Meine Oma hatte eine ganz besondere Schublade in ihrer Anrichte. Darin bewahrte sie die wichtigsten Dinge auf. Neben einer winzigkleinen grünen Flasche lag da ein Stück Papier, säuberlich gefaltet, aber schon ziemlich abgegriffen. Wenn man es vorsichtig auseinanderfaltete, hatte man eine Liste vor sich. Handgeschrieben, in sauberer altdeutscher Sütterlinschrift waren darauf die Namen ihrer zahlreichen Kinder und Enkelkinder, bald auch schon Urenkel samt Geburtsdatum verzeichnet. Oft wurde die Liste hervorgeholt, sei es, um sie zu ergänzen, sei es, um bloß keinen Geburtstag zu übersehen.
Während meine Oma sich mit ihrer Liste abgab, richtete sich meine kindliche Neugier auf diese merkwürdig geformte winzige Flasche. Die leuchtete in geheimnisvollem Dunkelgrün, war kugelrund, nicht viel größer als eine Murmel. Auf einem winzigen Flaschenhals saß ein ganz kleiner Schraubverschluss. Das musste was ganz Kostbares sein!
Ab und zu durfte ich die kleine runde Flasche öffnen und daran riechen. Was für ein merkwürdiger, intensiver Duft entströmte da dem Flakon! Geheimnisvoll und tief dunkel wie der Wald in den Märchen, die meine Oma mir vorlas. Nirgendwo sonst gab es solch einen zaubrischen Geruch. Meine Oma hatte Recht, diesen Schatz zu hüten. Nie habe ich gesehen, dass diese Essenz zu einem bestimmten Zweck benutzt oder Inhalt der Flasche entnommen wurde. Dafür war sie viel zu wertvoll. Allenfalls wurde die kleine Flasche mal geöffnet, um daran zu riechen, um einen Atemzug lang diese ferne Welt zu erahnen, die darin verborgen schien. Anschließend wurde die Flasche wieder zugeschraubt und in die Schublade gelegt, neben die zusammengefaltete Liste. Dieser wertvolle Schatz musste aus unvordenklichen Zeiten und auf verschlungenen Wegen in die Schublade meiner Oma gelangt sein. Und richtig – er hieß ja auch „Uralt Lavendel“!
Jetzt steht eine etwas größere Flasche dieses Lavendelwassers auf meinem Schreibtisch neben dem Notebook. Ich kann mir nicht vorstellen, diesen Duft zu benutzen, denn er verblasst sofort, wenn er aufgetragen wird. Aber gerne öffne ich gelegentlich den Schraubverschluss, um daran zu riechen.
Wie schön! In der Vitrine meiner Oma standen ein paar kleine Glastierchen, die wir ab und zu rausholen durften. Diese Vitrine hatte auch einen ganz besonderen Geruch, den ich bis heute nicht identifizieren oder gar wiederfinden konnte. Schnief!!
..ok, und Apicius