Leute, hier kommt was richtig Gutes - ein reinrassiges Lederparfum! Sowas kennen wir von Mark Birley schon. Der Duft gleichen Namens polarisierte ungemein, auch auf Parfumo. Die Kombination von Leder mit dem sehr eigenen Aroma von Karottensamen schuf dort eine metallische Note, die wirklich nicht jedermanns Sache sein kann - wenngleich Mark Birley for Men im Nischenbereich durchaus eine gewisse Verbreitung hat; es ist nicht schwierig zu bekommen.
Nun legt man bei Mark Birley nach: Charles Street ist alles andere als experimentell. Man darf sich auf einen geradlinigen Lederduft freuen, der vor allem das ist - Leder.
Seltsam, wie plötzlich an allen Ecken des Parfummarkts ein neuer Trend auftaucht. Nachdem die Sport-Duft-Welle (hoffentlich) abebbt, kommen nun bei den Herrenparfums verstärkt sehr puristische Parfums heraus, die sich vor allem einer einzelnen, recht edlen Duftnote- oder Richtung widmen. Zumeist sind das Hölzer: Wonderwood, Bulgari Man und Bang wären hier an erster Stelle zu nennen. Das in diesen Parfums vertretene Understatement greift auch Charles Street auf - nur fokussiert man hier nicht auf Holz, sondern auf Leder.
Diesen Trend kann man mögen, aber auch schrecklich langweilig finden. Mir persönlich ist eine singuläre, aber wirklich attraktive Note als Mittel- und Bezugspunkt lieber als so manche gewagte Zusammenstellung von Gegensätzlichem. Weniger ist mehr, dieses Motto mag ich bei Parfums gerne gelten lassen, wenn sie denn gut gemacht sind.
Für Charles Street trifft das zu. Die Ledernote ist wirklich attraktiv. Die restlichen, in ihrer Zusammenstellung schon etwas wild anmutenden sonstigen Noten sind zurückhaltend ausgeführt, spielen einfach eine Etage tiefer und haben so nicht die Möglichkeit zu stören. Man muss sich intensiv mit Charles Street auseinandersetzen, um sie wahrnehmen zu können. Ehrlich gesagt, ohne Kenntnis der Pyramide wird es schwierig.
Doch wenn man genau hinschaut, gibt es sogar wahrnehmbare Entwicklung. So färbt zu Anfang ein wenig Kaffee diesen Duft ein, was sofort einen edlen Eindruck hinterlässt. Die üblichen Zitrusnoten sind im Kopf kaum vorhanden. Im nächsten Duftabschnitt hatte ich den Eindruck, dass der Safran mit seiner merkwürdigen Muffigkeit das Leder in eine noch attraktivere Richtung zieht. Ansonsten tritt zeitweise etwas Himbeere hervor, doch zu kurz und zu wenig, um das Ganze ins Bonbonhafte abgleiten zu lassen. Florales ist da, aber ebenfalls nicht isoliert erkennbar. Ein zarter Thymian überdauert nach meinem Eindruck die Kopfnoten.
Es mag sein, dass Moschus und Vanille in diese Zusammenstellung eine gewisse Breite einbringen. Wie die Himbeere, glaube ich das vor allem in etwas Entfernung von der Haut wahrnehmen zu können. Die Ledernote selber zieht sich nach eindeutigem, fulminanten Auftakt in eine Form zurück, die man aus dem einen oder anderen Leder-Chypre kennt (z.B. Derby von Guerlain). Ansonsten hatte ich zwischendurch immer wieder den Eindruck einer Kakaonote, die kommt und geht…
Charles Street ist damit einfach zu tragen, aber nicht einfach gemacht. Man fühlt sich von einer attraktiven, dunklen Aura umgeben, ohne sich im negativen Sinne parfümiert vorzukommen. Ich empfehle Lederfreunden einen Test und allen, denen dieser neue Stil sympathisch ist.