner Sicht gut gelungen. Der Duft ist wie sein Vorgänger durchgängig bergamotte-zitrisch, pudrig (Moschus), hat weitere dezent florale Untertöne, einen Hauch Patchouli und auch eine krautige Komponente (im alten war explizit Basilikum genannt, was auch gut vorstellbar war, außerdem Lavendel, im neuen 1949 ist es nur noch Lavendel, was aber einer verkürzten Darstellung der Inhaltsstoffe geschuldet sein kann). Auffällig war im alten Moustache die süßlich animalische Note, die ich immer auf den angegebenen Honig (fehlt in dieser Version) und den Moschus geschoben habe. Das hat man beim zeitgenössischen Schnurrbart vermieden, was sicherlich eine kluge Entscheidung war, denn ein Schelm, wer damals naheliegende Assoziationen bei der gelben Flüssigkeit äußerte. Moustache war seinerzeit ein markierendes Männchen, heutzutage ist er immerhin maskulin, aber er trägt einen Hipster-Schnurrbart. Ist das schlimm? Nein, ist es nicht, denn ich bin inzwischen der Meinung, dass viele Vintage-Düfte, so sehr ich sie damals (und heute) liebte, unter Zeitgenossen deplatziert wirken würden. Das sagt ein ausgesprochener Liebhaber alter Düfte.
Mit dem distinguierteren Auftritt ist auch eine dezentere Sillage (war allerdings schon immer eher vornehm zurückhaltend) und eine geringere Haltbarkeit (was ein Glück!) verbunden.

Man hat der gelben Schlange also einen Giftzahn gezogen, der zweite aber wurde übersehen (moschuspudriges Zitrus und Bergamotte) und auch diese Mischung ist für heutige Träger(innen?) vielleicht gewöhnungsbedürftig markant.
Übrigens: schönster Flakon aller Zeiten!


15.09.2018 16:18 Uhr
42 Auszeichnungen
Unkommentierte Düfte No. 128

Nach anfänglicher Skepsis und viel kritischer Distanz (s. mein Blog) bin ich letztlich doch sehr angetan von Luca Turins und Tania Sanchez' neuem Reißer zu Düften und Düftchen (Perfumes. The Guide. 2018). Vieles kann ich nachvollziehen, alles nicht; wäre ja auch seltsam.

Im Großen und Ganzen scheint mir aber die neue Spur (Neoklassik - Autodidakten - Distanz zu den Oligarchen, einstigen Helden und dem Mainstream: Dank an DasguteLeben für die zielführende Erläuterung) nachvollziehbar und schlüssig, auch wenn die starke Unterstützung für Freunde und Weggefährt/inn/en (etwa Calice Becker) befremden mag. Aber dafür gibt es ja die eigene Nase.

Nun zu einem Parfümeur und seiner Marke, den ich bereits in meinem letzten Kommentar kurz vorgestellt habe: Christophe Laudamiel. Ich zitiere mich mal kurzerhand selbst: "Enfant Terrible der Duftszene (schaut euch bloß mal sein Gesamtwerk an), Star bei IFF Inc. und nun Kopf und Nase hinter seiner eigenen Marke 'The Zoo'".
Luca Turin macht sich stark für diesen möglichen neuen Stern am Dufthimmel und bewertet seine Kreationen fast ausnahmslos gut bis sehr gut. Das gilt auch für Everlasting, dessen Haltbarkeit laut großem Meister so sei, wie der Name vermuten lasse. Um gleich mal damit anzufangen: Das finde ich nicht! Der Duft hat nur scheinbar im ersten Moment eine große Wucht, schwächt sich dann aber bald ab und hält kaum vom Abend bist zum nächsten Morgen (wie prognostiziert), allenfalls als schwache Ahnung. Dennoch sicherlich kein leichter oder flüchtiger Duft (Haltbarkeit und Sillage: 8.0). Bitte also nicht mehr als ein oder zweimal auf den Sprühkopf drücken! Dies als Warnung an alle unbedarften Herren, die gewohnt sind ihre Ambroxan-Wässerchen bei der ersten Verwendung um ein Viertel zu leeren.

