Andrea Maack

Die bildende Künstlerin Andrea Maack betreibt seit 2009 ein Label für avantgardistische Parfums, die auf ihren eigenen Zeichnungen, Ideen und Ausstellungskonzepten beruhen. Ihre ersten drei Düfte waren ursprünglich nicht zum Tragen bestimmt, sondern als Medium für ihre Kunst und zusätzliche inhaltliche Ebene von Installationen im Rahmen ihrer Ausstellungen gedacht.

Andrea Maack wurde 1977 in Reykjavik geboren; fragt man sie nach ihrer frühesten Kindheitserinnerung, so sagt sie: „der Geruch des Meeres und des Schnees an der isländischen Küste“. An seinem Geruch könne sie Schnee von fließendem Wasser unterscheiden, obwohl die meisten sagen würden, Wasser sei geruchlos. Und ihre allererste Parfumerinnerung? „Vermutlich Cristalle von Chanel. Als ich klein war, gab es bei uns in Island keine ausgeprägte Parfumkultur, aber ich weiß noch, dass Cristalle ein Duft war, der mich in meiner Vorstellung nach Paris transportieren konnte – in ein Leben, wie ich es mir damals ausmalte.“

Mit Anfang 20 ging sie für einige Jahre nach London, wo sie als Einkäuferin für Mode- und Schmuckunternehmen arbeitete. Sie interessierte sich leidenschaftlich für Mode und Styling, und hatte sich sogar für ein Modedesign-Studium eingeschrieben. Dann beschloss sie allerdings, wieder nach Island zurückzugehen, und begann 2002 ein Kunststudium in Reykjavik. Da sie die Mode jedoch nicht missen wollte, eröffnete sie im selben Jahr auch eine kleine, alternative Boutique namens „Lakkrisbudin“ („Lakritzgeschäft“), in der sie junge Designer vorstellte, die damals in Island noch unbekannt waren, wie z.B. Henrik Vibskov, Peter Jensen, Emma Cook und Yazbukey. Das Geschäft betrieb sie bis 2005, im selben Jahr schloss sie auch ihr Studium an der Akademie der Künste ab.

Nach ihrem Bachelor-Abschluss arbeitete Andrea Maack in einem von Künstlern selbstverwalteten Museum (The Living Art Museum), organisierte Festivals in Island (Sequences Real Time Art Festival) und nahm an Ausstellungen teil. 2007 kreierte sie beispielsweise Kunstobjekte unter dem Titel WOART bzw. „work out art“ („Trainingskunst“), bei welchen sie den Mineralwerkstoff HI-MACS per Hand und mit Hilfe von Maschinen zu Skulpturen in Form von Hanteln mit bewusst falschen Gewichtsmarkierungen verarbeitete. Diese „Trainigsobjekte“ wurden durch eine Bleistiftzeichnung ergänzt, auf der das Gehirn als „mentaler Muskel“ dargestellt war.

Die grafischen Arbeiten von Andrea Maack haben hohen Wiedererkennungswert. Sie bestehen aus monochromatischen oder farbigen Linien oder Strichen, die jeweils radial von einem Zentrum ausgehend angeordnet werden, bis sie ein gestalterisches Element bilden. Durch die Wiederholung des Ausgangsmotivs wird nach und nach eine Fläche ausgefüllt. Die Ränder sind dabei nicht ausgefranst, sondern laufen wieder zu einer Linie zusammen. Durch die unterschiedliche Linienführung, durch Verdichtungen und Überlagerungen entsteht ein organisch und dreidimensional wirkender, pulsierender Rhythmus. Was ursprünglich tatsächlich Muskelgewebe darstellen sollte, wurde mit der Zeit abstrakt und stand für sich.

2008 bekam Andrea Maack die Chance, ihre erste Einzelausstellung in einer Galerie zu präsentieren. Unabhängig davon dachte sie zu dieser Zeit auch zum ersten Mal darüber nach, einen Duft zu kreieren. Zu diesem Zeitpunkt sah sie noch keine Verbindung zwischen ihren Zeichnungen und ihrer Duft-Idee, und hatte auch so nicht vor, bei der geplanten Ausstellung einen Duft zu zeigen. Um diese Richtung für sich weiter zu erkunden, bestellte sie sich einen Parfumbaukasten aus dem Internet und begann, ihre Nase zu schulen und eigene Formeln aufzuschreiben. Parallel dazu fragte sie auch bei Parfümeuren an und kontaktierte u.a. Le Labo.

