Er lässt dich nicht gehen
Das Opening empfängt Dich erstaunlich freundlich. Wärmer und zahmer, als die Noten suggerieren. Er wirkt unbeholfen, friedlich, fast harmlos. Du näherst dich, lässt Dich auf ihn ein - und plötzlich begleitet er dich nach Hause.
Im Verlauf liegt ein schwerer Abend in der Luft. Der Duft reift, verliert seine Unschuld, wird altbacken. Die Tür öffnet sich, ein Hauch von leichtem Muff steigt auf. Du trittst ein. Eine feine Unbehaglichkeit macht sich breit.
Mit jeder Minute wächst der Eindruck, Du würdest Stufe um Stufe in einen feuchten Keller hinabsteigen. Die Atmosphäre verdichtet sich, wird drückender, unangenehm, beklemmend. Die Orientierung geht verloren, oben und unten verschwimmen. Dann liegst Du da. Reglos, ausgeliefert, im Gestank. Ein Schauder läuft dir über den Rücken. Im nächsten Augenblick bist Du wieder zurück in der Realität.
Vor Dir steht wieder der freundliche Mann mit der großen Brille und blickt dich an, als sei nichts gewesen. Du gehst - doch deine Gedanken bleiben gefangen.
Dieser Duft ist der Erste, der mich wirklich in den Bann gezogen hat. Ein olfaktorisches Kunstwerk, das mich fasziniert und zugleich verstört. Die Gestaltung des Flakons unterstreich den Vibe der Vergangenheit: das klar wirkende Glas am Boden, das in eine raue Struktur übergeht, gekrönt von einem steinartigen Deckel mit roter Innenschrift. Eindrücklich und passend.
Tragen würde ich ihn wohl nie. Aber als Kunstwerk? Ja! Eine Abfüllung als Erinnerung an die Erfahrung.
Meine Wahrnehmung ist sicher durch die Netflix-Serie "Dhamer" geprägt, die ich erst kürzlich beendet habe. Ich bin froh, dass der Duft langsam der Nase weicht - doch die Erinnerung an diese olfaktorische Exkursion bleibt.
Spaziergang im Nadelwald an einem warmen Sommertag
Seit ich mich etwas mehr für das Thema Düfte und Parfums interessiere, öffne ich ab und zu bei meinen Eltern den Badezimmerschrank und schaue, ob sich dort ein Parfum versteckt, das getestet werden möchte. Zwischen den ganzen ungenutzten Aftershaves, die wohl alle Geschenke waren, habe ich tatsächlich ein Parfum entdeckt – und mein Interesse war sofort geweckt.
Der Flakon wirkte vom Stil her etwas älter, und der Duft der Kappe war nicht ganz mein Geschmack. Trotzdem habe ich es auf meinem Handgelenk ausprobiert.
Zunächst brannte es ungewohnt stark auf der Haut, aber das verflog schnell. Die Kopfnote war ebenfalls nicht mein Fall, und ich dachte schon: „Noch so ein Stinker.“ Doch dann veränderte sich der Duft überraschend schnell: Er entwickelte einen leicht süßlichen, holzig-warmen Charakter, den ich so nicht erwartet hatte. Kurz darauf kam noch eine feine Vanillenote dazu.
Der Duft erinnert mich an einen Spaziergang durch einen Nadelwald an einem warmen Sommertag. Auch wenn er vielleicht nicht genau so riecht, löst er bei mir dieses Bild aus.
Ich bin positiv überrascht und könnte mir gut vorstellen, ihn selbst zu tragen.
Das erste Parfüm
Jungle Man war mein erstes Parfüm, welches nicht aus Lidl, Rossman oder Douglas stammt. Mein bester Kumpel präsentierte mir damals stolz diesen Duft. Ich war begeistert, dass Düfte auch nach Stunden wahrgenommen werden können und so wünschte ich es mir zum Geburtstag. Jungle Man wurde nur zu besonderen Anlässen getragen und hat so 10 Jahre bei mir überlebt. Nun ist das Flakon fast leer und immer wenn ich an der Kappe schnupper, oder das Flakon erspähe, sehe ich mich. Ich sehe mich in meiner Kindheit, in der Stube der Oma des Kumpels, der mir den Duft zeigt und mich so in die Welt der Parfüms eröffnet.