Es gibt Düfte, die beeindrucken mit ihre Opulenz und dem Nuancenreichtum ihrer Komposition. Es gibt aber auch solche, deren Schlichtheit beeindruckt und die Art, wie sie aus überschaubaren Anlagen doch etwas ganz ungewöhnliches, mitunter sogar Originelles entstehen lassen. Zu dieser letzten Kategorie zählt Patricia de Nicolaïs ‚Vie de Chateau’, ursprünglich als Eau Fraiche für einen adligen Freund ihrerseits – einen Herrn Sigalas – komponiert, sechzehn Jahre später aber durch eine Intense-Variante ersetzt.
Warum Frau Nicolaï sich dafür entschied den Duft vor wenigen Jahren umzuarbeiten weiß ich nicht, denn das alte Eau Fraiche war alles andere als ein leises, flüchtiges Cologne, aber ich vermute, dass es aufgrund neuerer IFRA-Vorgaben geschah, insbesondere jener, welche die Verwendung von Eichen- bzw. Baummoos regulierten. Denn ‚Vie de Chateau’ ist ein Chypre – und was für eines! Patricia de Nicolaï selbst nennt es ein ‚Chypre fruité’, was halbwegs nachvollziehbar ist, da man zwar einen fruchtigen Akkord erleben kann, aber dennoch ist ‚Vie de Chateau’ weit davon entfernt ein klassisches fruchtiges Chypre zu sein. Kein reifer, saftiger Pfirsich à la ‚Mitsouko’ kontrastiert den harzig-bitteren Chypre-Fond, keine dunkle und süße Pflaume à la ‚Femme de Rochas’ oder ‚Diorama’. Nein, der fruchtige Akkord entwickelt sich vielmehr aus einem prallen Grapefruit-Aroma, das in seiner Süße augenblicklich mit jeder Menge Heu und blondem Tabak kontrastiert wird, sodass sich der Eindruck eines fruchtigen Chypres erst in zweiter Hinsicht, bzw. bei gründlicherem Schnuppern einstellt.
Der Dreiklang von Heu, Tabak und Grapefruit bildet das Zentrum des Duftes, um welches sich grüne und aromatische Noten dezent und leise gruppieren. In dieser Phase erinnert ‚Vie de Chateau’ entfernt an ‚Eau Sauvage’, oder sogar noch ein wenig mehr an dessen späten Nachfolger ‚Ocean Rain’ – so als habe Patricia de Nicolaï, ob gewollt oder ungewollt, eine Hommage an Edmond Roudnitska geschaffen, ohne dabei ihren eigenen Stil zu verleugnen (ähnliches gelang kürzlich Mathilde Laurent mit ‚L’Heure Fougueuse’).
Hier komme ich wieder auf mein Eingangsstatement zurück: ähnlich wie ‚Eau Sauvage’, ‚Ocean Rain’, aber auch ‚Diorella’, ist ‚Vie de Chateau’ einer dieser Düfte, die aus ‚Wenig’ mehr machen, sehr viel mehr. Nicht das Patricia de Nicolaï hier an Roudnitskas Meisterschaft heranreichte, dafür entstammt sie doch viel zu sehr dem zur Üppigkeit neigenden Guerlain´schen Kosmos; nein, aber sie vermag es dennoch aus wenigen, einigermaßen klar konturierten Zutaten einen Duft von außergewöhnlicher Schlichtheit und zugleich Brillanz zu schaffen, der tatsächlich eher an vermeintlich einfach strukturiertes, sonniges und heiteres Landleben denken lässt, als an hoch-komplexes und über die Maßen zivilisiertes Stadtleben (allerdings an ein Landleben mit aristokratischer Attitüde – hier stinkt es nicht nach tierischen Ausscheidungen und das Heu fressen auch keine Kühe: es wird vielmehr für’s edle Gestüt verwendet...)
Allerdings unterscheidet sich der Duft hier nun doch wieder von Edmond Roudnitskas Werken, dessen Kreationen bei aller Reduktion unglaublich raffiniert und fein gewebt sind, während ‚Vie de Chateau’ zumindest ansatzweise fast hemdsärmlig daherkommt - ‚hemdsärmlig’ allerdings wiederum in Gutsherren-Manier, weniger also mit Mistgabel in Händen, als vielmehr mit denselben behandschuht und zum Ausritt bereit.
Unter dem schon beschriebenen Dreiklang aus zitrisch-fruchtiger Süße, kräftigen Heu- und Tabaknoten, ruht letztlich ein robuster Chypre-Fond, der sich im Falle des ursprünglichen Eau Fraiche viel feiner und leiser entwickelte, während er in der Intense-Variante nun dunkel und volltönend aufblüht. Um dies in der Neuformulierung zu erreichen ist Frau Nicolaï vermutlich auf einen Eichenmoos-Ersatz ausgewichen (wahrscheinlich ‚low atranol’), den sie erkennbar großzügig verwendet.
Ansonsten sind das alte Eau Fraiche und das heutige Intense fast identisch – der Duft ist derselbe, allerdings hat er mehr Körper bekommen, mehr Muskeln sozusagen, was aber nicht gleichzusetzen ist mit größerer Langlebigkeit oder stärkerer Abstrahlung – in dieser Hinsicht geben sich die beiden Varianten nämlich nicht viel, beziehungsweise gar nichts: beide sind keine Marathonläufer und auch im Auftritt gleichermaßen zurückhaltend. Daher kann ich auch gar nicht sagen ob mir die alte Variante lieber ist, oder doch eher die Neue – steht mir der Sinn mehr nach den fruchtig-herben, spritzigen Kopfnoten, greife ich zum Eau Fraiche; gelüstet mich mehr nach der kräftigen Chypre-Basis, greife ich dagegen zum neuen Intense. Leider ist letzteres – und das ist der wohl signifikanteste Unterschied zwischen beiden Varianten – fast doppelt so teuer wie das alte Eau Fraiche.
Aber so ist das halt in der heutigen Parfumwelt – leider. Frau Nicolaï ist da beileibe kein Einzelfall, und was ihre derzeitige Preisgestaltung angeht, immer noch einigermaßen moderat.
Als abschließendes Fazit kann ich nur sagen: ‚Vie de Chateau’ zählt für mich, als Chypre-Liebhaber, zu ihren besten Düften, kommt aber an ihren schönsten nicht ran – ‚New York’ ist und bleibt der ‚shining star’!
@DieNase - 'brauchen' ist so ein Sache... 'New York' ist für mich ein 'must have', 'Vie de Chateau' nur bedingt. Trotzdem ist VdC, der ganz anders duftet als 'New York', ein großartiger Duft, den man durchaus haben kann.
Ja, die Nicolais sind letztes Jahr sehr teuer geworden. Die Intense Variante interessiert mich nun doch, zumal mich beim Eau Fraiche die Fruchtnote tendenziell nervt, weil sie zu suess und ueberreif, fast gammelig daher kommt.