Unter den zahlreichen Substanzen, aus denen wir Menschen Wohlriechendes zu extrahieren gelernt haben, gehört die Gruppe der originär tierischen Substanzen sicherlich zu den polarisierendsten und schwierigsten. Die wohl bekanntesten und entsprechend geläufigsten unter ihnen sind Moschus, Bibergeil und Zibet, allesamt gewonnen aus dem Drüsen kleiner bis mittelgroßer Tiere und heute aus ethischen wie ökonomischen Gründen ausnahmslos synthetisiert. Neben ihrer (ehemals) aufwändigen und umstrittenen Gewinnung polarisiert oft auch ihr Duftcharakter – animalische Akkorden sind in der Lage, Parfums Reife zu geben und einen Resonanzkörper, doch sind es eben oft herausfordernde und anspruchsvolle Düfte, die - ganz wertfrei – die ungeschulte Nasen überfordern können, die oftmals eine schmutzige, mitunter gar urinartige Note wahrzunehmen glauben und das als – Überraschung! – unangenehm empfinden.
Sie ist sinnarm und wird im Duktus häufig unschön - die Diskussion des 'wer hat die meiste Dufterfahrung und darf sich deshalb ein Urteil erlauben' (hier wie anderswo schon oft erlebt), doch glaube ich, dass ein – ganz wertfrei – 'Duftanfänger' sich am Anfang seiner 'Duftkarriere' nicht für einen ausgesprochenen Moschusduft entscheiden wird. Moschus – wie auch die anderen tierischen Akkorde – ist einfach zu wenig leichtfüßig und gefällig und offenbart seine Schönheit oft auch erst in Herz- oder gar Basisnote, während der – ich benutze das hässliche Wort noch mal – 'Duftanfänger' häufig zunächst der rauschhaft schönen Kopfnote verfällt. Das ist nicht schlecht, nicht falsch, nicht gar nichts – dieses Empfinden verändert sich einfach, je länger man sich mit Parfum beschäftigt. Und nur kaum jemand wählt einen wie Kouros, Hammam Bouquet - geschweige denn Muscs Koublaï Khän (dass ausgerechnet der hier als Duftzwilling genannt wird, erschließt sich mir nicht) als seinen ersten Duft.
Kiehl's Original Musk Blend No. 1 als erster (Moschus-)Duft hingegen – das ginge gut, doch ja. Zum einen mag das daran liegen, dass die Mid-Price-Marke Kiehl's gemeinhin als zugänglich und sympathisch wahrgenommen wird und keinerlei Schwellenängste auslöst. Und zweitens ist er ein Duft, der – in seiner heute erhältlichen, reformulierten Variante, und nur die kenne ich - das Warme und das Bebende des Moschus zwar thematisiert, jedoch in einer weichen und gezähmten, wenngleich unzweifelhaft kraftvollen Art und Weise. Dennoch ist er kein kastrierter Moschus – keiner, dem man die Flügel gestutzt und in eine Schablone gezwungen hat. Original Musk Blend No. 1 ist 'ein ganzer Moschus', aber ein freundlicher und sanfter – verwegen, aber nicht rebellisch. Schwer zu sagen, ob es die Blüten sind (die solitär kaum auszumachen sind, höchstens ganz entfernt die Lilie) oder die 'Dimmer' Tonka und Patchouli - oder die Kombination aus allen dreien.
Fazit: ein alters- und zeitloser, urbaner und entspannter Moschusduft. Anfängergeeignet. Fortgeschrittenengeeignet. Profigeeignet. Schön.
Sehr passend beschrieben! Und doch, es gibt auch 'Anfänger', die sofort Muscs Kublai Khan verfallen waren. :-) Der Kiehls kam mir erst später unter die Nase, aber auch den muss ich immer haben. Das Öl ist himmlisch!