Trotz erwiesener Überlegenheit der Digital- und Transistortechnik wird es wohl immer Musikfreunde geben, die auf Vinyl schwören, die ihre schweren Plattenspieler mit altertümlichen Röhrenverstärkern und riesigen Hornlautsprechern verbinden – und für das Ganze auch noch Phantasiepreise zahlen. In der Parfumkunst findet diese Esoterik in der so genannten Naturparfümerie ihre Entsprechung, die auf reine Öle setzt und auf synthetische Fixierstoffe verzichtet. Wenn ein ihr zugeneigter Parfümeur sich dann noch arabisch orientiert, ist der Gipfel erreicht – mehr Nische geht nicht!
Man muss also aufgeschlossen sein gegenüber den Werken von AbdesSalam Attar alias Dominique Dubrana; es ist eine Welt für sich, innerhalb der dieser hochinteressante Parfümeur seinen Platz gefunden hat.
Balsamo della Mecca soll seine Inspiration aus einer Reise eben dorthin beziehen – es ist der Duft der Massen gläubiger Pilger, deren vielfältige Gerüche dieses Parfum widergespiegeln möchte. Tatsächlich aber geht es im Kern nur um eine Note: Labdanum. Die wird begleitet von Weihrauch, was ihr eine wunderbare Tiefe verleiht, sowie Tabak und rauchigem Amber. Rose und Tuberose sind nur ganz unbestimmt wahrnehmbar: ich finde, sie bewirken in dieser Umgebung weniger eine florale, sondern eher eine leicht fruchtige Anmutung, eine Ahnung von Trockenfrüchten.
Arabisch ganz ohne Oud? Aber ja! Arabisch an Balsamo della Mecca ist die recht einheitliche Anmutung: hier gibt es keine Duftreise über Kopf- Herz- und Basisnote, was vermutlich ein eher westliches Konzept ist. Ganz ohne Entwicklung ist Balsamo della Mecca dennoch nicht, und die besteht leider in einem leichten Verlust an Komplexität.
Wunderschön ist Balsamo della Mecca nach dem Auftragen und in der ersten halben Stunde. Nicht direkt auf der Haut, aber in einiger Entfernung ergibt sich ein wunderbarer harzig-milder Duft, der das Herz schneller schlagen lässt! Am besten wahrnehmbar ist er, wenn man sich den Duft von der aufgesprühten Stelle her zufächelt. Leider zieht sich Balsamo della Mecca schnell auf die Haut zurück und bewirkt mir dann zu wenig. Mir als westlichem Parfumbanausen erscheint Balsamo della Mecca ein wenig unfertig, wie eine etwas nackt dastehende Chypre-Basis. Doch Hand aufs Herz – in vielen Chypres wirken zitrischer Kopf und florale bzw. krautige Herznoten draufgepfropft und verzichtbar.
Gute Naturparfums aus wertvollen Rohstoffen bekommt man nicht für lau, und Herr Dubrana weiß, was er verlangen kann. Es gibt Balsamo della Mecca schon in kleinen Größen – doch man muss verschwenderisch auftragen! 32 ml kosten um die 100 € bei Lieferung in die EU, das tut schon weh. Für 10 ml Attar, welches dann hoffentlich nicht ganz so verdünnt ist wie das Parfum, muss man um die 400 € berappen. Dass das Besondere auch einen besonderen Preis haben muss, ist für viele Kunden Teil der Wertschätzung, die sie einem Luxusprodukt entgegenbringen, und nur wenige Kenner würden begeistert zugreifen, wenn sie es auf dem Flohmarkt fänden. Balsamo della Mecca ist ein schöner Duft, stellt mich aber in der Light-Version, die preislich nur scheinbar im Rahmen bleibt, nicht zufrieden.