10.10.2025 - 02:03 Uhr

Intersport
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27
man steigt nicht zweimal in denselben Strom…
Ποταμῷ οὐκ ἔστιν ἐμβῆναι δὶς τῷ αὐτῷ - Man steigt nicht zweimal in denselben Strom…
Heraklit (Fragment B91 DK)
2007 veröffentlichte Chanel die Reihe Les Exclusifs de Chanel – und damit einen frühen Beitrag zum mittlerweile obligatorisch gewordenen Trend der 'exklusiven' Linien aller großen Modehäuser. Keine davon konnte allerdings den ersten Les Exclusifs Veröffentlichungen das Wasser reichen – niemand außer Chanel verstand es, ausgeklügelte neue Düfte mit der Neuauflage einiger Klassiker wie Cuir de Russie (1924) oder N° 22 (1922) zu verbinden, und niemand konnte mit Trümpfen wie 31 Rue Cambon, Coromandel, oder N°18 (alle 2007) aufwarten. Jacques Polge und – beteiligt – Christopher Sheldrake haben hier mit ihr Bestes gegeben. Und ich bin einigermaßen froh, dass es ein Duft aus dieser Reihe war, für den ich damals mit über 200 EUR das meiste Geld ausgegeben habe. Teil dieser Reihe war auch ein Eau de Cologne (2007), das – soweit ich mich erinnere – für um die 175 EUR für 200 ml angeboten wurde, etwas weniger als die Eau de Toilettes. Das Geschrei war groß: Wie konnte man es nur wagen, für ein scheinbar ordinäres Eau de Cologne einen solchen Preis anzusetzen? Nur war das Cologne eben kein ordinäres, sondern ein hyper eleganter, austarierter Kommentar auf das Genre. Die Idee des teuren Colognes machte schnell Schule, und wie es preislich mittlerweile aussieht, ist bekannt.
Derselbe Christopher Sheldrake, der eben bei Chanel lange Zeit im R&D-Hintergrund seine Finger mit im Spiel hatte und der in Personalunion mit Serge Lutens eine der eigenwilligsten und langlebigsten Zusammenarbeiten lieferte, ist seit Kurzem auch für Spoturno verantwortlich, das von der Urenkelin der Industrie-Legende François Coty gegründet wurde. Eine gute Wahl, könnte man sagen, da Sheldrake neben Chanel- und Lutens/Shiseido-Expertise auch früher bereits in die Remodellierung alter Düfte involviert war (Night Star – Perfume from Titanic von Scents of Time: hier wurden angeblich nach dem Fund eines Lederkoffers mit über sechzig Phials im Wrack der RMS Titanic verschiedene Düfte daraus rekonstruiert) oder jüngst in der Ausstellung Parfums d’Orient (2024) im Pariser Institut du monde arabe.
Letztere Punkte waren vielleicht auch hier ausschlaggebend, da Spoturno's erste Veröffentlichung wohl eine Neuinterpretation von Coty’s Emeraud (1921/27?) war, einem der legendärsten und ersten 'orientalischen' Parfums des 20. Jahrhunderts. 2025 folgte nun eine kleine Reihe an Düften, die einige der klassischen Richtungen abdecken: neben dem würzig-grünen Fougère (L’Âme du Phénix), dem modernisierten Weißblüher (Barbicaja) ist wohl die Frische-Thematik eines erweiterten Colognes mit Alphée angezielt.
Der Name Alphée verweist auf den in den ersten Zeilen von Samuel Taylor Coleridge’s Gedichtfragment Kubla Khan or: A Vision in a Dream erwähnten Fluss Alph. Coleridge’s Text gelangte freilich bereits durch Frankie Goes to Hollywood zu popkulturellem Weltruhm, wurde aber ebenso durch einen frühen Lutens/Sheldrake-Duft, Muscs Koublaï Khän (1998), indirekt reflektiert. Mairuwa's Rezension zu Muscs Koublaï Khän hier, geht auch auf den Coleridge'schen Text ein.
Diese Koordinaten aus Preispolitik im Wandel und Sheldrake'schen Referenzen machen Alphée für mich – schon mal abgesehen vom olfaktorischen Eindruck – zu einem interessanten Objekt. Mit seinen 320 EUR für 60 ml wirkt der ursprüngliche Preis für 200 ml Chanel Eau de Cologne fast schon wie nachgeschmissen, und ich frage mich, wie weit dieser dreiste Trend bei semi-industriell hergestellten Parfums (werden die Düfte bei PCW Grasse produziert?) noch gehen wird?!
