In den 70er Jahren war eine Tante von mir als Avon-Beraterin unterwegs. Sie rauchte Lux-Zigaretten und duftete immer recht heftig nach Lavendel. Ich mochte Tantchen. Sie brachte mir auch immer lustige Kinderseifen mit, die natürlich eine ganz andere Klasse hatten, als das Stück Standardseife aus dem Supermarkt, welches zum Händewaschen diente. So gesehen hat sie mir wohl die ersten Dufterlebnisse meines Lebens beschert.
Soeben habe ich eine aktuelle Lieferung blue stratos erhalten. Als Hersteller weist der Karton "Jonarve Ltd. , England aus. Die Markenrechte liegen bei MCPL, England. Die angegebene Domain mcplonline.com scheint nur für Mailzwecke verwendet zu werden; eine Webseite konnte ich nicht erreichen. Der aktuellen Packung liegt ein winziges Döschen Rasierschaum mit 45 ml Inhalt bei.
Warum habe ich eingangs meine Tante erwähnt? Ganz einfach: Wenn ich blue stratos auftrage, nehme ich zuerst eine sehr frische zitrische Note wahr, die sehr angenehm wirkt, da ihr jeglicher Alokholduft abgeht. Bischen später wird es dann leicht süßlich-blumig, aber es bleibt immer noch frisch. Leicht erdig-holzig aber dabei auch irgendwie süßlich-schwer und exotisch - das muss Patchouli sein. Soweit okay und gar nicht schlecht, denn damit sollte man aus der Masse der heutigen Düfte hervorstechen und seine eigene Marke setzen.
Dann aber kommt der Lavendel knüppeldicke und ich muss an Tantchen denken. Tantchen war nicht nur Avon-Beraterin, sondern auch diejenige in der Verwandtschaft, die einer Gesellschaft das gewisse Flair brachte; Glamour wäre vielleicht ein wenig übertrieben. Auf alle Fälle war sie gar nicht auf den Mund gefallen und dennoch ein sehr angenehmer Mensch mit dem Herzen am rechten Fleck. Und man roch sie schon aus einiger Entfernung. So gesehen bin ich blue stratos unendlich dankbar für die Erinnerungen, die es auslöst. Allerdings liegt hier gleichzeitig auch mein Problem: Möchte ich wirklich wie Tantchen (so lieb sie auch war) nach Lavendel duften? Eigentlich sagt man Lavendel ja eine beruhigende Wirkung nach, weshalb er auch als Entspannungsduft verwendet wird. Andererseits soll Lavendel auch die Fantasie anregen und das Blut in Wallung bringen. Ich denke mal, dass das bei blue stratos eher der Fall sein wird. ;-)
Was ich sonst noch rieche: Rose! Verstärkt die Wirkung des Lavendels und lässt den Duft noch ein wenig schwerer erscheinen. Von der frischen Kopfnote ist jetzt nicht mehr viel übrig. Auf alle Fälle entwickelt sich der Duft und bleibt nicht an einer Stelle stehen. Bin mal gespannt, ob irgendwann Moschus und Zeder noch durchkommen. Ich fürchte fast, dass die es sehr schwer haben werden. Oder ich vermag es einfach nicht, sie unter dem ganzen Lavendel herauszuriechen. Auf alle Fälle wird es immer süßer und süßer. Das Kielwasser empfinde ich schon als recht heftig. Auf der Arbeit oder in der U-Bahn sollte man mit diesem Duft vielleicht doch etwas zurückhaltender sein. Würde der Lavendel nicht zu wummern, käme wahrscheinlich auch die realtiv hohe Süße (kommt die wirklich vom "Vanillezucker" - ich bin nicht sicher, kann aber gut sein) nicht so störend rüber. Aber hätte, wenn und aber - der Duft ist so, wie er ist!
Mit einem Fazit tue ich mich schwer. Der Duft weckt Erinnerungen an eine andere Zeit. Schlecht ist er gewiss nicht und das Preisleistungsverhältnis ist hervorragend. Für die Einzelpackung zahlt man um die 13 Euro im Internet. Greift man zu Doppel- oder Dreifachpacks, bekommt man den Preis sogar deutlich unter 10 Euro pro Flakon. Von daher kann man also überhaupt nicht meckern. Die Frage ist nur, ob man diesen Duft heutzutage wirklich noch tragen kann oder will. TVC15 bringt es so ziemlich auf den Punkt: Auf einer 70er-Jahre-Motto-Party die perfekte Ergänzung zu Koteletten, Discohemd, Brusthaar, Goldkettchen, Schlaghose und Plateausohlen. Hier wäre man mit Sicherheit der Star. Ob das nun schlecht oder gut oder was auch immer ist, mag jeder für sich selbst entscheiden.
Eins muss ich unbedingt noch ergänzen: Ich habe zur gleichen Zeit auch ein Papiertaschentuch eingesprüht. Hier riecht der Duft immer noch süßlich-frisch und sehr lecker, während ich selber fast nur noch nach Flieder-Tante dufte. Also leider ein Duft, der an mir nicht funktioniert. Muss also jeder selbst ausprobieren.
Ergänzung: Ich habe es tatsächlich gewagt, den Duft im realen Leben zu tragen u nd dabei mehr als einen einzigen Probesprühstoss aufzutragen. Es war eine ungezwungene Grillparty, die man in Freizeithemden, kurzen Hosen und FlipFlops besuchte. Das Bemerkenswerte: Der Duft überlagerte selbst die ganzen Grillgerüche noch und ist auch von einer unglaublichen Ausdauer. Ich muss Sillage und Haltbarkeit auf 100 Prozent korrigieren. Das Unerwartete: Die Reaktionen auf den Duft waren ausgesprochen positiv. Dieser Duft mag zwar hier und heute merkwürdig erscheinen, offensichtlich tut er dies aber auf eine liebenswerte Art und Weise. Er halt einfach diesen: "Du riecht ja wie früher"-Retrofaktor. Trotzdem würde ich mich nicht trauen, den Duft zur Arbeit zu tragen. Als Partyduft scheint er aber durchaus zu gehen.