Acadia von Alkemia

Acadia 2017

Mairuwa
15.12.2025 - 16:15 Uhr
6
Hilfreiche Rezension

Mythisches Arkadien oder Mystisches Akadien? oder: Endlich eine Hauptrolle für den Alkemia-Nebel!

Zunächst bin ich wohl durch einen etwas oberflächlichen Blick aufs Etikett auf die falsche Spur geraten, in die falsche Region, die falsche Klimazone. Was ein „R“ doch für einen Unterschied machen kann. Dachte ich zunächst an Arkadien, erwartete liebliche mediterrane Hügellandschaften und bukolische Idyllen, so stellte ich schnell fest, dass ich hier auf der falschen Spur war. Nicht Arcadia ist hier das Thema, sondern Acadia – nicht eine griechische Provinz, die schon in hellenistischer Zeit zum mythischen Topos und Inbegriff idyllischen pastoralen Lebens in einer Art irdischem Paradies verklärt wurde, sondern eine eher raue Küstenregion in Neuengland, weit im Norden des amerikanischen Kontinents: Nova Scotia, New Brunswick, Maine. Interessant: obwohl die Herkunft aus einem auf die Fruchtbarkeit der Gegend verweisenden Wort der indigenen Mi’kmaq wohl wahrscheinlicher ist, wird in der Tat auch eine etymologische Verbindung des Namens zu der griechischen Landschaft Arkadien erwogen. Demnach habe der florentinische Seefahrer Giovanni da Verrazano diese in einem Bericht seiner Erkundungsreise entlang er neuweltlichen Küste 1524 wohl tatsächlich als Vergleichsbeispiel für seine Beschreibung der Küstenvegetation herangezogen.

Wie dem auch sei, Sharra Lamoureaux, Gründerin des Hauses Alkemia, beschreibt ihren Duft ganz geradlinig als „portrait of coastal Maine“. „Acadia“ wird primär als aquatisch charakterisiert, doch die Vorstellung, die mit dem Begriff in der Regel verbunden ist, führt hier vielleicht etwas in die Irre. Der Gesamteindruck ist weniger blau, als vielmehr ein blasses Blaugrau mit Tendenz zu (etwas angelaufenem) Silber. Die eher reduzierte Notenpalette reicht von ätherisch-harziger Nadelbotanik und Lorbeer (sic!) zu allerlei, was man gemeinhin mit Meer assoziiert, ohne dabei, abgesehen vielleicht vom Seetang, allzu spezifisch zu werden. Vielmehr würde ich argumentieren, dass die Meeres- oder Küstennoten in der Mehrzahl eher metaphorisch zu lesen sind. So drücken „Salzwasser“, „Treibholz“ und insbesondere „Meeresnebel“ vor allem Stimmungen aus, verharren aber im Vagen, was hier meines Erachtens Programm ist.

Eher vage manifestieren sich im Duft auch die pflanzlichen Noten; sie werden von der neblig-trüben Meeresküstenstimmung gleichsam überformt. Die Rezension von BeJot trifft den Kern der Sache sehr gut: die Grenze zwischen Land und Meer, zwischen waldiger Küste und wogender Brandung verschwimmt hier und löst sich in einem mystischen Nebel weitgehend auf, und das sowohl bildlich, als auch olfaktorisch. Tannennadelharz zergeht in salziger Gischt; jegliches Grün erscheint in dem erwähnten hellen Blaugrau. Eine als „Treibholz“ bezeichnete Note versinnbildlicht dieses Verwischen der Grenzen vielleicht exemplarisch: ursprünglich vom Lande kommend, wird das Holz vom Meer umgeformt, aufgeweicht, ausgebleicht und wird so endlich, von Seetang umschlungen, angespült als geisterhafte Wiederkehr seines ursprünglichen Selbst, wiederum zum Element der Kategorie „Land“. Das Lorbeerblatt kann ich nicht dezidiert ausmachen. Vermutlich ist es der gleichen Umgestaltung durch die Gezeiten unterlegen. Als mediterranes Element ist es allerdings in diesem Bild der Küste von Akadien wohl doch ein interessanter Akteur, vielleicht gar ein Schlüsselakteur, gleichsam als (unbewusste?) Reminiszenz an Verrazano und Arkadien, das jedoch hier, am Rand der neuen Welt, ebenso in verfremdeter Gestalt erscheint. Allein die Balsamtanne kann sich noch in Ansätzen als ursprüngliche, nicht maritim vereinnahmte Note behaupten. Die Wipfel der Bäume ragen gleichsam in ätherischen Höhen gerade noch so aus dem Nebel heraus.

