Nuit de Bakélite 2017

Nuit de Bakélite von Naomi Goodsir
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7.9 / 10 267 Bewertungen
Nuit de Bakélite ist ein beliebtes Parfum von Naomi Goodsir für Damen und Herren und erschien im Jahr 2017. Der Duft ist grün-blumig. Haltbarkeit und Sillage sind überdurchschnittlich. Es wird noch produziert. Der Name bedeutet „Bakelit-Nacht”.
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Duftrichtung

Grün
Blumig
Holzig
Würzig
Harzig

Duftpyramide

Kopfnote Kopfnote
AngelikawurzelAngelikawurzel GalbanumGalbanum SafranSafran
Herznote Herznote
indische Tuberoseindische Tuberose DavanaDavana Ylang-YlangYlang-Ylang
Basisnote Basisnote
BirkenteerBirkenteer StyraxStyrax Cade-HolzCade-Holz Karo-KaroundeKaro-Karounde LabdanumLabdanum MoschusMoschus

Parfümeur

Bewertungen
Duft
7.9267 Bewertungen
Haltbarkeit
8.5232 Bewertungen
Sillage
8.2231 Bewertungen
Flakon
7.5202 Bewertungen
Preis-Leistungs-Verhältnis
7.498 Bewertungen
Eingetragen von OPomone, letzte Aktualisierung am 10.04.2024.

Rezensionen

14 ausführliche Duftbeschreibungen
4
Preis
3
Flakon
10
Sillage
10
Haltbarkeit
8.5
Duft
Gold

256 Rezensionen
Gold
Gold
Top Rezension 66  
Glückliche Zufälle
Hattet Ihr schon 'mal einen "moment of serendipity" beim Erkunden eines neuen Duftes?
"Serendipity" - dieser Begriff, den man mit "glücklicher Zufall" übersetzen könnte, fiel mir ein, als ich mich mit "Nuit de Bakélite" und seiner Schöpferin Isabelle Doyen zum ersten Mal genauer beschäftigte.

