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Buchmensch
10.01.2014 - 21:56 Uhr
11
Sehr hilfreiche Rezension
5Duft 10Haltbarkeit 5Sillage 7.5Flakon

Entschuldigung, aber haben Sie meine Grüne Fee gesehen?

Als Autorin auf der ständigen Suche nach flüssiger Muse komme ich natürlich an einem Duft, der sich »Absynthe« nennt, nicht vorbei. Aber wo sich andere bei dem Namen an Filme erinnert fühlen - z.B. »Total Eclipse« mit Leonardo DiCaprio (»Absith. Zwei.«) - oder Kunstwerke - Picasso, van Gogh - bringe ich in Sachen Absinth Erfahrungen aus erster Hand mit. Natürlich, als verrückte Genie, das etwas auf sich hält, bin ich in meiner wildbewegten Jugend nicht daran vorbeigekommen.

Mit Mitte zwanzig wohnte ich in einer Künstlerkommune - okay, es war eine Wohngemeinschaft mit zwei Freundinnen, und wir hatten so banale Brotberufe wie Kindergärtnerin, Buchhändlerin, Bürokauffrau, aber trotzdem waren wir Künstler, ich mit meiner Schriftstellerei, meine Freundinnen haben gemalt. Die beiden waren Goths, ich ein Schlunz auf der Suche nach einem eigenen Stil, und die alten Meister hatten es uns angetan, insbesondere die Dichter um Shelley und Lord Byron. Die haben eher keinen Absinth getrunken, sondern sich mit Laudanum ins Reich der Träume befördert, aber es ist zugegeben schwer, im Köln der Jahrtausendwende auf legalem Weg an Laudanum zu kommen. Aber wir haben eine Flasche Absinth aufgetrieben, Souvenier aus Prag, angeblich »Der Richtige Stoff«, und versucht, uns ein verrucht-künstlerisches Ansehen zu geben und auszuprobieren, ob das Zeug seinen Ruf wirklich verdient.

Schnelle Antwort: Die Glorifizierung von Absinth ist völlig überzogen, zumindest mit dem, was man heutzutage kaufen kann, selbst in Prag. Pur genossen, schmeckt es, als würde man Mundwasser trinken. Mit der klassischen Absinthzeremonie, bei der man einen Zuckerwürfel über einem Glas Absinth flambiert und mit Wasser ablöscht, bekommt man einen ganz leckeren, trinkbaren Likör, aber da der Großteil des Alkohols in Flammen aufgeht, wenn brennender Zucker in das Glas tropft, ist das Ganze sehr eindrucksvoll, aber weniger berauschend, als man meinen sollte. Trotzdem, ich kann sagen, ich habe in einer Künstlerkommune gelebt und nachts bei Kerzenschein auf dem Balkon Absinth getrunken.

Im Paris des 19. Jahrhunderts hat das Absinthtrinken eine beispielslose Welle des Elends ausgelöst, Menschen in die völlige Verarmung gestürzt und war Inbegriff des sozialen Absturzes. Alle heutige Glorifizierung mal außenvor, möchte man wirklich sein Parfum nach einer derart negativ belegten Sache benennen? Ich würde mich auch nicht mit »Cholerà« oder »Guerre Mondiale« einstinken wollen, aber Düfte nach (Rausch-)Giften zu benennen, hat lange Tradition - ich sage nur Poison oder Opium. Und das Marketing war auch bei mir ein Erfolg: Heißt Absinth? Wird gekauft!

Aber wie riecht er denn nun, der Absinth aus dem Hause Avon? Erst einmal: Nicht nach Absinth. Der Duft beginnt zwar ähnlich alkoholisch, aber das verfliegt schnell und weicht dem üblichen Avon-Aroma, bis das dann endlich dem eigentlichen Duft Platz macht. Aber Anis und Wermut, die im Absinth wirklich sehr dominieren, scheinen nur in alibimäßigen Dosen enthalten zu sein und kommen überhaupt nicht durcht, statt dessen hat man die satten grünen Aromen von Moos, Holz, und nassem Rasenschnitt. Es ist kein schlechter Duft, gar nicht süß, ziemlich herb, erfrischend, nur darf man nicht zu nah mit der Nase ans Handgelenk gehen, dann mischt sich nämlich eine muffige Note darunter, wie ein gärender Komposthaufen. Aber mit ein bisschen Distanz ist es ein wirklich feiner, grüner, nicht zu aufdringlicher Duft.

Nur Absinth? Da erinnert es mich doch eher an die Waldmeister-Aromen meiner Kindheit. Ich will nicht zu streng mit dem Team von Christian Lacroix ins Gericht gehen, denn sie behaupten nicht, dass die Substanz in dem hübschen grünen Fläschen wirklich Absinth wäre, aber natürlich soll der Duft inspirieren, Assoziationen wecken, nicht unbedingt an den echten tollkirschehaltigen Elendsbringer vom Montmartre, sondern an die Kunst, die in seinem Namen hervorgebracht wurde. Und das gelingt, zumindest in meinem Fall, nicht wirklich. Ich fühle mich weniger an die romantischen Stunden auf dem Balkon erinnert, als mehr an einen Waldspaziergang im Regen. Kein schlechter Geruch. Nur mit Absinth hat das für mich nicht viel zu tun.
4 Antworten
BuchmenschBuchmensch vor 8 Jahren
Sorry, sehe den Kommentar zur Tollkirsche erst jetzt. :-) Ich finde online gerade keine verbindliche Quelle dazu, aber ich habe die Info aus dem (großartigen) Buch "Rauschdrogen - die Sehnsucht nach dem künstlichen Paradies" von Ronald K. Siegel. Das hatte ein sehr informatives Kapitel über Absinth und warum in den Zeiten der großen Absinth-Epidemie die Süchtigen nicht alkoholabhängig im klassischen Sinne waren, sondern abhängig von der Kombination der verschiedenen enthaltenen Giftstoffe.
BrautkleidBrautkleid vor 8 Jahren
Tollkirsche? Im Absinth? Ich glaube, hier verwechselst Du was. Weder im historischen, noch im modernen Absinth ist Tollkirsche enthalten.
KoboldKobold vor 11 Jahren
Toller Kommentar, der mich an meine wilden Zeiten erinnert hat. Grins. Zu dem Geruch von Absinth kann ich nichts sagen, aber mich erinnert das Parfum ebenfalls an einen Regenspaziergang, wenn auch eher durch nasse Wiesen. Nix für mich. Prostpokal!
0815abc0815abc vor 12 Jahren
Hab ich mit Freude gelesen.Danke und Pokal.