Clever und in fast allen Belangen für richtig halte ich LT's Einschätzung, der Duft sei "Laudamiel's take on the classic 1950s masculine": Er sei jedoch gleichzeitig raffinierter und roher als die Originale der Zeit, rieche anfangs wie das exzentrische Kind von Je Reviers und Old Spice. Kann man das schöner formulieren? Nein, kann man nicht!

Bei aller Begeisterung über diese Referenzen möchte ich allerdings meine eigene Perspektive nicht unterschlagen: Ja, der riecht wie ein Herrenduft-Klassiker, ja, da ist was vom alten (!) Old Spice drin, aber Everlasting erinnert mich auch oder noch mehr als Idee (und nicht im Sinne eines Duftzwillings) an Klassiker aus den 60ern, etwa Russisch Leder, das alte Habit Rouge, Prestige, Grès pour Homme oder ältere, zumeist eingestellte Galimards (Monsieur, Seigneur) bzw. Düfte aus Grasse generell. Darum auch die Assoziation aus der Titelzeile: Ein Mann mit hervorragend sitzendem Anzug in einem Sportcoupé oder Cabriolet, vermutlich in Begleitung, gleitet über die Straßen an der Côte d'Azur und hinterlässt eine Spur aus würziger, rauchiger, harziger, holziger, moosiger, vielleicht ledriger Aura.

Die letztgenannten Noten reichen eigentlich aus, um sich den Duft vorzustellen und ihn verstehen zu können. Mit einer Ausnahme in Bezug auf den Gesamteindruck: Tatsächlich würde man den Duft nicht so ohne Weiteres für einen echten Vintage-Vertreter halten. Er ist weniger dezent, als das ein Mann in den 60ern toleriert hätte. Er ist weniger aromatisch-maskulin, als das ein Mann in den 60ern gewollt hätte.

Die Fahrt mit dem Sportcoupé über die Straßen von Südfrankreich geht also weiter: Im Kofferraum viele Referenzen an die 50er und 60er, aber im Lack spielen sich neue Vorzeichen: weniger Chrom und mehr Kunststoff. Der stört aber nicht, der macht den Reiz des Duftes aus.


07.09.2018 18:27 Uhr
50 Auszeichnungen
Unkommentierte Düfte No. 127

Was auch immer Christophe Laudamiel, Enfant Terrible der Duftszene (schaut euch bloß mal sein Gesamtwerk an), Star bei IFF Inc. und nun Kopf und Nase hinter seiner eigenen Marke "The Zoo", geritten haben mag: das ist extremer Stoff, Avantgarde, sperrig, dennoch mit Freude tragbar, dunkel faszinierend. Einfacher gesagt: Man bekommt das Zeug nicht mehr aus dem Kopf. Nicht umsonst gewann der Duft den Art & Olfaction Award 2018 in der Artisan-Kategorie (s.o.). Der selbe Duft ist, nebenbei bemerkt, rätselhafterweise auch unter dem Namen Scent Tattoo erhältlich (Hinweise und Erläuterungen siehe auf der Homepage) und das passt besser. Einmal auf der Haut aufgetragen, hast Du das Gefühl, dass subkutane Schichten erreicht werden und sich da irgendetwas stärker mit deinem Körper verbindet, als dir lieb ist.

Tatsächlich hat Scent Tattoo / Club Design fast etwas Bedrohliches, das ja auch immer fasziniert, ist Heavy Metal in Duftform: schwer, wuchtig, schleppend, schleifend, vielleicht sogar laut, aber trotzdem sehr befriedigend, wenn man sich damit beschäftigt: Katharsis.

Zunächst bemerkt der geneigte Riecher eine Kunstledernote, die Luca Turin, der diesen Duft zu den derzeit besten zählt, als Gumminote beschreibt. Das ist durchaus nachvollziehbar, aber meine Idee mit dem Kunstleder gefällt mir genauso gut. Scheinbar kakophonisch, aber wunderbarerweise auch harmonisch mischen sich die o.a. Fruchtnoten mit ins Geruchsbild (mal rieche ich Cassis deutlicher und mal nicht) und zerren die Sinne in die eine und die andere Richtung.

