En Forêt 1925

Gerdi
02.11.2014 - 09:52 Uhr
13
Sehr hilfreiche Rezension
10
Flakon
7.5
Sillage
7.5
Haltbarkeit
10
Duft

Ein Meisterwerk!

So muss sich Howard Carter gefühlt haben, als er die Grabkammer des Tutanchamun eröffnete…
Mein ersteigertes Päckchen kam am Mittwoch. Köstliche Vorfreude, gespannte Erwartung…
Alles hatte ich versucht, um detaillierte Informationen über dieses Parfum zu bekommen; allein es wollte mir nicht gelingen.
Ein Duft dieses Namens ist weder beim Maison Alexandre Cesar Napoleon Agnel, noch bei dessen Sohn, G. Agnel, der eine Dependance in New York unter dem Namen Golden Parfum Co eröffnete, gelistet. Lediglich das hier vorhandene Foto wird im Blog „Cleopatra’s Boudoir“ gezeigt.

Fast haben mir die Hände gezittert,- die Außenhaut des Päckchens war durchnässt, Himmel,- ein Unglück??
Nein! Nichts duftete durch… Gerettet!

Mühsam war es, diese sorgfältige, sichere Verpackung mit einem zierlichen Taschenmesser aufzuschneiden…

Oh! Eine wunderschöne, rechteckige Schachtel, bezogen mit changierendem, fahlgrünem Glanzpapier, einem winzigen goldenen Etikett mit Firma und dem Namen des Parfums kam zum Vorschein.
Der Deckel klemmte ein wenig, das wurde jetzt spannend…
Plopp… Offen… Ebenso blassgrüne Seide kleidete das Bett eines zauberschönen Flakons aus.
Er ist eckig, etwa zehn Zentimeter hoch, mit eingeschliffenem Glasstopfen, der eine in grobe Facetten geschliffene Kugel trägt, ähnlich der Elemente, die man sonst an historischen Kronleuchtern findet.
Eine zierliche goldfarbene Kordel wand sich in akkuraten Linien zwischen Flaschenhals und Stopfen.
So…jetzt erst einmal den gesamten Verpackungsmüll entsorgen, alles aufräumen,
...was wird mich erwarten?
...und wenn der Duft gekippt ist??????
Nein! Ich will jetzt nicht feige sein! Ich stelle mich jetzt! Ich wage es!
Nun seid tapfer, ihr Sammler von historischen, original versiegelten Flakons!
Bloß nicht weiter lesen! Ausloggen! Vor Empörung schreien!

Her, mit der kleinen Schere: Schnipp! Aufgeschnitten sei das Siegel…
Mit einer sorgfältig aufgebrachten, hauchdünnen Papiermembran war ein Verdunsten seit wahrscheinlich über achtzig Jahren verhindert worden.
Gleich einem Archäologen habe ich sie vorsichtig abgehoben.
Und dann… Der Stopfen saß fest! Sehr fest sogar!
Warme, feuchte Umschläge helfen nicht nur kranken Kindern, sondern auch Fläschchen, die sich nicht öffnen lassen wollen. Gummihandschuhe geben die nötige Griffigkeit.
… die Spannung steigt…
… der Stopfen lässt sich drehen…

Kaum löst sich knirschend der Verschluß, entströmt dem Flakon ein überwältigender Zauberduft aus einer fremden Epoche! Großartig!

„En forêt“, im Wald! Welch schlichter Name für einen schweren, erhabenen, sinnlichen Duft!
Dies ist kein saftig-grüner Laubwald.
Es ist ein tiefer, dunkler Nadelwald, der Tags über von heißer Sommersonne durchglüht, intensiv nach Harzen, Hölzern, Weihrauch und Pinien duftend, staubig-trocken fast…
Im dämmernden Licht blitzen vereinzelt hellgrüne Reflexe und letzte dunkelgoldene Sonnentupfer durch diesen Zauberwald.
Atemlose Stille, Wärme, Vertrautheit!
Doch, Halt! Moment!
Man ist nicht allein… versteckt sich dort nicht hinter mächtigen Stämmen ein kleines Wesen? Husch! Ganz zart und fein, lässt sich ein Zibetkätzchen entdecken!

Ein Parfum von unglaublicher Perfektion im Zusammenspiel der einzelnen Komponenten, die mir ein Herausfiltern unmöglich machen.
Unsüß, aber dennoch sehr weich, würzig, eine Spur animalisch.
Der mächtige Start ließe ahnen, dass es ein „lautes“ Parfum ist, es bleibt jedoch eher im mittleren Bereich der Sillage-Skala.
Die Haltbarkeit liegt bei ca. sechs bis sieben Stunden und der Verlauf bleibt unverändert schön.

Wer hat diesen Duft getragen? Eine Dame, gewiss, aber eher die Gutsbesitzerin, die Jägerin, die Reiterin. Nein, ich sehe keine Abendrobe, wohl aber legere Kaminkleider…
Und wer trägt diesen Duft heute? Jeder, ob Dame oder Herr, der Wert darauf legt, etwas ganz außergewöhnlich Schönes zu tragen:
Ein Meisterwerk der Parfumeurkunst!
8 Antworten