Als das Konzept für die Ausstellung stand, stellte der Parfum- und Kosmetikmarken-Consultant Renaud Coutaudier („Er ist ein wahrer Visionär, was Parfum betrifft. Ihm ist keine Idee zu verrückt. Ich mag diese Einstellung.“) den Kontakt zu einer jungen Parfümeurin her: Marion Fabre. Allerdings sei festgehalten, dass Andrea Maack sich sehr bedeckt hält, was die „Nasen“ hinter ihren Parfums betrifft. Offiziell wurde jahrelang nur von „jungen, aufstrebenden Parfümeuren aus Grasse“ gesprochen, später immerhin von einer „weiblichen Nase“. Die einzige Erwähnung von Marion Fabre in Zusammenhang mit den ersten drei Parfums von Andrea Maack findet sich bis heute nur auf Renaud Coutaudiers Seite Discerning Perfumes & Cosmetics, wo das von ihm für Andrea Maack umgesetzte Markenkonzept vorgestellt wird.

Die einzige Vorgabe für die Parfümeurin war das Konzept für die geplante Ausstellung und eine Zeichnung, die Andrea Maack ihr per Post zuschickte. Die Parfümeurin sollte ihrerseits nur eine einzige Variante des Parfums an die Künstlerin zurückschicken. Der Duft sollte die Zeichnung olfaktorisch interpretieren und Andrea Maack soll, wenn denn das alles so stimmt, den Duft erst einen Tag vor der Ausstellung bekommen und ihr Konzept darin auch wiedergefunden haben: das Parfum roch für sie „weiß“, genau wie der minimalistische weiße Ausstellungsraum.

Die Ausstellung bekam den Titel SMART bzw. „smell art“. Die Originalzeichnung, die als Vorlage für den Duft gedient hatte (schwarze Linien auf weißem Untergrund), wurde stark vergrößert, in 252 „Testerstreifen“ geschnitten und wieder „zusammengesetzt“ aufgehängt. Jeder Testerstreifen war signiert, nummeriert und konnte einzeln von der Wand genommen werden. Die jeweiligen Teststreifen – und auf Wunsch auch die Unterarme der Besucher – wurden von der Künstlerin persönlich mit dem Duft besprüht. Auf diese Weise konnte jeder einen Teil des Kunstwerks mit nach Hause nehmen, und das Bild löste sich mit der Zeit auf. Der Duft zur Ausstellung kam bei den Besuchern extrem gut an, doch es gab ihn nicht zu kaufen – es gab insgesamt nur vier Flakons davon.

Bei ihrem nächsten Projekt mit dem Titel CRAFT bzw. „couture art“ experimentierte Andrea Maack wieder mit dem Thema „tragbare Kunst“. Diesmal wurde für eine Ausstellung in insgesamt 200 Arbeitsstunden ein Kleid aus Papier konstruiert. Dazu fertigte die Künstlerin mit Bleistift eine riesige Zeichnung auf dünnem, weißem Schnittmusterpapier an, welches dann nach einem Entwurf vom Designer Cédric Rivrain (arbeitete u.a. für Dior) zu einem Kleid in Origami-Optik zusammengesetzt wurde. Für diese Ausstellung wurde ebenfalls ein Duft entwickelt, nach demselben Prinzip wie für SMART. Der Duft wurde als Raumspray verwendet und als Probe verteilt.

Im Mai 2009 realisierte Andrea Maack mit SHARP bzw. „shape art“ ein ähnliches Projekt auf der Arnhem Mode Biennale in Holland. Auch hier wurde wieder ein Kleid gezeigt. Die Künstlerin spricht davon, es in „Schaum“ geschnitten zu haben, doch die Bilder zur Ausstellung zeigen ein vom Stil her sehr ähnliches weißes Kleid aus festerem Stoff, in welchen das Muster „eingraviert“ wurde. Die Vorlage für den Duft zur Ausstellung war eine farbige Zeichnung, und der Duft war diesmal auch eingefärbt. Diesmal wurden besprühte Testerstreifen (keine zerschnittenen Zeichnungen) auf dem Boden verstreut, um den Raum zu beduften.

Nach diesen drei Publikumserfolgen gründete Andrea Maack 2009 ihr Parfumlabel und präsentierte im August 2010 das Trio Smart, Craft und Sharp im Rahmen einer Ausstellung mit dem Titel „Eau de Parfum“. Die Gestaltung von Flakons und Verpackung war puristisch und griff Elemente der Innenarchitektur des Ausstellungsraumes auf (die Stuckleisten fanden sich stilisiert als Prägung auf dem Karton wieder; die Innenarchitektin Ingibjorg Agnes Jonsdottir, welche den Ausstellungsraum gestaltet hatte, war auch für das Verpackungsdesign zuständig). Für die Flakondeckel wurde, wie schon im Jahr 2007 für die WOART-Hanteln, wieder HI-MACS verwendet, weshalb sie sich kühl und „wie echter Stein“ anfühlen (der Werkstoff besteht aus ungefähr einem Drittel Acrylharz (Polymethylmethacrylat) und zu 5% aus natürlichen Pigmenten; der Hauptbestandteil ist mit 70% das natürliche Mineral Aluminiumhydroxid, das aus Bauxit (Aluminiumerz) gewonnen wird).