Im Drydown wird eine Moschusnote deutlicher erkennbar, die vorher durch die lauten Töne noch nicht durchdrang. Holz könnte man auch riechen, wenn man will.

Die Düfte von Christophe Laudamiel sehe ich mir gerade genauer an und ein Blog könnte folgen.
Scent Tattoo ist aber vorerst der beeindruckendste der mit freudiger Anstrengung durchlittenen Düfte: Muskelkater für die Nase.

Achtung: Hinterlässt Narben!


26.08.2018 16:29 Uhr
50 Auszeichnungen
Unkommentierte Düfte No. 126

Kurz bevor ich euch allen mit meinem Lavendel-Spleen endgültig auf den Zeiger gehe, werde ich jetzt die Kurve bekommen und die Kommentare (und vielleicht auch die Statements) dazu einstellen. Ich habe ja alle getestet. Reicht dann!
Hier aber noch mal ein wirklich außergewöhnlicher Lavendel-Duft - und man darf es ruhig zugeben: Wir alle suchen doch ständig den außergewöhnlichen Duft, der uns von anderen unterscheidet. Das könnte ein solcher sein.

Trotzdem wird Filz' Eau de Lavande keine Mengen von Duft-Liebhaber/innen hinter dem Ofen hervor und nach Wien in die Parfümerie J.B. Filz locken, denn nur dort bekommt man ihn (es sei denn man bestellt ihn zu gepfefferten Versandkosten bei der sehr netten Mme. Filz, was ich getan habe, weil ich die nächste Zeit nicht nach Wien reisen werde, was ja an sich schade ist). In jedem Fall bin ich Cravache sehr dankbar für den Tipp, den er mir unter meinen Lavendel-Blog geschrieben hat. Seitdem stand er auf meiner Merkliste - und steht nach einigem Zögern jetzt in meiner Sammlung. Ich mag das ja, wenn Düfte eine lange Tradition haben (hier: 1892, das Jahr der Geburt von J.R.R. Tolkien, muss also ein ganz gutes Jahr gewesen sein, sieht man einmal von einigen politischen Verwerfungen ab), wenn sie womöglich noch aus einem Duft-Traditionshaus stammen (trifft hier eindeutig zu; schaut euch mal die schöne Website an) und dann auch noch gut riechen.

Die Idee, Lavendel (hier zum Glück eindeutig dominant) mit Rose zu kombinieren, ist nämlich so einfach wie genial. Im Grunde rieche ich wirklich nicht mehr (auch wenn man direkt am Sprayer noch einen würzigen Unterton wahrnimmt, der aber auf der Haut oder auf Duftstreifen gar nicht auftaucht). Der Trick dabei ist die richtige Balance, die der Herr Johann Baptiste Filz (so ein schöner Name) im Jahre 1892 ausbaldowert hat: nämlich viel von verschieden Lavendelsorten (ich schätze mal französische und englische Varianten, denn das riecht hier sowohl weich-elegant als auch krautig-frisch) und eher wenig von einer schönen, eher helle Rose. Ein bisschen wirkt die Mischung als handele es sich um Rosengeranie, wenn ihr wisst, was ich meine und die kennt.

Für Freunde von Lavendeldüften ist das eine besonders feine Variante. Ich schwanke zwischen 8.5 und 9.0. Wer Lavendel als dominante Duftnote in Düften nicht mag, sollte die Finger von einer Blindbestellung lassen, was ich grundsätzlich sowieso eher missbillige (auch wenn ich es selbst hier wieder mal getan habe).

Warum Revisionismus? Denkt mal nach. Ich löse es nicht auf.


