Mit ein wenig Sorge öffne ich den Deckel der kleinen schwarzen Dose. Der Inhalt hat die 1500km von Litauen bei minus 25 Grad unbeschadet überstanden. Ich atme auf.
Die goldene Creme sieht aus wie halbflüssiger Honig. Sie duftet leicht zitrisch, frisch. Das verstreichen auf der Haut ist ein ganz besonders sinnliches Erlebnis. Selten gefällt mir die Trägersubstanz so gut wie hier. Nichts stört, nichts klebt. Im Gegenteil, die samtig, weiche Konsistenz scheint durch die Körperwärme zu schmelzen.
In meinem Gehirn sprudeln Assoziationen durcheinander: Salbe - Salbung - Königssalbung - Chrisam - Heilung …Ich schließe die Augen und genieße die zitrische Würze an meinem Handgelenk. Krautig, manchmal ein wenig staubig, warm zieht mich der Duft in eine mir fremde Welt. Wie haben die Zypressen vor 4000 Jahren ausgesehen? Wie wurde das Öl gewonnen, verarbeitet? Ich war noch nicht in Ägypten. Habe mich auch nur wenig mit der Kultur befasst…
Ich schiebe die Gedanken beiseite. Der Duft breitet sich leise auf meinem Handgelenk aus. Er wird wärmer, weicher. Neben den harzigen Nadeln nehme ich Holz wahr. Altes Holz. Verarbeitet zu einem Möbel.
Wieder rennt mein Gehirn los und sucht nach Bildern aus dem alten Ägypten. Wie haben Pharaonen gelebt? Mit welchen Möbeln? Tutanchamun hat dieses Parfüm vielleicht gekannt. Zu seiner Zeit war die Rezeptur schon ein paar Hundert Jahre alt. Irre Vorstellung!!
Laimė Kiškūnė, die Parfümeurin von Unda Prisca, hat über viele Jahre die alte Parfümkunst erforscht. Wie sie auf ihrer Homepage beschreibt hat sie sich mit Hilfe von Philosophie, Philologie, Botanik und Archäologie auf die Suche nach historischen Parfümformeln begeben. Das Parfüm Cyprinum wurde in den Texten von Dioscórides, Plinius dem Älteren und Teofrasto erwähnt und in Sarkophagen der Ptolemäer in Ägypten gefunden. Fragmente der Rezeptur und Beschreibungen der Herstellungstechnologie finden sich auch in den Forschungen von Ägyptologen und Archäologen des 20. Jahrhunderts. Cyprinum gilt mit seinen fast 4000 Jahren als das älteste bekannte Parfüm.
Ich bin überrascht wie gut mir der Duft gefällt, hatte ich doch vermutet, dass er zu fremd, zu exotisch sein würde. Stattdessen finde ich die Zypressenzitrik, die ich so liebe. Mit vielen ineinander verwobenen Facetten begleitet mich der Duft durch den Tag. Mal krautig, würzig, mal holzig harzig nadelig dann wieder balsamisch weich. Es fühlt sich an, als sei der Duft mir unter die Haut gekrochen und habe sich dort überall ausgebreitet. Es fällt mir schwer zu sagen wie lange ich den Duft auf meiner Haut wahrnehme. Sind es acht oder zehn Stunden? Oder ist es am Ende nur die Erinnerung an dieses wunderbare Dufterlebnis?
Faszinierend, dass wir heute die Möglichkeit haben uns auf diese olfaktoriche Zeitreise zu begeben. Einfach so. Weil eine Frau wie Laimė mit großer Neugier und langem Atem geforscht hat und letztlich ihr Wissen in diese kleine schwarze Dose hat fließen lassen. Und weil ich sie und ihre sympathische Mitarbeiterin Alge auf der Polaris Olfactive Week hab kennenlernen können.