Ein berauschendes Brett zwischen tropischer Exotik und reifer Geborgenheit
Junge, war ich gehyped auf diesen Duft! Wer mich kennt, weiß: Amouage gehört ohne Wenn und Aber zu meinen Lieblingshäusern. Ich liebe dieses Label für seine Ecken, seine Kanten und diese unverkennbare, fast schon sakrale DNA. Entsprechend war ich voller Vorfreude, als ich die Probe von Sindbad, der im Zuge des neuen Releases jetzt unter dem Namen Elsewhere läuft, endlich in den Händen hielt.
Schon der Name triggert sofort das Kopfkino. „Sindbad“ stammt aus dem Arabischen und Persischen, bedeutet übersetzt so viel wie „Wind des Sindh“ oder „Herr des Indischen Ozeans“. Man denkt sofort an die weltberühmte Sagengestalt aus Tausendundeine Nacht: Ein reicher Kaufmann, ein Abenteurer, der auf seinen sieben Reisen die Meere bezwingt, Seeungeheuer überlebt und magische Inseln entdeckt. Ein Name, der für Entdeckergeist, Abenteuerlust und unermesslichen Reichtum steht.
Und genau diesen Anspruch spürt man hier schon, bevor der erste Sprüher überhaupt die Haut berührt. Allein die Verpackung der Probe verströmt einen Geruch, der mir die Sinne vernebelt: Es steigt mir etwas Würziges, Rauchiges und leicht Geröstetes in die Nase, gepaart mit einer fruchtig-süßen, fast schon gourmandigen Facette. So vielschichtig, dass ich es kaum in Worte fassen kann, aber verdammt gut.
Doch machen wir Schluss mit dem Vorgeplänkel. Der Duft kommt direkt auf die Haut.
Beim Aufsprühen explodiert der Duft förmlich. Sofort schießt mir eine dichte Aprikose und ein extrem präsenter, schwerer Honig in die Nase. Mein allererster Gedanke: Wenn man zu später Stunde in die Sauna geht und der Saunameister den berüchtigten „Gute Nacht Aufguss“ vorbereitet, der oft mit Honig verfeinert wird. Es ist diese tiefe, einnehmende Wärme, die einen augenblicklich beruhigt und umhüllt. Aber versteht mich nicht falsch: Das hier ist nicht im klassischen Sinne „lecker-gourmandig“, als hätte man sich ein Dessert bestellt. Es ist vielmehr so, als würde man in flüssigem, warmem Honig baden.
Um in der Bildsprache des Seefahrers vom Anfang zu bleiben:
Für mich ist dieser Duft wie der Moment, in dem man die hölzerne Kajüte eines alten Segelschiffs bei Sonnenuntergang betritt. Ein flirrender, fast schon berauschender Mix aus klebrig süßen, honiggetränkten Früchten schlägt einem entgegen, der durch etwas Zitrik und die scharfe Frische von Ingwer und Kardamom regelrecht vibriert. Doch statt im reinen Frucht Koma zu enden, macht man es sich in einem Sessel gemütlich, mit einer Tasse herb-würzigem schwarzen Tee und einem cremig-nussigen Cappuccino in der Hand, umhüllt von einer tiefen Davana Note.
Alles an diesem Abenteuer ruht schließlich auf den schweren, sonnengewärmten Planken des Schiffes, deren Duft nach Zedernholz und erdigem Patchouli von einer dicken, balsamisch-süßen Decke aus Labdanum, Vanille und Tonkabohne warm weichgezeichnet wird.
In den ersten Minuten dominiert dieser fruchtig-süße, tiefe Honig. Wenn ich ganz ehrlich bin, könnte der Honig für mein persönliches Empfinden anfangs sogar einen Tick leiser sein. Doch genau hier zeigt sich die Genialität des Duftes, denn nach ein paar Minuten verfliegt diese erste Honig Gewalt. Die Früchte emanzipieren sich, werden klarer greifbar und trennen sich langsam vom Honig. Gleichzeitig schiebt sich etwas herrlich „Geröstetes“ in den Vordergrund, eine Melange aus der nussigen Cappuccino Note und der rauchigen Bitterkeit des schwarzen Tees.
Und dann passiert die Magie in der Luft. Die Sillage, die dich umgibt, ist eben nicht erschlagend oder penetrant. Sie pendelt sich auf eine wunderschöne, süßlich-warme und herbe Aura ein. Jedes Mal, wenn ich an meinem Handrücken rieche, denke ich mir nur: Was für ein brutales Brett.
Was diesen Duft so unendlich rund macht, ist, dass er eben nie in eine banale Frucht-Süße abdriftet. Im Hintergrund schwingt immer diese röstig-rauchige, maskuline Note mit.
Wie schon von Fragranceflo vorher sehr passend beschrieben, riecht es im weiteren Verlauf unverkennbar nach edlem, feuchtem Pfeifentabak.
Trotz aller Begeisterung ist dieser Duft verdammt schwer einzuordnen. Wann trägt man so ein Kaliber? Ich habe ihn an einem Sommerabend getestet. Das war zwar nicht deplatziert und hat auch nicht gestört, aber ich würde seine wahre Heimat eher in den goldenen Herbst einordnen.
Durch diesen sehr markanten Pfeifentabak Vibe und die mitschwingende, reife Rauchigkeit sehe ich den Duft auch eher an einem gestandenen, charakterstarken Mann ab 40+. Er braucht eine gewisse Reife, um getragen zu werden.
Im Drydown, wenn der Duft in seine Basis übergeht, wird es noch mal spürbar harziger und trockener. Der Cappuccino bleibt für meine Nase im Hintergrund aktiv, während Vanille und schwere Balsame dem Duft eine ultra-maskuline, warme Tiefe verleihen. Die Performance ist dabei, wie von Amouage gewohnt ist, sehr solide. Mit nur vier Sprühern bist du für viele Stunden sehr präsent, edel und unüberriechbar eingehüllt.
Fassen wir dieses komplexe Abenteuer zusammen: Auf der einen Seite steht diese saftig-tropische Fruchtsüße aus Mango, Aprikose und Honig. Auf der anderen Seite die dunkle, gemütliche Tee-Kaffee Rauchigkeit, getragen von einem tiefen, harzig-holzigen Amouage Fundament.
Ist dieser Duft besonders? Absolut. Riecht er gut? Für mich absolut. Blind Buy? Bloß nicht. Ihr müsst ihn zwingend testen. Ist er seinen astronomischen Preis wert? Rational betrachtet: Nein, natürlich nicht.
Aber aus meiner Sicht ist es extrem wichtig, eine Duft DNA völlig unabhängig vom Preis-Leistungs-Verhältnis zu bewerten. Ich bin absolut kein Freund davon, wenn Leute ein solches Kunstwerk in Foren schlecht bewerten, nur weil sie sich über den Preis ärgern. Handwerklich ist das hier allerhöchste Liga.
Ob ich bereit bin, diese Summe für einen ganzen Flakon hinzublättern? Ich weiß es ehrlich gesagt noch nicht. Aber so ging es mir anfangs mit Outlands auch und nach ein paar Mal Tragen hat mich die DNA komplett süchtig gemacht. Die gewohnte, kompromisslose Amouage Qualität ist jedenfalls in jedem Molekül spürbar.
Wer also einen wirklich besonderen, charakterstarken Duft sucht, der die perfekte Brücke zwischen abenteuerlicher Exotik und der wohligen Wärme eines Kaminabends schlägt, der muss sich auf diese Reise begeben. Sindbad wartet auf euch.