Nein, nicht so, wie Ihr denkt: Auch bei dieser Gelegenheit spürte meine Nase einen herrlichen Vintage-Duft an einer jungen Frau auf.
Eine Mitarbeiterin des Empfangs ging an mir vorbei und mein Näschen folgte ihr entzückt: In welchen Dufthimmel wurden wir beide entführt?
„Gucci N° 1“ hieß das Vergnügen für die Sinne, bereits 1974 auf den Markt gebracht, lange bevor der smarte Tom Ford 1990 diese Marke mit all ihren Höhen, Tiefen und Skandalen prägte.
So entstand zu Beginn der Hochzeit der reichhaltigen Chypre-Düfte auch diese Komposition, die alles in sich trägt, was Nase, Herz und natürlich Sinne von einer derartigen Kreation erwarten.
Ein Auftakt: Zitrisch und grün, Aldehyd-sprühend, Rosengeranie und Hyazinthe in trauter Zweisamkeit und edles Rosenholz – wie großartig und wie vollmundig!
Das bereits jetzt!
Der Blumengarten strahlt in all der Pracht dieser Zeit, wird auch von blumig-würzigen Nelken- und Flieder-Duftschleiern durchzogen, die später doch recht stiefmütterlich von den Parfümeuren behandelt wurden; sie waren wohl zu unmodern und wurden einfach vergessen!
Nun, hier verströmen sie ihre reichen Aromen zusammen mit Unmengen weißer Jasmin- und Maiglöckchenblüten mit ihrer die Sinne betörenden Ausstrahlung: Man folgt verzaubert ihrer Spur gern zum Reich der Rosenkönigin und den stolzen Iris.
Heliotrop und Orchidee sorgen für erste leichte Vanilleanklänge und Ylang Ylang mit seinen Blüten besetzten Ranken für sommerliche Heiterkeit.
Keine dieser Schönheiten wurde in ihrem Duft eingeschränkt, sie dürfen sich opulent entwickeln, sich mit Stolz präsentieren: Welch ein Reichtum an Aromen, wie viel Streicheln der Sinne!
Ein Eichenmoos bekränztes Tor, auch hier wurde nicht gespart, führt mitten in die Basis mit ihren klassischen Drei: Sandelholz, Patchouli und Vertiver durfte damals einfach nicht fehlen und sorgen für erotisches Prickeln.
Ein kleines leicht schmutziges Tierchen ist nicht dabei, aber Vanille, ergänzt mit Tonkabohnen-Akzenten verlockt schon mächtig und reich an Wärme.
Ein Moschuslager, durchzogen von harzig-würzigem Benzoe- und Ambrarauch, erhält eine feine Zedernholznote als Krönung, so dass all diese großartig arrangierten Duftnoten zu einem, zugegeben für manchen gewaltiges, für Liebhaber aber schönes Dufterlebnis führen.
Dieses lädt zum lustvollen Verweilen und Genießen ein.
Ich durfte mich übrigens an mehr als nur ein Näschen voll Duft erfreuen.
Denn ich wäre nicht ich, hätte ich beim nächsten Arztbesuch nicht einen dieser kleinen Zerstäuber mitgenommen und um einige Tröpfchen gebeten.
Ein bisschen peinlich war es mir schon zu betteln, aber nach Monaten zeigte sich:
Die junge Frau, die inzwischen gar nicht mehr dort beschäftigt ist, hatte mir ein Abschiedsgeschenk hinterlassen – einige Tröpfchen „Gucci N° 1“!
So vollmundig wie bei ihr ist der Auftritt auf meiner kühlen Haut leider nicht, es fehlt mir die entsprechende Körperfülle und -wärme: Aber es ist ein Vergnügen für doch recht lange Zeit in dieser Reichhaltigkeit zu schwelgen und auf deren Wolken davongetragen zu werden.
Ein üppiger Blumengarten umfängt mich und lässt mich an seiner Schönheit teilhaben.
Den Novembermorgen mit doch schon klaren Winteranklängen lasse ich einfach draußen: Ich bleibe in meinem von Blüten und Aromen durchwebten Kokon!