Zu Weihnachten bekam ich von meiner französischen Freundin ein wundervolles Buch mit dem Titel "Les Parfumeurs" - dans l'intimité de grands créateurs de parfum" (Harper Collins, 2018).
Hier berichten zehn große Nasen (u.a. Thierry Wasser, Mathilde Laurent, Annick Menardo u. Jean-Claude Ellena, um nur einige zu nennen) selbst über ihren Werdegang und ihren Beruf, aber auch über sehr Privates.
Auch Isabelle Doyen ist mit von der Partie (p.51-77).
Ich habe den von ihr verfassten Text verschlungen und mich besonders über ihre Ausführungen zu diversen Inhaltsstoffen von "Nuit de B." gefreut, da ich es immer faszinierend finde, wenn Parfumeure ihre Arbeiten erklären.
Zudem gibt es einiges, was ich über Madame Doyen nicht wusste.
Eine Substanz hat es ihr nämlich seit ihrer Kindheit (so wie mir seltsamerweise auch) sehr angetan. Und das ist Galbanum. Das erste Parfum, das sie als Teenager trug, war "Vent Vert" von Balmain, geschaffen von der genialen Madame Cellier. Es enthält eine sehr starke Galbanumnote.
"Ich fand das faszinierend", schreibt Isabelle Doyen. (Alle folgenden französischen Passagen sind von mir übersetzt, da das Buch noch nicht auf Deutsch erschienen ist).
"Diese Faszination für Galbanum hat mich nie mehr verlassen. Übrigens, es stellte sich heraus, daß im Iran ein hervorragendes Galbanum produziert. Als ich später im Leben in Pakistan meinen Mann kennengelernt habe und ich erfuhr, daß er Iraner ist, habe ich ihm gesagt: 'Sie kommen aus dem Land des Galbanums!' Er wußte nicht, was das war und hat daher einfach "ja" geantwortet. ..
Es war klar, daß mein zukünftiger Ehemann dank dieses erdverbundenen Elements eine ganz besondere Aura besaß...".
Weiter schreibt sie, daß zu ihren ganz besonderen Lebensdüften "Chanel No. 19", "Mitsouko", "Miss Dior" und "Femme de Rochas" zählen. Natürlich enthalten diese Galbanum.
Eine weitere Assoziation zum Iran stellt ihre besondere Liebe zu Safran dar. "Safran ist meine älteste Dufterinnerung und weil sich alles überschneidet, ist auch der Safran so wie Galbanum ein Geruch, der mit dem Iran verbunden ist."
In "Nuit de B." finden sich Safran und Galbanum sofort beim Aufsprühen in der Kopfnote! Fantastisch.
Doch ganz besonders spannend wird der Duft durch die außergewöhnliche "Behandlung", die Doyen der Tuberose zukommen läßt. Auf Seite 63 des Buches "Les Parfumeurs" spricht sie von vier Träumen, die sie gerne realisieren wollte oder noch will.
"Einer meiner Träume ist es, mich in ein Feld von Tuberosen zu legen... und weil ich so gewisse kleine Obsessionen habe, würde ich mir wünschen, daß es fantastische iranische Tuberosen wären. Die Tuberose gehört zu den Blumen, die man noch nicht "zerstört" hat. Man hat sie noch nicht über alle Gebühr in Reinigungsmitteln eingesetzt, ganz im Gegensatz zum Flieder oder zum Maiglöckchen. Es gibt Blumen, die wirklich schon zu Karikaturen geworden sind, die uns abstoßen können, obwohl ein kleiner Zweig echtes Maiglöckchen für jene, die diesen Duft lieben, außergewöhnlich schön sein kann. Die Feinheit dieser "zerstörten" Düfte wiederherzustellen, das ist aus meiner Sicht eine der schwierigsten Übungen, die es gibt."
In "Nuit de B." findet sich eine sehr besondere Tuberose, eine, die selbst mir, die ich sonst kein großer Fan dieser Note bin, gefällt. Sie besitzt eine grüne, luftige Anmutung. Eine Tuberose, die ein wenig nach Wurzelwerk und Medizin riecht, aber auch Karotte und Iris evoziert. Das Galbanum ist sehr stark präsent, besonders zu Beginn, aber es zieht sich im Verlauf weiter durch den Duft, der dadurch einen gewissen grünen Vintagecharme bekommt.
Auch etwas Baumrinde und Birkenteer kann man erkennen, aber vor allem die Tuberose in ihrem völlig neuartigen, grünen, würzigen Gewand.
Auf die "Bakelit"-Assoziation vermag ich übrigens nicht einzugehen, da mir der Stoff nichts sagt und ich keine Erinnerung an den Geruch eines alten Röhrenradios oder eines Telefons aus Bakelit besitze.

"Nuit de B." ist anders als alle Parfums, die ich bisher gerochen habe. Wer sich für diesen Duft entscheidet, trägt etwas Neues, etwas, was vorher noch niemand jemals in dieser Form erschaffen hat.
Kein Wunder, daß der Duft verschiedene Preise gewonnen hat: "Prix de l'émotion de l'Olfactorama", "Expertenpreis der Fragrance Foundation Awards", "Independent-Preis bei den 'Art and Olfaction Awards' " im Jahre 2018.
Besonders spannend finde ich, daß "Nuit de B." sich letzten Endes auf zwei Meisterwerke der großen Germaine Cellier bezieht, nämlich auf "Vent Vert" (1945) und "Fracas" (1948).
Die kluge Isabelle Doyen tritt mit diesem herausragenden Werk daher aus meiner Sicht in die Fußstapfen der Germaine Cellier.
So schreibt Isabelle:
"Aber manchmal, für meinen Geschmack zu selten, wird man sich dessen bewußt, daß sich in einem ganz bestimmten Moment in einer Formel so etwas vollzieht wie MAGIE". (S. 68).
In "Nuit de B." passiert wirklich genau das.

P.S. "Serendipity: the occurence and development of events by chance in a happy or benificial way":
so glad I found this scent!

