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Fahrenheit (Eau de Toilette) von Dior

Fahrenheit 1988 Eau de Toilette

DerOlfaktor
11.12.2025 - 11:28 Uhr
11
Sehr hilfreiche Rezension
9Duft 8Haltbarkeit 8Sillage 9Flakon

Wie der Halleysche Komet

Mit einer wiederkehrenden Annäherung im Abstand von 76 Jahren gilt der Halleysche Komet als ein sogenannter kurzperiodischer Komet. Seinen letzten Perihel und damit seine dichteste Annäherung an die Erde hatte er im Februar 1986. Vor etwa 2 Jahren befand er sich im Aphel, dem größten Abstand zur Erde - d.h., er kommt zurück!
Nun, ganz solange Intervalle durchlebe ich in der Nutzung des Eau de Toilette Fahrenheit nicht; gleichwohl ist der Duft einer derjenigen, die ich über längere Perioden nutze und dann auch wieder nicht. Meine letzte Version kaufte ich mir vor ca. 7 Jahren und ich fand sie immer noch gut, allerdings gab es keinen Nachfolger mehr, als der Flakon zur Neige ging. Vielleicht hatte sich mein Geruchssinn an anderes gewöhnt - LVHM tat allerdings auch sein Übriges, damit der Duft nicht mehr so einprägend war.

Da ich aber von markanten und prägenden Düften nicht ablassen kann, wollte ich es noch einmal genau wissen. Durch langes Suchen und Stöbern bin ich letztendlich fündig geworden und auf eine Version aus dem Jahr 2002 gestoßen – und das für einen sehr akzeptablen Preis. Damit ist er nicht mehr die erste 1. Linie (1988-2002), sondern gehört wohl schon der zweiten Version (2002-2005) an und ist damit einer der beiden kurzlebigsten Varianten zuzurechnen. Ich beziehe mich bei den Angaben auf die Internet-Seite „Raiders of the Lost Scent“, die ich als Referenz nutze. Ich nutze diese Quelle gern und habe entsprechend deren Angaben z.B. auch meine Chanel Égoïste Sammlung zusammengestellt.

Als Fahrenheit 1988 auf den Markt kam, war er wohl ein Novum und vielleicht auch eine Sensation. Aufgrund der politischen Großwetterlage war er für mich nicht zu erreichen, erst in den 90ern, der letzten Dekade des vergangenen Jahrhunderts lernte ich ihn kennen. Als ich ins Berufsleben startete, war er einer von den Düften, die ich mir kaufte. Gleichzeitig markierte das Jahr 1988 noch einen weiteren Wendepunkt – oder besser eine Weggabelung. Davidoff brachte den Cool Water auf den Markt und eröffnete damit auch eine neue Facette, eine neue Richtung. Armani folgte später und hatte damit einen riesigen Erfolg. Auf jeden Fall interpretiere ich das Jahr 1988 als einen Punkt, an dem die damals existierenden und bekannten Parfummarken anfingen, getrennte Wege zu gehen. Chanel – Égoïste, Dior – Fahrenheit, Cartier – Pasha später noch das Opium von YSL – die Marken unterschieden sich plötzlich voneinander. Noch 10 Jahre zuvor gab es da einen gewissen Gleichklang – mit Abstrichen bei YSL.

Dem Fahrenheit wird sein legendärer Benzingeruch als Markenemblem angeheftet. Verantwortlich für diesen Eindruck sind die Wirkungen der Duftstoffe Vertofix (ISO E Super) und Folion. Es gibt auf der Schwesternseite zu Parfumo einen sehr guten Artikel – geschrieben von einem russischen Chemiker namens Matvey Yudov, der sehr detailliert auf die Wirkung insbesondere des Folion im Fahrenheit eingeht. Ich kann das Lesen dieses Artikels nur wärmstens empfehlen.
Folion ist verantwortlich dafür, dass wir diesen Duft mit dem Geruch von Veilchen und Gurke in Verbindung bringen. Wer ein bisschen darüber sinniert – so erging es zumindest mir, kommt zu der Erkenntnis, dass es die beiden Gerüche sind, die Fahrenheit seinen eigenständigen Charakter verleihen. Benzin gegen die Kombination aus Veilchen/Gurke – ich tendiere zu Letzterer. Dieser Wirkstoff wurde in seiner Konzentration in den Folgejahren auf unter 10 Prozent seiner ursprünglichen Konzentration gedrückt. Was leider nicht aus dem Artikel hervorgeht, ist, wann dies und über welche zeitliche Dauer dies geschah. Und noch etwas: Der gleiche Wirkstoff wurde auch im Cool Water verwendet. Auch heute noch nimmt man den Veilchenduft in ihm wahr. Allerdings hat er dort eine – für mich betrachtet – pappige Note. Ein bisschen so wie nasse Kartonage. Der Green Irish Tweed hat den Veilchenduft viel besser umgesetzt.

Ich habe also meine alte Neuerwerbung geöffnet und getestet und war mit dem Ausgang des Tests sehr erfreut. Da war sie wieder, meine alte Wahrnehmung dieses Duftes – so, wie ich sie ursprünglich in Erinnerung hatte. Veilchen, dieser leichte Geruch von Gurkenwasser und zum Schluss das Leder. Aus der Erinnerung heraus ist dieser Duft des Jahres 2002 besser als jener, den ich mir vor etwa 7 Jahren gekauft hatte.

