Tarata
Taratas Blog
vor 12 Jahren - 25.02.2012
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Ein (semi-)orientalischer Selbstversuch

Letztes Jahr waren mein Freund und ich auf Java. In einem kleinen Ort bar jeder Unterhaltung gibt es dort ein Hotel, das die ganze Stadt mit seinem Glanz überzieht. Für uns Europäer wäre ein Zimmer in diesem Luxushotel durchaus bezahlbar, aber das Besondere an diesem Ort sind nicht etwa der gehobene Service, sondern vielmehr, dass die Eigentümer das Hotel gleichzeitig als Museum für vielerlei asiatische Kunstgegenstände gebrauchen --- großzügigerweise frei zugänglich für Hotelbesucher und Nicht-Hotelbesucher gleichermaßen. In einem der vielen Räume gibt es eine Sammlung, die nahezu ausschließlich aus schwarz lackierten Tischen, Stühlen, Schachteln, Vasen und vielem mehr besteht...


Ich erzähle das, weil ich fürchte, ich muss wohl eine dieser Schachteln unbeabsichtigt und unbemerkt aus dem Hotel/Museum geschmuggelt haben, denn sie steht jetzt vor mir: schwarz, glänzend, mit goldfarbenem Rand und ziemlich auffällig in einer Wohnung, die eher hell und bunt gestaltet ist. Ein wenig erfürchtig gleite ich mit meiner Hand über die Box und beobachte, wie sich meine Augen auf der glatten Fläche spiegeln.


Es ist nicht nur die rechteckige Schachtel, die mir Erfurcht einflößt. In dieser Box befindet sich mein allererstes orientalisch-angehauchtes ("semi-orientalisch", wie Linda Gerlach, die Schöpferin dieses Parfums, es beschreibt), schwereres und vor allem luxuriöses Parfum: "Love, the Key to Life". In meiner Kindheit wurde ich irgendwann mal schwer Shalimar-geschädigt, seitdem mache ich um Düfte, die auch nur annähernd in diese Duftkategorie fallen, normalerweise einen riesigen Bogen. Aber ich trinke auch 4-6 Becher Kaffee pro Tag und haben wir nicht fast alle Kaffee als Kinder schrecklich gefunden? Ja, nachdem ich jetzt kein Tween mehr bin, wird es Zeit, zu neuen Ufern aufzubrechen und den schwierigen Orientalischen zu erobern. Ich kann meine typischen Zitrus/Frucht/Gourmand Düfte zum studentenfreundlichen Einkaufspreis im meinem Schrank fiepsen hören, während ich nun erwartungsvoll meine Ergatterung auspacke.

Überraschend rund und kantenlos kommt sie daher, meine neue Herausforderung. Und damit meine ich noch nicht den Duft selbst, sondern vielmehr den Flakon. Mit seiner Fächerform erinnert er mich entfernt an "Vendetta Donna", allerdings ist "Love, the Key to Life" opulenter in seiner Erscheinung, symmetrischer in seiner Form. Die Ecken und Kanten sind weich und rund geschliffen und der Flakon liegt gut in der Hand; gar nicht kratzbürstig, wie ich befürchtet hatte. Ja, das fängt schon einmal gut an, das ist vertrauensweckend. Jetzt muss ich ihn nur noch herumdrehen (beziehungsweise absetzen), den Ankh, den "Schüssel zum Leben", der mir den Weg zu meinem neuerworbenen olfaktorischen Schatz freigibt.

Mutig setze ich den ersten Sprüher gleich auf meinen Arm, wedle ein wenig den Alkohol hinweg und halte den bedufteten Arm meinem Freund unter die Nase. "Hmm, mag ich nicht", schießt sofort aus ihm heraus und bleibt sein einsamer Kommentar zu meinem neuen Duft. Mein Herz bebt, als ich jetzt selbst einen tiefen Zug nehme und an meinem duftenden Arm schnuppere. Sollte das ganze Experiment ein riesen Fehler gewesen sein? Und wenn Liebe der Schlüssel zum Leben ist und mein Liebster diesen Duft nicht mag, kann er mir dann überhaupt gefallen? Nein, so geht das nicht. Ich muss mich in meine stille Ecke zurückziehen und mich ganz auf den Duft konzentrieren, alles andere um mich herum vergessen -- Freund eingeschlossen.

