Schnüfflerin
03.12.2025 - 16:22 Uhr
5
Hilfreiche Rezension
7.5Duft

Der Atem des verfallenen Weins

Ein einziger Sprüher und der Sturm ist entfacht. Er trifft mich direkt, intensiv, fast aggressiv: eine Note, die tatsächlich an Rotwein erinnert. Dunkel, trocken, mit einer leichten Säure. Doch zugleich schal, wie der Geschmack, den Rotwein auf der Zunge hinterlässt. Wie ein Rotwein, der in einem alten Gemäuer verschüttet wurde, langsam in Stein und Staub versickerte und dort viele Jahre verweilte.

Die Sillage ist wie ein atomares Beben, die Säure bleibt fremd und mitten darin steht eine dornige Rose. Mein Magen wird flau. Ein Bild blitzt auf, erst flüchtig, dann immer deutlicher: Als hätte jemand im Rausch Rosen verschlungen
und sie später wieder erbrochen.
Blüten, halb verdaut, die Farbe noch rot, aber stumpf - gefangen zwischen Schönheit und Verfall.

Der Geruch ist verstörend und dennoch eigenartig anziehend. Gerade deshalb kann ich die Nase nicht abwenden.
Während sich der erste Wirbel legt, verändert sich das Wesen des Duftes.
Der Rotwein zieht sich zurück, die Rosen treten in den Vordergrund. Zu dieser Zeit gefällt er mir am besten. Doch das Parfum ist ein Wandlungskünstler. Eine neue Note erhebt sich, wird klarer, deutlicher. Es ist das Leder alter Gewänder,
die in dunklen Räumen lagerten,
von Rauch durchzogen, von Ritualen geschwärzt. Leder, das Geschichten trägt, die niemand hören sollte.
Die Rosen schmiegen sich an dieses Leder wie verwundete Schönheiten, die Schutz suchen.

Eine Zeitlang wandere ich zwischen diesen Noten: Der tiefen Rose, dem rauchigen Leder, dem letzten Nachhall von Rotwein, der wie eine Erinnerung im Hintergrund flackert. Der Duft scheint sich zu beruhigen,
und für einen Moment glaube ich, ihn verstanden zu haben. Doch dann kippt er. Nicht abrupt, aber mit einer Konsequenz, die mir den Atem raubt.

Etwas Animalisches schleicht sich ein,
kaum merklich, aber unaufhaltsam:
Ein urinöser Schatten, der sich wie ein fremdes Herz zwischen die Noten schiebt. Und ich stehe da, zwischen Faszination und Flucht. Zwischen Rosen, die erbrochen wurden,
und Leder, das zu viel gesehen hat.
Zwischen dem Atem eines alten Weins
und dem letzten, animalischen Aufbegehren eines Duftes,
der sich weigert, schön zu sterben und der daran erinnert, dass wir am Ende alle verfallen.
6 Antworten
DonZibettoDonZibetto vor 23 Tagen
@Schnüfflerin Wahnsinnig toll beschrieben 🤩
SchnüfflerinSchnüfflerin vor 23 Tagen
@DonZibetto Danke dir :)
SandKranichSandKranich vor 1 Monat
Whoa toll geschrieben und ein sehr spannender Duft!
SchnüfflerinSchnüfflerin vor 23 Tagen
@SandKranich Danke dir ☺️ Ja, wirklich interessant
FloydFloyd vor 1 Monat
Dein Bild ist spannend. Weiß aber nicht, ob mir der Duft nicht zu Rosig wär.
GenovevaGenoveva vor 1 Monat
Geheimnisvoll, dunkel und tief. Hier werde ich neugierig...