loewenherzloewenherz’ Parfumkommentare

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12.06.2018 22:00 Uhr
13 Auszeichnungen
So lautet der Name der wohl berühmtesten Arie des Barock, aus der Oper Xerxes von Georg Friedrich Händel. 'Ombra mai fù...' heißt auf deutsch etwa: 'Nie war der Schatten...', und weiter geht es: '...einer Pflanze lieblicher und angenehmer, süßer.' ('...di vegetabile cara ed amabile soave più.') Besungenes Objekt der Arie ist die Platane, die den Menschen in Xerxes' Heimat Persien als heilig galt - deren Schatten so lieblich, süß und angenehm ist.

Ombra mai fù ist tändelnd und hinschmelzend - und doch aus gegenwärtiger Warte (selbst für fortgeschrittene Opernaficionados) nicht einfach zu hören. Denn gesungen wird sie von einem Männersopran - zu Händels Zeit tatsächlich von Kastraten, heute von Countertenören - und wer einmal einen Liederabend mit männlichen Sängern begleitet hat, die Oberstimme singen, weiß, wie ungewohnt das bei aller technischer Meisterschaft doch ist.

Dass 'nie ein Schatten lieblicher und angenehmer, süßer' gewesen wäre als jener dieser roten Hölzer (von denen verblüffend wenige in seinen Ingredienzen gelistet sind), wäre wohl übertrieben. Dennoch ist Tom Fords Bois Rouge - der vielleicht unbekannteste unter den inzwischen ja so zahlreichen Private Blends - Händels berühmter Arie wesensverwandt: tändelnd und hinschmelzend und doch selbst für geschulte Nasen herausfordernd und fremd.

Bois Rouge ist seltsamerweise kein Holzduft. Und dann doch einer. Er verblendet eine liebliche und süßliche, sehr feminin anmutende Blumigkeit - Maiglöckchen und Jasmin - mit einer ernsten, maskulinen Waldigkeit, bitter und spröde wie gegerbte Haut - raumgreifend und voluminös. Als sänge ein großer, muskulöser Mann in persischem Kriegsharnisch mit tändelndem Sopran hingebungsvoll von der Anmut und Schönheit des Schattens der Platane.

Fazit: in meinem Kommentar zu Purple Patchouli habe ich den die Blaue Mauritius unter den Tom Ford Private Blends genannt. Hier ist die Rote.


11.06.2018 21:59 Uhr
12 Auszeichnungen
Eine mythologische Figur, deren Bild maßgeblich von einer einzigen Darstellung beeinflusst worden ist - und das nicht unbedingt nur vorteilhaft - ist jene der Walküre. Dank Richards Wagners Interpretation - und besonders dank seines berühmten Walkürenrittes (unvergessen in Francis Ford Coppolas Antikriegsfilm 'Apocalypse Now', in dem die Napalmbombardierung Vietnams mit Hubschraubern von diesem Walkürenritt 'begleitet' wird) - ist die Walküre als gewaltig, dröhnend und furchteinflößend besetzt. Man denkt an riesenhafte, blond zopfbeschneckte Frauen mit hornbewehrten Helmen und Büstenhaltern aus Eisen, die auf solch lyrische Namen wie Helmwige oder Schwertleite hören. Sollte ich dieser Wagnerischen Walküre einen Duft beistellen, müsste es wohl ein Geschwader wie Black Afgano, Youth Dew oder Alien sein, ausdauernd und brachial wie eine Kriegsgaleere.

Tatsächlich waren die Walküren in der nordischen Mythologie weibliche Geistwesen in Odins Gefolge, die die tapfersten und ehrenvollsten unter den gefallenen Kriegern - 'Einherjer' genannt - vom Schlachtfeld auswählten, sie aufhoben und nach Walhall geleiteten. Die Wikinger glaubten, dass Nordlichter der Widerschein des Mondes auf den Harnischen der durch Midgard hinreitenden Schildjungfern sein mussten. Diese Walküren waren ätherische und kühle Wesen in fahlen oder bläulichen Gewändern und ritten auf weißen Schlachtrössern. Häufig wurden sie auch mit geflügelten Helmen dargestellt - und nicht mit gehörnten, wie Wagner es tat. Zu einer solchen Geisterscheinung gehört ein Duft, der ebenso sphärisch und kühl wie sie ist - aber nicht frisch oder gar heiter - zu dieser Walküre passt einer wie Atkinsons' Mint & Tonic.