39 Antworten
10
Flakon
9
Sillage
10
Haltbarkeit
10
Duft
Parma

260 Rezensionen
Parma
Parma
Top Rezension 37  
Ich. Liebe.
Dieser Duft berührt meine Seele wie bisher kein anderer.

Er ist ein tiefer, dunkler, fast schroffer Duft, aber mit einem so schönen zarten Kern, dass er mein Innerstes schwingen lässt – jenseits von Genuss und Freude. Er braucht das alles nicht, da er mich trifft, wehrlos macht und befriedet. Ich fühle mich verstanden.

Er zieht mich durch einen beinahe atemnehmenden, herbstaubigen, grüngrauen, bitteren Schleier sanft, aber bestimmt bis tief auf den Grund. Dort wartet eine so natürliche, erdverbundene, zurückgenommene Tuberose, wie du sie dir unprätentiöser kaum vorstellen kannst. Gänzlich unfleischig und wunderbar eingebunden in den herbgrünen, chypreähnlichen Rahmen, dass sie tatsächlich schüchtern wirkt. Dennoch ist sie das Herz, da sie dem Duft durch ihre sanfte Cremigkeit Wärme und eine dezente Lebendigkeit verleiht, die er zum Überleben braucht. Und eine hellholzig-klare, nahezu saubere Basis, die mich wieder an die Oberfläche bringt.

Dieser Duft hat soviel innere Stärke und strahlt eine Selbstverständlichkeit aus, dass ihn Manierismen nicht interessieren. Es geht ihm um Wahrhaftigkeit. Diese Unbeirrbarkeit bewundere ich sehr. Leicht sperrig, aber tragbar und wie alle Naomi Goodsir-Düfte mit einer im besten Sinne klassischen Seele, ohne altmodisch zu sein. Dicht, verwoben und mit wirklich außergewöhnlicher Haltbarkeit und starker Sillage.

Ein feines, kräftiges Statement für alles Schöne und Individuelle und deshalb von mir wahrhaftig geliebt.

Ergänzung vom 28.04.2020:
Mit der Neugestaltung des Flakons scheint auch eine Veränderung des Dufts einhergegangen zu sein. In der aktuellen Version wirkt die Tuberose noch unscheinbarer und vor allem die wunderbare, helle Holznote in der Basis ist nicht mehr zu vernehmen. Er bleibt durchgehend sehr düster. Der Eindruck des Kunststoffes, den ich bei der alten Version nicht hatte, stellt sich jetzt ein. Dadurch verliert er für mich ein Stück an Faszination. Die Bewertung läge nun etwa bei 8.5. Eine ähnlich nachteilige Entwicklung habe ich beim Iris Cendré ausgemacht. Zu den anderen drei Naomi Goodsir-Düften kann ich nichts sagen, da ich dort nur die alten Versionen kenne.
22 Antworten
7
Sillage
7
Haltbarkeit
8.5
Duft
Stanze

105 Rezensionen
Stanze
Stanze
Top Rezension 43  
Im sanften Schein des Röhrenradios
Als Kind besaß ich ein Radio von der Firma Nordmende. Ich kann heute nicht mehr sagen, ob es ein Tannhäuser oder ein Rigoletto war. Ein Röhrenradio jedenfalls. Ich machte es vor dem Einschlafen an und versuchte Sender in der Welt zu finden. Es standen so tolle Ortsnamen drauf. Die ganze Welt stand mir damit offen, unverständliche Sprachen und exotische Musik. Im sanften Licht der optischen Anzeige-Einheit habe ich so manches Buch gelesen (obwohl ich längst schlafen sollte). Der Staub auf den Röhren erwärmte sich und das Radio begann einen leichten Geruch auszuströmen, nach kokelndem Staub und Bakelit. Als Amateur-Funker kann ich auditorisch und mit Nuit de Bakélite olfaktorisch in diesen Bereich meiner Kindheit reisen.

Auch familiärer Tester M bestätigt, dass Nuit de Bakélite nach Bakelit riecht. Denn ihm sind des öfteren an alten Geräten (z.B. an seinem Philips Uranus) Knöpfe durchgebrochen und die rochen dann nach Nuit de Bakélite. Also löst es für ihn vielleicht nicht so eine schöne Erinnerung aus.

