Kennt ihr das Gefühl, es durch eine schwierige Woche ans rettende Ufer des Wochenendes geschafft zu haben und das dann mit einem guten Abendessen zu feiern. Klar. Ist irgendwie eine anthropologische Grunderfahrung. Das ist jetzt mein Zustand. Und deshalb wollte ich eigentlich die Folge 9 ausfallen lassen und mich sinnlos vor den Fernseher setzen. Aber genau in dem Augenblick hat mich eine PN einer (ausgesprochen schreib-begabten) Mitparfuma mit einem Lob des Einfach-Losschreibens trotz allerlei Widrigkeiten erreicht. Und damit war ich am Mantenkragen der Ehre gepackt. Also hab ich mich umentschieden, und hier kommt wieder eine Folge. Noch sinken die Einschaltquoten ja auch nicht...
Also, wir bleiben mal in der Provence, wo wir ja gestern schon in Lourmarin warin. Heute geht es nach Esterel, das ist ein Mittelgebirge an der Cote d'Azur, und da ist es im Sommer scheiße heiß. Außerdem gibt es dort viel Wildnis und Landschaft mit viel Pflanzen und Tieren, und früher auch mal heiligen Einsiedlern in Einsiedlerhöhlen und weniger heiligen Räubern in Räuberhöhlen, worüber die gute Stanze, die in ihrem Job jetzt wahrscheinlich alle Hände voll zu tun hat, ja im Vorkommentar sehr anschaulich geschrieben hat. Harry Lehmann hatte vor etwa 2 Jahren mal wieder eine französische Phase und hat ein paar neuen Düften ebensolche Namen verpasst, diesem hier eben "Esterel". Ist also ein neuer Lehmann. Für den Namen gebe ich übrigens 9,5 Punkte, denn er klingt schön, ist kurz, trifft den Duft inhaltlich-thematisch und sitzt irgendwie wie angegossen. Ganz einmalig ist er nicht, denn es gibt noch ein paar andere Düfte, die so heißen. Sonst hätte ich vielleicht 10 gegeben.
Esterel ist von der Grundidee her ähnlich wie der gestern kommentierte "Dimanche à la Campagne" von Guerlain: Ein zitrisch-grüner Sommerduft, zuerst eher zitrisch, dann sachte ins Grüne wechselnd, und insgesamt sehr einfach gestrickt und trotzdem von großartiger, durchschlagender Wirkung in seiner Einfachheit. Die beiden Düfte unterscheiden sich aber trotzdem deutlich. Der Guerlain hat eine weiche Moschus-Basis, die im Grunde bis in die Kopfnote ausstrahlt, wodurch ein leichter Schleier über den Duft liegt, wie ein Dunst über der Sommerlandschaft. Dadurch erinnert das eher an Frühsommer, und der absolut unisexige Duft hat eine ganz leichte Neigung ins Feminine. Esterel dagegen ist viel härter, kantiger, ein bisschen schroff fast, und total ohne Weichzeichner. Das kommt maskuliner rüber, und hochsommerlicher. Klare Kontraste. Brüllende Hitze mit scharfem Licht, und dagegen vielleicht ein eisgekühltes, kristallines Wasser. Außerdem halten sich beim "Sonntag" die zitrischen und die grünen Noten (die hier auch Kräuter einschließen) in etwa die Waage, wohingegen Esterel ein vorwiegend zitrischer Duft ist, der nur leicht angegrünt ist. Und, nicht überraschend bei Lehmann: Esterel hat viel mehr Körper, Wucht, Haltbarkeit und Sillage als der Guerlain. Was beide gemeinsam haben, ist, dass die Zitrik eine helle, gelbe ist; ich tippe hier auf Zitronen in der Hauptsache, um die sich andere Zitrusfrüchte vielleicht rumgruppieren. Dadurch, dass das bei Esterel weniger stark durch grüne Noten und durch moschüssige Weichzeichnungen ausbalanciert wird, gewinnt die Zitrik gerade anfangs eine gewisse Schärfe, die dann in der Tat manchmal die gefürchtete "Ata-Scheuerpulver-Note" schrammt, wobei ich das gar nicht schlimm finde. Die haben dem Scheuerpulver diese Geruchsstoffe ja zugesetzt, weil sie gut riechen, nicht weil sie stinken, sonst röche Scheuerpulver ja nach altem Schweiß.