Bemerkenswert - wenngleich nicht aufdringlich - ist bereits die Kopfnote. Nur wenigen kühlen Kopfnoten gelingt es, ohne pointiert zitrische Komponente auszukommen (egal, was da von Grapefruit, Limette und Mandarine auch stehen mag - sind alle da, aber sie prägen den Duft nicht) und gleichzeitig nicht metallisch zu sein. Mint & Tonic ist von Anfang an zurückhaltend und balanciert - die hier einen partytauglichen Cocktail- oder Longdrink-Duft erwartet haben, mögen das enttäuschend finden. Ich nehme auch einen - gedimmt - arzneiartigen Akkord wahr (die feine Schärfe des Ingwers) - auch der höchstens mittelstark ausgeprägt - und schließlich eine diffuse und doch tröstliche Wärme - so wie der warme Atem der flügelbehelmten Walküre, wie sie den Einherjer sanft vom Schlachtfeld aufhebt und auf dem Rücken ihres weißen Rosses fort nach Walhall trägt.

Fazit: eine der Walküren, die in der Lieder-Edda Grímnismál genannt wird, ist Reginleifr. Der Präraffaelit Edward Robert Hughes hat sie in seiner 'Nachtwache der Walküre' ätherisch schön gemalt, wie sie den Flügelhelm im Arm haltend auf einer Mauer sitzt - und dabei ganz fein und leise nach Atkinsons' Mint & Tonic duftet.


10.06.2018 09:07 Uhr
26 Auszeichnungen
Trägt ein neues und lautstark angekündigtes Parfum einen so berühmt-berüchtigten Namen wie dieses hier, dann ist es nicht ganz einfach, die Konnotationen seines Namenspaten beim Testen völlig auszublenden. Kurzum: beim Testen von Alien Man nicht wenigstens unterschwellig an Alien in der Damenvariante zu denken, ist schlechterdings ein aussichtsloses Unterfangen - und das ist meines Erachtens nach das maßgebliche und fast einzige Produktmerkmal dieses so lange erwarteten neuen Herrendufts aus dem Hause Thierry Mugler.

Alien, der Damenduft, hat einen Ruf wie Donnerhall: laut, polarisierend, einprägsam. Einer, den die wenigsten nur mit einem Achselzucken kommentieren - und so erwartete ich auch die Herrenvariante als einen, der provoziert, herausfordert. In Lautstärke und Selbstbewusstsein irgendwo zwischen 1 Million und Aventus - und in deren Umsatzsphären sähen ihn die Produktmanager bei Clarins wohl auch gerne. Tatsächlich - und ich kann es kaum glauben, während ich es schreibe - ist Alien Man ein wirklich x-beliebiges Wässerchen.

Erwartet hatte ich einen aufjaulenden Griff in den Schritt, etwas Pornöses, Tiefergelegtes - wenn denn schon (wieder) nichts Extraterrestrisches. Einen, der von seinen Kritikern verfemt und seinen Jüngern bejubelt wird - wie Alien für die Damen eben. Stattdessen rieche ich ein tausendmal wiedergekäutes Alkopop-Autoscooter-Intro und einen Drydown, der eine ebenso verblüffende wie kaum zufällige Ähnlichkeit mit Abercrombie & Fitchs legendärem Fierce hat, für dessen Level von out man inzwischen eigentlich schon ein neues Wort erfinden müsste.

Fazit: ein lahmer Schülerduft - so weltgewandt und sexy wie die Apotheken Umschau. Kaufmännisch betrachtet kann der funktionieren, aber trotzdem: mehr ging nicht?


09.06.2018 14:55 Uhr
18 Auszeichnungen
Wahrscheinlich sind es die Jahre der fortgeschrittenen Kindheit - also etwa das Alter zwischen neun und dreizehn, wenn man kein Kleinkind mehr ist, aber auch noch nicht richtig pubertiert (wobei dieser Prozess sich, glaube ich, mit jeder Generation nach vorne schiebt) - in denen sich Mädchen und Jungen am wenigsten zu sagen haben. In diesem Alter waren Mädchen für mich pauschal vor allem 'die Mädchen', und ich habe später festgestellt, dass ich nicht der einzige Junge war, der damals davon ausging - eine aus heutiger Warte überaus drollige Annahme - dass grundsätzlich alle Mädchen miteinander befreundet sind, und jedes Mädchen jedes andere Mädchen leiden mag.