Knapp zusammengefasst riecht Nuit de Bakélite für mich blumig-holzig-synthetisch, denn Bakelit ist nun einmal synthetisch. Nicht synthetisch im Sinne von Riechstoff. Familiärer Tester M behauptet, dass Nuit de Bakélite am Anfang auch nach neuem Gummistiefel riecht. Das klingt nicht gut, mir gefällt es aber.

Nach dem Aufsprühen ist die Projektion noch nicht so stark. Sie wird dann aber deutlich stärker (muss wohl erst auf Betriebstemperatur kommen) und geht nach ein paar Stunden wieder zurück (wenn der Staub schon teilweise verbrannt ist). Bei mir hält Nuit de Bakélite leider nicht so gut, wie bei einigen anderen hier, etwa 6 bis 7 Stunden.

Nuit de Bakélite kann Frau, Mann und jeder andere ganzjährig bei jeder Gelegenheit tragen außer beim Sport. Natürlich eignet sich Nuit de Bakélite besonders bei Besuchen oder bei der Arbeit in Technikmuseen, bei Amateurfunk-Wettbewerben, bei 50er Jahre-Parties und beim Besuch von Flohmärkten.
24 Antworten
10
Haltbarkeit
9
Duft
Mikadomann

11 Rezensionen
Mikadomann
Mikadomann
Top Rezension 52  
Zur Hölle!
Nuit de Bakelite

Mich fasziniert dieser Duft nun seit Monaten.
Seit Monaten versuche ich einen Kommentar zu diesem Duft zu schreiben.
Seit Monaten versuche ich, meine Assoziationen in Wörter zu fassen.
Seit Monaten sammle ich Stichwörter.
Seit Monaten entgleiten sie mir.
Zur Hölle!

Nun, sei‘s drum!
Nehmt einfach das und macht damit, was Ihr wollt!

Nie wäre ich bei dem Duft darauf gekommen, dass er nach Bakelit riechen könnte.
Selbstverständlich nicht. Denn Bakelit ist ein vollsynthetischer Kunststoff, der industriell hergestellt wird. Er ist geruchlos.

Vielleicht ist es gar nicht so schwer, die Natur in einem Duft abzubilden. Jeder weiß, wie Wald riecht. Viele wissen wie eine Katze riecht. Aber wie setzt man etwas um, das überhaupt nicht riecht?

Es sind zwei Dinge, die meine Wahrnehmung des Duftes, den ich beschreiben möchte deutlich mitbestimmen. Es sind
1. die Kommentare und Statements der anderen Foristen und es ist
2. der Name des Parfüms, den die Künstlerin, die es geschaffen hat, ausgewählt hat.

Ich habe hier noch nie einen Duft als erster beschrieben. Ich habe noch nie einen Duft blind und ohne seinen Namen zu kennen getestet.

„Ein Duft für Damen und Herren“ ... Für alle drei Geschlechter.

Ausführungen der anderen machen Eindruck auf mich. Sie mitbestimmen meinen eigenen Eindruck, den ich von einem Duft gewinne. Sie pflügen den Boden, auf den meine Assoziationen fallen und bereiten ihn für meine eigenen Bilder. Genau so ist es mit dem Namen eines Duftes.

Ich fühle mich ungeheuer wohl mit diesem Duft. Er erlaubt mir eine Menge mehr zu sein.

Oft frage ich mich, ob das Thema, das in dem Namen eines Parfüms verborgen ist, wohl zuerst da war und ob wohl die Künstlerin oder der Künstler versucht hat, dieses Thema in einen Duft umzusetzen.
Oder ist es genau andersherum? Hat die Künstlerin ein Kunstwerk geschaffen, dem sie nun einen Namen gibt, der ihren Dufteindruck am besten fasst?

Geruchlose Dinge kann man nicht riechbar machen.

Selten, meine ich übrigens, hat ein Name zu einem Duft so hervorragend gepasst, wie bei diesem Duft.
Nuit de Bakélite. Bakelit-Nacht...

