Café Rose 2012

Version von 2012
Carpintero
26.08.2023 - 08:53 Uhr
3
8
Preis
10
Flakon
8
Sillage
9
Haltbarkeit
10
Duft

Man(n) trinkt Kaffee — Hinter der Gardine.

Über diesen wunderschönen, einzigartigen Duft wurden schon etliche wunderschöne und einzigartige Rezensionen verfasst: Nichts, was ich dem noch hinzufügen könnte. Und doch löst der Duft, welchen ich viel zu lange ignoriert habe, Emotionen in mir aufkommen, die mich an die Tastatur zwingen, um nun doch noch eine Rezension zu verfassen.

Von der Rose ohne Stacheln, über Rosen hinter einem Schleier bis hin zum männlichsten Rosen-Duft liest man über diesen Duft alles. Einmal, schon vor Jahren, habe ich diesen Duft einmal getestet, die Nase gerümpft und dieses — aus heutiger Sicht — Meisterwerk dann wieder vergessen.

Dann las ich davon, dass der Café Rose in Form eines Re-Releases in die Signature Collection gewandert war und wohl auch Opfer einer Reformulierung wurde. Zur gleichen Zeit war ein sehr lieber Parfumo bereit, seinen 250 ml Dekanter des Café Rose zu verkaufen — und ich schlug zu, halb blind. Und nun ist er mein, dieser perfekte Duft.

Eins vorweg: Kaffee rieche ich explizit NICHT heraus. Und doch bin ich überzeugt über dessen Vorhandensein im Duft.

Der AUFTAKT des Duftes ist punchy, stechend, laut: Die Rose hat definitiv nichts an Stacheln eingebüsst, denn beim ersten Riecher nach dem Auftragen besteht schon fast Verletzungsgefahr. Ein bekannter YouTube würde es „In Your Face“ nennen, dem kann ich trotz Polarisierung in diesem Fall nur beipflichten.
Geschuldet sei das wohl dem schwarzen Pfeffer, der im Auftakt wirklich federführend wirkt und in dieser Hinsicht sogar an den Rose Prick erinnert (welchen ich nebenbei bemerkt auch sehr schätze!). Gleichzeitig riecht man die Mairose, die etwas sehr Romantisch-Süsses in den Duft mitbringt. In Kombination mit dem Safran entsteht hier etwas, was sich nur schwer beschreiben lässt, wobei SCHWER wohl das richtige Attribut ist. Es riecht subtil, leicht honigartig, üppig, dumpf und - eben - schwer.

In der HERZNOTE passiert dann aber etwas merkwürdiges: Geschockt vom Auftakt mischen plötzlich Noten in den Duft hinein, die ich so weder erwartet noch kombiniert hätte. Neben der türkischen und bulgarischen Rose — die man übrigens auch wieder im bereits zuvor genannten Rose Prick findet — legt sich über die stechende Rose-Safran-Pfeffer-Kombination eine Art Schleier.
Es ist wie ein olfaktorischer Hochnebel oder eine Art Dämmerung. Es muss aber, ohne ihn eben explizit herausriechen oder differenzieren zu können, der Kaffee sein, der an dieser Stelle seine wundersame Wirkung entfaltet.
Kaffee, der ja bekanntlich im Stande dazu ist, andere, teils unangenehme Gerüche zu neutralisieren, wirkt hier dank seiner Aromen wie ein Graufilm über den Rosen, dem Safran und dem Pfeffer. Und auch auf die Gefahr hin, hier redundant zu sein: Es liesse sich wohl am ehesten mit einer durchlässigen Gardine vor einem Fenster, das zum Rosengarten hinausblickt, vergleichen. Man „sieht“ die üppigen Rosen, kann sie mit dem olfaktorischer Auge wahrnehmen — und doch verschwimmen die definierten Kanten, Ecken und Stacheln (!) durch die Gardinen.
Der Kaffee, dessen holzige, erdige Attribute man hier wahrnimmt, liegt hier über dem Rosenbett wie ein dichter Hochnebel. Nuancen, die nach Tabak und Rum anmuten, bringen hierzu weitere Facetten ins Spiel, obschon sie in der Duftpyramide nicht hervorgehen.

Sehr geradlinig geht diese Kombination dann bei der HERZNOTE noch dunkler und tiefer. Auch wenn der Amber eher dazu tendiert, Düfte heller erscheinen zu lassen, wird dieses Phänomen sehr schnell durch trockenes, sehr erdiges Patchouli ausgeglichen. Die balsamisch-süsse, samtig-warm anmutende Komponente des Sandelholzes rundet den Duft auf herrliche Art- und Weise in dessen Basis ab, unterstreicht aber einmal mehr auch die verführerischen Rosen, die sich unter dem Nebel immer und immer wieder herauszukämpfen versuchen.

Als FAZIT kann festgehalten werden, dass dieser Duft neben den anderen Rose-Düften von Tom Ford eindeutige Daseinsberechtigung hat. Ich fürchte nur, er geht neben dem wesentlich populäreren Rose Prick, Rose d‘Almalfi und Rose de Chine etwas unter. Ein Understatement quasi.
Mit grosser Sicherheit aber ist dieser Duft die männlichste Interpretation eines Rosen-Duftes aus dem Hause Ford, was aber nicht heissen soll, dass eine Frau diesen Duft nicht tragen kann. Genauso wie ein Mann auch Rose Prick trägt. Die Grenzen verschwimmen hier und das ist auch eindeutig gut so.

Durch den Schleier, den Hochnebel, die Gardine (oder was auch immer es sein mag) erhält der Duft jedoch etwas Mystisches, etwas Dunkles, etwas Trauriges oder vielleicht sogar etwas Melancholisches. Dadurch passt dieser Duft herrlich in die kältere Zeit des Jahres, wenn die Baume ihre Blätter verlieren, der Hochnebel zurückkehrt und man mit Sehnsucht raus aufs Rosenbeet blickt. Durchs Fenster. Hinter der Gardine. Dazu trinkt man/Mann eine Tasse Kaffee und weiss über die Sicherheit, dass auch nach dem kältesten Winter wieder der Frühling kommt.
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