Dass tatsächlich nicht jedes Mädchen jedes andere Mädchen leiden mag - vorsichtig ausgedrückt - habe ich in den Jahren danach gelernt, so etwa ab sechzehn. Es war die Zeit, in der wir uns - Jungen wie Mädchen - aneinander und sonstigem Neuem ausprobierten - auch, aber nicht nur an Parfums. Und weil man in diesem Alter seine Unverwechselbarkeit gerne auch äußerlich sichtbar machen möchte (und Tattoos um den Dekadenwechsel der 80er zu den 90ern bei weitem weniger populär waren als heute), nutzte man als Alleinstellungsmerkmal durchaus auch Parfum - indem man eins als erste(r) zu besetzen versuchte und dann gegen NachahmerInnen verteidigte.

Roma, Le Bain, Trésor und Dune waren sehr schnell 'besetzt', Loulou und etwas später Eden auch (und da kannte auch immer irgendjemand eine, deren, sagen wir mal: 'sittliche Geeignetheit' zumindest in Frage gestellt werden konnte). Ich hatte eine Klassenkameradin, die in der Vorweihnachtszeit Geburtstag hat und damals - es muss ihr sechzehnter Geburtstag gewesen sein - Valentinos Vendetta geschenkt bekam, den sie sich nach oben beschriebenem Muster sofort zueigen machte, in dem sie im Freundeskreis (und darüber hinaus) lautstark verkündete bzw. verkünden ließ: 'Ich hab' den jetzt! Wer sich den auch zulegt, der (bzw. die) kriegt's mit mir zu tun!'

Für pubertierende Mädchen gibt es zweifellos geeignetere Parfums als Vendetta Donna, aber wen kümmert das schon? Entweder erinnere ich mich lückenhaft, oder die Listung seiner Ingredienzen hat sich seitdem verändert, denn ich glaube, mich an einen typisch fruchtpudrigen Damenduft der frühen 90er zu erinnern: Blüte, Pfirsich und Vanille (oder meinetwegen auch Heliotrop). Eindeutig war dies eher der Duft einer Frau als der eines Mädchens, aber das waren Trésor und Roma auch. Immerhin war dieser hier vergleichsweise etwas weniger wuchtbrummig orchestriert, das mag aber auch an der vernünftige(re)n Dosierung meiner Klassenkameradin gelegen haben.

Fazit: Vendetta nahm damals ein ebenso abruptes, wie unrühmliches Ende - als nämlich ein Junge, der eigentlich nach Roma hätte riechen sollen, nach einer Nacht voll Bier und Unbesonnenheit plötzlich verräterisch nach Vendetta duftete. Und Roma das bemerkte und Vendetta im Oberstufenaufenthaltsraum montags zur Rede stellte. Geschrei. Möglicherweise Kratzen und Haareziehen, aber da mag meine Erinnerung mich täuschen. Danach hab' ich ihn nie wieder an einer Frau gerochen. Aber ja, mit 'Rache, Blutrache' ist er tatsächlich seitdem bei mir besetzt. Und dass nicht jedes Mädchen zwangsläufig jedes andere Mädchen leiden mag, das weiß ich seitdem auch.


05.06.2018 19:57 Uhr
21 Auszeichnungen
Es geschah im Sommer letzten Jahres. Wir saßen in der Kantine wie fast jeden Tag, als plötzlich nichts mehr so war wie jeden Tag. Erst schaute nur eine ganz kurz hoch, dann noch eine. Dann verstummten an manchen Tischen die Gespräche, und irgendjemand stieß gar sein Glas vom Tablett, aber das kann auch Zufall gewesen sein. Durch die Kantine ging - mit einem Tablett wie jeder andere von uns auch - der schönste Mann der Welt. Glutäugig. Schwarzlockig. Der Bizeps und die Schultern unter dem Jackett eben so sichtbar, wie es sich noch gehört. Lippen wie in einer Weinlaune hingetuscht. Und man konnte tatsächlich hören, wie es von allen Seiten flüsterte: 'Wer ist ER?'