Wenn ich ein Ding beschreibe, dann beginne ich oft mit der Beschreibung seiner Oberfläche. Wenn ich ein Ding in Geruch übersetze, dann übersetze ich möglicherweise seine Oberfläche.

Wenn ich diesen Duft trage, dann fühlt es sich an, als sei meine Schale hart. Ich bin nicht aus Teflon. Aber wenn ich den Duft trage, dann gebe ich meine Persönlichkeit nicht so rasch preis. Ein Duft, der meine Geheimnisse bewahrt.

Eine Bakelit-Nacht: Ist ohne Schatten. Schafft starke Umrisse. Schafft klare Konturen. Ist blau. Ist grün. Ist metallisch. Wie der Panzer eines Käfers. Eines Käfers aus Kunststoff.

Ich spiele Mahjongg. Nicht das Spiel, das man am Computer spielt, um die Zeit tot zu schlagen und das so funktioniert, wie ein Memory. Ich meine das wunderbare Spiel, das in den zwanziger Jahren berühmt war und das seine Wurzeln in China hat. Heute sind die meisten Steine aus Plastik. Die schöneren Spiele sind aus edlem Holz. Die ersten alten Spiele waren aus Elfenbein. Später dann waren die Steine aus Bakelit.

Mich fasziniert dieser Duft. Entfremdet mich von mir. Der Duft bringt mich eher zum Denken als zum Fühlen.

Manche Parfümeure sind Designer.
Manche Parfümeure sind Künstler.
Manche Parfümeure sind Zauberer.
Manche Parfümeure sind Hexer.

Den Duft würde ich nie zu einem Rendezvous tragen… Aber zu einem Date!

Die Musik, die zu diesem Duft gehört, rattert. Sie wird schneller, kantig, eckig, peitscht. Die Noten beschreiben den Klang und nicht die Melodie. Plötzlich geht sie aus und das Licht geht an und auf dem Boden ist der ganze Alkohol ausgekippt.

Man merkt genau, wenn etwas besonders ist.

Als man das Spiel in den zwanziger Jahren gespielt hat, konnte man sehr viel Geld dabei verlieren. In den großen Metropolen spielte man es in den Hinterzimmern. Lange Zigarettenspitzen. An dunklen Tischen. Lackiert. Das Holz der Tische- und die Fingernägel.

„Hier sind fünf Mark. Geh in den Supermarkt und Kauf mir dafür fünf Kilo Liebe!“
„Liebe kann man doch nicht kaufen!“
Kann man doch...

Es bleibt etwas Künstliches. Selbst, wenn man Hilfe in den Bildern der Natur sucht. Denke ich an Blumen bei dem Duft? Vielleicht an Anthurien. Für mich eine der unnatürlichsten Blumen, wenn es das überhaupt gibt.

Wenn man Glück hat, dann findet man so ein Spiel noch zwischen Antiquitäten. Man spürt den Unterschied zwischen Plastik und Bakelit rasch

„Die Welt, die monden ist.“ Rilke

Die Spielsteine aus Bakelit werden auf dem Tisch ausgebreitet und gemischt. Wenn die Steine aneinanderstoßen, dann entsteht ein Geräusch: ein helles Klickern, das man in China mit dem Zwitschern von Sperlingen verglichen hat. Mahjongg heißt dort das „Sperling-Spiel“.

Die Duftpyramide hilft mir überhaupt nicht. Angelika rieche ich auch. Aber was hilft das? Ich glaube, alle Inhaltsstoffe dienen nur dazu, eine flache Oberfläche zu gestalten, an der ein Tautropfen, Regen oder eine Schweißperle hinabrinnen würden.

Ich erinnere mich an ein Bild. Ein Portrait eines Expressionisten. Das Gesicht der Frau rot. Nase und Kinn spitz. Die Haare wie ein dreieckiger Turm schwarz. Tiefe Ringe unter ihren Augen. Die Lippen wie ein Blitz geformt. Hätte die Gemalte diesen Duft getragen, hätte man ihr Gesicht grün malen müssen.

