Wo anfangen?
Es endet doch arg schlimm.
Aber schlussendlich gibt es eine wahre, lustige Beobachtung.
Es bedurfte langwieriger Geduld, um endlich einen halbwegs gefüllten Tester dieser pinken Flüssigkeit ausfindig zu machen.
Allein die Wortwahl des Namens lässt auf Kniefall vor der absurden Wir-Haben-Uns-Alle-Kunterbunt-Lieb-Blase schließen.
Und, quelle surprise, die Maische riecht entsprechend.
Ach ja, eine vermaledeite Gouvernante tuschelte Böses mit ihrer Mitarbeiterin in der Parfümerie während ich, Mann, es wagte, den Chanel-Tester tatsächlich zu bedienen.
Bleu de Chanel Eau de Parfum stünde doch offensichtlich für mich bereit.
Zisch!
Gut, eine rosane Grapefruit begrüßt doch recht saftig.
Ganz nach Art des Hauses, welche die Kopfnote stets als markantes Erkennungszeichen vorschreibt.
Ein paar Augenblicke weiter öffnet sich die Obstdose aus dem südlichen Fernost.
Eine in Kunstsirup ertränkte Fruchtmischung „Pattaya“ verdirbt mir augenblicklich den Magen.
Kandierte Blumen werden im Nu, ich bitte um Verständnis für den krassen Vergleich, von einem Tsunami blauen Ambrocenides gar brutal erwischt.
(Schwieriger Genitiv, klingt nach griechischem Endgegner.)
(Wer sang nochmal über die perfekte Welle?)
Die Harze der Hölzer werden derart hochgepuscht, dass jegliche Feinheit zerbricht. Rauch steigt auf.
Eine Wiederkehr des plump Auffallenden, wie so oft in günstigeren Möglichkeiten der Duftrichtung.
Da sich heutige Axe-Schöpfungen äußerster Beliebtheit in der Männerumkleide des Sportstudios erfreuen, erkenne ich sofort die sportlich synthetische Verunglimpfung des Fräuleins.
Zum Begriff gleich mehr.
(Die kluge Autokorrektur schlug mir Axt-Schöpfungen vor, interessant.)
Laut, lauter, gar schreiend pocht die nach zersetzender Fliehkraft flehende Komposition.
Alles dreht sich, Hölzer, Blüten, zitrisches Vanillin, pappige Süße, hundsgemeine Synthetik.
Bitte bis zur empirischen Beobachtung durchhalten.
Der Massenandrang, so eine mögliche Übersetzung des Wortes crush, gerät in Wallung.
Er wird lange Stunden für schauderhafte Schrecken sorgen.
Am Tag danach roch mein Handrücken immer noch nach dem Anschlag.
Absoluter Tiefpunkt, Chanel!
Nun zum Fräulein.
Es wäre hierzulande gar köstlich gewesen, hätte Jil Sander ihre ersten Frauendüfte nach jener entzückenden Betitelung jungfräulicher, in der Blüte ihrer Reifung befindlicher Damen benannt.
Alice Schwarzer hätte begeistert wohl die Regale leer gekauft.
Grinsekater winkt aus Fernost.
Doch in Frankreich, wie in etlichen romanischen Ländern, hält sich dieser Personenstand noch tapfer. Aber auch im angelsächsischen Raum ist es weiterhin üblich, Miss zu verwenden.
Wenn ich bedenke, dass vor Jahrzehnten meine unverheiratete Großtante in ihren Sechzigern, stets in kniebedeckendem Kostüm samt seidener Bluse und obligatorischer Perlenkette mehr als präsentabel gekleidet, noch darauf bestand, so angesprochen zu werden, muss ich einerseits schmunzeln, anderseits mit Wehmut auf respektable Zeiten zurückblicken.
Hier aber erfahre ich ein Double-feature Creature Feature zum zuckersüßen, genmanipulierten Popcorn.
Der Fiebertraum von Werbefilm des Duftes kann als Fortsetzung der üblen Zelluloidschändung „Die fabelhafte Welt der Amélie“ von 2001 verstanden werden.