ER, so stellte sich in den nächsten Tagen - ach was: Stunden - heraus, war von einer Unternehmensberatung und für ein strategisches Projekt für die nächsten Monate im Haus (bei dem sich mehr Freiwillige erkundigten, ob ihre Unterstützung denn vielleicht noch hilfreich sei, als bei allen anderen Projekten je zuvor). ER hatte einen so klangvollen, nachgerade einer Oper entsprungenen und von Leidenschaft kündenden Namen wie den oben beispielhaft genannten (der natürlich frei erfunden ist, sonst würde mir der echte Antonio de la Torre Duarte Escobar morgen wohl zu Recht ein Veilchen hauen). Man hörte auf den Fluren gestandene Frauen (und einige Herren) von seiner Stimme ('wie verstaubter, andalusischer Samt') und seinen muskulösen, dunkel beflaumten Unterarmen schwärmen und seinen Namen andächtig seufzend von ansonsten sehr nüchternen Sitzungsprotokollen ablesen ('Antonio...'). Und ich möchte fast schwören, eine Kollegin dabei beobachtet zu haben, wie sie - während sie sich während einer Telefonkonferenz unbeobachtet wähnte - ihre Unterschrift mit 'de la Torre Duarte Escobar' probiert hat - nur mal so zum Gucken...

Acqua di Parmas Ginepro di Sardegna schlägt ein so wie Antonio de la Torre Duarte Escobar - zumindest in den ersten zehn Minuten. Acqua di Parma ist in diesen ersten zehn Minuten fast immer gut. Wacholder ist meistens etwas Besonderes, ist maskulin und prägt sich ein. Ich kann das Adjektiv 'rassig' nicht leiden, aber dies ist tatsächlich mal ein 'rassiger' Wacholder. Südländisch. Hinreißend cool. Eine typisch acqua-di-parmeske Kopfnote mit Wumms. Die es - und das meine ich so - durchaus wert ist, ein Parfum nur um ihretwegen anzuschaffen, wenn man sie denn so mag. Jenseits des rassigen Wacholder-Intros ist Ginepro di Sardegna ein netter Duft, mehr nicht.

Fazit: später kam natürlich raus, dass Antonio de la Torre Duarte Escobar verheirateter Papa mit Kombi und Vororthäuschen ist. Und das strategische Projekt lief auch nicht gut. Aber die Stimme und die Unterarme, hach...


04.06.2018 21:04 Uhr
14 Auszeichnungen
Die Literaturgeschichte ist hier sehr ungerecht. Gilt der unverheiratete Mann jenseits der vierzig schlimmstenfalls als alter Hagestolz, oft aber auch nur als Einzelgänger, als Wüstling und/oder 'verzaubert' - und ist er wirtschaftlich auch meistens unabhängig - so ist die unverheiratete Frau bereits jenseits der dreißig ein 'spätes Mädchen' und gebeugt oder verbittert, pflegt vielleicht eine bettlägerige Tante oder lebt von der Güte einer Schwester und deren Ehemann. Maggie Smith spielte als 'arme Charlotte' die altjüngferliche Anstandsdame in James Ivorys 'Room with a View' beinahe schmerzhaft fahl, und Isabelle Huppert die Augustine in François Ozons 8 Femmes so gallig und gehässig, dass er als die sie symbolisierende Blume tatsächlich nur die Distel wählen konnte. Wie schreibt man nun respekt-, vielleicht gar liebevoll über die Figur der unverheirateten, nicht mehr ganz jungen Frau?

Denn als ich Harry Lehmanns Nelke probiert habe - vor Ort im Ladenlokal in Charlottenburg - hatte ich als dessen archetypische Trägerin das Bild einer Frau vor Augen, die jenseits der Mädchenjahre alleine lebt. Eine Frau in flachen Schuhen jenseits von Tand- und Putzsucht mit ruhigen und klugen Augen in burgunderroten oder in kardinalfarbenen Kleidern, die ihre kleine Wohnung mit Grünpflanzen, Katzen und hunderten, ach was: tausenden von Büchern teilt. Sie lernt Fremdsprachen, sie reist gerne, und pflegt lebhafte Korrespondenz, sie engagiert sich, mischt sich ein. Reich ist sie nicht, aber zufrieden. Ganz früher hat es da mal jemanden gegeben, mit dem sie sich gewünscht hätte, gemeinsam alt zu werden, aber das Leben hat anders entschieden. Manchmal ist sie noch einen Abend lang ein bisschen traurig, aber weder bitter, noch verzagt. Und sie nicht verlassen, nur allein.