Wenn Fingernägel über Kunststoff Katzen, können Sie abbrechen. Wenn Fingernägel über Bakelit gleiten, hat man das Gefühl, als könne man sie in das Plastik graben und zurück blieben kleine Monde.

Die Oberfläche von altem Bakelit fühlt sich nicht so kalt an, wie unser heutiges Plastik. Es ist kühl in der Hand und wird rasch angenehm warm und dann hat es etwas Wächsernes.

Der Duft ist ein Formwandler. Ein Formwandler auf meiner Haut. Er nutzt sie als Projektionsfläche für sich selbst. Damit ist er der egoistischste Duft, den ich je getragen habe.

Jetzt bin ich sicher. Es muss deutlich leichter sein, einen Waldspaziergang in eine Flasche zu füllen als einen schroffen, kantigen Klumpen aus Kunststoff.

Hier wird keine Liebesgeschichte erzählt und es gibt auch keine Leidenschaft. Kühle Anziehung vielleicht… Aber das ist morgen schon vorbei.

Der erste Eindruck ist ein wenig rauchig. Das ist aber auch schon die sanfteste Assoziation.

Das Licht gestaltet die Oberfläche. Bakelit glänzt nicht. Es ist eher, als schlucke das Material das Licht und werfe nur den Rest des Lichtes, den es übrig behält wieder zurück.
Die Oberfläche schimmert. Wenn es das Wort gäbe: Kerzen-kalt...

Die Männer haben keine Haare auf der Brust. Sie haben gar keine Haare - nirgendwo. Sie sind rasiert - überall. Aber um Haut geht es hier auch nicht. Eher um weißes, steifes Leinen. Nein: der Stoff, aus dem das Hemd ist, muss künstlicher sein.

Ich rieche diesen Duft noch Tage später an mir. An meinen Händen und an meinen Sachen. In meinem Auto. Und immer wenn ich ihn rieche, denke ich: Er ist noch da.

Die Bernstein-Nacht ist versickert im eignen Dunkel. Hier ist der Ballsaal im künstlichen Licht. Männer mit ihrer Hand am Knie der Damen und mit dem Blick an den Lippen des Kellners. Über Ambre Nuit würde man sich hier totlachen.

Diese Blume trägt man nicht im Knopfloch. Man trägt sie in der Gürtelschnalle.

Der Ritter trägt keine Rüstung aus Stahl.

Mit alledem macht jetzt, was ihr wollt.
Der Duft mach das schließlich auch…
24 Antworten
10
Flakon
8
Sillage
8
Haltbarkeit
9.5
Duft
FvSpee

323 Rezensionen
FvSpee
FvSpee
Top Rezension 34  
Bakelit~Nacht
Auf den Test von Nuit de Bakélite hatte ich mich schon gefreut, denn ich erinnerte mich vage, viel Gutes von ihr gelesen zu haben. Aufgrund des Namens hatte ich allerdings einen eher sperrigen, schwierigen Duft erwartet. Als es dann gestern Abend so weit war, war es (schon wieder) einer der seltenen Momente, in denen mir klar war, einen Ausnahmeduft vor der Nase zu haben. Und noch dazu einen überhaupt nicht sperrigen. Nuit de Bakélite ist von überwältigender Schönheit; ein sanfter, aber dicht und fest gewobener Duft~Stoff; traumartig und hellwach, befriedend und belebend; erdend und emporhebend. Diese Nacht ist blumig, so viel steht fest, darüber hinaus versagt auch hier mein deskriptives Vokabular: Es stellen sich keine Vergleiche und keine Bilder ein, Adjektive auch kaum, und wenn, wirken sie zu trivial. Mit einer Charakterisierung als 'grün' kann man bei viel Galbanum quasi nicht falsch liegen, aber ehrlich gesagt wäre mir nicht einmal das von selbst eingefallen. Zudem scheint mir, dass jeder die Bakelit~Nacht anders empfindet, als ob sie ein Spiegel oder eine Leinwand wäre, sodass nichts bliebe, als sich selbst der Sinnen~Erfahrung zu unterziehen.

