
ElAttarine
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ElAttarine
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37
die Sünden wiegen schwer, doch begehen kann man nie genug
Diesen Duft hast Du getragen, solange ich Dich kannte. Geboren wurdest Du 1899 – in den 1980er Jahren sagtest Du immer stolz „ich bin noch aus dem vorigen Jahrhundert“.
Aufgewachsen in einer reichen großbürgerlichen Familie im damaligen Schlesien, in einem großen Haus, alles im Art-Déco-Stil gestaltet, mit Bediensteten, Köchin, verglastem Wintergarten. Ich stelle mir vor, wie es im Haus und im Salon gerochen haben könnte, nach Gewürzen, Möbeln und Stoffen, duftendem Puder, sicher auch Zitrusfrüchten aus dem Kolonialwarenhandel. Im Winter könnte jemand Orangen mit Gewürznelken besteckt und im Licht der Buntglasfenster aufgehängt haben.
Die Familie hatte eine Goldschmiede (ein einziger Ring ist noch vorhanden und heute bei mir) und war die erste, die in der Stadt ein Automobil besaß. Du hast eine Ausbildung machen können, allein das war damals für Mädchen alles andere als selbstverständlich, und dann noch als Fotolaborantin – im frühen 20. Jahrhundert die neueste High-Tech-Zukunftstechnologie. Ein privilegiertes Leben, hin und wieder auch Ausschweifungen beim Tanzen… Gleichwohl hast Du geheiratet und schon 1921/1922 zwei Töchter bekommen. Während des zweiten Krieges wurdest Du nach kurzen Heimataufenthalten Deines Mannes noch zweimal schwanger. Das erste Mal wurde ein Engelchen geboren, so hast Du es immer ausgedrückt, Deine letzte Tochter kam 1942: meine Mutter.
Zweimal hast Du alles hinter Dir zurückgelassen und nur eine Handtasche mitnehmen können: Im Januar 1945 zusammen mit Deiner alten Schwiegermutter und Deiner dreijährigen Tochter auf einem Flüchtlingstreck, der Euch nach Sachsen und in ein kleines zugewiesenes Zimmer als Wohnung brachte. Dein Mann hatte den Krieg überlebt, aber in einer Pflegerin aus dem Lazarett eine neue Partnerin gefunden. So betrachtest Du Dich ab jetzt als getrennt lebend. Ein zweites Mal 1959: Heiligabend besteigst Du, wieder nur mit einer Handtasche, zusammen mit Deiner jetzt 17-jährigen Tochter ein Flugzeug nach Westdeutschland. Ob Du ein Parfum in Deiner Handtasche hattest? Ich stelle es mir auf jeden Fall so vor. Jetzt wart Ihr beide arm; Du hast in der Mantelfabrik für einen kleinen Lohn Knöpfe angenäht.
Aber Du wirst Dich besonders in schwierigen Momenten an Deinem Parfum erfreut und mit ihm an Deine Herkunft erinnert haben. Mit dem pudrig-würzigen Orangen-, Kardamom- und Nelkenauftakt an den Salon im Haus Deiner Kindheit und Jugend, an die Tanzveranstaltungen, wo die Bouquets nach Nelken, Rosen und Narzissen dufteten, und die Damen dazu so verführerisch nach viel Moschus, deutlichem Zibet und Eichenmoos, an die ambersüßen Stelldicheins mit Verehrern, die Dich zum Tanz ausführten…
Immer warst Du stark und stolz, und Du hast Dein Leben genossen. Als Dich Dein Mann viele Jahre später bat, ihn aus der DDR in den Westen zu Dir kommen zu lassen, hast Du abgelehnt. Nie bist Du ohne Hut aus dem Haus gegangen. Du hast weiter „Chemise“ für Hemd und „Chaiselongue“ für Sofa gesagt.
Ich erinnere mich an Deinen Duft, pudrig-süßlich im Auftakt, später blumig, ohne dass einzelne Blumen hervorträten, aber von heute aus erkenne ich Nelken, Rosen und Narzissen, weiter stets pudrig bleibend, sich aber etwas verdunkelnd und leicht patchouli-erdig und moosig-holzig werdend, aber vor allem mit deutlicher Zibetanimalik – die ich vielleicht auch deswegen heute noch so liebe.
Du, meine Großmutter Vally. Endlich ist mir Dein Duft wiederbegegnet.
„Und was nützt das viele Leiden, wenn man sich nicht auch vergnügt
Die Sünden wiegen schwer, doch begehen kann man nie genug
Egal, wer oben liegt“ (Element of Crime: Alten Resten eine Chance)
Meine Probe ist natürlich nicht von 1932, aber auf jeden Fall von vor 2010.
Dankeschön an @Minigolf !