Nelke lässt mich - natürlich nicht ausschließlich - an eine alleinstehende und nicht mehr ganz junge Trägerin denken, weil er von alttönender und spröder Reife ist. Weil er in seinem Herzen und seiner Basis komplexer ist, als man bei seiner vertraut anmutenden Kopfnote denken mag. Weil er gedämpft ist und zurückgenommen, aber nicht schüchtern oder scheu. Weil er Elemente eines Soliflors hat, aber doch keiner ist - weit über die herbfrische Süße und die orientalische, mitunter fast scharfe Würzigkeit von Garten- und Gewürznelke hinaus. Weil seine feine Seifigkeit nicht zu einer ganz jungen Frau passen will - zu einem jungen Mann übrigens auch nicht. Weil er mich an burgunderrote oder kardinalfarbene Kleider denken lässt, an Katzen, Bücher und Reisen in ferne Länder. Weil er in seinem Wesen authentisch ist und eigensinnig, mitunter vielleicht schwierig, aber kompromisslos, echt.

Fazit: nicht nur, aber durchaus auch für eine alleinstehende Frau jenseits der vierzig. Die keine bettlägerige Tante pflegen und nicht im Haus ihres großmütigen Schwagers leben muss, sondern mit Katzen und ihren vielen Büchern Sprachen lernt und reist: zufrieden und allein.


03.06.2018 08:29 Uhr
18 Auszeichnungen
'In dem großen roten Haus unten am Fluss, da wohnt Madita. Dort wohnen auch Mama und Papa und die kleine Schwester Elisabet, ein schwarzer Pudel, der Sasso heißt, und das Kätzchen Gosan. Und dann noch Alva. Madita und Elisabet wohnen im Kinderzimmer, Alva in der Mädchenkammer, Sasso in einem Korb auf dem Flur und Gosan vor dem Herd in der Küche. Mama aber wohnt beinahe überall im Haus und Papa auch, wenn er nicht gerade in der Stadt ist und für seine Zeitung schreibt, damit die Leute dort etwas zu lesen haben.'

So beginnt die Schriftstellerin Astrid Lindgren, die in ihren Büchern so viele schwedische Kinderidylle so liebevoll erschaffen hat, ihre Geschichte von der temperamentvollen Madita, die auf Birkenlund wohnt. Wo die fromme Linus-Ida beim Wäsche waschen hilft und nebenan auf Waldesruh ihr Freund Abbe seine Zuckerkringel backt. Wo im Winter gutmütige Pferde den Schlitten durch tief verschneite Wälder ziehen, und im Frühling hinter dem Haus die Leberblümchen blühen. Aber die meisten Abenteuer von Madita spielen im Sommer.

Diesen Sommer - die Mohnblumen auf der Wiese hinter dem Haus, die bis zum Fluss hinunter reicht, wo Linus-Ida auf dem Steg die nassen Laken auswringt, und die Veilchen, die im Licht der schwedischen Sonne unter den Birken blühen - meint man beim Lesen Lindgrens klarer und schöner Worte fast riechen zu können. Wo die Johannisbeeren ganz nahe bei Nilssons Zaun neben dem Schuppen wachsen, und die Gerste sich golden hinter der Hecke wiegt. Und in Jo Malones English Fields - Poppy & Barley riecht man ihn tatsächlich auch.

Poppy & Barley ist einer von nur zwei Düften aus der diesjährigen limitierten English Fields-Serie, die sich der Illustration eines wilden Gartens oder Feldes widmen (der zweite ist Green Wheat & Meadowsweet, die anderen drei sind ihrer namentlichen Verwandtschaft zum Trotz Gourmands). Das tut er authentisch und sehr schön: sonnengetränkt und voll lebhafter Blumigkeit - auch wenn der blühende Klatschmohn und das Gerstenfeld vor meinem inneren Auge sich nicht im englischen, sondern im schwedischen Sommerwind wiegen.

