Fig-Tea von Nicolaï

Fig-Tea 2000

Flaconesse
04.08.2019 - 10:58 Uhr
8
Sehr hilfreiche Rezension
7.5Duft 6Haltbarkeit 6Sillage 9Flakon

Paris mon amour

Im Sommer 2015 trug es sich zu, dass ich für 3 Monate in Paris leben und arbeiten durfte. Schnell erlag ich dem unumgänglichen Charme der Schönen an der Seine und genoss es zu allen Tages- und Nachtzeiten durch die Strassen zu ziehen. Eines Abends durchstreife ich zusammen mit meiner geschäftsreisenden Freundin das quirlige Marais-Viertel auf der Suche nach einem Geschenk für meine Nachbarin, die zuhause brav die Blumen versorgte.

Wir kamen an der einladenden Boutique von Parfums de Nicolai in der 45. Rue des Archives vorbei und wurden durch die verheißungsvolle Auslage im Schaufenster unweigerlich ins Innere gezogen. Damals war mein Interesse an Parfums zwar schon vorhanden, aber viel gemäßigter als heutzutage, weshalb ich es leider verpasste, die zahlreichen grandiosen Pariser (Nischen-)Parfümerien zu besuchen.

Bei Parfums de Nicolai entschied ich mich schnell für Rose Pivoine als Geschenk, testete mich aber fröhlich durch und so landete Fig-Tea eher zufällig auf meinem Handgelenk. Meine Freundin und ich verbrachten anschließend einen netten Sommerabend im Strassencafé miteinander und meine Nase wanderte immer wieder verzückt zum Handgelenk.

Ich weiß nicht mehr genau, wann ich erneut Parfums de Nicolai im Marais aufsuchte und wer mich damals begleitete, vermutlich mein Shopping begeisterter Bruder, jedenfalls erstand ich ein kleines Fläschchen Fig-Tea und fühlte mich damals, als würde ich mich selbst reich beschenken. Die Verpackung glänzend in weiß und gold, mit einem von Hand aufgeklebtem Etikett, zeugte von einer Art Luxus, die ich mir damals selten genehmigte. Der Flacon, hochwertig aus schwerem Glas in eckiger Form, mit massivem Metalldeckel und ebenfalls aufgeklebtem gold-gerahmten Etikett, führte den exclusiven Eindruck fort.

Auch der Duft enttäuschte mich beim zweiten Testen nicht. Damals war ich eher uninteressiert an Duftpyramiden, denn der Name Fig-Tea, Feige und Tee, gab die Erwartungen vor und tatsächlich konnte ich die fruchtige, fast marmeladige Feige gut ausmachen, gefolgt von grünen, würzigeren Noten, die vermutlich dem Tee zuzuschreiben sind. Wobei es sich bei diesem weder um schwarzen, noch um grünen Tee mit Zitrone handelt, andere Tee-Noten hatte ich bis dato in Parfums nicht gerochen. Mit Entwicklung dieser vermutlichen „Tee“-Note kommt eine leichte Seifigkeit hinzu, die dazu führte, dass ich den Duft ab und zu sehr gerne und dann auch wieder überhaupt nicht riechen konnte. Zwischenzeitlich überlegte ich sogar ihn zu verschenken, da bei mir diese Seifigkeit ab und an leichte Übelkeit auslöste.

Heute bin ich froh, dass ich ihn aus sammlungstechnischen Gründen behalten habe und mit dem heutigen Wissen und der Erfahrung einzelne Duftnoten nachschlagen und sogar herausriechen zu können, offenbart sich eine ganz neue Welt: Zuerst bin ich überrascht, dass die Feige, derer ich mir bisher so sicher war, nirgends aufgeführt ist. In der Kopfnote nehme ich sehr gut eine fruchtig süße Orange und einen hier wenig stickig anmutenden Osmanthus wahr. In der Herznote wird es blumiger, grüner, seifiger. Jasmin und Davana kann ich nicht explizit herausriechen, dennoch habe ich gerade ein kleines Aha-Erlebnis, denn den Koriander habe ich nun als Übeltäter für die Seifigkeit entlarvt.
Im weiteren Verlauf dimmt sich das Fruchtige. Zum seifigen Kraut gesellen sich grüne Noten, sie klar mit Mate zu benennen fällt mir schwer, auch auf Amber und Guajakholz kann ich mich nicht festlegen, wobei ich bei Letztem nicht genau sagen kann, wie es riecht.

So bleibt mir Fig-Tea ein interessantes und vielschichtiges Rätsel. Ein Feigenduft ohne Feigennote und mir ist klar, so riechen möchte ich nicht mehr, aber ab und zu dran schnuppern, um die Nase zu trainieren schon und er behält einen besonderen Platz in meiner Sammlung.
Mich wird er ewig an eine aufregende Zeit in der französischen Hauptstadt erinnern, in der ich ganz alleine mit großen Koffer, voller Erwartungen, abenteuerlustig und ohne jemanden zu kennen ankam.

Fig-Tea ist kein gefälliger Duft, dennoch kann ich ihn all jenen empfehlen die entdeckungs- und experimentierfreudig genug sind, einen Feigenduft ohne Feigennote zu tragen und keine Angst vor der Seifigkeit des Koriandergrüns haben.

2 Antworten
CosmicLoveCosmicLove vor 6 Jahren
Ich bin gespannt, was ich heute zu dem Duft sagen werde. Damals war ich beeindruckt ..
Helena1411Helena1411 vor 6 Jahren
Einen Duft nur für die persönliche, erinnerungsträchtige Duftreise zu besitzen, können nur Menschen verstehen, die genauso duftaffin sind. So wie hier. Ich bin gerne mitgereist :)