Ach, das Geburtsjahr des Urfräuleins
Coco Mademoiselle Eau de Parfum in Pink!
2026 wählte man als leicht größenwahnsinnige Weltverunstalterin Gracie Abrams, quasi als Filmtochter von Audrey Tautou bestens auserkoren.
Ihre leicht faschistoide Vorstellung von einem nächtlichen Paris unterstreicht köstlich den sogenannten Duft.
Künstliche Intelligenz liefert einen verwaisten Place Vendôme samt Rue de la Paix und Rue de Castiglione. Alles so schön sauber und kernsaniert, man könnte vom Boden essen!
Kein Anzeichen dessen, was eine Madame Hidalgo als Bürgermeisterin den Parisern zugemutet hat.
Auch keine wahren nächtlichen Gestalten aus Fleisch und Blut mit gar üblen menschlichen Absichten im Schutze der Dunkelheit und überforderten Gendarmen. Von den lauten Motorrädern als Fluchtmittel ganz zu schweigen.
Egal, es soll ja hübsch aussehen.
Über die narzisstische Störung des Werbegesichts zu sinnieren wären weitere Zeilen vergeudete Zeit.
Sie ist offensichtlich.
Doch das Opus horribile, nicht horribilis, steigert sich noch.
Hier erweckt Chanel ein mediokres Discolied sage und schreibe fünfzig Jahre später zu neuem Leben, Young Hearts Run Free von Candi Staton aus dem Jahr 1976.
Aber, aber Chanel, hat Dich der Mut zu Alexandrie, Alexandra von Claude François 1977 verlassen?
Der französische Popoklatscher, der um die Welt ging?
Nun gut, besagtes Filmtöchterchen glamouriert vom teuren Pflaster aus zu jener nur in den kreativen Köpfen des Werbekollektivs vorhandenen plauschigen SMIC Welt.
(Salaire minimum interprofessionnel de croissance, zu Deutsch Mindestlohn)
Wie schon 2001 das unrealistische Montmartre Viertel jener Amélie.
Die Klarna-finanzierte Ansammlung in Gracies Boîte, sprich Vergnügungspinte, ist an Absurdität nicht zu überbieten.
Insbesondere das choreographische Tanzen der besten schwulen Freunde von Gracie mitsamt eines Imams ist geradezu…
Amélie in Technicolor!
Wie die Mutter so die Tochter.
Aber so hat die Welt zu sein!
Und auch die Verkaufszahlen von Chanel!
Ich frage mich, ob 2026 Inès de la Fressange als Großmama des 1984 erschienenen
Coco Eau de Parfum sich noch mit Mademoiselle ansprechen lässt.
Mit Sicherheit nicht als edle Witwe und zweifache Mutter.
Zu guter Letzt eine herzerfreuende Beobachtung an der Wiesbadener Wilhelmstraße unmittelbar nach der Dufterfahrung, denn ich war nicht allein am Tester.
Eine junge Frau, in recht sportlicher Tenue mit abdomenfreiem Einblick, roch danach.
Sie videotelefonierte über Kopfhörer geradezu ekstatisch ob der pinken Attacke, die gesamte Innenstadt durfte brav ungefragt zuhören. Keine real physische Begleitung in Form eines Freundes oder Freundin, alles rein virtuell.
Lediglich ihr real existierender schwarzer, treuer Hund trottelte stoisch nebenher. An der Ecke Friedrichstraße blieben die beiden Geschöpfe brav an der roten Ampel stehen. Prächtiger die Kulisse nicht sein konnte.
Und…
Im Maul trug der Vierbeiner emanzipiert seine eigene Leine und wollte nur noch nach Hause.
Und alle Blicke und Telefonkameras wurden auf ihn gerichtet.
Hach, der passende Dog Content rettet den Tag am Ende doch.
Und derweil reinige ich meine geschundene Nase mit
Pour Monsieur Eau de Toilette .