Fazit, so wie Madita es wohl erzählen würde: 'Um das Haus herum stehen lauter Birken, da klettere ich auch drin rum. (...) Am allerschönsten aber ist es am Fluss. Wir dürfen auf dem Steg spielen, denn da ist das Wasser nicht tief. Aber ein Stück weiter draußen, da wird es tief. Auf der anderen Seite vom Haus ist die Straße. Da haben wir eine Fliederhecke, damit uns niemand zugucken kann. Aber wir können hinter der Hecke liegen, und dann hören wir alles, was die Leute, die vorbeigehen, reden, und das ist doch famos, nicht?'


01.06.2018 22:04 Uhr
20 Auszeichnungen
Ganz unlängst stand ich an einer Kreuzung neben zwei Frauen, von denen die eine - oder beide? - unüberriechbar nach etwas duftete, das mich aufs erste Hinschnuppern an Lancômes La Vie est Belle denken ließ. Und doch auch wieder nicht. Der Duft war noch weniger ignorierbar und noch drängeliger, als ich La Vie est Belle in Erinnerung hatte - was aber auch schlicht an der (Über-)Dosierung hätte liegen können - wäre seine Süße nicht doch anders gewesen, wenngleich wesensverwandter Art. Weißblühender. Voluminöser. Noch selbstbewusster. Noch süßer.

La Vie est Belle, das Original - inzwischen auch schon wieder fünf Jahre alt, ist das zu glauben? - wäre (seiner brachialen Werbekampagne und der grotesk gephotoshopten Julia Roberts zum Trotz) nicht so erfolgreich, wenn er nicht doch bei vielen die richtigen Knöpfe drückte - und damit meine ich nicht nur den hübschen, rosafarbenen Flakon mit dem netten Glitzerschleifchen um den Hals. La Vie est Belle trifft einen Zeitgeist floraler Süße, den man in der Nahzukunft sicher einen der Hauptdufttrends dieser Dekade nennen wird: ihm folgten Dior und Gaultier nach, mit rosafarbenen Beinahe-Klonen der Lancômeschen Blütenpracht. Zuletzt sogar Guerlain, aber Herr Wasser ist eben nicht nur Künstler, sondern auch ein Kaufmann. Aufgedreht heiter. Lieblich. Laut.

La Vie est Belle L'Éclat dreht dem Original den Ton noch einmal auf. Und häufig verändert die Lautstärke das Wesen eines Tons, eines Akkordes, eines Arrangements. In meinem Kommentar zu La Vie est Belle habe ich ihn harmlos genannt, gefällig und letztlich sehr konventionell. Demgegenüber kippt seine L'Éclat-Version ins Schrille, mitunter scharf an der Grenze zum fast etwas Gewöhnlichen. Zu viel Orangenblüte und Jasmin, in ihrer Anmutung betäubend und synthetisch alle beide. Zu viel Vanille, pudrig zwar, aber nicht minder artifiziell. Ein Duft wie freier Prosecco für alle Frauen auf einer Ü30-Party. Klingt erst mal gut, wird aber doch schnell anstrengend und zu viel. Genau wie Lancômes La Vie est Belle. Und La Vie est Belle L'Éclat noch um ein Vielfaches mehr.

Fazit: heiter, laut und selbstbewusst waren auch die beiden Frauen neben mir an der Kreuzung. Und süß fanden sie sich auch, zumindest nannten sie sich selber gegenseitig so: 'Süße, hat der Typ da mich gerade abgecheckt?' 'Nee, hat er nicht.' 'Dann ist er bestimmt schwul, sonst hätte er.' Und ich dachte: 'Nee, ist klar.' Neben uns an der Kreuzung saß ein Obdachloser mit Pappschild und -becher vor sich auf dem Bürgersteig, und da sagte die eine halblaut zu der anderen: 'Ach Gott, auch kein schöner Beruf...' Und ich dachte noch mal: 'Nee, ist klar.'


31.05.2018 21:12 Uhr
23 Auszeichnungen
So bewarb Ende des letzten Jahrhunderts ein bekannter Kosmetikhersteller seinen angeblich unverwüstlichen Haarfestiger. Illustriert wurde die Unverwüstlichkeit durch eine toughe Karrierefrau, die - selbstverständlich in einer kleinen Privatmaschine - auf der geschilderten Route mit diversen Witterungswidrigkeiten konfrontiert wird, und der Maschine am Ziel dennoch ohne merkliche Spuren des Verfalls entsteigt. Tatsächlich erinnere ich mich, dass es sich dabei um ein sehr durchschnittliches Produkt handelte (das es bis heute noch immer zu kaufen gibt).

