Von fotorealistischem Lavendel und muffigem Moschus
Zu Beginn gleich die Offenbarung, die wohl auch an anderen nicht vorbeigegangen ist: Der Bergamask ist kein typischer Freshie.
Die leichte Animalik ist zuerst zu riechen. Sie ist überraschend verhalten. So langsam kriege ich aber auch das Gefühl, dass ich persönlich die Animalik von Moschus, Zibet und Bibergeil einfach als weniger penetrant wahrnehme als die wirklich "dreckigen" Oudgerüche. Als nächstes ist ein Hauch Zitrik zu riechen. Diese ist doch überraschend fruchtig und süß, so dass ich eher die Assoziation Zitrone als Bergamotte hatte. Wie dem auch sei, kommt jetzt eigentlich 1 bis 2 Minuten nach dem Aufsprühen der versteckte Hauptdarsteller zutage. Es ist der Lavendel. Und dieser ist wirklich mit einer Kraft und Unverfälschtheit zu riechen, wie ich es sonst nur von den kleinen ätherischen Ölen à la Primavera oder ähnlichem kenne. Geradezu fotorealistisch. Die Zitrik lässt den Duft dann insgesamt schon irgendwie riechen wie einen frischen Duft. Er ist aber gar nicht so richtig frisch. Vor allem im Drydown nicht. Die Aromatik bleibt und die Animalik drängt sich nochmal mehr in den Vordergrund, ohne aber die Hauptrolle zu spielen. Ich bilde mir auch ein, Hölzer zu riechen. Wahrscheinlich Zeder.
Der Duft passt natürlich von seinem Profil her traditionell in die wärmeren Jahreszeiten. Ich würde allerdings behaupten, dass man ihn bei fast jeder Temperatur tragen kann, ohne anzuecken oder ganz daneben zu liegen. Im Winter sehe ich ihn am wenigsten.
Haltbarkeit und Sillage sind wie fast alle Kreationen von Gualtieri im obersten Segment angesiedelt. Das Preis-Leistungs-Verhältnis ist durchschnittlich bis leicht überdurchschnittlich.
Der Bergamask ist ein interessanter Duft, nicht weil er so unheimlich komplex ist, sondern weil er mit ein paar "Zutaten" eine unglaubliche Qualität hat.