Die Frage nach der Himmelsrichtung ist immer eine des jeweiligen Standpunktes. Während wir Nord- und Mitteleuropäer an den Balkan denken, mögen für Italiener damit die Ägäis oder auch nur Provinzen wie Apulien oder die Basilikata gemeint sein. Jedenfalls geht es hier um Kräuter der mediterranen Art.
Eine würzige Melange aus Thymian, Wermut und anderem verbreitet eine leicht bittere Aura. Sie sitzt auf einem moschusartigen Hintergrund, der vielleicht ein wenig künstlich wirkt. Hier kommen mir Geruchserlebnisse aus längst vergangenen Zeiten in den Sinn, als Duschgels und Badezusätze noch nach Fichtennadeln rochen. Sud Est riecht nicht danach, und trotzdem vermittelt sich der Eindruck einer koniferenartigen Note in Verbindung mit einer soliden Seifigkeit.
Sud Est hinterlässt bei mir einen zwiespältigen Eindruck: sehr schön und hochwertig wirkt auf mich die ins Bittere spielende Krautigkeit, doch der seifige Hintergrund stammt aus einer anderen Welt. Schon in den Neunzigern verstand es die Industrie, Parfums herzustellen, deren Geruch an den Dufterlebnissen der damaligen Duschgels und Deos anknüpft. So war Sud Est sicherlich als Parfum für jeden Tag gemeint, oder auch als Brücke zwischen den Alltagsdüften und der Haute Parfumerie. Ich finde, es ist dem Parfumeur sehr gut gelungen, beide Welten zusammenzubringen: edle Kräuter treffen auf das damalige Konzept moderner Sportlichkeit.
Aus heutiger Sicht fällt bei Sud Est die Entwicklung auf, die die Parfumkunst inzwischen genommen hat. Sud Est enthält vieles, was ich mit grünen und würzigen Düften der Neunziger in Verbindung bringe (Adidas Adventure, Aigners Private Number, Rochas Globe). Man kann in diesem krautigen Chypre durchaus einen Stil erkennen, den es heute so nicht mehr gibt. Auch Sud Est scheint eingestellt zu sein, allerdings finden Liebhaber noch Reste davon im Internet.
Mir gefällt der Stil, den Sud Est verkörpert, das wirkt alles sehr stimmig. Und trotzdem bleibt so ein merkwürdiges Bauchgefühl. Man fühlt sich doch ein wenig aus der Zeit gefallen – so, als hätte jemand zuhause aufgeräumt und in einem versteckten Winkel etwas gefunden, das er jetzt aufbraucht. Vielleicht ist die Zeit noch nicht reif für ein Comeback dieser Duftrichtung.