In der Literatur wird Nebel oft als Metapher verwendet für die in der Wahrnehmung zuweilen verwischende Grenze zwischen Realität und Einbildung, aber auch für eine existentielle Unsicherheit und Verwirrung angesichts der Schwierigkeit, die Dinge in ihrem wahren Wesen zu erfassen – letztendlich der Tatsache geschuldet, dass die Dinge eben nicht nur eine rational fassbare, sondern darunter oft noch eine tiefer liegende, unerklärliche Ebene haben. Dass sich manches dem Erkennen und dem Willen entzieht. Miguel de Unamuno prägte für seinen Roman „Niebla“ (Nebel) den Gattungsbegriff Nivola (statt Novela), um sich vom vorherrschenden Realismus seiner Zeit abzusetzen und zum Ausdruck zu bringen, dass sich Kunstwerke (Romane, Bauwerke, Gemälde, Duftkompositionen) ab einem bestimmten Punkt dem Willen ihres Schöpfers entziehen und ein Eigenleben entwickeln. Im Vorwort zu „Niebla“ schreibt Unamuno: „Für einen Roman, wie für ein Epos oder ein Drama, wird ein Plan erstellt; aber dann setzen sich der Roman, das Epos oder das Drama gegenüber demjenigen durch, der sich für ihren Autor hält. Die Protagonisten, vermeintlich doch die Geschöpfe des Autors, setzen sich letztendlich ihm gegenüber durch.“

In den Düften von Alkemia tritt in meinem Empfinden oft eine Störnote auf, die den eigentlichen Duft überlagert, ihn maskiert und mir zuweilen entgleiten lässt. Man könnte diese Note durchaus mit der Metapher des Nebels fassen. Allerdings hieße das philosophische Verbrämen, den Verlust von Genuss stillschweigend in Kauf zu nehmen. In „Acadia“ nun spielt diese Note die Hauptrolle. Hier ist sie tatsächlich nicht Störnote, schmälert nicht den Genuss, sondern ist zentrales Mittel des künstlerischen Ausdrucks, wesentlich für die Umsetzung des Konzepts, das ich insofern durchaus als gelungen empfinde. Ob „Acadia“ damit ein Schlüsselwerk zum Verständnis von Sharra Lamoureaux’ Arbeit ist oder einfach ein zufälliger Glückstreffer, mag dahingestellt bleiben. Ebenso, ob das außer mir überhaupt noch irgendwer nachvollziehen kann. Für mich zumindest verschwimmt im Nebel der Küste nicht nur die Grenze zwischen Kontinent und Ozean, sondern auch die zwischen Arkadien und Akadien, zwischen Duft und Störnote, zwischen Absicht und Werden, zwischen Kunst und Natur, zwischen Novela und Nivola, zwischen Realität und Phantasie.

Folgerichtig kann auch meine Rezension vermutlich kein klar formuliertes Ende haben, sondern muss sich im Nebel verlieren. So wie es in Gogol’s berühmter Erzählung „Die Nase“ heißt: „Hier hüllen sich aber die Geschehnisse in einen Nebel, und es ist vollkommen unbekannt, was da weiter geschah.“

Dank für die Probe geht an @BeJot.
10 Antworten
SaphoSapho vor 19 Tagen
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Deine Rezension ist ein wunderschönes versloses Poem. Genau so wie @ElAttarine mag ich Nebel sehr, insbesondere an der Küste. Es ist schön, sich in diesem Nebel zu verlieren.
BeJotBeJot vor 20 Tagen
Wieder so tolle Hintergrundinformationen!
Ich kann mich noch gut an den Duft erinnern. Die Szene, in die er mich hineingezogen hat war klar und deutlich. Interessant, dass du ihn ähnlich wahrgenommen hast. Insofern ergänzen sich unsere beiden Texte gut.
BeJotBeJot vor 20 Tagen
Genau so 😄
MairuwaMairuwa vor 20 Tagen
Klar und deutlich ... aber umnebelt. ;-)
ElAttarineElAttarine vor 20 Tagen
Nebel mag ich immer wieder sehr gerne und finde ihn faszinierend, auch im Duft. Diesen kenne ich noch nicht, danke für die tolle Beschreibung und Einordnung! Brumes-Pokal...
MairuwaMairuwa vor 20 Tagen
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Wirst ihn kennenlernen...
PollitaPollita vor 20 Tagen
Der Nebel Akadiens hat Dich offenbar verzaubert. Schön!
MairuwaMairuwa vor 20 Tagen
Oder Arkadiens? Oder..
Flakon11eFlakon11e vor 21 Tagen
Scheinbar in diesem Nebelschleier verloren und doch wieder festen Boden unter die Füße bekommen.. Deine Rezension hat mich in die Bretagne getragen!
Und wie Effi Briest sagt: „das ist ein weites Feld“
MairuwaMairuwa vor 20 Tagen
Bretagne passt sicher auch. Wie gesagt, man kann sich da leicht verlaufen.