Aber wie das eben so ist mit Menschen. Gelesen, dass die Wirkstoffe früh in ihrer Konzentration gedimmt wurden, bohrt natürlich der Zweifel der Unwissenheit: Ja wie war er denn nun früher?

Also, zurück ins Internet und sich auf die Suche nach der Urversion begeben. Nicht mehr ganz so günstig aber am Rande des Akzeptablen kaufte ich dann eine Version von 1989! Die kam Anfang der Woche zu mir.
Auch wenn die Unterschiede zwischen der 1. und der 2. Version nicht wie Tag und Nacht sind; man merkt jedoch, dass in der Spanne der dazwischenliegenden 13 Jahre der Duft verändert wurde. Die Urversion ist schon sehr stark. Irgendjemand hat hier in den Statements geschrieben, dass das Geheimnis dieses Duftes in seiner Dosierung liegt. Das ist völlig korrekt. Zwei Sprüher im Halsbereich und der Tag wird schon deutlich heller.

Jetzt wollte ich es genau wissen. Also bin ich gestern Abend auf dem Nachhauseweg in die Parfümerie und habe mir die aktuelle Version zum Testen auf die Handrückseite gesprüht. Die gute Nachricht ist, dass man ihm seine Eigenständigkeit immer noch abnimmt. Die zweite gute Nachricht ist, dass ich aus der Erinnerung heraus den gestern getesteten, neuen Duft als besser empfand als jene Version, die ich zuletzt im Einzelhandel vor ca. 7 Jahren erworben hatte. Bei Fragrantica fand ich einen Kommentar, in dem stand, dass die Versionen ab 2022 in puncto Ausdrucksstärke wieder zugelegt hätten. Wenn dem so wäre, wäre das erfreulich. So erklärt sich auch der Bezug zum Halleyschen Komet: Manchmal kommen sie wieder!

Am Ende bleibt noch festzustellen, dass Dior mit dem Fahrenheit 1988 Neuland betrat und es nun auch Männerdüfte gab, die nicht immer die Standardakkorde Chypre und Fougère anboten. Diese Zeitspanne zwischen Ende der 80er und Beginn der 90er Jahre war geprägt vom Neuen, von neuen Wegen, vom Auffächern des Dufthorizontes. Man kann die Entwicklung insbesondere des letzten 1 ½ Jahrzehnts bedauern oder feiern, aber in der Zeit davor waren die Düfte thematisch weiter gespannt. Im Nischensegment mag dies sicherlich anders sein. Ich würde mir heute jedenfalls im Massenmarkt der Designerdüfte wieder mehr Themenspanne wünschen.

Zum Schluss noch eine letzte Anmerkung: Um ein bisschen über die Wirkmechanismen der Duftwahrnehmung zu erfahren, habe ich mir die Bücher „Riechstoffe und Geruchssinn“ sowie „Scent and Chemistry“ des Autors Günther Ohloff zugelegt, der seinerzeit der Entwicklungsleiter von Firmenich war. Das erste Buch ist 1990 in Deutscher Sprache erschienen, das zweite Buch ist in seiner letzten Auflage 2022 in Englischer Sprache aufgelegt worden. Das Buch geht natürlich schnell ins Fachliche. Gleichwohl kann man dort gut recherchieren, welche Wirkstoffe den einen oder anderen Duft so charakteristisch machen. Ich nutze beide Werke gern, um mich diesbezüglich ein bisschen schlauer zu machen. Eines bleibt jedoch festzustellen: Komplex war die Organische Chemie bereits zu Zeiten eines Fahrenheit.
Aktualisiert am 11.12.2025 - 11:32 Uhr
6 Antworten
DuftAManoDuftAMano vor 2 Monaten
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Was für eine wunderbare Rezension! Vielen lieben Dank dafür. Ich finde es inspirierend wenn sich jemand genauer mit einer Historie zu einem Duft, oder dem Handwerk an sich beschäftigt. Da kommt die Leidenschaft für das Thema Düfte und die Kunst dahinter zum Tragen. Mir hast du jedenfalls große Lust gemacht auf die beiden Bücher und auf den Fahrenheit überhaupt. 🙏
KorinthKorinth vor 2 Monaten
1
Danke dir für die aufschlussreiche Lektüre und den Tipp "Raiders of the Lost Scent".
Die Seite kannte ich noch gar nicht. Was genau meinst du mit "Schwesternseite" von Parfumo?
DerOlfaktorDerOlfaktor vor 2 Monaten
Sie haben Post in Ihrem Briefkasten!
FlyonlyFlyonly vor 2 Monaten
1
Meine Nummer 1. Das wird auch so bleiben. Danke an dich für's Schreiben!
Paloma58Paloma58 vor 2 Monaten
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Danke für die intensive Auseinandersetzung mit diesem wunderbaren Duft und das Teilen mit uns.
DerOlfaktorDerOlfaktor vor 2 Monaten
Das mach' ich doch gern.