Ganz alleine bin ich allerdings nur für einen Augenblick, denn bald schon gesellt sich meine andere, noch recht junge Liebe zu mir: mein Kater. Und siehe da, im Gegensatz zum ersten Kritiker scheint dieser hier sehr viel mehr von meiner neuesten Eroberung angetan zu sein. Ausgiebig beschnüffelt er jeden Millimeter meines Arms, um sich letztlich daran zu kuscheln und einzuschlafen. Na prima, eigentlich hatte ich damit gerechnet, beide Hände für meinen anstehenden Parfumtest verwenden zu können, jetzt muss ich wohl auf eine verzichten. (Glücklicherweise kein Drama, denn der Flakon lässt sich wirklich gut händeln.).

Und nun bitte konzentrieren. Arm freilegen; kurzer Sprüher; schnuppern!
Sofort umweht der zitrische Geruch von Bergamotte meine Nase und paart sich mit dem leicht Würzig-Frischen der Johannisbeerblüte. Doch nicht lange, und dann tritt die Orangenblüte hervor und gestaltet den Duft cremig, weich, leicht fruchtig. Meine Gedanken tragen mich fort, äquatorwärts, in ferne Länder; üppige Gärten mit lieblich duftenden Blumensträuchern, die von jungen Frauen umtanzt werden, tauchen vor meinem inneren Auge auf. Wieso habe ich orientalisch-angehauchte Düfte denn immer als nur zu älteren Damen oder dunklen temperamentvollen Schönheiten passend angenommen?  Diesen hier kann ich mir wunderbar ebenso an blonden Frauen, jungen Frauen... vorstellen, ja, mir scheint, dieser Duft passt zu jeder Frau, die sich einmal besonders feminin fühlen möchte, ohne aber naiv zu wirken oder sich laut in den Vordergrund drängen zu wollen.

Dankbar stelle ich fest, dass sich die Jasminblüte dezent im Hintergrund hält, denn viel zu oft nehme ich einen seifigen Unterton wahr, wenn die Duftpyramide auf Jasmin verweist. Doch wie schön! Ich kann meine Nase noch so stark an meinen Arm pressen und das Parfum inhalieren -- da ist absolut nichts Seifiges. Das macht mich mutiger und ich begebe mich unter eine kurze Parfumsprühdusche.


Nach einer Weile treten dann die Basisnoten hervor und ruhen auf einem kuscheligen Bett aus Moschus unter einer leichten Amberdecke. Es ist eine elegante Basis, ohne steif zu wirken; sozusagen der feine, weiche Kaschmirkaputzenpulli, in dem ich mich jetzt auf mein geschmackvoll minimalistisches Designersofa unter meine grobmaschig gestrickte Kaschmirdecke kuschle und eine Tasse frischen Orangenblütentee geniesse.
Nun ja, in Wirklichkeit muss es mein Baumwollpulli, das Ikea-Sofa, die Fleecedecke und ein Glas Leitungswasser tun -- aber nichts, was mein neuer Orientale nicht gefühlt aufmöbeln kann. Der Kater wälzt sich jetzt auf den Rücken, Pfoten in die Höhe -- totale Entspannung. Da gesellt sich auch mein Freund wieder dazu, schnuppert und stellt zufrieden fest: "Siehst Du, das riecht jetzt gut! Das mag ich! Überhaupt nicht wie das andere Parfum, das Du vorhin getestet hast." Äääähm, genau..  alles viel zu kuschelig gerade, um die traute Dreisamkeit mit Geschichten über Duftentwicklung und dergleichen zu stören -- einfach nur genießen!

Obwohl ich versucht habe, die einzelnen Duftnoten herauszuriechen und etwas auf sie einzugehen, ist das nahezu unmöglich, denn "Love, the Key to Life" ist von Anfang bis Ende eine absolut runde, harmonische Mischung, einer dieser sensationellen Kompositionen, die es tatsächlich schaffen, einen neuen Duft zu kreieren. Mein Test mit "Love, the Key to Life" war mein Übergangsritual von meiner Vor-Parfumo-Phase, in der sich meine Duftlieben auf zitrische Düfte und Gourmands beschränkten zum Jetzt und meiner besonderen Liebe zu orientalisch-angehauchten Parfums mit stärkerer Sillage. Dieser Duft schafft es definitiv unter die Top 10 meiner zeitlosen Favoriten und mein Selbstversuch ist damit voll und ganz geglückt :-)

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