Leo, ein zarter Junge mit verträumter Ausstrahlung, hat es sich im neu eröffneten Hipster-Café um's Eck ("Venenum 32") an einem der Sandelholztische im japanoid-angehauchten Stil gemütlich gemacht.
Als der Kellner nach ein paar Minuten den heiß ersehnten Chai-Latte mit einem Schwung auf einem Korkuntersetzter vor ihm platziert, unterbricht Leo für einen Moment seine Lektüre und legt den neuen Murakami Roman (der gerade ohnehin etwas öde würde) links neben das soeben erschienene Highlight: ein milchig-braunes, fast floureszierendes Getränk, das in einem transparten, hohen Glas sanft vor sich hin wogt. Der dunkelbraune Sirup darin verschmilzt langsam mit der gleißend weißen Milch.
Sachte beugt Leo sich darüber und atmet den zarten, samtigen Geruch von Kardamom, Nelken und Zimt ein, die feucht auf dem fluffigen Milchschaum tanzen.
Draußen zwitschert eine einsame Amsel leise im beginnenden Herbstwetter.
Leon angelt etwas ungeschickt den Strohhalm und nippt erst vorsichtig daran - fürchtend, dass das Getränk zu heiß sei - aber nein: die perfekte Temperatur - nicht zu kalt, nicht zu warm. Genau richtig. Er streut ein wenig Zucker auf die Milchhaube und packt den beigelegten Butterkeks aus.
"Toll", streicht es Leo durch den Kopf: "die 220 Euro waren gut investiert - ein bisschen Luxus darf sein...."