Femme de Mont Blanc bin ich eher zufällig begegnet. Ich hatte von ihr noch nie etwas gehört, kannte sie auch nicht vom Sehen, aber plötzlich war sie da. Sie kam zu mir mit zwei anderen gut duftenden Gästen, die ich bereits sehnsüchtig erwartete. Beim Öffnen der Tür stand da also noch ein dritter Gast. Ich war natürlich etwas überrascht. Mit kaum verhohlener Neugier beobachtete ich sie. Was würde sie sagen, wie würde sie sich verhalten?
Nun, Femme de Mont Blanc tat – gar nichts. Sie wartete.
Sie wartete geduldig, bis ich Zeit hatte mich ihr zu widmen. Ich tat es schließlich mit einer Spur von schlechtem Gewissen, weil sie als letzte an die Reihe kam. Mit ein wenig Verwirrung außerdem, weil ich sie nicht erwartet hatte, unvorbereitet war und nicht wusste, wie ich ihr begegnen sollte.
Ehrlich gesagt, ich hätte mich auch gar nicht vorbereiten können.
Mein erster Eindruck, wie sie da in ihrem violetten Kleid vor mir stand: Die Farbe passt zu ihr. Der Farbton des Kleides so zart wie seine Trägerin. Vom Typ her eine Frau wie meine ehemalige Lehrerin Fräulein Barthel. Dunkelblond, ungefähr 1,60m groß, sanft und zierlich. Nie habe ich erlebt, dass sie ihre Stimme hob, sie sprach stets leise. Leise, aber eindringlich.
Der erste Eindruck ist oft der richtige, so heißt es. Manchmal täuscht er einen aber auch. So erging es z. B. jenen Männern, die sich bei ihrem Anblick in ihrem Beschützerinstinkt angesprochen fühlten. Oder den wenigen Schülern, die glaubten mit dieser zierlichen Person Schlitten fahren zu können.
Fräulein Barthel brauchte nämlich keinen Beschützer und auch keinen, der ihr Respekt bei den Schülern verschaffte. Sie war eine starke Frau, auch wenn ihr Äußeres oft darüber hinwegtäuschte.
Und genauso ist Femme de Mont Blanc. Sie stellt sich mit einem fruchtig-floralen Duft vor, bei dem saftige Ananas und Bergamotte die Hauptrolle spielen. Ein Hauch von Kardamom und Zimt sorgen dafür, dass sich eine nur leichte, unaufdringliche Süße entfalten kann. Wie ein zartes Kleid umflattert sie mich im Sommerwind, lässt mir dabei den sanften Duft von Rosen und Heliotrop in die Nase steigen, verteilt noch einen Hauch von Jasmin.
Zuletzt bleibt eine sanfte Cremigkeit, die ich hauptsächlich der Verbindung von Amber und Moschus zuschreibe. Dadurch wird verhindert, dass Femme de Mont Blanc zu schnell verfliegt.
Ein sehr weiblicher Duft, genau wie Chrisantiss schon geschrieben hat. Sanft aber eindringlich, zart und dennoch stark.
Liebe Nuitdete, ich bin dir sehr dankbar für diese Zufallsbekanntschaft, die ich natürlich zum Bleiben eingeladen habe.
Fräulein Barthel hätte diesen Duft sicher geliebt.