Die Mitwirkenden: Monsieur C., 46. Heller Anzug, getupftes Halstuch, Strohut (durchlöchert) Bohèmien, aber doch leicht etabliert. Madame W., 35, Céline-Kostüm, blondiertes Haar, in dem eine Persol- Sonnenbrille steckt. Tiefe Stimme, wirkt sehr emanzipiert. Monsieur F., 50, Chino und beige Wildlederjacke, braungebrannt und nur noch wenig Haar. Ein Typ, dem man einen Hubschrauberabsprung zutrauen würde.
Der Vorhang hebt sich langsam.
Wir sehen ein geräumiges Wohnzimmer, nur spärlich möbliert: ein großes, weißes Sofa, ein Tisch mit Kunstbüchern und Fotobänden. Neben dem Sofa ein verchromter Barwagen mit vielen Flaschen. Im Hintergrund ein offener Kamin mit kleinen Brancusi-Miniaturen und einer Fotografie im Silberrahmen. Auf der rechten Seite ein einsamer Schaukelstuhl. (Publikum hört auf zu murmeln und hüsteln...)
Monsieur C., mit verschränkten Armen hinter dem Sofa stehend: "Madame erlauben, dass ich mich wiederhole - er WIRD kommen. Und ich weiß auch, warum..."
Madame W., lasziv hingegossen auf dem Sofa, ohne sich umzu- drehen: "Ich kenne Ihre bornierten Ansichten. Sie denken, weil Sie zur Chypre-Familie gehören, wären Sie etwas Besseres. (sie glättet ihr Kostüm und versucht, ungerührt zu wirken)
Monsieur C.: "Wenn Sie diese Sichtweise glücklich macht... was kümmert's mich..."
Madame W. (unbeeindruckt): "...und ich kenne Ihre finanziellen Verhältnisse. Desolat wäre noch gnädig ausgedrückt. Sie und Ihresgleichen liegen am Boden. Keiner will Sie mehr riechen. Oder noch viel für Sie zahlen. Ohne Moos nix los."
Monsieur C. hat sich jetzt eine Zigarette angezündet. Er bläst den Rauch in ihre Richtung. Monsieur C.: "Das sagt die Richtige. Wer will Sie denn noch, Gnädigste? Wer rümpft nicht die Nase, wenn er hört, aus welchem Hause Sie stammen? Woody Oriental, schon dieser Name... dass ich nicht lache!"
Madame W. legt jetzt demonstrativ die Beine auf's Sofa, so dass ihr Kostüm gefährlich verrutscht und sehr viel Bein frei gibt. Monsieur C. versucht sichtlich, ihren Anblick zu ignorieren. (Publikum atmet tief ein...)
Monsieur C.: "Dererlei Possen können Sie sich sparen. Und Monsieur Rocabar werden Sie damit schon gar nicht be- eindrucken..."
Madame W.: " Ach... aber Sie... Sie werden ihn überzeugen... ihn dazu bringen, dass er sie aus dem Schlamassel zieht... sie wieder reich und geliebt macht... glauben Sie das wirklich?"
Während die beiden weiterstreiten - fällt plötzlich eine unansehnliche weiße Leinwand mitten vor das Bühnenbild. Eine schlecht gemachte Powerpoint-Präsentation erscheint darauf. (Publikum murrt... schnieft...hüstelt... sollte doch eine eher konservative Inszenierung sein, oder...)
Wir sehen diverse Pflanzen, Frucht, Baum und Beeren- Abbildungen, schlecht aus einem Biologiebuch herauskopiert. Eine körperlose Kinderstimme liest leiernd vor: "Rocabar ist eine würzig-holzig-balsamische Komposition, die dank Wacholder, Zitrone, Bergamotte mit pinien-mentholig- frischer Tür ins Haus fällt. Offensichtlich ein harziges Chypre- Gebäude..."
Jetzt rumpelt es aus dem Bühnenhintergrund, die Leinwand fährt quietschend wieder nach oben - es tritt auf: Monsieur F. Er kommt mit dynamischem Schritt nach vorn und baut sich vor den beiden anderen auf.
Monsieur F.: "Ich habe alles gehört. Ich bin amüsiert. Sehr amüsiert. Wie lächerlich ihr euch macht..."