04.08.2018 15:55 Uhr
44 Auszeichnungen
Unkommentierte Düfte No. 125

Manchmal tut man etwas, das man wirklich bereut. Nicht nur ein bisschen. Aber ich will nicht heulen, schließlich geht es hier nicht um etwas wirklich Wichtiges im Leben. Gott sei Dank! Es geht allein darum, dass wir vor drei Jahren in die Toscana und nach Florenz reisten, ich damals im Vorfeld darüber nachdachte, die Farmacia di Santa Maria Novella / Officina Profumo-Farmaceutica di Santa Maria Nuova zu besuchen, dort im Herzen der Manufaktur von Santa Maria Novella einen der Düfte zu erstehen und glücklich wieder abzureisen. Aber ich war jung (immerhin gerade noch unter 50), es war zu heiß, es war zu viel anzusehen, der Dom war beeindruckend, aber weniger beeindruckend als ich erwartet hatte, die Stadt war zu voll und wir hatten noch so viel vor - und wir fuhren wieder ab, ohne die Farmacia besucht und einen Duft gekauft zu haben. Ich habe mich damit abgefunden, aber gelegentlich doch noch mal so etwas wie Reue verspürt. Als ich nun in diesem Sommer zum Gardasee fuhr und Ausflüge nach Verona und Venezia einplante, erhielt ich von Ernstheiter, unserem Italienexperten, den heißen Tipp, dass es auch in Verona eine schöne Filiale von Santa Maria Novelle gebe. Natürlich ist das kein Ersatz für die Farmacia selbst, aber Verona ist eine schöne Stadt, eigentlich sogar eine wunderschöne, es gibt eine elegante, übersichtliche Fußgängerzone und in diversen Seitenstraßen stilvolle Parfümerien. Exkurs: Eine ist sogar darunter, die eine traumhafte Auswahl von Nischendüften in einer ähnlichen Atmosphäre wie die Farmacia in Firenze verkauft: dunkles Holz, uralte Schaufenster, geschwungene Goldschrift, altertümliche Einrichtung - und junge Hipster als Eigentümer. Aber zurück zu Santa Maria Novella: Die Exklusivboutique in Verona ist nicht wirklich beeindruckend, aber schön gelegen und schlicht und edel eingerichtet. Die Beratung war charmant und nett und ich konnte alles testen, was ich wollte. Beabsichtigt hatte ich, einen der beiden Lavendel-Düfte (Lavanda Imperiale oder Lavanda Ambrata) zu kaufen. Die Wahl fiel nach Beratung durch die Familie und auch in meinem eigenen Sinne auf Lavanda Ambrata, das trotz des ein klein wenig irreführenden Namens frischer ausfällt, als der etwas klassisch traditionelle Lavanda Imperiale. Ersteren (Ambrata) würde ich als grün, zweiteren (Imperiale) als blau bezeichnen, wenn ihr wisst, was ich meine.

Lavanda Ambrata ist zwar krautig grün, nicht aber im Sinne einer verdichteten, allzu würzigen Krautigkeit, wie sie ja gelegentlich bei Lavendel-Düften vorkommt. Ich nehme anfangs auch zitrische, hellere Töne wahr, dann sehr schnell einen harmonischen, dezent hellkrautigen Lavendel und anschließend eine etwas wärmere Basis, die ich aber keinesfalls als ambratisch identifiziert hätte. Hier auf der Seite ist bei den Inhaltsstoffen nur von Lavendel die Rede, auf der Homepage dagegen gibt man die Beigabe von Amber / Ambra zu. Alles bleibt aber eher erfrischend, licht und hell. Somit wird der Duft seiner Einordnung als Eau de Cologne / Acqua di Colonia gerecht.

Erinnert sei noch daran, dass die Düfte der Officina Profumo-Farmaceutica di Santa Maria Novella zu den ältesten Düften der Welt gehören könnten. Die Firmen-Legende weiß von einem monastischen Ursprung im Jahre 1221 (also einem Klosterrezept; nicht verbürgt) und der Gründung der Farmacia im Jahre 1621. Insbesondere das klassische "Acqua di Colonia - Santa Maria Novella" soll bereits vor der Gründung der Marke im Jahre 1533 von Caterina de Medici bei den Mönchen in Auftrag gegen worden sein, auch wenn die Rezeptur offenbar ebenfalls nicht sicher verbürgt ist. Immerhin: die Traditionslinie ist wirklich lang! Übrigens ist die Marke in Deutschland gar nicht so einfach verfügbar und in aller Regel nur bei ganz wenigen, ausgewählten Parfümerien als kleine Auswahl aus dem großen Portfolio erhältlich. Immerhin ist das ein weiterer wichtiger Grund immer wieder mal nach Italien zu fahren.


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