Generationenübergreifend könnten Oma Vally und ich heute ganz wunderbar zu diesem Song tanzen: Parov Stelar, The Mojo Radio Gang (Club Version)
https://www.youtube.com/watch?v=hZExx6-3Sng
Aufgewachsen in einer reichen großbürgerlichen Familie im damaligen Schlesien, in einem großen Haus, alles im Art-Déco-Stil gestaltet, mit Bediensteten, Köchin, verglastem Wintergarten. Ich stelle mir vor, wie es im Haus und im Salon gerochen haben könnte, nach Gewürzen, Möbeln und Stoffen, duftendem Puder, sicher auch Zitrusfrüchten aus dem Kolonialwarenhandel. Im Winter könnte jemand Orangen mit Gewürznelken besteckt und im Licht der Buntglasfenster aufgehängt haben.
Die Familie hatte eine Goldschmiede (ein einziger Ring ist noch vorhanden und heute bei mir) und war die erste, die in der Stadt ein Automobil besaß. Du hast eine Ausbildung machen können, allein das war damals für Mädchen alles andere als selbstverständlich, und dann noch als Fotolaborantin – im frühen 20. Jahrhundert die neueste High-Tech-Zukunftstechnologie. Ein privilegiertes Leben, hin und wieder auch Ausschweifungen beim Tanzen… Gleichwohl hast Du geheiratet und schon 1921/1922 zwei Töchter bekommen. Während des zweiten Krieges wurdest Du nach kurzen Heimataufenthalten Deines Mannes noch zweimal schwanger. Das erste Mal wurde ein Engelchen geboren, so hast Du es immer ausgedrückt, Deine letzte Tochter kam 1942: meine Mutter.
Zweimal hast Du alles hinter Dir zurückgelassen und nur eine Handtasche mitnehmen können: Im Januar 1945 zusammen mit Deiner alten Schwiegermutter und Deiner dreijährigen Tochter auf einem Flüchtlingstreck, der Euch nach Sachsen und in ein kleines zugewiesenes Zimmer als Wohnung brachte. Dein Mann hatte den Krieg überlebt, aber in einer Pflegerin aus dem Lazarett eine neue Partnerin gefunden. So betrachtest Du Dich ab jetzt als getrennt lebend. Ein zweites Mal 1959: Heiligabend besteigst Du, wieder nur mit einer Handtasche, zusammen mit Deiner jetzt 17-jährigen Tochter ein Flugzeug nach Westdeutschland. Ob Du ein Parfum in Deiner Handtasche hattest? Ich stelle es mir auf jeden Fall so vor. Jetzt wart Ihr beide arm; Du hast in der Mantelfabrik für einen kleinen Lohn Knöpfe angenäht.
Aber Du wirst Dich besonders in schwierigen Momenten an Deinem Parfum erfreut und mit ihm an Deine Herkunft erinnert haben. Mit dem pudrig-würzigen Orangen-, Kardamom- und Nelkenauftakt an den Salon im Haus Deiner Kindheit und Jugend, an die Tanzveranstaltungen, wo die Bouquets nach Nelken, Rosen und Narzissen dufteten, und die Damen dazu so verführerisch nach viel Moschus, deutlichem Zibet und Eichenmoos, an die ambersüßen Stelldicheins mit Verehrern, die Dich zum Tanz ausführten…
Immer warst Du stark und stolz, und Du hast Dein Leben genossen. Als Dich Dein Mann viele Jahre später bat, ihn aus der DDR in den Westen zu Dir kommen zu lassen, hast Du abgelehnt. Nie bist Du ohne Hut aus dem Haus gegangen. Du hast weiter „Chemise“ für Hemd und „Chaiselongue“ für Sofa gesagt.
Ich erinnere mich an Deinen Duft, pudrig-süßlich im Auftakt, später blumig, ohne dass einzelne Blumen hervorträten, aber von heute aus erkenne ich Nelken, Rosen und Narzissen, weiter stets pudrig bleibend, sich aber etwas verdunkelnd und leicht patchouli-erdig und moosig-holzig werdend, aber vor allem mit deutlicher Zibetanimalik – die ich vielleicht auch deswegen heute noch so liebe.
Du, meine Großmutter Vally. Endlich ist mir Dein Duft wiederbegegnet.
„Und was nützt das viele Leiden, wenn man sich nicht auch vergnügt
Die Sünden wiegen schwer, doch begehen kann man nie genug
Egal, wer oben liegt“ (Element of Crime: Alten Resten eine Chance)
Meine Probe ist natürlich nicht von 1932, aber auf jeden Fall von vor 2010.
Dankeschön an @Minigolf !
Generationenübergreifend könnten Oma Vally und ich heute ganz wunderbar zu diesem Song tanzen: Parov Stelar, The Mojo Radio Gang (Club Version)
https://www.youtube.com/watch?v=hZExx6-3Sng
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Kopfnote
Gewürze
Bergamotte
Koriander
Neroli
Orange
Herznote
Gewürznelke
Jasmin
orientalische Rose
Ylang-Ylang
Klee
Narzisse
Basisnote
Amber
Benzoe
Moschus
Patchouli
Zibet
Sandelholz
Eichenmoos
Vetiver
Zeder




Azahar
Misca
Gold
Primel
Turmfalke





























