„Zwei Finger dürfen es schon sein“, murmele ich schmunzelnd in mich hinein, während ich den Whisky ins Tumbler-Glas gleiten lasse. Ein etwas edlerer Bourbon, den man in jedem gut sortierten Getränkemarkt bekommt. Kaum teurer als der hochgejubelte Fusel, der sich sonst in den Einkaufswagen verirrt, und doch sieht man ihn selten in heimischen Spirituosenschränken. Er wird nur von Menschen gekauft, die Wert auf Qualität legen und bereit sind, ein wenig mehr auszugeben – ihrer selbst willen, auch wenn es niemand sofort bemerkt. Ein Viertel Rohrzuckersirup, zwei, drei großzügige Spritzer meines Lieblingsbitters – eine Mischung aus Zimt, bitteren Kräutern und Angostura – verleihen dem Ganzen Tiefe. Zum Schluss zwei große Eiswürfel. Ruhig und bestimmt schlage ich die Ärmel meines olivgrün-lila-ocker gemusterten Designerhemds um, greife zum Barlöffel und rühre, bis mir die Farbe des Drinks zuflüstert: Ich bin perfekt. Dann nehme ich das Stück Orangenzeste, spritze etwas ätherisches Öl darüber, fahre damit über den Glasrand und lasse die Schale im Drink versinken. Old Fashioned – mein Lieblingscocktail. Entspannt schlendere ich zum Fenster unserer schönen, in warmes, gedämpftes Licht getauchten Wohnung. Mein Blick wandert in den Innenhof: Laternen flackern, niemand ist zu sehen. Gepflegter Rasen, klare Wege, ein Spielplatz in der Mitte. Es ist erst 22 Uhr an einem Spätsommerabend, aber der Hof liegt still. Ein klassisches Mittelstandsghetto, würden manche sagen.
„Eben drum“, würde ich entgegnen. Denn hier lebt es sich gut.
Ich nehme einen tiefen Schluck. Erst brennt er leicht, dann entfaltet sich die Aromaexplosion, wegen der ich diesen Cocktail so liebe. Einfach, aber nicht simpel. Schlicht, aber präzise. Der Old Fashioned passt zu mir wie diese Wohnung, dieses Leben. Meine Präsenz, mein Auftreten, mein Stil und auch
– der Duft –
den ich heute gewählt habe. Kein Protz, sondern Understatement. Klar, aber spannend. Bodenständig, und doch nah am Luxus. Selbstbewusst, reflektiert, meiner Stärken und Schwächen bewusst. Kenner spüren diese Tiefe sofort. Fremde nicht – die Aura des Unnahbaren macht mich für manche mysteriös, unheimlich vielleicht, aber dennoch anziehend. Ich strahle Warmherzigkeit und kühle Berechnung zugleich aus. Attraktiv auf eine erstaunlich unspektakuläre Art. Und ja – auch sexy. Dieses Leben habe ich mir erarbeitet. Ich weiß noch gut, wie es früher war. Aber das ist lange her. Heute bin ich hier. Vielleicht bin ich mit 35 ein wenig langweilig geworden. Aber ich bin frei. Ich bin …
… angekommen.
„Was für ein pseudo-philosophisches Möchtegern-Dummgeschwätz“, denke ich und nehme noch einen Schluck. Doch irgendwo ist etwas Wahres dran. Ich bin im Reinen mit mir selbst. Gefestigt. Kein Macho, kein Schaumschläger, aber auch kein graues Mäuschen. Was Fremde denken, ist mir weitgehend egal. Ich demokratisiere nicht mein Selbstwertgefühl. So wie auch der Duft, den ich trage, nicht versucht, sich aufzudrängen. Er trägt dick auf, ohne dick aufzutragen – eine Kunst, die wir in einer Welt verlieren, die alles nur in laut oder leise, gut oder schlecht einteilen will. Doch was, wenn man laut und leise zugleich sein kann? Zwischen den Stühlen? Wenn man viel sagt, ohne viel zu sagen? Besonders ist, ohne offensichtlich besonders sein zu wollen? Wäre das nicht spannend? Sowas wie …
… bunte Grautöne.
Ich hatte das Rauschen der Dusche gar nicht bemerkt – bis es plötzlich verstummt. Meine Frau ist wohl fertig. Wir waren gerade bei unserem Lieblingsitaliener. Nur wir zwei. Nur für diesen Abend habe ich mich herausgeputzt, den besonderen Duft aufgelegt. Nicht für irgendwen. Für sie – und für mich. Wir jagen heute zu oft dem nächsten Aufmerksamkeitskick hinterher. Gesehen, gehört werden – Maxime einer erschöpften Gesellschaft. Dabei vergessen wir manchmal, dass wir längst gesehen und gehört werden. Von denen, die uns lieben. Die uns nah sind. Die uns wirklich wollen.
Meine Frau tritt im Seidenbademantel ins Wohnzimmer, legt ihre Hand an meine Wange und küsst mich zärtlich auf die andere. „Kommst du? Ich bin müde.“ „Ich genieße den Drink noch kurz, dann komm ich.“ Sie nickt, lächelt und verschwindet Richtung Schlafzimmer. Ich sehe ihr nach – und denke wieder: Ich bin angekommen. Dann taucht sie noch einmal auf. Diesmal ohne Bademantel. Sie lehnt sich an den Türrahmen, grinst und sagt: „Du riechst geil.“
===Dufteindruck=== Boozy im Auftakt, danach dunkel, süß, edel, harzig. Leicht kratzig und zugleich cremig. Sehr warm. Deutlich wahrnehmbar sind Kakao und die sanfte, wunderschöne Vanille. Begleitet wird das von sehr weichem, dezentem Oud der holzigen Art. Ein opulenter Duft, aber kein lauter "Banger". Klassischer Understatement Duft.
===Einsatzmöglichkeiten=== Abende – vor allem besondere. Ein Date-Duft, aber keiner, mit dem man auf "die Jagd" oder "Clubben" geht oder sein Tinderdate verführen will. Eher ein Date Duft den man trägt wenn man mit seinem Herzensmenschen zu einem schicken Restaurant geht. Ein Duft, den man trägt, wenn man sich für sich selbst schick macht. Hiermit fällt man nicht auf wenn man in den Raum kommt. Aus meiner Sicht auch kein Duft für "junge Leute" unter 30 oder für Menschen die noch nicht "angekommen" sind. Das sind natürlich alles nur Anhaltspunkte und entsprechen meiner Meinung. Wer den Duft rockt, rockt den Duft, so soll das auch sein :)
===Inspiration / Assoziationen=== Der Duft weckt in mir ganz klare Assoziationen zu Parfum de la Nuit 2. Das hier ist aber kein Dupe oder Duftzwilling und auch keine 1:1-Alternative. Es geht nur eine ähnliche Richtung Manche nennen hier „Babycat“ als Vergleich – für mich unverständlich. Abgesehen von der Vanille sehe ich kaum Gemeinsamkeiten.