Es genügt ein Blick auf die bisherigen Kommentare und Kurz~Einwürfe, von denen die meisten fasziniert sind, aber kaum einer in der Beschreibung übereinstimmt. Auch ich kann etliches nicht nachempfinden, weder den Staub aus Parmas Hymne, noch das (namensgebende) Kunstharz aus Stanzes launiger Erinnerung. Ich muss daher erneut um Verständnis bitten, dass ich mich einer Beschreibung enthalte und auf meine fast stumme Bewunderung und Begeisterung für Nuit de Bakélite beschränke. Und auf einige Absätze zu Neben~Gesichtspunkten des Duftes, weit genug vom unsagbaren Zentrum entfernt, sodass ich dafür auch Worte finden kann:

Naomi Goodsir ist eine Marke, die ich bis vor sehr Kurzem gar nicht kannte; aber ich halte sie für sehr testenswert. Es gibt bislang nur etwa ein halbes Dutzend Düfte. Wie Frau Goodsir das geschafft hat, weiß ich auch nicht. Die Dame selbst scheint eine etwas ältere und spleenige australische Geschäftsfrau mit Hang zum Künstlerischen zu sein, die "in Mode und Düften macht"; und für ihre kleine Duftserie hat sie zwei erfahrene, aus verschiedenen "Ställen" kommende Parfumeure engagiert: Herrn Julien Rasquinet und - so auch für diese Duft hier - Frau Isabelle Doyen. Trotz dieser "Zufälligkeiten" zeichnet sich die Linie durch ein einheitliches Gepräge aus: die Düfte imponieren als besonders, innovativ und hochwertig. Sie sind alle ein wenig weich und verträumt, und bei aller Künstlichkeit (im alten, besten Sinn dieses Wortes) jedenfalls meiner Meinung nach absolut tragbar. Die Preise sind für Nischendüfte noch nicht im roten Bereich (50 ml 140 Euro).

Bei einem Duft dieser exzeptionellen Güte schaue ich dann etwas genauer auf den Parfumeur. Frau Doyen hat bisher fast ausschließlich für Annick Goutal gearbeitet und verantwortet hier einige mir bekannte sehr schöne Düfte, die ich so besonders und eigentümlich fand, dass sie mir auch Jahre nach dem Testen noch in der Nase liegen, so z.B. die fast gleichzeitig entstandenen, sehr ähnlichen und beide sehr schönen "Ambre Fétiche" und "Encense Flamboyant", die wirklich sehr schöne und leider schon eingestellte "Mimosa" und das hochoriginelle "Ninfeo Mio" (bei dem ich immer an einen leckeren grünen Salat mit Dill und Zitronensaft denken muss). Auch das "Eau de Monsieur" stammt von ihr, das ich mir einmal gekauft habe, aber dann doch als zu flüchtig und zu wenig besonders aussoriert habe. Ich empfinde da durchaus eine Verbindung zu dieser Künstlerin, aber die Bakelit~Nacht dürfte ihr Meisterwerk sein.

Obwohl ich den Flakon noch nicht in der Hand hatte, gebe ich ihm zehn Punkte. Das Glas ist von klarer, schlichter Form, sachlich-funktional und dennoch schön; ich liebe solche Arten von Verpackung, die für ein schönes Kunstwerk ein würdiger Rahmen ist. Bei der kleinen Flasche (50 ml) wirkt freilich die Kappe etwas überdimensioniert und erinnert mich an einen Lampenschirm. Einen schönen allerdings. Noch schöner ist das Etikett, für das - insbesondere für die Schrift~Type und die äußerste Konzentration, ich auch gerne 11 Punkte gegeben hätte.