Alphée eröffnet mit einer vielstimmigen Hesperiden-Note der Oberliga. Auch wenn ich gut mit deutlich künstlichen Zitrusnoten kann, diese zum Teil ja den natürlich wirkenden vorziehe: hier passiert genau das Gegenteil – ein parfumistisch übertriebenes und zugleich authentisch anmutendes Zitrus-Bouquet. Kristallklar, kühl (siehe Gandix' Text), ja toll. Abgerundet wird das Ganze von einer deutlichen Myrte-Note, wie ich sie zuletzt – ebenfalls in korsischer Setzung (Alphée soll ja von den korsischen Ländereien der Coty Familie inspiriert sein) – bei Eau de Gloire Cologne (2023) wahrgenommen habe.
Dass es sich hier aber hier nicht nur rein formal eben um kein Eau de Cologne handelt, zeigt der recht langsame Verlauf, der in eine klassische, von leichten Orangenblüten, Jasmin und Bitterstoffen durchzogene und von Moschus unterfütterte Basis übergeht. An diesem Punkt muss ich oft an ein anderes hochpreisiges Cologne denken, das ebenfalls historische Referenzen (Paul Vacher) heranzieht: Le Galion's Cologne (2016) von Rodrigo Flores-Roux. Ein Äquivalent zu dessen herber Mate-Note erkenne ich in Alphée, das zu späteren Stunden nochmals wesentlich klassischer auftritt als zu Beginn.
Alles in allem ein nahezu perfektioniertes Eau Fraîche (so Sheldrake) mit Eau de Parfum Power (so Rivegauche) – jedoch zu Preisen, die mir proportional immer unsympathischer werden. Vielleicht empfinde ich Alphée auch deshalb im Ganzen als etwas unbeseelt, oder in dessen stimmigen Verlauf schlicht zu konventionell? Der Hesperiden Mix zu Beginn ist zwar superb, packende Alleinstellungsmerkmale halten sich fuer mich dabei in Grenzen; gerade die wahrgenommene Nähe zum Le Galion Cologne zeigt, dass auch hier nur mit (gutem) Wasser gekocht wird.
Ich bin gespannt, wie sich Spoturno entwickeln wird und inwiefern die bereits sehr klassische Ausrichtung beibehalten wird. Funktionierte die Mischung aus historischer Vorlage und gekonnter Modernisierung beim Spoturno 1921 Extrait noch bestens, bin ich hier nicht ganz überzeugt. Mit Dank an Gandix für die Unterstützung.
Heraklit (Fragment B91 DK)
2007 veröffentlichte Chanel die Reihe Les Exclusifs de Chanel – und damit einen frühen Beitrag zum mittlerweile obligatorisch gewordenen Trend der 'exklusiven' Linien aller großen Modehäuser. Keine davon konnte allerdings den ersten Les Exclusifs Veröffentlichungen das Wasser reichen – niemand außer Chanel verstand es, ausgeklügelte neue Düfte mit der Neuauflage einiger Klassiker wie Cuir de Russie (1924) oder N° 22 (1922) zu verbinden, und niemand konnte mit Trümpfen wie 31 Rue Cambon, Coromandel, oder N°18 (alle 2007) aufwarten. Jacques Polge und – beteiligt – Christopher Sheldrake haben hier mit ihr Bestes gegeben. Und ich bin einigermaßen froh, dass es ein Duft aus dieser Reihe war, für den ich damals mit über 200 EUR das meiste Geld ausgegeben habe. Teil dieser Reihe war auch ein Eau de Cologne (2007), das – soweit ich mich erinnere – für um die 175 EUR für 200 ml angeboten wurde, etwas weniger als die Eau de Toilettes. Das Geschrei war groß: Wie konnte man es nur wagen, für ein scheinbar ordinäres Eau de Cologne einen solchen Preis anzusetzen? Nur war das Cologne eben kein ordinäres, sondern ein hyper eleganter, austarierter Kommentar auf das Genre. Die Idee des teuren Colognes machte schnell Schule, und wie es preislich mittlerweile aussieht, ist bekannt.
Derselbe Christopher Sheldrake, der eben bei Chanel lange Zeit im R&D-Hintergrund seine Finger mit im Spiel hatte und der in Personalunion mit Serge Lutens eine der eigenwilligsten und langlebigsten Zusammenarbeiten lieferte, ist seit Kurzem auch für Spoturno verantwortlich, das von der Urenkelin der Industrie-Legende François Coty gegründet wurde. Eine gute Wahl, könnte man sagen, da Sheldrake neben Chanel- und Lutens/Shiseido-Expertise auch früher bereits in die Remodellierung alter Düfte involviert war (Night Star – Perfume from Titanic von Scents of Time: hier wurden angeblich nach dem Fund eines Lederkoffers mit über sechzig Phials im Wrack der RMS Titanic verschiedene Düfte daraus rekonstruiert) oder jüngst in der Ausstellung Parfums d’Orient (2024) im Pariser Institut du monde arabe.
