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Les 4 Saisons - Hiver von M. Micallef

Les 4 Saisons - Hiver 2003

Ooonidda
05.12.2025 - 05:39 Uhr
4
Hilfreiche Rezension
9Duft 7Haltbarkeit 7Sillage 9Flakon 10Preis

Der Veilchenschal in Vivaldi's Winter

Ich bin mir hier unschlüssig, welchen Winter wir hier genau behandeln: die Jahreszeit Meteorologisch gesehen oder Vivaldis Vier Jahreszeiten Winter Interpretation als Musik in Parfum (Interpretationsception!). Und wenn es der meteorologische Winter ist, was haben wir hier? Die Wärme, nach der wir uns im Winter sehnen? Die kalte Wintersonne?
Irgendwie muss ich doch eher an Vivaldi denken, an seine Vier Jahreszeiten und den Winter aus dem Konzert.
Das anfängliche Brausen, die Ruhe in der Mitte und hin zur Basis, die herrlich fröhlich ist. Das passt schon eher. Ich bin ratlos, aber ratlos heißt nicht abgeneigt, ich bin sogar entzückt. Ich bin hier friedlich in meinen warmen Veilchenschal eingeschmiegt und schnurre vor mich hin.

Der Hiver startet knarzig. Die kühl-bittere Harz-Zitrus-Mischung mit dem bereits deutlich merkbaren Moschus ist unerbittlich, sogar ein wenig unharmonisch, beißend kalt, wie die erste Woge Winterluft, sobald man sein warmes Heim verlässt. Ist das der karge Winterbeginn? Der erste Akt von Vivaldis Winter, das Allegro non molto? Das Opening ist so freundlich wie die kargen, krallenähnlichen Äste der kahlen Bäume, die versuchen, sich in den grauen Himmel zu hacken, um ein wenig Licht aus der Tristesse herauszukratzen. (Passend zu den kargen Ästen auf dem Flakon). Die Zitrone ist leise und eher zestig, genauso wie die Orange. Keine süße, spritzige Sommerzitrik, keine Zitrone der klassischen Winter-Bänger, eher getrocknete Orangen- und Zitronenscheiben, ein verzweifelter Versuch, die einst fröhlichen, saftigen Früchte und ihre Freude für den Winter zu konservieren. Elemi bringt eine kühle Rauchigkeit, wie die kalte winterliche Mittagssonne: Sie verheißt Wärme, doch diese kommt einfach nicht so recht an. Moschus ist auch von Beginn an da und steuert eine kühle Sauberkeit eines sonnigen Wintertages bei.

Recht schnell gesellen sich die Blumen hinzu. Zuerst merke ich das Ylang, divahaft die Gute, wie immer: melancholische Seifigkeit, ein Schuss Retro-Opulenz. Und dann kommt die herrliche Wärme wie eine sanfte Woge: Jasmin und Veilchen und die Vanille. Als würde ich wieder eine gut beheizte Stube betreten, oder kurz die Wärme der Sonne auf der Haut spüren. Vielleicht ist es auch der Winter-Largo, der gemächliche Teil von Vivaldis Winter, der breit und wärmend einlullend dahinfließt. Sanft, warm und zufrieden. Ab diesem Zeitpunkt sind die Zitrik und das Elemi eher Beiwerk. Durch die süßliche Wärme der Blumen und Vanille schimmert der Kopfnoten-Frost fast schon freundlich durch, die blasse Seifigkeit des Ylangs vermag es nicht, die Szene noch abzukühlen. Fast mandelig-pudrig verwebt sich die Vanille mit dem Veilchen und dem Moschus; Letzterer nimmt ihr die Süße und jegliche essbare Assoziationen. Jasmin süßelt feminin im Hintergrund.

Und da sind wir eigentlich schon in der Basis. Diese kann sich nicht so wirklich von der Herznote lösen, sie sind herrlich verwoben. Die Kopfnoten sind (zumindest auf meiner Haut) nach ca. 1h für meine Nase fast verschwunden. Ein bisschen ist von der Orange geblieben und süßelt nun mit der Vanille und dem Jasmin fröhlich gemeinsam herum – das Allegro des dritten Satzes.
Es ist nun heiter, warm und kuschelig. Der Moschus pfeift sein Frische-Wind, angewärmt von dem Veilchen und der Vanille. Ylang versucht, etwas Ernsthaftigkeit zu bewahren: "KINDER, es ist schließlich immer noch Winter!", brummt sie seifig inmitten all der wärmenden Fröhlichkeit.
Es ist kuschelig, geborgen, warm und schön. Die Zeder in der Basis ist mein Liebling. Sie lässt den Duft hell und leicht sein, nimmt ihm auch nicht die kühl-winterlichen Assoziationen. Die kalte Wintersonne erhellt immer noch die heitere Szenerie. Alles andere wäre mit dem dominanten Veilchen und der Vanille zu erdrückend. Moschus und Zeder halten das Ganze leicht, die Veilchen-Jasmin-Vanille-Mischung wärmt, und die Erinnerung an die Reminiszenz der Kopfnoten lässt das Ganze nicht so hart in Richtung Krasnaya Moskva und deren erstickende Opulenz driften.
2 Antworten
FloydFloyd vor 3 Monaten
1
Wunderbar eindrucksreich beschrieben..
ElAttarineElAttarine vor 3 Monaten
1
Klingt toll, herrlich fröhlich - ich schnurre mit.