Ab jetzt werde ich bei jedem Duftkommentar auch den Namen des Duftes bewerten. Dieser bekommt eine glatte zehn. Wie überhaupt die Namen dieser Serie alle sehr schön sind, so etwa auch Iris Cendré (übrigens auch ein schöner Duft!). Sie wären alle einer schönen, literarischen Übersetzung ins Deutsche würdig, die dann ebenfalls in sanft historisierenden Lettern auf dem Etikett prangen könnte. "Aescherne Schwert~Lilie" müsste der gerade genannte Duft dann heißen, und dieser hier "Nacht von Bakelit" oder noch besser "Bakelit~Nacht", womöglich mit einer doppelten und schrägen Welle als Trennstrich, wie in einigen alten Drucktypen vorhanden. Ich weiß zwar nicht, warum dieser Duft "Nuit de Bakélite" heißt, denn er kommt mir weder sehr dunkel vor, noch rieche ich (anders als Stanze) Kunstharz. Die Höchstpunktzahl gibt es aber, weil der Name kurz und dennoch ungeheuer prägnant ist. Und noch poetischer. Meine Güte, wie schön das ist: "Bakelit~Nacht": was für ein Bild! Eine Nacht schwarz wie Bakelit, dieses alte Kunstharz, aus dem vor 100 Jahren die Telefone mit den schweren Hörern und schnarrenden Gabeln und die Lichtschalter mit Drehknopf gemacht waren; ein Bild wie "pech~schwarz", aber zugleich diese Spannung von Natur und Künstlichkeit: Die Nacht, bei der wir an eine Sternen~Nacht oder eine Liebes~Nacht denken, an ursprüngliches, natürliches, und dann der Kunststoff, der aber eben auch wieder kein schnödes und giftiges PVC ist, sondern ein gleichsam antikes, schon wieder geadeltes Produkt der chemischen Industrie. So lange noch solche ins Herz treffenden Namen möglich sind, wie peinlich wirken da geschwätzige Wortschöpfungen, für die das Etikett Überlänge haben muss.

Meine Einschätzung von poetischer Schönheit und Tragbarkeit des Duftes steht nicht unbestritten im Raum. Frau von Spee nahm als vorherrschende Note "Flugzeugbenzin" wahr, und berufliche Mit-Testerin B "Hubba-Bubba und Klosteine". Beide bewerteten Nuit de Bakélite auf einer Skala von Null bis Zehn bei etwa minus drei. Inwieweit dies mich bei meinen Erwägungen zum Kauf des Duftes beeinflussen wird, bleibt abzuwarten.

Zehn Punkte für den Duft gebe ich schon deshalb nicht, damit Parma nicht eifersüchtig wird. Ich werde ihm seine Geliebte nicht streitig machen.
23 Antworten
Weitere Rezensionen

Statements

99 kurze Meinungen zum Parfum
JonasP1JonasP1 vor 3 Jahren
7
Flakon
8
Sillage
8
Haltbarkeit
7
Duft
Grauer Staub setzt sich ab
In kühlen Galbanum-Gefilden
Trockene Wurzeln pochen
Brechen die Teerdecke auf
Tief abwärts
Leuchtet Labdanum-Harz
33 Antworten
SchalkerinSchalkerin vor 2 Jahren
9
Flakon
7
Sillage
8
Haltbarkeit
8
Duft
Auf den alten Metall Gleisen liegend
schweift der Blick umher
Ich rieche Grün, Ylang Ylang und Galbanum
Eine Tuberose, mal ganz anders, gut.
63 Antworten
FloydFloyd vor 3 Jahren
7
Flakon
9
Sillage
9
Haltbarkeit
8.5
Duft
Blütenstaub glimmt
An fleischigen Kelchen
Funkenflug an feuchten Wurzeln
Nerolianische Feuerleuchten
Schmorend in Birkenteer und Harzen
25 Antworten
AzuraAzura vor 3 Jahren
9
Flakon
9
Sillage
8
Haltbarkeit
10
Duft
Das Leben ist bitter,
Drum lass es uns feiern!
Und eines Tuberosentages
Wird, wie Phönix aus der Asche,
Mit Macht erstehen
Das junge Grün
14 Antworten
NuiWhakakoreNuiWhakakore vor 3 Jahren
9
Sillage
8
Haltbarkeit
7
Duft
taufeuchter Grünschnitt
Blumen trocknen würzig
in der Nacht der Harze
ist kaum Rauch und Holz
oder
Was riecht hier so komisch? *
24 Antworten
Weitere Statements

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