2009 und 2010 erhielt Andrea Maack staatliche Kunststipendien und eine Förderung der Aurora-Design-Stiftung (richtet sich an isländische Designer und Architekten). 2011 unterzeichnete das Label einen Vertrag mit dem Vertrieb für Nischenparfum und -kosmetik Intertrade Europe, und die Produktion wurde nach Italien verlegt. Seit 2011 arbeitet auch Andrea Maacks Lebensgefährte Gisli Sverrisson für das Label (seit 2012 als Geschäftsführer).

2011 kamen die Parfums "Silk" und "Dark" auf den Markt (kreiert von Julien Rasquinet, Schüler von Top-Nase Pierre Bourdon). Ab jetzt wurden die Düfte explizit als Parfums in Auftrag gegeben. Im Gegensatz zu den drei ersten Düften sind die Parfumnamen keine „Abkürzungen“, sondern wörtlich zu verstehen. Das Marketing zu "Silk" lautet: „Silk verströmt das Gefühl eines zarten Stoffes, der die Haut berührt. Die Inspiration zu diesem Duft stammt aus handgemalten Textilprints, die Komposition ist eine Hommage an die französischen Modehäuser mit einer langen Tradition in der Herstellung von Seidentüchern.“ In einem Interview mit einer russischen Zeitschrift sagt Andrea Maack, der Film „Rosemaries Baby“ sei die Inspiration für "Silk" („Ich habe mir vorgestellt, wie der parfümierte Anhänger riechen könnte, welcher der Hauptfigur geschenkt wurde.“). "Dark" wurde als verführerischer Duft konzipiert, man erfährt jedoch nicht genau, welche Zeichnung ihm zugrunde liegt.

2012 erschien der 6. Duft, "Coal", welcher auf einer Kohlezeichnung basiert. Der Parfümeur ist Richard Ibanez und die Entwicklung soll von allen bisherigen Parfums am längsten gedauert haben: „Ich wollte unbedingt die mineralische Anmutung von Kohle einfangen.“ Spätestens jetzt ist Andrea Maack intensiver in den Entstehungsprozess ihrer Parfums involviert: „Ich bin definitiv mehr beteiligt. Ich glaube, das ist eine natürliche Entwicklung. Am Anfang wusste ich nicht viel über die Parfumentwicklung, jetzt lerne ich dazu. Ich weiß, was mir gefällt und wonach ich suche, um meine Zeichnung zu ergänzen. Ich bin vermutlich die einzige, wer die Zeichnung im Parfum sehen kann. Deshalb gefällt es mir, den Duft zusammen mit dem Parfümeur zu entwickeln, bis ich mit dem Ergebnis zufrieden bin.“ Obwohl Andrea Maack alle ihre Parfums als unisex betrachtet, findet sie "Coal" am männlichsten. Welche Designer würde ihrer Meinung nach ein Mann tragen, der "Coal" trägt? „Ich würde sagen: Damir Doma, Rick Owens oder Lanvin.“

2013 wurde als 7. Duft Coven (Parfümeur derzeit noch unbekannt) veröffentlicht, als Inspiration dazu nennt Andrea Maack Horrorfilme und eine Kollektion von Hedi Slimane für Yves Saint Laurent. Die Entwicklung des Parfums soll diesmal ein ganzes Jahr in Anspruch genommen haben. Sie wollte einen Duft für Großstadtbewohner kreieren, der sie mit zwei Sprühstößen in die Natur, in einen Märchenwald hineinzaubert. Zudem empfindet sie den Duft aufgrund der darin enthaltenen Whisky-Note als ziemlich erotisch.

Andrea Maack trägt ihre Parfums selbst; wenn sie sich für eines entscheiden müsste, dann wäre es Craft, mit dem sie den besonders aufwändigen Prozess der Herstellung des dazugehörigen Ausstellungsobjekts verbindet. Ihr eigener Parfumgeschmack wurde u.a. durch die Düfte von Comme des Garçons und Balenciaga geprägt.

Andrea Maack lebt derzeit in Mailand.

Interview mit Andrea Maack: http://vimeo.com/28605987

Recherchiert und verfasst von BlumenblutBlumenblut
Offizielle Website: http://www.andreamaack.com

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