Letztere Punkte waren vielleicht auch hier ausschlaggebend, da Spoturno's erste Veröffentlichung wohl eine Neuinterpretation von Coty’s Emeraud (1921/27?) war, einem der legendärsten und ersten 'orientalischen' Parfums des 20. Jahrhunderts. 2025 folgte nun eine kleine Reihe an Düften, die einige der klassischen Richtungen abdecken: neben dem würzig-grünen Fougère (L’Âme du Phénix), dem modernisierten Weißblüher (Barbicaja) ist wohl die Frische-Thematik eines erweiterten Colognes mit Alphée angezielt.
Der Name Alphée verweist auf den in den ersten Zeilen von Samuel Taylor Coleridge’s Gedichtfragment Kubla Khan or: A Vision in a Dream erwähnten Fluss Alph. Coleridge’s Text gelangte freilich bereits durch Frankie Goes to Hollywood zu popkulturellem Weltruhm, wurde aber ebenso durch einen frühen Lutens/Sheldrake-Duft, Muscs Koublaï Khän (1998), indirekt reflektiert. Mairuwa's Rezension zu Muscs Koublaï Khän hier, geht auch auf den Coleridge'schen Text ein.
Diese Koordinaten aus Preispolitik im Wandel und Sheldrake'schen Referenzen machen Alphée für mich – schon mal abgesehen vom olfaktorischen Eindruck – zu einem interessanten Objekt. Mit seinen 320 EUR für 60 ml wirkt der ursprüngliche Preis für 200 ml Chanel Eau de Cologne fast schon wie nachgeschmissen, und ich frage mich, wie weit dieser dreiste Trend bei semi-industriell hergestellten Parfums (werden die Düfte bei PCW Grasse produziert?) noch gehen wird?!
Alphée eröffnet mit einer vielstimmigen Hesperiden-Note der Oberliga. Auch wenn ich gut mit deutlich künstlichen Zitrusnoten kann, diese zum Teil ja den natürlich wirkenden vorziehe: hier passiert genau das Gegenteil – ein parfumistisch übertriebenes und zugleich authentisch anmutendes Zitrus-Bouquet. Kristallklar, kühl (siehe Gandix' Text), ja toll. Abgerundet wird das Ganze von einer deutlichen Myrte-Note, wie ich sie zuletzt – ebenfalls in korsischer Setzung (Alphée soll ja von den korsischen Ländereien der Coty Familie inspiriert sein) – bei Eau de Gloire Cologne (2023) wahrgenommen habe.
Dass es sich hier aber hier nicht nur rein formal eben um kein Eau de Cologne handelt, zeigt der recht langsame Verlauf, der in eine klassische, von leichten Orangenblüten, Jasmin und Bitterstoffen durchzogene und von Moschus unterfütterte Basis übergeht. An diesem Punkt muss ich oft an ein anderes hochpreisiges Cologne denken, das ebenfalls historische Referenzen (Paul Vacher) heranzieht: Le Galion's Cologne (2016) von Rodrigo Flores-Roux. Ein Äquivalent zu dessen herber Mate-Note erkenne ich in Alphée, das zu späteren Stunden nochmals wesentlich klassischer auftritt als zu Beginn.
Alles in allem ein nahezu perfektioniertes Eau Fraîche (so Sheldrake) mit Eau de Parfum Power (so Rivegauche) – jedoch zu Preisen, die mir proportional immer unsympathischer werden. Vielleicht empfinde ich Alphée auch deshalb im Ganzen als etwas unbeseelt, oder in dessen stimmigen Verlauf schlicht zu konventionell? Der Hesperiden Mix zu Beginn ist zwar superb, packende Alleinstellungsmerkmale halten sich fuer mich dabei in Grenzen; gerade die wahrgenommene Nähe zum Le Galion Cologne zeigt, dass auch hier nur mit (gutem) Wasser gekocht wird.
Ich bin gespannt, wie sich Spoturno entwickeln wird und inwiefern die bereits sehr klassische Ausrichtung beibehalten wird. Funktionierte die Mischung aus historischer Vorlage und gekonnter Modernisierung beim Spoturno 1921 Extrait noch bestens, bin ich hier nicht ganz überzeugt. Mit Dank an Gandix für die Unterstützung.
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Mandarine
Bitterorange
Bergamotte
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Herznote
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Koriander
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Moschus
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Theris
Ergoproxy
Yatagan
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