Madame W., sehr ungehalten: "Der unvermeidliche Vertreter der Fougères... Was willst du denn noch - du solltest längst von der Bühne verschwunden sein. Erspar' uns deine Duft- fahne... du bist sowas von vorgestern..."
Monsieur C.:" ...da muss ich ihr ausnahmsweise mal Recht geben..."
Monsieur F.: " Ich werde nicht lange bleiben. Ich hol ihn nur ab. Wir haben viel vor, Monsieur Rocabar und ich..."
Madame W.: "Träum weiter..."
Monsieur F. geht zum Barwagen und macht sich einen großen Drink. (Publikum bohrt in der Nase...)
Da fällt die Leinwand wieder herab - wir sehen jetzt eine Zeder, eine Zypresse sowie Darstellungen von Veilchen und Nelken. Die körperlose Kinderstimme ertönt: "Wald. Wald in all seinen Facetten. Herb, frisch, harzig, würzig, bitter - alles, was dem Wesen eines Fougère entspricht. Man hört die Äste knacken, spürt den Farn, vernimmt den Ruf des Eichelhähers..."
Zabrang! - ein Aufschlag - Glas zerbricht. (Publikum hat aufgehört zu atmen...)
Eiernd und quietschend fährt die Leinwand wieder hoch.
Etwas verdattert steht Monsieur F. da - sein Glas ist ihm aus der Hand gefallen.
Madame W.: " Du bist ja nervös... völlig durch den Wind... ein hoffnungsloser FARNatiker... glaubst wohl selbst nicht an deinen Retter, den großen Rocabar..."
Monsieur F.: "Weibergeschwätz... wart's einfach ab, ihr werdet euch noch wundern..."
Laut und deutlich spricht jetzt eine weiche, sonore Stimme von irgendwo her: "Bitte - darf ich mich mit-wundern...?"
Unsere drei Helden halten den Atem an. (Publikum schaltet auf Schnappatmung)
Jetzt leiert schon wieder die unvermeidliche Leinwand herab. (Publikum jault auf...)
Diesmal sehen wir Vanilleschoten, Benzoe, Eichenmoos, Patchouli und einen Tannenzweig. Die Kinderstimme legt los: "All das Versöhnliche kommt überraschend. Und sorgt für eine weiche, süße, balsamische Basis, eines Woody- Orientals würdig. Schmeichlerisch, unsisex, fast gourmandig..."
Die Leinwand fährt wieder nach oben - aber gleichzeitig fällt langsam der Vorhang und verdeckt die Szene. (Publikum jault noch lauter...)
Aber das Stück ist noch nicht zu Ende. Den Rest HÖREN wir nur noch. (Publikum notiert: die wichtigen Dinge geschehen stets hinter dem Vorhang...)
Die angenehm weiche Stimme von Monsieur Rocabar ruft: "Ach - ihr mit eurem Familiendenken! Sind das letztlich nicht alles nur Konstrukte? Ihr Narren! Ich schätze euch doch alle in gleichem Maße! Monsieur C., schließ' dich mir an, wir heben die Welt aus den Angeln! Madame W., du gefällst mir wie du bist, komm' nur zu mir, keine Angst! Und du, Monsieur F., du starker Charakter, zier' dich nur nicht! Zusammen kriegen wir alles, was wir wollen. Es muss nur... einfach sein. Natürlich."
Jetzt meldet sich noch einmal die Kinderstimme: "Und das - soll einfach sein?"
"Ja. Wenn man es kann."
Es rumpelt, scheppert, quietscht und stöhnt... Madame W's Stimme erklingt: "...ich will ein Kind von dir..." Die weiche Stimme ist wieder zu hören: "Aber Freunde, keine Angst, es ist Platz da, genug für euch alle..." (Publikum weiß nicht, ob es weinen oder begeistert sein soll. Entscheidet sich für das Zweite...)
Wunderbar, habe mich köstlich amüsiert! "Ohne Moos nix los", haha, genau, das könnte der neue Slogan gegen die blöden IFRA-Restriktionen werden…
Obwohl ich keine Farnatikerin bin mag ich den Rocabar sehr!
Obwohl ich keine Farnatikerin bin mag ich den Rocabar sehr!