Freunde der Harrys werden jetzt vielleicht aufmerken und sagen: Moment mal, zitrisch-grüne Kracher, das haben wir doch schon im Sortiment. Richtig! Springfield. Und wieder ist er da, der Referenzfrischling aus dem Hause Lehmann. Daher auch hier noch ein Vergleich (ich habe mir vor Beginn dieses Kommentars extra je 2 Sprüher Springfield und Esterel auf je ein Küchentuch gemacht um direkt vergleichen zu können): Die Zitrik von Esterel ist zitronig, die von Springfield ist, und das merke ich erst jetzt im Vergleich so deutlich, viel bitterer und auch ein wenig süßer, das geht mehr in Richtung Pomeranze und Orange. Esterel ist, wie gesagt, ganz überwiegend zitrisch, wohingegen Springfield eigentlich umgekehrt etwas stärker grün ist. Und Springfield hat diesen ganz tief versteckten, kaum spürbaren animalischen Subtext, wodurch es noch maskuliner als Esterel und vor allem sowohl zum viel erotischeren, als auch zum viel raffinierteren Duft wird. Das will Esterel aber nicht sein, Esterel bleibt ein fröhlicher, ehrlicher, starker prima Sommerduft.
Gestern ging es ja auch um Camus, und eines seiner Hauptwerke, "l'homme revolté" wird im Deutschen immer mit "Der Mensch in der Revolte" übersetzt, aber ich denke, um Revolte im Sinne von Straßenschlachten geht es hier nicht, sondern mehr um so etwas wie die Umkehr (natürlich ist es so oder so ein Spiel mit Wort-Bedeutungs-Nuancen). Jedenfalls ein Anlass, mich auch hier nochmal gründlich zu revidieren, nach der Revision meines Entschlusses, heute keinen Kommentar zu schreiben. Ich hab nämlich mein altes Statement zu diesem Duft hier gerade ersatzlos gelöscht. Ich hatte damals 5,5 Punkte gegeben und von vergorenen Früchten gefaselt. Entweder der von mir probierte Duft war damals gekippt, oder ich habe bei Lehmann im Laden (ja, das sind solche Räume, wo früher, vor der Seuche, die Leute reingegangen sind, um Dinge zu kaufen) den falschen Glasballon erwischt, oder ich hatte zuviel vergorene Früchte gegessen. Unfug, das. Stanze hatte druntergeschrieben: "Wundert mich jetzt, ich war mir sicher, der würde dir gefallen". Recht hat sie. Der gefällt mir auch. Und ich nehme den Duft ja auch ganz ähnlich wahr wie sie in ihrem Kommentar.
Esterel ist also ein hell-zitrischer, mit etwas Grün verschönerter, ganz leicht ins Maskuline spielender Hochsommer- und Gute-Laune-Duft. Satt, rund, voll, ein bisschen laut, ein bisschen kantig, aber wirklich sehr schön. Ich habe ihn im Januar viel auf meiner Thailand-Reise getragen, und in dieser Hitze kam er sehr gut raus und wurde sowohl von den Farang (also Westlern) als auch von thailändischer Seite sehr gelobt. Aber auch in Deutschland unter Bürobedingungen ein Duft, dem immer Wohlwollen entgegengebracht wird und der die Stimmung der Umgebung hebt. Düfte wie Esterel zeigen, dass die Zeiten der guten Lehmänner noch lange nicht vorbei sind und lassen hoffen, dass der Laden noch lange bestehen wird. Klare Test- oder Blindkaufempfehlung für alle Freunde zitrischer Sommerdüfte und alls Fans der Lehmanniade!