Viking von Creed

Viking 2017

Leporello
27.05.2021 - 13:32 Uhr
12
Hilfreiche Rezension
8
Duft
8
Haltbarkeit
8
Sillage
8
Flakon

Der schmale Grat zwischen Unvernunft und Emotion ...

oder warum eine Erinnerung manchmal unbezahlbar ist.

Es gibt wohl wenige Dufthäuser, die bemessen an Rezensionen in unterschiedlichsten Foren (allesamt nicht so gut wie Parfumo), auf so unterschiedliche Art und Weise polarisieren wie das Haus Creed. Mir scheint, dass Creed eine der Marken ist, ähnlich wie Apple, die man entweder heiß und innig liebt, ihr verfallen ist oder hasst. Nun versuche ich stets "nüchtern" und emotionslos Düfte zu testen, versuch dabei die Preisgestaltung und das Marketing außenvor zu lassen. Parfum ist für mich einfach ein Bereich meines Alltags, wo ich mir keine Dogmatik leisten möchte (obwohl mir hier und da ein Hang zur Dogmatik in Sachen Musik nachgesagt wird). Die lange Einlaufkurve zu meinem Kommentar soll einfach nochmal deutlich machen, dass ich immer bestrebt bin Düfte ohne Vorurteile zu testen (ok ich gebe zu bei Marken wie Gaultier, Diesel und Paco Rabanne gelingt es mir nicht). Mit Viking kam ich Anfang des Jahres in Kontakt, als ich bei einer anderen Creed Duftbestellung eine Probe erhalten habe. Mein erster Eindruck passt auf den weiter unten stehenden Kommentar von Sinairq, der genau treffend Viking als "besonders unbesonders" in seiner Headline beschreibt. Bereits kurz nach dem Aufsprühen war mein erster Gedanke ziemlich ernüchternd und ich dachte bei mir "na denen geht es wohl zu gut, sowas für eine UVP von 200€ anzubieten". Creed scheint mittlerweile mit ordentlich Chuzpe gesegnet zu sein. Kurzum meine Nase quittierte den Duft als recht simples "Würzwässerchen" drogeriemäßigen Ausmaßes. Versteht mich nicht falsch, Viking roch dem ersten Eindruck nach nicht schlecht, aber "besonders" ist was anderes. Dennoch gab ich dem Duft eine Chance, denn unter die Kategorie "man reiche mir schnell Kernseife und Wurzelbürste" fällt er eindeutig nicht.

Ich wartete also geduldig und merkte nach etwa einer knappen Stunde wie der Duft auffallend angenehmer wurde. Immer wieder strömte ein Duft in meine Nase, der mir ungemein bekannt und angenehm vorkam. Einen ganzen Nachmittag dachte ich darüber nach, woher ich den Duft kennen könnte und erst am Abend viel mir es mir ein. Mensch, das ist doch exakt der Geruch von Opas Rasierseife! Ja, genau so roch Opa wenn er sich rasierte! Plötzlich waren die Bilder wieder da, wie ich als kleiner Junge am Sonntagmorgen mit Opa vor dem Rasierspiegel stand und mich mit ihm rasieren durfte. Kurzum Viking erinnerte mich an diese herrliche Rasierseifen-Atmosphäre in Opas gelb-gekacheltem Bad. Mein Großvater entstammte einer Generation, für die es noch sehr wichtig war stets glatt rasiert zu sein. Ein Kirchgang ohne vorher sauber rasiert zu sein war blanke Blasphemie und so war mein Großvater stets drauf bedacht immer ausreichend mit Rasierseife und Klingen für seinen Rasierhobel versorgt zu sein. Ich weiß noch, dass Opa seine Rasierseife bestimmt fünfzig Jahre lang bei ein und demselben Ladengeschäft in unserer kleinen mittelalterlichen Stadt kaufte. Ein Ladentypus, den es so nie mehr geben wird. Wo die Waren noch in einer Art Körbchen dem Kunden angeboten wurde. Wo man sich noch nicht als Parfümerie, sondern Fachgeschäft für Toilettenartikel verstand.

Viking schafft es perfekt diesen Duft besagter frisch aufgeschlagener Rasierseife (ich meine damit jene Art, die man in den Rasiermug einlegt und von dort aus aufträgt) zu imitieren. Was zunächst als mittelmäßige "Gewürzkanonade" von Pfeffer und Zitrusfrucht beginnt, wandelt sich nach einer knappen Stunde in einen frischen, leicht minzigen Duft untermalt von warmen Holz- und Pfeffernoten. Da steht er mein Großvater im angewärmten Badezimmer und schlägt die Rasierseife auf während aus dem Waschbecken dicke Hitzeschwaden emporsteigen. Dieser warme Rasierseifen-Vibe bleibt auf meiner Haut sehr präsent und wird im Verlauf, gefühlt nach etwas mehr als zwei Stunden von einer warmen Sandelholznote unterstrichen. Gefühlt ist die hier angegebene Duftpyramide mir persönlich zu ausladend, denn die Noten von Patchouli, Lavendel und Vetiver vermag ich nicht heraus zu riechen. Erfreulicherweise bleibt Viking dann doch recht linear bei diesem Dufteindruck und bietet mir mit knapp acht bis neun Stunden diese wunderbare Retrospektive bis der Duft dann langsam ausklingt. Leider weiß ich bis heute nicht den Hersteller der Rasierseife und es ist legitim die Frage nach dem monetären Wert einer solchen Erinnerungen zu stellen. Mit persönlich war es den Preis wert dieses wunderbare Bild nun wieder olfaktorisch erleben zu dürfen, dennoch verstehe ich auch die Kritiker. Viking bietet einfach zu wenig Spektakuläres für den aufgerufenen Preis. Für mich selbst bewahrheitet sich aber mal wieder das alte Zitat von Oscar Wilde:

"Heutzutage kennen die Leute von allem den Preis und nicht den Wert"

5 Antworten

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