Woman III (2012) von Jil Sander

Woman III 2012

Version von 2012
Antoine
12.04.2013 - 18:09 Uhr
Top Rezension
7Duft

Das Gerippe lebt!

Reformulierte Neuauflagen älterer Düfte sind vermutlich nicht gerade leicht an den Mann (oder an die Frau) zu bringen. Die Liebhaber(innen) des Originaldufts werden der Neuauflage misstrauisch begegnen, alle Änderungen erst mal als störend empfinden, und im Zweifel dem Original den Vorzug geben. Und neue, jüngere Käuferschichten werden im Zweifel lieber zu einer echten Neuerscheinung greifen, statt sich die "geliftete" Version eines Dufts zuzulegen, den ihre Eltern- oder gar Großelterngeneration im Badezimmer stehen hat. Dieses Dilemma war den Marketingleuten bei Jil Sander mit Sicherheit bewusst. Trotzdem hat man sich an eine Neuauflage des Jil-Sander-Klassikers Woman III von 1986 gewagt.

Ich finde, dass die Neuauflage weitgehend gelungen ist. Meine Parfüm-Sozialisation hat in den 80er Jahren stattgefunden, die Chypre-Klassiker von Aromatics bis Woman III haben mein Duftempfinden geprägt. Deshalb ist es mir schlechterdings nicht möglich, mich der Neuauflage von Woman III völlig unbefangen zu nähern. Wenn ich aber versuche, mich von direkten Vergleichen mit der Originalvorlage oder auch mit anderen Chypre-Klassikern frei zu machen, meine ich, dass hier eine zeitgemäße, durchaus vorsichtige und umsichtige Neuinterpretation des Chypre-Themas erfolgt ist.

Die meisten Zugeständnisse an den heutigen Zeitgeschmack macht für mein Empfinden die Kopfnote: Sie ist fruchtig, gefällig, verhalten süß, dabei von der Duftanmutung her sehr rund und samtig wirkend, wie viele aktuelle Damendüfte im Drydown. Das Chypre-Gerüst tritt hinter dieser glatten, samtig-fruchtigen Kopfnote zunächst nur ganz, ganz langsam hervor, schimmert zunächst für geraume Zeit nur durch wie ein Gerippe - wie ein trauriges Gerippe, dachte ich beim ersten Test. Aber der Duft braucht einfach Zeit, das Chypre-Gerippe bleibt nämlich kein Gerippe, sondern tritt langsam in den Vordergrund, wird mehr und mehr mit Leben erfüllt, während das fruchtig-glatte Kopfnotengesäusel verschwindet, und irgendwann ist er da: ein fast reiner Chypre. Blumig, krautig, moosig, erdig, ganz leicht noch überlagert von dieser zeitgenössischen Samtglätte - eine Art Nahezu-Chypre; gewissermaßen eine Version von Chypre, die heute im Mainstreamsegment trotz Chyprecharakter aus Marketing-Sicht gerade noch als massentauglich durchgehen mag.

Ich verhehle nicht, dass mir die echten, alten Chypres lieber sind - wenn schon, dann den richtigen Stoff! Aber das Ziel, eine zu den heutigen Duftgewohnheiten passende aktualisierte Neuauflage von Woman III zu lancieren, einen Chypreduft mit Zugeständnissen an den heutigen Zeitgeschmack, ohne die Strukturen der alten Version völlig aufzugeben und mit Respekt vor der alten Formulierung, dieses Ziel ist hier gut umgesetzt worden.
3 Antworten
HasiHasi vor 12 Jahren
Klasse Headline! :-)
RidiculeRidicule vor 12 Jahren
Super Kommi! Danke für's Schreiben!
IgraineIgraine vor 12 Jahren
Ich mochte den alten Woman III nie, war mir zu plärrig laut. Diese Neuauflage find ich viel angenehmer zu tragen.
Dankeschön für den fairen Kommentar :)