Dem Ende des letzten Jahrhunderts entstammend und immer noch zu kaufen ist auch Boss Bottled, der einst die Note 'Apfel' für Herrenparfums etablierte - was man gut finden kann oder auch nicht. Beworben zunächst vom schwedischen Model Alex Lundqvist - dem später unter anderem Gerard Butler, Chris Hemsworth, Ryan Reynolds und Mats Hummels nachfolgten - verkauft er Ähnliches wie Schwarzkopfs mutmaßlich unkaputtbarer Festiger: Selbstsicherheit. Weltgewandtheit. Urbanität. Und auch die Breitenkompatibilität beider Produkte ähnel(te)n sich.

Boss Bottled ist einer jener unverdrossenen Evergreens der 90er, der die zwanzig Jahre seitdem nahezu unbeschadet überstand. Das verdient durchaus Anerkennung - ob die nun dem Parfum selber oder der Taktung (und jährlichen Verjüngungskur) seiner Marketingkampagne zu verdanken ist, darüber mag gestritten werden. Dennoch ist er von scheinbar zeitloser Gefälligkeit - charakteristische Kopfnotenfrucht, gepfropft auf eine (aus Perspektive der späten 90er) zeitgenössisch interpretierte fougèreartige Basis, die eigentlich niemandem missfallen kann.

Fazit: auch wenn man Frisuren in den 90ern noch mit ganz anderen Mengen an Haarspray fixierte, bin ich doch sicher, dass die blondgewellte Dame aus dem Drei Wetter Taft-Werbespot 'in echt' beim Aussteigen in Rom ziemlich zerzaust gewesen wäre. Und von Boss Bottled röche man spätestens dort auch nichts mehr. Klassiker sind dennoch beide.


30.05.2018 22:09 Uhr
15 Auszeichnungen
Dies ist nun - nach Eau de Parfum und nach Extrait - der mutmaßlich letzte Kommentar, den ich zu L'Heure Bleue schreiben werde. Es sei denn, man entschiede sich im Hause Guerlain, dieser Dreifaltigkeit (die sie bei vielen ihrer Altvorderen pflegen) plötzlich Flanker beizustellen, was ich weder erwarten, geschweige denn erhoffen würde. Vieles, was gut und richtig ist bei Guerlain, ist - im Rahmen regulatorischer Vorgaben - seit langem unverändert.

Den ersten Kommentar zu L'Heure Bleue - den zum Eau de Parfum - habe ich entlang von Huysmans À Rebours geschrieben, einem Klassiker der Dekadenzliteratur des Fin de Siècle. Für den zweiten - den zum Extrait - habe ich die Metapher von Chazelles verzaubertem Filmwunder La La Land bemüht. Für diesen letzten, das Eau de Toilette, verwende ich noch einmal einen Film - einen, der noch eine andere Seite dieses großartigen Dufts beschreibt.

Meine Nächte sind schöner als deine Tage, im französischen Original: 'Mes nuits sont plus belles que vos jours', ist der Name eines expressiven und verrückten, eines unendlich traurigen Films, basierend auf dem gleichnamigen Roman von Raphaële Billetdoux - eines Films, der vom Glück des Augenblicks, der Verletzlichkeit der Schönheit, dem Recht auf Exzentrismus, dem Rausch der Sinnlichkeit erzählt. Und all das tut Guerlains L'Heure Bleue auch.

L'Heure Bleue - das Eau de Toilette nur um ein Geringes weniger als seine 'stärkeren' großen Brüder - ist ein rauschhaftes, unglaublich vielschichtiges Parfum. Das seine eigene Vergänglichkeit bis zur Neige ausschöpft in einem Wirbel aus Blüten, Farben, Bitterkeit. Lebhaft. Drängend. Der maßstäbliche Anis der Parfumgeschichte. Veilchen ganz untantig. Goldklare Süße weit jenseits dessen, was Monsieur Wasser heute in Guerlains Flaschen füllt.

Fazit: ein, vielleicht DER Klassiker aus der Feder von Jacques Guerlain. So opulent wie Huysmans À Rebours. Dem Träumen ebenso verfallen wie ein Tribut wie Chazelles La La Land. So rauschhaft hin- und selbstaufgebend wie Andrzej Zulawskis surrealer und verrückter Film. Ein Muss, den in der Nase gehabt zu haben.


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